Vorrede.
»Abermal eine Reise, und noch dazu in Gegenden, die Jedermann eher
flieht als aufsucht. Es scheint diese Frau macht solche Reisen nur, um
Aufsehen zu erregen.«
»Die erste Reise, für eine Frau _allein_, zwar auch schon ein
ziemliches Wagestück, die könnte man ihr in Gottesnamen noch hingehen
lassen; -- -- da mögen religiöse Ansichten zum Grunde gelegen haben,
und mit solchen, weiß man wohl, leistet der Mensch oft Unglaubliches.
-- Aber nun sieht man keinen vernünftigen Grund mehr ein, ein
ähnliches Unternehmen zu entschuldigen! --«
So, und vielleicht noch strenger, werden wohl die Meisten über mich
urtheilen. -- Und doch thut man mir sehr unrecht. -- Ich bin gewiß
einfach und harmlos, und hätte mir eher alles in der Welt träumen
lassen, als je durch irgend etwas einige Aufmerksamkeit auf mich
zu lenken. -- Ich will nur in Kürze meinen Charakter und meine
Verhältnisse andeuten, da wird dann schon meine Handlungsweise das
Sonderbare verlieren und natürlich erscheinen.
Schon als zartes Kind hatte ich die größte Sehnsucht hinaus in die
Welt zukommen. Begegnete ich einem Reisewagen, blieb ich unwillkürlich
stehen, und sah ihm nach bis er meinen Blicken entschwunden war; ich
beneidete sogar den Postillon, denn ich dachte, er habe die ganze große
Reise mitgemacht.
Als Mädchen von zehn, zwölf Jahren las ich nichts mit größerer
Begierde, als Reisebeschreibungen, und beneidete zwar keinen Postillon
mehr, wohl aber jeden Weltumsegler, jeden Naturforscher.
Oft stahlen sich Thränen in meine Augen, wenn ich einen Berg erstiegen
hatte, andere wieder sich vor mir aufthürmten, und ich nicht hinüber
gelangen, nicht sehen konnte was jenseits lag.
Ich machte manche Reise mit meinen Eltern, und als ich verheirathet war,
auch mit meinem Manne, und blieb erst zurück, als meine beiden Knaben
heranwuchsen, und bestimmte Schulen besuchen mußten.
Die Geschäfte meines Mannes forderten seine Gegenwart theils in Wien,
theils in Lemberg. Er übergab mir daher gänzlich die Erziehung
und Leitung der Knaben; er kannte meinen festen Charakter, meine
Beharrlichkeit in Allem was ich unternahm; er wußte, daß ich ihnen
Vater und Mutter sein würde.
Als die Erziehung meiner Söhne geendet war, und ich in stiller
Zurückgezogenheit lebte, da geschah es, daß meine Jugendträume und
Phantasien nach und nach wieder auftauchten. Ich dachte an fremde Sitten
und Gebräuche, an andere Welttheile, an einen andern Himmel und Boden.
Ich träumte von dem unbeschreiblichen Glücke, jene Orte zu betreten,
die unser Heiland durch seine Gegenwart heiligte, -- und faßte endlich
den Entschluß auch dahin zu wandern.
Ich stellte mir alle Hindernisse und Gefahren vor, ich suchte mich von
diesen Ideen loszureißen -- doch vergebens. -- Aus Entbehrungen
machte ich mir wenig, mein Körper war abgehärtet und gesund, den Tod
fürchtete ich nicht, und im vorigen Jahrhundert geboren, konnte ich
auch _allein_ reisen. Somit war jede Gefahr beseitiget, Alles reiflich
überdacht und überlegt, und ich trat mit wahrem Entzücken die Reise
nach Palästina an, -- und siehe, ich kehrte glücklich zurück. --
Ich glaube nun, weder vermessen gegen Gottes Güte zu handeln, noch der
Sucht nach Bewunderung beschuldigt werden zu können, wenn ich meinem
innern Drange folge, und mich noch weiter in der Welt umsehe. --
_Island_ wählte ich, weil ich da eine Natur zu finden hoffte, wie
nirgends in der Welt. Ich fühle mich in der Anschauung erhabner
Naturscenen so überirdisch glücklich, meinem Schöpfer so nahe
gebracht, daß in meinen Augen keine Beschwerde, keine Mühe zu groß
ist, wenn ich solche Empfindungen darum erkämpfen kann.
Und sollte mich einst auf einer meiner Wanderungen der Tod ereilen,
so werde ich ihm ruhig entgegen sehen, und Gott innig danken für die
heiligen schönen Stunden, welche ich lebte, wenn ich seine Wunder
schaute.
Dich, lieber Leser, bitte ich, mir nicht zu zürnen, daß ich so viel
von mir schrieb. Allein weil diese meine Reisebegierde sich, nach den
Begriffen der meisten Menschen, für eine Frau nicht ziemt, so
mögen diese meine angebornen Gefühle für mich sprechen und mich
vertheidigen.
Beurtheile mich nicht zu strenge, gönne mir vielmehr eine Freude, die
Niemanden schadet und mich so glücklich macht.
_Die Verfasserin._
Abreise von Wien.
Im Jahre 1845 trat ich also abermal eine bedeutende Reise an, und zwar
nach dem hohen Norden. -- _Island_ war eine jener Gegenden, nach denen
ich mich seit dem Anfange meines Denkens sehnte. -- In diesem von der
Natur ganz eigenthümlich ausgestatteten Lande, das wohl nirgends auf
Erden seines Gleichen finden mag, da hoffte ich Dinge zu schauen, die
mich mit neuem, unnennbarem Erstaunen erfüllen würden. -- -- O, mein
gütiger Gott, wie bin ich Dir so dankbar, meine Lieblingsträume sich
in Erfüllung verwandeln zu sehen! --
Von allen meinen Lieben nahm ich dießmal viel leichteren Abschied; ich
hatte nun schon erprobt, daß eine Frau mit festem Willen in der Welt
eben so gut fort kömmt, wie ein Mann, und daß man überall gute
Menschen findet. -- Dazu kam noch, daß die Beschwerden auf dieser Reise
nur kurze Zeit währen dürften, und daß ich in fünf bis sechs Monaten
wieder bei den Meinigen sein konnte.
Am 10. April, Morgens 5 Uhr, reiste ich von Wien ab. -- Da die Donau
kürzlich einige Verheerungen angerichtet hatte, bei denen auch die
Eisenbahn nicht leer ausgegangen war, so legte ich die erste Meile
bis Florisdorf in einem Omnibus eben nicht am angenehmsten zurück. --
Unsere _Omnibuse_ sind so enge und knapp, daß man denken sollte, sie
seien nur für Schwindsüchtige, aber nicht für gesunde, und mitunter
recht stattliche Reisende, die noch zum Ueberfluße mit Mänteln, Pelzen
und Reiseröcken reichlich versehen sind, berechnet.
Kaum an der Linie angelangt, stellte sich uns ein neues Hinderniß
entgegen. Wir gaben nach der Reihe unsere Passirscheine ab, nur der
Letzte, ein junger Mann, war über dieses Begehren ganz erstaunt. Er
hatte nichts bei sich als seinen Paß und seine Zeugnisse, und wußte
nicht, daß ein Passirschein wichtiger sei als jene Beide. Er ging
selbst in die Kanzlei, machte dem Beamten Vorstellungen; -- doch
vergebens -- wir mußten ohne ihn die Reise fortsetzen.
Nun erfuhren wir erst, daß es ein Studierender sei, der soeben seine
Rigorosen geendet, und sich einige Wochen bei seinen Eltern, in der
Nähe Prags, erholen wollte. -- Ach der Arme! Er hatte so viel studiert,
und doch zu wenig! -- Er wußte nicht, daß ein solches Dokument von
so außerordentlicher Wichtigkeit sein konnte. -- Wegen dieses kleinen
Versehens büßte er die Reisespesen bis Prag, die in vorhinein bezahlt
waren.
Doch weiter in meiner Reise.
In Florisdorf überraschte mich freudig die Gegenwart meines Bruders und
meines Sohnes, die mir ungesehen vorgefahren waren. -- Wir bestiegen nun
zusammen die Eisenbahn, um nach Stockerau (drei Meilen) zu fahren; doch
auf halbem Wege mußten wir aussteigen, und ein Stück zu Fuß wandern.
Der Eisenbahn-Damm war hier eingesunken. -- Zum Glück begünstigte
uns das Wetter so weit, daß wir zwar einen furchtbaren Sturm, aber
wenigstens keinen Regen hatten; sonst wären wir ganz durchnäßt
geworden, und würden bis an die Knöchel in Koth gesunken sein. An Ort
und Stelle angelangt, mußten wir unter freiem Himmel so lange warten,
bis die Dampfwagen von Stockerau kamen, ihre Reisenden ausluden und uns
dagegen einnahmen.
In Stockerau nahm ich von meinen Begleitern nochmal Abschied, und wurde
in den Post-Stellwagen gehörig verpackt und weiter spedirt.
Auf dieser kurzen Strecke war dieß nun der vierte Wagen, den ich
bestieg, -- eine große Unannehmlichkeit schon, wenn man nichts bei sich
hat, eine um so größere, wenn man noch für Reisegepäck sorgen muß;
und dafür wüßte ich keine andere Entschädigung, als daß wir diese
4 Meilen um eine halbe Stunde schneller zurücklegten, und anstatt, wie
früher, von _Wien_ bis Prag 9 fl. 36 kr., jetzt von _Stockerau_
bis Prag 10 fl. 10 kr. zahlt, Omnibus und Eisenbahn noch gar nicht
eingerechnet. -- Gewiß, eine theuer erkaufte halbe Stunde.
Das Städtchen _Znaim_ mit einem Kloster in der Nähe, liegt in einer
weiten Ebene, die sich von Wien bis gegen Budwitz, vier Meilen hinter
Znaim, zieht, und deren Einförmigkeit nur hie und da durch niedere
Hügel unterbrochen wird.
Bei Schelletau gewinnt die Gegend ein freundlicheres Ansehen. -- Links
fesselt das Auge ein Kranz von höhern Bergen, geschmückt mit
einer Burgruine, bei deren Anblick man sich an eine jener tragischen
Rittergeschichten aus den vorigen Jahrhunderten erinnern kann; um
den Weg selbst ziehen sich Nadelgehölze, oder sie liegen in schönen
Gruppen auf den Hügeln und in den Thälern zerstreut.