Ein Gutsherr, der von einem Bauern den Glauben an Gott erhält

Jetzt, nachdem ich mein eigenes Empfinden auseinandergesetzt, wird man

vielleicht verstehen, wie der Abfall eines solchen Autors, seine

Absonderung von der großen russischen Tat unserer Tage – dem Kriege für

die Unterdrückten und Verfolgten – und die paradoxe Unwahrheit des

Urteils, das er in diesem unseligen achten Teil des Romans über unser

Volk fällt, auf mich gewirkt haben. Er nimmt ja dem Volk alles, spricht

ihm das Wertvollste ab, raubt ihm den Sinn und Zweck seines Lebens. Ja,

es wäre dem Autor unvergleichlich angenehmer, wenn unser Volk sich nicht

in seinem Herzen für die um ihres Glaubens willen leidenden Brüder

erheben würde. Nur in diesem Sinne leugnet er auch die Beweise,

ungeachtet dessen, daß sie Tatsachen sind. Freilich wird das alles nur

von den imaginären Gestalten seines Romans ausgesprochen, aber, wie ich

schon sagte, hinter ihnen sieht man nur zu deutlich den Autor selbst.

Allerdings ist es ein aufrichtiges Buch: der Autor spricht aus der

Seele. Sogar die peinlichsten Sachen (und die gibt es in diesem Buch)

nehmen sich in ihm aus, als wären sie ganz unversehens hineingeraten, so

daß man sie trotz ihrer ganzen Peinlichkeit nur für ein

offenherziges Wort hält und nicht im geringsten etwa Tücke vermutet.

Nichtsdestoweniger halte ich dieses Buch durchaus nicht für so harmlos,

wie es manche Leute tun. Jetzt wird und kann es zum Glück keinen Einfluß

mehr haben, denn daß es vielleicht einer kleinen abgesonderten Gruppe

von Leuten beipflichtet, ist belanglos. Aber die Tatsache, daß ein

solcher Autor in diesem Sinne überhaupt schreiben kann, ist doch sehr

bedauerlich, bedauerlich und traurig für unsere Zukunft. Doch übrigens –

zur Sache: ich will widersprechen und werde darauf hinweisen, was mich

besonders überraschte.

Zunächst muß ich ein paar Worte über Lewin sagen, der ersichtlich der

Hauptheld des Romans ist. In ihm ist alles Positive ausgedrückt und zwar

gewissermaßen als Gegensatz zu jenen Unnormalitäten, an denen andere

Gestalten des Romanes zugrunde gehen oder unter denen sie zu leiden

haben. Im übrigen ist Lewin offenbar der Erwählte, durch den der Autor

seine eigenen Gedanken ausdrückt. Aber dieser Lewin war immer noch nicht

vollkommen, immer fehlte ihm noch etwas, und so mußte der Autor sich

wieder mit dem Fehlenden befassen, damit Lewin keinerlei Zweifel oder

Fragen mehr verkörpere. – In der Folge wird der Leser begreifen, aus

welchem Grunde ich zunächst hierbei verweile und somit nicht direkt zur

Sache komme.

Lewin ist glücklich, der Roman entwickelt sich zu seinem größten Ruhme,

aber – ihm fehlt noch der innere, der geistige Friede. Ihn quälen die

ewigen Fragen der Menschheit: Gott, das ewige Leben, Gut und Böse und

Ähnliches. Es quält ihn, daß er ein Ungläubiger ist und sich nicht damit

zufrieden geben kann, womit sich alle anderen zufrieden geben, indem sie

ihre Interessen auf Naheliegendes beschränken, als da sind Tagesfragen,

Verdienst, Vergötterung der eigenen Person oder anderer Götzen,

Eigenliebe usw. usw. Ein Anzeichen von Großherzigkeit, nicht wahr? Aber

von Lewin ist ja auch weniger nicht zu erwarten. Nebenbei zeigt es sich,

daß Lewin auch sehr viel gelesen hat. Er kennt sowohl die Werke der

Philosophen, der Positivisten, wie auch der gewöhnlichen Naturforscher,

doch nichts befriedigt ihn, sondern im Gegenteil, die Bücher verwirren

ihn noch mehr, so daß er in der freien Zeit, die ihm die Bewirtschaftung

seines Gutes läßt, in den Wald oder aufs Feld geht, sich ärgert, sogar

Kitty, seine junge Frau, nicht in dem Maße schätzt, wie sie es wohl

verdient hätte. Da führt ihm der Zufall einen seiner Bauern in den Weg,

der ihm gesprächsweise von zwei anderen Bauern, Mitjuscha und

Fokanytsch, zwei in sittlicher Beziehung entgegengesetzten Typen,

erzählt und sich dabei folgendermaßen ausdrückt:

„Ja, Mitjuscha, warum nicht, der wird’s schon herauszuschlagen

verstehen! Der erpreßt es einfach und nimmt sich das Seine. Dem tut doch

kein Christenmensch leid. Onkel Fokanytsch aber, der wird doch nicht wie

Mitjuscha einem anderen Menschen das Fell über die Ohren ziehen. Der

wird auch so abgeben, daß man später zahlen kann, manchem wird er auch

billiger geben. Da kann er denn auch selber nicht soviel Pacht zahlen

...“

„Aber warum wird er denn manchem billiger geben?“ fragte Lewin.

„Ja, das ist schon so, die Menschen sind eben verschieden. Der eine

Mensch lebt sozusagen nur für seine Bedürfnisse, wie beispielsweise

sagen wir meinethalben Mitjuscha, der sich nur den Wanst vollschlägt;

aber Fokanytsch, der Alte, – das ist ein Mensch mit Gewissen. Der lebt

für die Seele, der hat Gott nicht vergessen.“

„Wie das?! Wie – Gott nicht vergessen? wie lebt er für die Seele?“ rief

Lewin fast erschrocken vor Betroffenheit.

„Nun, das weiß man doch, wie! Lebt in Rechtschaffenheit, in Gott. Die

Menschen sind nun mal verschieden. Beispielsweise Ihr selber, Herr, wenn

man so nimmt – Ihr werdet doch auch keinem Menschen unrecht tun.“

„Ja, ja, leb’ wohl!“ sagte Lewin hastig – die Aufregung verschlug ihm

den Atem – er griff nach seinem Stock und entfernte sich schnell in der

Richtung zum Hause ............

Doch statt nach Hause zu gehen, ging er wieder in den Wald, legte sich

unter einer Esche ins Gras und begann fast mit Begeisterung zu denken.

Das Wort war gefunden, alle ewigen Rätsel gelöst durch dieses eine

einfache Wort des Bauern: „Für die Seele leben, Gott nicht vergessen.“

Der Bauer hat ihm natürlich nichts Neues gesagt: all das wußte er selber

schon lange; aber der Bauer hat ihn doch auf den Gedanken gebracht und

hat ihm die Lösung im verzwicktesten Augenblick zugeflüstert. Hierauf

folgt eine Reihe von Betrachtungen Lewins, die sehr gut und treffend

ausgedrückt sind. Lewins Gedankengang ist ungefähr folgender: wozu das

mit dem Verstande suchen, was vom Leben schon _gegeben_ ist, womit jeder

Mensch geboren wird und dem jeder Mensch (sogar unfreiwillig) folgen muß

und auch tatsächlich folgt. Jeder Mensch wird mit einem Gewissen, mit

dem Begriff von Gut und Böse geboren, folglich wird er auch unmittelbar

zu einem Lebensziel geboren: für das Gute zu leben und das Böse zu

vermeiden. Damit kommt der Bauer ebenso wie der Herr zur Welt, der

Franzose wie der Russe, wie der Türke – alle verehren das Gute (NB.

obschon viele das in einer höchst eigenartigen Weise tun). „Ich aber

wollte“, sagt sich Lewin, „alles das mathematisch, wissenschaftlich, mit

der Vernunft erfassen, oder ich erwartete ein Wunder, während mir das

alles schon ohne mein Dazutun gegeben, einfach mit mir geboren ist.“ Daß

es aber ohne unser Dazutun uns gegeben ist, dafür gibt es Beweise: alle

Menschen begreifen oder können es begreifen, daß _man seinen Nächsten

lieben muß wie sich selbst_. In diesem Wissen liegt denn auch, genau

genommen, das ganze _Gesetz_ der Menschen, wie es uns Christus erklärt

hat. Indessen ist uns diese Erkenntnis angeboren, folglich uns ohne

unser Dazutun geschenkt, denn der Verstand könnte uns um keinen Preis

dieses Wissen geben, – warum nicht? Nun ja, weil „den Nächsten lieben“

nach dem Verstande beurteilt – unklug ist.

„Woher habe ich das genommen?“ fragt sich Lewin. „Bin ich etwa durch

den Verstand darauf gekommen, daß ich meinen Nächsten lieben soll

und nicht ihn würgen? Man hat mir das in der Kindheit gesagt und

_ich habe es freudig geglaubt_, weil man mir nur gesagt hatte, was

schon in meiner Seele lag. Aber wer hat dies entdeckt? Der Verstand

jedenfalls nicht. Der Verstand hat den Kampf ums Dasein entdeckt und

das Gesetz, welches fordert, daß man alle, die uns an der

Befriedigung unserer Wünsche hindern, beseitige. Dies ist das

Ergebnis des Verstandes. Den Nächsten aber zu lieben konnte der

Verstand nicht lehren, da das unklug ist.“

Hierauf fällt Lewin eine Szene ein, die er kürzlich mit seiner

Schwägerin Dolly und deren Kindern erlebt hatte. Die Kinder brieten

Himbeeren in einer Tasse über einer Kerze und gossen sich die Milch im

Bogen wie eine Fontäne aus dem Kannenschnabel in den Mund. Die Mutter,

die sie bei dieser Betätigung ertappte, versuchte natürlich, ihnen klar

zu machen, daß sie, wenn sie die Gefäße zerschlügen und die Milch

verschütteten, dann weder ein Trinkgefäß noch Milch hätten. Aber die

Kinder glaubten ihr offenbar kein Wort von dem, was sie sagte, denn „sie

konnten sich den ganzen Umfang dessen, was sie genossen, gar nicht

vorstellen, und infolgedessen konnten sie sich auch nicht denken, daß

das, was sie verdarben, dasselbe sei, wovon sie lebten.“

„Das ist alles von selbst da,“ dachten sie, „Interessantes oder

Wichtiges gibt es dabei nicht, weil es stets so war und sein wird

und stets alles ein und dasselbe ist. Darüber brauchen wir gar nicht

nachzudenken, denn das ist das Gegebene; wir aber wollten uns etwas

Eigenes und ganz Neues ausdenken. Und so dachten wir uns denn aus,

die Himbeeren in die Tasse zu legen und sie über dem Licht zu braten

und uns die Milch direkt aus der Kanne wie eine Fontäne in den Mund

zu gießen. Das ist lustig und neu und gewiß nicht schlechter, als

aus Tassen zu trinken.

„Tun wir nun nicht ganz dasselbe, tue ich es nicht, indem ich mit

dem Verstande die Bedeutung der Naturkräfte und den Sinn des

menschlichen Lebens zu erfassen trachte?“ fuhr Lewin fort zu denken.

„Und tun denn die philosophischen Theorien etwa nicht alle das

gleiche, indem sie auf einem seltsamen, dem Menschen nicht eigenen

Gedankenweg zu der Erkenntnis dessen führen, was der Mensch lange

schon weiß, und mit solcher Sicherheit weiß, daß er ohne es gar

nicht leben könnte? Ist es denn nicht aus der Entwicklung der

Theorie jedes Philosophen klar ersichtlich, daß er schon im voraus

ebenso sicher wie jener Bauer und auch nicht im geringsten klarer

als jener den Hauptsinn des Lebens kennt, und nur auf einem

unzuverlässigen Verstandeswege zu dem zurückkehren will, was allen

bekannt ist?

Nun, wie, wenn man die Kinder allein ließe, wenn sie alles selbst

machen müßten, Tassen und Kannen, dazu Kühe melken usw. – würden sie

dann Mutwillen treiben? Sie würden Hungers sterben. Nun, so versuche

man doch einmal, uns mit allen unseren Leidenschaften, unseren

Gedanken allein zu lassen, _ohne_ Vorstellung vom einzigen Gott und

Schöpfer! Oder ohne eine Vorstellung von dem, was Gut ist und was

Böse, ohne sittlichen Instinkt.

Ich möchte bloß wissen, was ohne diese Begriffe aufgebaut werden

würde!

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