Rede in Moskau.
Hier sprach außer der Meinungsverschiedenheit mit mir noch eine Art Neid
mit. Ja vielleicht war es überhaupt nur Neid, der da sprach. Natürlich
kann man von Herrn Leontjeff nicht verlangen, daß er das schriftlich
eingesteht. Aber möge dieser Publizist seinem Gewissen die Frage
vorlegen und sich selbst die Wahrheit gestehen; auch das würde genügen.
(Für einen anständigen Menschen genügt auch das.)
Gelehrtheit.
Es gibt gewisse Dinge, lebendige Dinge, die zu begreifen vor übermäßiger
Gelehrtheit sehr schwer ist. Die Gelehrtheit, die ja auch selbst im
Übermaß immer noch eine schöne Sache ist, kann sich aber bei der
Berührung mit manchen _lebendigen_ Dingen sogar in eine äußerst
schädliche Sache verwandeln. Es sind eben nicht alle lebendigen Dinge
leicht zu begreifen. Das ist ein Axiom. Übermäßige Gelehrtheit hat
bisweilen etwas Ertötendes in sich. Gelehrtheit ist ein Material, dem
manche nicht gewachsen sind.
Auch ist die übermäßige Gelehrtheit nicht immer die wahre oder richtige
Gelehrtheit. Die wahre Gelehrtheit ist nicht nur nicht feindlich dem
Leben gegenüber, sondern stimmt schließlich mit dem Leben immer überein,
dem sie _neue Offenbarungen_ gibt, die sie im Leben selbst entdeckt. Das
ist das wesentliche und großartige Kennzeichen der wahren Gelehrtheit.
Die unwahre Gelehrtheit dagegen ist, und mag sie auch noch so groß sein,
dem Leben doch immer irgendwie feindlich und geht womöglich bis zur
Verneinung des Lebens. – Bei uns ist von Gelehrten der ersten Kategorie
seltsamerweise wenig zu hören, dafür aber genug von solchen der zweiten
Art, ja wie es scheint sogar nur von dieser. Es kann selbst die
übermäßigste Gelehrtheit keine Gewähr dafür bieten, daß der Gelehrte
nicht doch nur zur zweiten Kategorie gehört. Doch brauchen wir die
Zuversicht nicht aufzugeben, daß es bei uns auch solche von der ersten
geben wird. Irgend einmal werden wir sie doch haben. Wozu denn jede
Hoffnung verlieren?
Wie viele Menschen denken nicht selbst, sondern leben mit Gedanken, die
andere bereits fertiggedacht haben! Bei uns aber lebt man nicht nur mit
fertigen Gedanken, sondern lebt sogar mit fertigem Leid (und dabei ohne
Kultur).
Der Nihilismus ...
Der Nihilismus ist bei uns aufgetreten, weil _wir alle Nihilisten sind_.
Uns hat nur die neue, originelle Form seiner Erscheinung erschreckt.
(Alle sind ohne Ausnahme Fjodor Pawlowitsch Karamasoff.)
Komisch war die Bestürzung und die Sorge unserer Klugen, die zu
erforschen suchten, woher die Nihilisten kämen. Sie sind eben
nirgendwoher gekommen, sondern sind die ganze Zeit mit uns, in uns und
bei uns gewesen. (Die Dämonen.) „Aber nein, wie denn das, wir sind nicht
Nihilisten,“ behaupteten die Klugen, „wir wollen nur durch die
Verneinung Rußlands Rußland retten (d. h. indem wir in der Art einer
besonderen Sphäre, etwa als Aristokraten, über dem Volke stehen, das wir
zu unserer Nichtigkeit emporheben wollen).“ Der Nihilismus ließe sich
mit unserer Kirchenspaltung vergleichen. Ja aber die Kirchenspaltung war
für uns von großem Nutzen.
Religion ...
Nicht aus Ekel vor der Welt haben sich die Heiligen in die Einsamkeit
zurückgezogen, sondern zu ihrer sittlichen Vervollkommnung. Unsere
früheren Mönche lebten sogar fast auf dem Marktplatz. Z. B. der Mönch
Parfeni. Allein schon das Verlangen nach geistiger Erleuchtung ist –
geistige Erleuchtung.
Gewissen ohne Gott ist etwas Entsetzliches, es kann sich bis zur größten
Unsittlichkeit verirren.
Es ist unzureichend, Sittlichkeit als Überzeugungstreue zu definieren.
Man muß sich auch noch fortwährend fragen: sind meine Überzeugungen
richtig? Ihr Prüfstein aber ist – Christus. Doch hier kommt nicht mehr
Philosophie in Frage, sondern Glaube. Glaube jedoch ist wie eine Farbe.
Tatmenschen seien nur Leute von fragwürdiger Sittlichkeit. – Wie man
wohl auf diesen Gedanken gekommen sein mag?
Einen Menschen, der Ketzer verbrennt, kann ich nicht für sittlich
erklären, denn ich erkenne eure These nicht an, nach welcher
Sittlichkeit Übereinstimmung mit den inneren Überzeugungen sei. Das ist
nur Ehrlichkeit, nicht aber Sittlichkeit. Für mich ist das Beispiel und
Ideal der Sittlichkeit Christus. Ich frage: hätte er Ketzer verbrannt? –
nein. Also ist es eine unsittliche Handlung.
Der Großinquisitor ist allein schon deshalb unsittlich, weil sich in
seinem Herzen und Gewissen die Idee festsetzen konnte, Menschen zu
verbrennen sei notwendig.
Gut – das Nützliche. Schlecht – das Nichtnützliche. Nein, gut ist das,
was wir lieben. Alle Ideen Christi sind vom Menschenverstande verdorben
worden und scheinen unerfüllbar zu sein. Die linke Backe ... mehr als
sich selbst lieben ... Aber ich bitte, wozu das, wozu? Ich bin hier für
einen Augenblick, Unsterblichkeit gibt es nicht, da lebe ich lieber wie
ich will. Das sei keine Berechnung (sagt ein englischer Priester).
Erlauben Sie mir, selber zu wissen, was für mich eine Berechnung oder
keine Berechnung ist.
Der Staat ...
Der Staat wurde für die Mittelmäßigen geschaffen. – Wann hat denn der
Staat bei seinem Entstehen gesagt: ich erschaffe mich für die
Mittelmäßigen? Sie sagen, so habe es die Geschichte gemacht. Nein, immer
haben Auserwählte geführt! Aber nach diesen, das ist allerdings wahr,
hat sogleich die Mittelmäßigkeit auf den Ideen der höheren Menschen
ihren kleinen mittelmäßigen Kodex aufgebaut. Bis dann wieder ein großer
oder ursprünglicher Mensch kam und den Kodex zerstörte. Sie halten,
scheint es, den Staat für etwas Absolutes? Glauben Sie mir, wir haben
nicht nur keinen absoluten, sondern noch nicht einmal einen mehr oder
weniger vollendeten Staat gesehen. Alles Embryonen.
Die Gesellschaften seien entstanden aus dem Bedürfnis, sich
einzurichten? – Das ist nicht wahr, sondern immer infolge einer großen
Idee.
Ethik ...
Die andere Backe hinhalten, den Nächsten mehr lieben, als sich selbst –
nicht deshalb, weil es vorteilhaft ist, sondern weil es einem gefällt,
bis zum brennenden Gefühl, bis zur Leidenschaft. Christus habe sich
geirrt – das sei erwiesen! Doch dieses brennende Gefühl sagt: lieber
bleibe ich bei meinem Irrtum mit Christus als mit euch.
Sie sagen: Europa habe doch viel Christliches auch ohne den Papst und
den Protestantismus getan. Oh, selbstverständlich, das Christentum ist
dort doch nicht in einem Augenblick gestorben, es brauchte doch zum
Sterben eine lange Zeit, es hinterließ doch Spuren. Es gibt dort auch
jetzt noch Christen, aber auch schrecklich viel falsche Auffassung vom
Christentum.
Ihre Handlung ist sittlich, aber nicht ihre Idee.
_Sittlich_ ist nur das, was mit unserem Schönheitsgefühl übereinstimmt
und mit dem Ideal, in welchem dasselbe sich verkörpert.
Sein Verhalten mag ehrlich sein, aber seine Handlung ist nicht sittlich.
Denn, wenn die Handlung eines Menschen bloß mit seinen Überzeugungen
übereinstimmt, so braucht sie deshalb noch nicht sittlich zu sein. Es
ist bisweilen sittlicher, nicht nach seiner Überzeugung zu handeln, wie
es mancher tut, der dabei seiner Überzeugung durchaus treu bleibt, doch
infolge eines Gefühls die Handlung nicht ausführt. Mit seinem Verstande
schilt und verachtet er sich deshalb, aber sein Gefühl, d. h. sein
Gewissen läßt ihn doch nicht die Tat ausführen (und schließlich weiß er
auch, daß er sie nicht aus Feigheit unterläßt). Er unterläßt die
Befolgung seiner Überzeugung nur deshalb, weil er dies als sittlicher
erkannt hat, denn eine Befolgung wäre.
Rußland ...
Es gibt bei uns allerdings Kulturmenschen, aber sie entstanden, indem
sie das Ganze verneinten und nur der kleinste Teil kehrte zum Volk
zurück. Die übrigen sind alle negativ kultiviert. (Übrigens: weshalb
mußte Peter das Volk zu Leibeigenen machen, um einen gebildeten Stand zu
erhalten?!) Die Befreiung der Bauern geschah ganz abstrakt, ohne
Verständnis für den russischen Bauern und sogar: indem man ihn
verneinte; man bemitleidete ihn als Sklaven, aber man sprach ihm seine
Persönlichkeit, seine Selbständigkeit, seinen ganzen Geist dabei ab.
Ich ...
Bei vollständigem Realismus im Menschen den Menschen finden. Das ist ein
durchaus russischer Zug, und in diesem Sinne bin ich natürlich volklich
(denn meine Richtung entspringt der Tiefe des christlichen
Volksgeistes), obschon ich dem Gegenwärtigen russischen Volk unbekannt
bin – doch das Zukünftige wird mich kennen.
Man nennt mich einen Psychologen. Das ist nicht richtig. Ich bin nur ein
Realist im höheren Sinne, d. h. ich zeige alle Tiefen der Menschenseele.
Christus ...
... Ich frage: weshalb ist es unsittlich, Blut zu vergießen? Wenn ich
das Gegenteil behaupte, werden Sie meine Behauptung natürlich auf keine
Weise widerlegen können.
Wenn wir nicht im Glauben und in Christus eine Autorität hätten, würden
wir uns in allem verirren.
Es gibt sittliche Ideen. Sie erwachsen aus dem religiösen Gefühl, aber
mit der Logik allein sind sie niemals zu rechtfertigen.
Es wäre nicht mehr möglich, zu leben.
Ein Beispiel: Der Jesuit lügt und ist überzeugt, daß lügen um eines
guten Zweckes willen nützlich und gut sei. Sie loben es, daß er seiner
Überzeugung gemäß handelt, d. h. er lügt und das ist schlecht, da er
aber aus Überzeugung lügt, so ist das gut. Also einerseits ist lügen
gut, andererseits schlecht. Wunderbar!
Auf dem Boden, auf dem Sie stehen, werden Sie immer geschlagen werden.
Das werden Sie nur dann nicht, wenn Sie anerkennen, daß es sittliche
Ideen _gibt_ (aus dem Gefühl, von Christus), beweisen aber, daß sie
sittlich sind, ist unmöglich (Berührung mit anderen Welten).
... Natürlich ist das nicht wissenschaftlich, obschon – warum
schließlich nicht? Die gewaltige Tatsache der Erscheinung Christi auf
Erden und alles dessen, was darauf folgte, verlangt meiner Ansicht nach
auch wissenschaftliche Ausarbeitung. Die Wissenschaft kann es doch nicht
für unter ihrer Würde halten, die Bedeutung der Religion in der
Menschheit zu untersuchen, und wäre es auch nur im Hinblick auf die
historische Tatsache, die durch ihre Ununterbrochenheit und
Beharrlichkeit frappiert. Die Überzeugung aber der Menschheit von der
_Berührung mit anderen Welten_ – diese unausrottbare Überzeugung ist
doch gleichfalls sehr bedeutsam. So etwas läßt sich doch nicht mit einem
Federstrich lösen.
_Der Großinquisitor und das Kapitel von den Kindern._ Angesichts dieser
beiden Kapitel hätten Sie über mich, vielleicht wissenschaftlich, aber
nicht in philosophischer Hinsicht so geringschätzig zu urteilen
brauchen, obschon Philosophie nicht meine Spezialität ist. Auch in
Europa gibt es keinen atheistischen _Ausdruck_ von solcher Gewalt und
hat es _nie gegeben_. Folglich glaube ich an Christus und bekenne ich
mich zu diesem Glauben nicht wie ein Kind, sondern mein Hosianna ist
durch das große _Fegefeuer der Zweifel_ hindurchgegangen, wie in meinem
letzten Roman der Teufel von sich sagt.