Nach dem Erscheinen der Augustnummer meines „Tagebuchs“ und meiner

Rede in Moskau.

Hier sprach außer der Meinungsverschiedenheit mit mir noch eine Art Neid

mit. Ja vielleicht war es überhaupt nur Neid, der da sprach. Natürlich

kann man von Herrn Leontjeff nicht verlangen, daß er das schriftlich

eingesteht. Aber möge dieser Publizist seinem Gewissen die Frage

vorlegen und sich selbst die Wahrheit gestehen; auch das würde genügen.

(Für einen anständigen Menschen genügt auch das.)

Gelehrtheit.

Es gibt gewisse Dinge, lebendige Dinge, die zu begreifen vor übermäßiger

Gelehrtheit sehr schwer ist. Die Gelehrtheit, die ja auch selbst im

Übermaß immer noch eine schöne Sache ist, kann sich aber bei der

Berührung mit manchen _lebendigen_ Dingen sogar in eine äußerst

schädliche Sache verwandeln. Es sind eben nicht alle lebendigen Dinge

leicht zu begreifen. Das ist ein Axiom. Übermäßige Gelehrtheit hat

bisweilen etwas Ertötendes in sich. Gelehrtheit ist ein Material, dem

manche nicht gewachsen sind.

Auch ist die übermäßige Gelehrtheit nicht immer die wahre oder richtige

Gelehrtheit. Die wahre Gelehrtheit ist nicht nur nicht feindlich dem

Leben gegenüber, sondern stimmt schließlich mit dem Leben immer überein,

dem sie _neue Offenbarungen_ gibt, die sie im Leben selbst entdeckt. Das

ist das wesentliche und großartige Kennzeichen der wahren Gelehrtheit.

Die unwahre Gelehrtheit dagegen ist, und mag sie auch noch so groß sein,

dem Leben doch immer irgendwie feindlich und geht womöglich bis zur

Verneinung des Lebens. – Bei uns ist von Gelehrten der ersten Kategorie

seltsamerweise wenig zu hören, dafür aber genug von solchen der zweiten

Art, ja wie es scheint sogar nur von dieser. Es kann selbst die

übermäßigste Gelehrtheit keine Gewähr dafür bieten, daß der Gelehrte

nicht doch nur zur zweiten Kategorie gehört. Doch brauchen wir die

Zuversicht nicht aufzugeben, daß es bei uns auch solche von der ersten

geben wird. Irgend einmal werden wir sie doch haben. Wozu denn jede

Hoffnung verlieren?

Wie viele Menschen denken nicht selbst, sondern leben mit Gedanken, die

andere bereits fertiggedacht haben! Bei uns aber lebt man nicht nur mit

fertigen Gedanken, sondern lebt sogar mit fertigem Leid (und dabei ohne

Kultur).

Der Nihilismus ...

Der Nihilismus ist bei uns aufgetreten, weil _wir alle Nihilisten sind_.

Uns hat nur die neue, originelle Form seiner Erscheinung erschreckt.

(Alle sind ohne Ausnahme Fjodor Pawlowitsch Karamasoff.)

Komisch war die Bestürzung und die Sorge unserer Klugen, die zu

erforschen suchten, woher die Nihilisten kämen. Sie sind eben

nirgendwoher gekommen, sondern sind die ganze Zeit mit uns, in uns und

bei uns gewesen. (Die Dämonen.) „Aber nein, wie denn das, wir sind nicht

Nihilisten,“ behaupteten die Klugen, „wir wollen nur durch die

Verneinung Rußlands Rußland retten (d. h. indem wir in der Art einer

besonderen Sphäre, etwa als Aristokraten, über dem Volke stehen, das wir

zu unserer Nichtigkeit emporheben wollen).“ Der Nihilismus ließe sich

mit unserer Kirchenspaltung vergleichen. Ja aber die Kirchenspaltung war

für uns von großem Nutzen.

Religion ...

Nicht aus Ekel vor der Welt haben sich die Heiligen in die Einsamkeit

zurückgezogen, sondern zu ihrer sittlichen Vervollkommnung. Unsere

früheren Mönche lebten sogar fast auf dem Marktplatz. Z. B. der Mönch

Parfeni. Allein schon das Verlangen nach geistiger Erleuchtung ist –

geistige Erleuchtung.

Gewissen ohne Gott ist etwas Entsetzliches, es kann sich bis zur größten

Unsittlichkeit verirren.

Es ist unzureichend, Sittlichkeit als Überzeugungstreue zu definieren.

Man muß sich auch noch fortwährend fragen: sind meine Überzeugungen

richtig? Ihr Prüfstein aber ist – Christus. Doch hier kommt nicht mehr

Philosophie in Frage, sondern Glaube. Glaube jedoch ist wie eine Farbe.

Tatmenschen seien nur Leute von fragwürdiger Sittlichkeit. – Wie man

wohl auf diesen Gedanken gekommen sein mag?

Einen Menschen, der Ketzer verbrennt, kann ich nicht für sittlich

erklären, denn ich erkenne eure These nicht an, nach welcher

Sittlichkeit Übereinstimmung mit den inneren Überzeugungen sei. Das ist

nur Ehrlichkeit, nicht aber Sittlichkeit. Für mich ist das Beispiel und

Ideal der Sittlichkeit Christus. Ich frage: hätte er Ketzer verbrannt? –

nein. Also ist es eine unsittliche Handlung.

Der Großinquisitor ist allein schon deshalb unsittlich, weil sich in

seinem Herzen und Gewissen die Idee festsetzen konnte, Menschen zu

verbrennen sei notwendig.

Gut – das Nützliche. Schlecht – das Nichtnützliche. Nein, gut ist das,

was wir lieben. Alle Ideen Christi sind vom Menschenverstande verdorben

worden und scheinen unerfüllbar zu sein. Die linke Backe ... mehr als

sich selbst lieben ... Aber ich bitte, wozu das, wozu? Ich bin hier für

einen Augenblick, Unsterblichkeit gibt es nicht, da lebe ich lieber wie

ich will. Das sei keine Berechnung (sagt ein englischer Priester).

Erlauben Sie mir, selber zu wissen, was für mich eine Berechnung oder

keine Berechnung ist.

Der Staat ...

Der Staat wurde für die Mittelmäßigen geschaffen. – Wann hat denn der

Staat bei seinem Entstehen gesagt: ich erschaffe mich für die

Mittelmäßigen? Sie sagen, so habe es die Geschichte gemacht. Nein, immer

haben Auserwählte geführt! Aber nach diesen, das ist allerdings wahr,

hat sogleich die Mittelmäßigkeit auf den Ideen der höheren Menschen

ihren kleinen mittelmäßigen Kodex aufgebaut. Bis dann wieder ein großer

oder ursprünglicher Mensch kam und den Kodex zerstörte. Sie halten,

scheint es, den Staat für etwas Absolutes? Glauben Sie mir, wir haben

nicht nur keinen absoluten, sondern noch nicht einmal einen mehr oder

weniger vollendeten Staat gesehen. Alles Embryonen.

Die Gesellschaften seien entstanden aus dem Bedürfnis, sich

einzurichten? – Das ist nicht wahr, sondern immer infolge einer großen

Idee.

Ethik ...

Die andere Backe hinhalten, den Nächsten mehr lieben, als sich selbst –

nicht deshalb, weil es vorteilhaft ist, sondern weil es einem gefällt,

bis zum brennenden Gefühl, bis zur Leidenschaft. Christus habe sich

geirrt – das sei erwiesen! Doch dieses brennende Gefühl sagt: lieber

bleibe ich bei meinem Irrtum mit Christus als mit euch.

Sie sagen: Europa habe doch viel Christliches auch ohne den Papst und

den Protestantismus getan. Oh, selbstverständlich, das Christentum ist

dort doch nicht in einem Augenblick gestorben, es brauchte doch zum

Sterben eine lange Zeit, es hinterließ doch Spuren. Es gibt dort auch

jetzt noch Christen, aber auch schrecklich viel falsche Auffassung vom

Christentum.

Ihre Handlung ist sittlich, aber nicht ihre Idee.

_Sittlich_ ist nur das, was mit unserem Schönheitsgefühl übereinstimmt

und mit dem Ideal, in welchem dasselbe sich verkörpert.

Sein Verhalten mag ehrlich sein, aber seine Handlung ist nicht sittlich.

Denn, wenn die Handlung eines Menschen bloß mit seinen Überzeugungen

übereinstimmt, so braucht sie deshalb noch nicht sittlich zu sein. Es

ist bisweilen sittlicher, nicht nach seiner Überzeugung zu handeln, wie

es mancher tut, der dabei seiner Überzeugung durchaus treu bleibt, doch

infolge eines Gefühls die Handlung nicht ausführt. Mit seinem Verstande

schilt und verachtet er sich deshalb, aber sein Gefühl, d. h. sein

Gewissen läßt ihn doch nicht die Tat ausführen (und schließlich weiß er

auch, daß er sie nicht aus Feigheit unterläßt). Er unterläßt die

Befolgung seiner Überzeugung nur deshalb, weil er dies als sittlicher

erkannt hat, denn eine Befolgung wäre.

Rußland ...

Es gibt bei uns allerdings Kulturmenschen, aber sie entstanden, indem

sie das Ganze verneinten und nur der kleinste Teil kehrte zum Volk

zurück. Die übrigen sind alle negativ kultiviert. (Übrigens: weshalb

mußte Peter das Volk zu Leibeigenen machen, um einen gebildeten Stand zu

erhalten?!) Die Befreiung der Bauern geschah ganz abstrakt, ohne

Verständnis für den russischen Bauern und sogar: indem man ihn

verneinte; man bemitleidete ihn als Sklaven, aber man sprach ihm seine

Persönlichkeit, seine Selbständigkeit, seinen ganzen Geist dabei ab.

Ich ...

Bei vollständigem Realismus im Menschen den Menschen finden. Das ist ein

durchaus russischer Zug, und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich

(denn meine Richtung entspringt der Tiefe des christlichen

Volksgeistes), obschon ich dem Gegenwärtigen russischen Volk unbekannt

bin – doch das Zukünftige wird mich kennen.

Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht richtig. Ich bin nur ein

Realist im höheren Sinne, d. h. ich zeige alle Tiefen der Menschenseele.

Christus ...

... Ich frage: weshalb ist es unsittlich, Blut zu vergießen? Wenn ich

das Gegenteil behaupte, werden Sie meine Behauptung natürlich auf keine

Weise widerlegen können.

Wenn wir nicht im Glauben und in Christus eine Autorität hätten, würden

wir uns in allem verirren.

Es gibt sittliche Ideen. Sie erwachsen aus dem religiösen Gefühl, aber

mit der Logik allein sind sie niemals zu rechtfertigen.

Es wäre nicht mehr möglich, zu leben.

Ein Beispiel: Der Jesuit lügt und ist überzeugt, daß lügen um eines

guten Zweckes willen nützlich und gut sei. Sie loben es, daß er seiner

Überzeugung gemäß handelt, d. h. er lügt und das ist schlecht, da er

aber aus Überzeugung lügt, so ist das gut. Also einerseits ist lügen

gut, andererseits schlecht. Wunderbar!

Auf dem Boden, auf dem Sie stehen, werden Sie immer geschlagen werden.

Das werden Sie nur dann nicht, wenn Sie anerkennen, daß es sittliche

Ideen _gibt_ (aus dem Gefühl, von Christus), beweisen aber, daß sie

sittlich sind, ist unmöglich (Berührung mit anderen Welten).

... Natürlich ist das nicht wissenschaftlich, obschon – warum

schließlich nicht? Die gewaltige Tatsache der Erscheinung Christi auf

Erden und alles dessen, was darauf folgte, verlangt meiner Ansicht nach

auch wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Wissenschaft kann es doch nicht

für unter ihrer Würde halten, die Bedeutung der Religion in der

Menschheit zu untersuchen, und wäre es auch nur im Hinblick auf die

historische Tatsache, die durch ihre Ununterbrochenheit und

Beharrlichkeit frappiert. Die Überzeugung aber der Menschheit von der

_Berührung mit anderen Welten_ – diese unausrottbare Überzeugung ist

doch gleichfalls sehr bedeutsam. So etwas läßt sich doch nicht mit einem

Federstrich lösen.

_Der Großinquisitor und das Kapitel von den Kindern._ Angesichts dieser

beiden Kapitel hätten Sie über mich, vielleicht wissenschaftlich, aber

nicht in philosophischer Hinsicht so geringschätzig zu urteilen

brauchen, obschon Philosophie nicht meine Spezialität ist. Auch in

Europa gibt es keinen atheistischen _Ausdruck_ von solcher Gewalt und

hat es _nie gegeben_. Folglich glaube ich an Christus und bekenne ich

mich zu diesem Glauben nicht wie ein Kind, sondern mein Hosianna ist

durch das große _Fegefeuer der Zweifel_ hindurchgegangen, wie in meinem

letzten Roman der Teufel von sich sagt.

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