Bedeutung

In den Kreisen unserer Intelligenz pflegen jetzt viele, wenn man mit

ihnen vom Volk spricht, gegen ein Auseinanderhalten von Volk und

Intelligenz zu protestieren: „Was für ein Volk? Auch ich bin Volk!“

heißt es.

Im achten Teil des Romans „Anna Karenina“ sagt Lewin, der geliebte Held

des Autors, auch von sich, daß er Volk sei. Diesen Lewin habe ich früher

einmal einen Menschen mit reinem Herzen genannt. Obschon ich nun

unverändert fortfahre, an die Reinheit seines Herzens zu glauben, glaube

ich doch nicht, daß er – Volk sei. Im Gegenteil, ich sehe jetzt, daß

auch er sich mit Vorliebe absondert. Überzeugt habe ich mich davon, als

ich diesen achten und letzten Teil des Romans las. Lewin ist ja

allerdings keine gegenwärtige, keine lebende Persönlichkeit, sondern nur

die Phantasiegestalt eines Schriftstellers; aber dieser Schriftsteller,

der ein ungeheures Talent, ein bedeutender Geist und ein von der

Intelligenz Rußlands überaus geachteter Mensch ist, läßt diese

Phantasiegestalt auch seine, des Autors, persönlichen Ansichten

entwickeln, was besonders deutlich in diesem letzten Teil geschieht,

wobei er in scharfen Widerspruch mit der gegenwärtigen russischen

Wirklichkeit gerät. Das aber dürfte doch schon ein ernstes Thema für

eine Erörterung sein, selbst in unserer so bewegten Zeit, die voll ist

von großen, erschütternden, in schneller Reihenfolge sich entwickelnden

Ereignissen. Denn wenn wir von dem nicht existierenden Lewin reden,

reden wir ja in Wirklichkeit von den Ansichten eines der bedeutendsten

Russen unserer Zeit. Und diese Ansichten betreffen die gegenwärtige

russische Tat: den Balkankrieg.

Das Wesentliche dieser Ansichten besteht, wenn ich den Autor richtig

verstanden habe, hauptsächlich darin, daß unsere ganze sogenannte

nationale Bewegung zugunsten der slawischen Brüder von unserem Volk

keineswegs geteilt und sogar überhaupt nicht verstanden werde.

So sehen wir, daß auch Lewin, der Mensch mit dem reinen Herzen, sich von

der riesigen Mehrzahl der Russen lossagt und absondert. Seine Ansicht

ist übrigens gar nicht neu und originell. Sie wäre denen, die im letzten

Winter bei uns in Petersburg fast ebenso dachten – und das waren ihrer

sozialen Stellung nach durchaus nicht obskure Leute – sehr gelegen

gekommen, weshalb man es bedauern könnte, daß das Buch ein wenig zu spät

erschienen ist. Aus welchem Grunde diese finstere Absonderung Lewins

erfolgte, vermag ich nicht festzustellen. Allerdings ist er ein heißer,

„unruhiger“, alles analysierender Mensch, der streng genommen in keiner

Beziehung sich selber traut. Aber immerhin ist dieser Mensch „reinen

Herzens“, dabei bleibe ich, obschon es schwer zu erraten ist, auf

welchen geheimen und mitunter sogar lächerlichen Wegen das

widernatürlichste, künstlichste und sogar schändlichste Gefühl in manch

ein beispielhaft aufrichtiges und reines Herz eindringen kann. Übrigens

möchte ich noch vorausschicken, daß ich diesen Lewin doch nicht mit der

Person des Autors identifiziere, obwohl der Autor, wie sehr viele

behaupten und wie auch ich deutlich sehe, seine eigenen Überzeugungen

und Ansichten durch Lewin aussprechen läßt, ja sie ihm oft fast mit

Gewalt in den Mund legt, bisweilen sogar auf Kosten der künstlerischen

Geschlossenheit des gezeichneten Charakters. Ich sage das aus einer

gewissen bitteren Verwunderung heraus, denn wenn auch sehr vieles von

dem, was Lewin sagt, nur die Ansichten Lewins, des erdichteten Menschen,

des künstlerisch dargestellten Charakters sind, so kann ich doch nicht

leugnen, daß ich, was des Autors eigene Ansichten betrifft, nicht solche

Ansichten gerade von diesem Autor erwartet hätte!

Hier sehe ich mich gezwungen, zunächst einzelne meiner Gefühle

darzulegen, trotz meines Vorsatzes mich nicht mit literarischer Kritik

zu befassen. Aber wenn ich diese Ansichten auch gelegentlich der Kritik

eines literarischen Werkes ausspreche, so haben sie doch nichts mit

denen eines Literaturkritikers zu schaffen. Tatsächlich schreibe ich in

diesem „Tagebuch“ alle meine Gedanken über meine Eindrücke nieder,

schreibe somit über alles, was mir von den laufenden Ereignissen und

Vorgängen bemerkenswert erscheint, und da habe ich es mir nun Gott weiß

weshalb zum Vorsatz gemacht, von meinen vielleicht stärksten Eindrücken

zu schweigen, bloß deshalb, weil sie die russische Literatur betreffen.

Natürlich lag diesem Vorsatz ein ganz richtiger Gedanke zugrunde, aber

eine buchstäbliche Befolgung des Vorsatzes ist dennoch nicht richtig,

das sehe ich jetzt ein, eben weil es eine Befolgung des Buchstabens

wäre. Zudem ist dieser Roman in meinen Augen nicht mehr ein einfaches

literarisches Werk, sondern schon eine ganze nationale _Tat_, ein Faktum

von bereits ganz anderer Bedeutung. Diese _Tat_, die die Schöpfung

dieses Romans zweifellos ist, fiel für mich in diesem Frühjahr mit der

enormen Tat der Kriegserklärung zusammen und in meinem Geist sah ich

beide Taten sofort in Verbindung miteinander, denn ich fand zwischen

ihnen einen mich selbst überraschenden bedeutungsvollen Zusammenhang.

Im April begann unser großer Krieg für eine große hochherzige Idee: die

geknechteten und mißhandelten slawischen Völker zu befreien und ihnen

ein neues Leben zu ihrem und der Menschheit Wohl wiederzugeben. Dieser

Zweck des Krieges ist für Europa so unbegreiflich, daß es ihn nur für

einen listigen Vorwand hält und uns mit allen Mitteln zu schaden sucht.

So hat es sich schon mit unserem Feinde gegen uns verbündet – wenn auch

nicht in einem offiziellen Bündnis –, um wenigstens heimlich gegen uns

zu kämpfen, in Erwartung des offenen Kampfes. Doch davon ein anderes

Mal. Ich wollte hauptsächlich von dem Eindruck sprechen, den alle

diejenigen empfangen mußten, die an die große zukünftige universale

Bedeutung Rußlands glauben, als sie in diesem Frühjahr die

Kriegserklärung lasen. Dieser einzig dastehende Krieg, um Schwachen und

Bedrückten Leben und Freiheit zu geben, nicht ihnen zu nehmen, dieser in

der heutigen Welt gar nicht mehr glaubwürdig klingende Kriegszweck war

für alle, die an Rußlands Zukunft glauben, eine Tatsache, die feierlich

und bedeutungsvoll diesen ihren Glauben bestätigte. Das war nun nicht

mehr lediglich ein Traum, eine Vermutung bloß, sondern Wirklichkeit, war

Tatsache, durch die die Hoffnungen bereits _in Erfüllung zu gehen

begannen_. „Wenn aber der Anfang schon gemacht ist, dann wird auch alles

andere in Erfüllung gehen, auch das, daß Rußland an der Spitze aller

vereinigten Slawen sein großes neues Wort Europa sagen wird. Und selbst

dieses Wort hat sich bereits angekündigt, doch ist Europa noch weit

davon entfernt, dasselbe zu verstehen, und selbst wenn es versteht, wenn

es verstehen muß, wird Europa noch lange nicht an das neue Wort

glauben.“ So dachten damals die „Gläubigen“. Ja, der Eindruck war

feierlich und bedeutungsvoll, und selbstverständlich mußte der Glaube

der Gläubigen sich festigen und erstarken. Doch der begonnene Krieg ist

immerhin von unberechenbarer Tragweite, so daß auch für uns, die wir an

Rußland glauben, beunruhigende Fragen sich einstellten. Rußland und

Europa! Rußland hat das Schwert gegen die Türken gezogen, aber wer weiß,

vielleicht stößt es dabei mit Europa zusammen, und das – wäre das nicht

zu früh? Der Zusammenstoß mit Europa ist etwas anderes als der mit der

Türkei und wird nicht nur mit dem Schwert ausgefochten werden, so haben

es die Gläubigen von jeher aufgefaßt. Aber sind wir nun auch zu diesem

anderen Zusammenstoß bereit? Freilich, das Wort hat sich bereits

angekündigt, aber ganz abgesehen von den Europäern – wird es denn auch

bei uns von allen verstanden? Wir Gläubigen sagen z. B., daß Rußland

allein die Elemente in sich trage, die zu einer Lösung des

verhängnisvollen europäischen Problems des vierten Standes, und zwar

ohne Kampf und Blut, ohne Haß und Feindschaft, erforderlich sind, daß es

aber dieses Wort erst dann sagen werde, wenn Europa bereits im eigenen

Blute schwimmt, denn vorher würde ja doch niemand in Europa unser Wort

vernehmen, oder wenn auch vernehmen, so würde es doch niemand verstehen.

Ja, wir Gläubigen glauben daran, aber was antwortet man uns darauf

selbst hier in Rußland? Selbst hier sagen uns unsere Landsleute, dies

seien nur fanatische Illusionen, die Weissagungen sein wollen, seien nur

wilde Träume, und wir sollten ihnen doch Beweise geben, sichere

Anzeichen und bereits greifbare Tatsachen! Ja was könnten wir ihnen nun

zur Bekräftigung unserer _Weissagungen_ nennen? Etwa die Aufhebung der

Leibeigenschaft – ein Faktum, das bei uns noch so wenig begriffen worden

ist in seiner Bedeutung als Beweis russischer Geisteskraft? Oder die

angeborene Natürlichkeit unserer Nächstenliebe, die schon in unserer

Zeit immer deutlicher aus all dem hervorzutreten anfängt, was sie

jahrhundertelang fast bis zum Ersticken bedrückt hat? Doch gut, wir

weisen also darauf hin: da wird man uns denn entgegnen, daß all diese

Tatsachen wiederum nur von unseren tollen Illusionen zu solcher

Bedeutung aufgebauscht worden seien; überdies würden sie verschieden

gedeutet und somit könne man sie überhaupt nicht als irgendwelche

Beweise gelten lassen. Das würden uns fast alle antworten. Und nun

bedenke man: wir, die wir uns selber noch nicht verstehen und die wir so

wenig an uns glauben, wir – stoßen mit Europa zusammen! Europa aber –

das ist doch etwas Ungeheures, Heiliges! Uns ist es teuer, dieses Land,

teuer der zukünftige, der im Frieden errungene Sieg des großen

christlichen Geistes, der sich im Osten am reinsten erhalten hat ... Und

in der Erwägung der Möglichkeit eines Zusammenstoßes mit Europa im Laufe

unseres jetzigen Krieges fürchten wir am meisten, daß Europa uns

mißverstehen könnte und uns wie früher, wie gewöhnlich, mit Hochmut, mit

Verachtung und mit dem Schwert begegnen werde, als wären wir wilden

Barbaren nicht wert, vor Europa den Mund aufzutun. Ja aber, fragten wir

uns nun, was werden wir ihnen denn sagen oder zeigen, damit sie uns

richtig zu verstehen anfangen? Wir haben doch, scheint es, noch so wenig

von solchen Gütern, die ihnen _verständlich_ wären und um deretwillen

sie uns achten könnten? Denn unsere fundamentale, wichtigste Idee, unser

beginnendes „neues Wort“ werden sie noch lange, gar zu lange nicht

verstehen. Sie brauchen Fakta, die sie unmittelbar, die sie _heute_

schon verstehen könnten, verstehen mit ihrem _heutigen_ Blick. Und mit

diesem Blick fragen sie uns: „Wo ist denn Ihre Zivilisation? – läßt sich

denn in dem Chaos, welches wir alle bei Ihnen sehen, eine Ordnung der

ökonomischen Kräfte wahrnehmen? Wo ist _Ihre_ Wissenschaft, _Ihre_

Kunst, _Ihre_ Literatur?“

* * * * *

Gerade in dieser Zeit, d. h. in diesem Frühjahr, traf es sich einmal,

daß ich auf der Straße einem unserer Schriftsteller begegnete, den ich

zu den am meisten von mir geliebten Autoren zähle. Wir sehen uns sehr

selten, alle paar Monate einmal, und auch dann immer zufällig und auf

der Straße. Er ist einer der hervorragendsten der fünf oder sechs

unserer Belletristen, die alle zusammen aus irgendeinem Grunde die

„Plejaden“ genannt werden[32]. Wenigstens hat die Kritik in

Übereinstimmung mit dem Publikum sie von allen anderen Schriftstellern

ihrer Art abgeteilt, und so ist es denn seit langem geblieben – der

Kreis der „Plejaden“ erweitert sich nicht. Es ist mir stets eine Freude,

mit diesem liebenswürdigen Romancier, den ich so überaus schätze,

zusammenzutreffen und ihm unter anderem zu beweisen, daß ich es nicht

glaube und auch gar nicht glauben könne, daß er, wie er sagt, alt

geworden sei und nichts mehr schreiben werde. Nach einem kurzen Gespräch

mit ihm trage ich immer eines seiner feinen und weitsichtigen Worte mit

mir fort. Bei jener letzten Begegnung gab es viel Stoff zu einer

Unterhaltung, denn der Krieg war schon erklärt. Doch er begann sofort

und ohne Umschweife von „Anna Karenina“ zu sprechen (auch ich hatte

gerade den siebenten Teil gelesen, mit welchem der Roman im „Russischen

Boten“ schloß), und da er anscheinend nicht zu den Leichtbegeisterten

gehört, war ich überrascht, als ich ihn mit leidenschaftlicher,

überzeugter Begeisterung über dieses Werk urteilen hörte.

„Das ist etwas Beispielloses, das ist ein Werk von erstem Range! Wer

kann sich bei uns, von den Schriftstellern, damit messen? Und in Europa

– wer? Wer könnte dort etwas Ähnliches vorweisen? Haben sie dort in

allen ihren Literaturen jetzt oder in den letzten Jahren oder überhaupt

in neuerer Zeit ein Werk hervorgebracht, das sich neben dieses stellen

könnte?“

Hauptsächlich überraschte mich an diesem Urteil, das übrigens vollkommen

mit dem meinigen übereinstimmte, daß dieser Hinweis auf Europa geradezu

eine Antwort war auf die Fragen und Zweifel, die sich damals in so

vielen Herzen ganz von selbst erhoben. So erhielt dieses Buch in meinen

Augen die Bedeutung eines Faktums, auf das wir Europa als Antwort auf

jene Fragen hinweisen könnten. Natürlich wird man spöttisch einwenden,

das sei ja im ganzen nur Literatur, nur irgendein Roman, und es sei

lächerlich, die Bedeutung desselben so zu übertreiben und mit einem

Roman gegen Europa aufzutreten. Ich weiß, daß man lachen wird, doch

diese Aufregung ist überflüssig, denn ich übertreibe keineswegs und sehe

die Dinge ganz nüchtern. Ich weiß, daß es allerdings nur ein Roman ist,

nur ein Tropfen von dem, was nötig wäre. Für mich aber besteht die

Hauptsache darin, daß dieser Tropfen bereits vorhanden, bereits

Wirklichkeit ist, wenn aber der Anfang schon Tatsache ist, d. h. wenn

das Genie Rußlands schon dieses _Faktum_ hervorzubringen vermocht hat,

so ist es folglich nicht zur Unfruchtbarkeit verdammt, nicht der

Kraftlosigkeit geweiht, sondern _kann_ schöpferisch sein, kann etwas

_Eigenes_ geben, kann sein Wort anheben und es zu Ende sprechen, wenn

die Zeit gekommen sein wird. Und überdies ist jenes Werk doch weit mehr

als nur ein Tropfen. Oh, auch hierin mache ich mich nicht im geringsten

einer Übertreibung schuldig: ich weiß nur zu gut, daß nicht nur nicht in

einem einzelnen Schriftsteller der Plejaden, sondern auch in ihnen allen

zusammen nicht das zu finden ist, streng genommen, was man geniale

schöpferische Kraft nennt. Unstreitige Genies mit einem unstreitig

„neuen Wort“ hat es in unserer ganzen Literatur nur drei gegeben.

Lomonossoff, Puschkin und zum Teil Gogol. Diese ganze Plejadengruppe

dagegen (und der Autor der „Anna Karenina“ gehört gleichfalls zu ihr)

ist unmittelbar aus Puschkin hervorgegangen, aus einem der größten

Russen, den man aber fast überhaupt noch nicht verstehen gelernt hat.

Puschkin ist der Vertreter von Ideen, die gleichsam die

Veranschaulichung des Künftigen oder der Bestimmung ganz Rußlands und

seines Zieles, das heißt soviel wie unseres ganzen zukünftigen

Schicksals sind.

Alle unsere jetzigen „Plejaden“ haben nur nach Puschkins Hinweisen

gearbeitet, etwas Neues aber haben sie nach ihm nicht gesagt. In ihm

lagen bereits alle die Keime, die die Plejaden später entwickelt haben.

Und dabei haben sie nur den kleinsten Teil der von ihm hinterlassenen

Aufgaben ausgearbeitet. Dafür ist freilich das, was sie getan haben, mit

solchem Reichtum an Kraft, mit solcher Tiefe und Deutlichkeit

ausgearbeitet worden, daß Puschkin sie selbstverständlich anerkannt

hätte. „Anna Karenina“ ist, was die Idee des Werkes betrifft, gewiß

nichts Neues, wenigstens bei uns nichts Neues. Statt dieses Werkes

könnten wir Europa natürlich ebensogut die Quelle selbst nennen, d. h.

Puschkin als schärfsten, stärksten und unerschütterlichsten Beweis für

die Selbständigkeit des russischen Genies und sein Recht auf die größte

universale, allmenschliche und allvereinende Bedeutung in der Zukunft.

Doch leider wissen wir, daß, wieviel wir auch reden und vorweisen

wollten, Europa unsere Schriftsteller noch lange nicht lesen wird, oder

selbst wenn man es dort täte, so würde man uns doch noch lange nicht

verstehen und nicht schätzen. Und die Europäer sind ja auch noch gar

nicht imstande, uns zu verstehen, nicht etwa aus Mangel an Geist,

sondern weil wir für sie eine ganz andere Welt sind, als wären wir vom

Monde auf die Erde versetzt, weshalb sie sogar die Tatsache, daß wir

doch immerhin existieren, gar nicht zugeben möchten. Das weiß ich besser

als mancher andere und rede deshalb von den Hinweisen, mit denen wir

Europa auf die bewußten Fragen antworten könnten, nur in dem Sinne

unserer eigenen Überzeugung von unserem Recht auf Selbständigkeit Europa

gegenüber.

Nichtsdestoweniger ist „Anna Karenina“ als Kunstwerk etwas Vollkommenes

– ist ein Werk, dem die europäischen Literaturen der Gegenwart nichts

Gleichwertiges gegenüberstellen können; was aber die Idee dieses Werkes

betrifft, so ist sie bereits etwas ganz Nationales, ist gleichsam ein

Stück von uns, ist eben das, was unsere Besonderheit vor der ganzen

europäischen Welt ausmacht, und ist somit unser „neues Wort“ oder

wenigstens der Anfang desselben – ein Wort, das in Europa niemand zu

sagen versteht, dessen aber gerade Europa so dringend bedarf, trotz

seines ganzen Stolzes. Ich kann mich hier nicht in einer literarischen

Kritik ergehen, doch will ich immerhin ein paar Worte über dieses Buch

sagen.

In diesem Werk ist eine Untersuchung der Schuld und des Verbrechens der

Menschen durchgeführt. Die geschilderten Menschen sind unter unnormalen

Bedingungen genommen. Das Böse besteht schon vor ihnen. In den Strudel

der Lüge hineingerissen, begehen diese Menschen ein Verbrechen und gehen

unrettbar ins Verderben. Wie Sie sehen, ein Gedanke, der das liebste und

älteste der europäischen Themen behandelt. Aber wie wird nun ein solches

Problem in Europa gelöst? Sehr einfach. Und zwar gibt es dort zwei Arten

von Lösungen. Die erste Lösung ist: das Gesetz ist gegeben,

niedergeschrieben, formuliert, ist in Jahrtausenden ausgearbeitet, Gut

und Böse festgestellt, aufgewogen, die Maße und Grade sind historisch

von den Führern der Menschheit in unermüdlicher Arbeit an der

Menschenseele und in höherer wissenschaftlicher Untersuchung der Gesetze

des menschlichen Zusammenlebens festgesetzt. Diesem ausgearbeiteten

Kodex ist ein jeder blinden Gehorsam schuldig. Wer das nicht tut und

jene Gesetze übertritt, der bezahlt das mit seiner Freiheit, seinem

Eigentum, seinem Leben, bezahlt buchstäblich und unmenschlich.

„Ich weiß,“ sagt ihr anderen, „daß das sowohl blind wie mitleidlos und

unhaltbar ist, da ja die endgültige Formel der Menschheit auf ihrem

halben Wege noch nicht ausgearbeitet sein kann. Doch da es einen anderen

Ausweg nicht gibt, so muß man sich eben an das halten, was man hat, was

schwarz auf weiß gegeben ist, und zwar buchstäblich und rücksichtslos.

Täte man das nicht – so wäre man schlimmer daran. Somit kann man sagen,

daß wir, trotz der ganzen Unnatürlichkeit und Unsinnigkeit der Ordnung

dessen, was wir unsere große europäische Zivilisation nennen,

nichtsdestoweniger danach trachten müssen, daß die Kräfte des

Menschengeistes gesund und unbeschädigt bleiben, daß die Gesellschaft

nicht an dem Glauben, sie befinde sich auf dem Wege zur Vollkommenheit,

zu zweifeln anfängt und nicht zu denken wagt, es sei das Ideal des

Schönen und Erhabenen verdunkelt und der Begriff von Gut und Böse

entstellt und umgedeutet, das Normale werde mehr und mehr verdrängt,

Einfachheit und Natürlichkeit gingen unter dem Druck der unausgesetzten

anwachsenden Lüge verloren.“

Die zweite Lösung ist das Gegenteil der ersten: sie geht von der Annahme

aus, daß die menschliche Gesellschaft unnormal aufgebaut sei, weshalb

man den einzelnen für die Folgen dieser Unnormalität nicht

verantwortlich machen könne. Also ist der Verbrecher frei von jeder

Verantwortung und folglich gibt es vorläufig überhaupt kein Verbrechen.

Will man nun mit dem, was allgemein Verbrechen genannt wird, und mit der

Schuld der Menschen ein Ende machen, so muß man das zunächst mit der

Unnormalität der Gesellschaft und ihres sozialen Aufbaus tun. Da aber

eine Korrektur der bestehenden Ordnung der Dinge langwierig und

unzuverlässig, ja sogar aussichtslos wäre, und man übrigens auch keine

Mittel dazu hat, so muß man den ganzen bisherigen Bau der Gesellschaft

zerstören und die alte Ordnung gleichsam mit dem Besen auskehren. Dann

kann man alles von neuem beginnen, nach neuen Grundsätzen, die zwar noch

unbekannt sind, aber immerhin nicht schlechter sein können als die der

gegenwärtigen Ordnung; im Gegenteil, sie haben sogar viele Aussicht auf

vollen Erfolg, denn unser Vertrauen gehört der Wissenschaft.

Das wäre die zweite Lösung. Man erwartet den zukünftigen Ameisenbau,

inzwischen aber überschwemmt man die Welt mit Blut. Andere Lösungen der

menschlichen Schuld und der Verbrechen kennt die westeuropäische Welt

nicht.

In der Anschauung des russischen Autors – d. h. in seiner Auffassung von

Schuld und Verbrechen – tritt dagegen deutlich hervor, daß kein

Ameisenbau, kein Triumph des „vierten Standes“, keine Beseitigung der

Armut, keine Organisation der Arbeit die Menschheit vor der Unnormalität

bewahren wird oder würde, und folglich auch nicht vor Schuld und

Verbrechen. Ausgedrückt ist das in einer unvergleichlichen

psychologischen Ergründung der Menschenseele und mit furchtbarer Tiefe

und Kraft durch einen bei uns bisher nicht gekannten Realismus der

künstlerischen Darstellung.

Es ist klar und verständlich bis zur leibhaftigen Sichtbarkeit gezeigt,

daß das Böse im Menschen tiefer sitzt als die Sozialisten annehmen, die

sich als Ärzte aufspielen, daß das Böse sich in keiner sozialen

Organisation, und wäre sie noch so vollkommen, vermeiden läßt, daß die

Seele des Menschen überall dieselbe bleibt, daß das Unnormale und die

Sünde aus ihr allein hervorgehen und daß schließlich die Gesetze des

Menschengeistes noch so unbekannt, von der Wissenschaft noch so

unerforscht, so unbestimmt und so geheimnisvoll sind, daß es bis jetzt

weder gründliche Ärzte noch selbst _endgültige_ Richter gibt und auch

nicht geben kann, außer dem einen, der da sagt: „Die Rache ist mein, ich

will vergelten.“ Nur er allein kennt das _ganze_ Geheimnis dieser Welt

und das definitive Schicksal des Menschen. Der Mensch aber kann sich

noch nicht unterfangen, mit dem Stolz eigener Unfehlbarkeit zu richten,

noch ist _die_ Zeit nicht gekommen. Der Mensch, der Richter ist über

andere, muß von sich wissen, daß er kein endgültiger Richter, vielmehr

selber ein Sünder ist, daß die Wage und das Maß in seiner Hand eine

Absurdität sind, _wenn er sich nicht selbst_ vor dem Gesetz des noch

unerforschlichen Geheimnisses beugt und nicht in dem einzigen Ausweg

seine Zuflucht sucht – in der Barmherzigkeit und in der Liebe. Auf daß

aber der Mensch nicht umkomme vor Verzweiflung und womöglich in der

Überzeugung untergehe, daß das Böse von geheimnisvoller und

verhängnisvoller Unvermeidlichkeit sei, ist dem Menschen eben ein Ausweg

gezeigt. Ihn hat der Dichter mit der Überzeugungskraft des Genies in der

genialen Szene offenbart, die im Krankenzimmer der Heldin des Romans

sich abspielt – wo die Verbrecher und Feinde sich plötzlich in höhere

Wesen verwandeln, in Brüder, die einander alles verzeihen und eben durch

dieses ihr gegenseitiges Verzeihen Lüge, Schuld und Verbrechen von sich

abstreifen und sich dadurch mit einem Schlage selbst rechtfertigen, im

vollen Bewußtsein dessen, daß sie das Recht dazu erhalten haben. Dann

aber, im Schlußteil des Romans, in der schrecklichen Schilderung des

Falles der Menschenseele, der Schritt für Schritt verfolgt wird, in der

Wiedergabe jenes unüberwindlichen Zustandes, wo das Böse sich der Seele

des Menschen bemächtigt und ihn fesselt, jede Bewegung, jede

Widerstandskraft, jeden Gedanken, jede Lust zum Kampf gegen das Böse

lähmt, im Kampf gegen die Finsternis, die sich auf die Seele senkt und

von ihr in der Leidenschaft des Rachedurstes bewußt statt des Lichtes

erwählt wird – in dieser Schilderung liegt für den Richter der Menschen,

der das Maß und die Wage hält, so viel offenbarte Wahrheit, daß er

natürlich erschrocken Bedenken tragen und ausrufen wird: „Nein, nicht

immer ist die Rache mein, nicht immer werde ich vergelten,“ und er wird

nicht unmenschlich dem in Verstocktheit gesunkenen Verbrecher als Schuld

anrechnen, daß er den vom Lichte ewig gewiesenen Ausweg verschmähte und

ihn geradezu _bewußt_ verwarf. Wenigstens wird er sich nicht an den

Buchstaben des Gesetzes halten ...

Wenn wir nun in der Literatur Werke von solcher Gedanken- und

Darstellungskraft besitzen, weshalb sollten wir dann nicht _in der

Folge_ auch _unsere_ Wissenschaft haben können und unsere eigenen

Lösungen der ökonomischen, der sozialen Probleme; weshalb spricht Europa

uns die dazu erforderliche Selbständigkeit ab, die Möglichkeit, daß wir

_unser eigenes_ Wort sagen könnten? Man kann wirklich nicht den

lächerlichen Gedanken gelten lassen, daß die Natur uns Russen nur mit

literarischen Fähigkeiten versehen habe. Alles übrige ist doch eine

Frage der geschichtlichen Entwicklung, der Umstände, der Forderungen der

Zeit. Das könnten sich schließlich auch unsere russischen Europäer

sagen, solange sie noch auf das Urteil der europäischen Europäer über

uns warten müssen ...

Sämtliche Werke 12 · 第 31 / 44 题