Kurze Uebersicht dieser Reise 215

Vorrede.

»Abermal eine Reise, und noch dazu in Gegenden, die Jedermann eher

flieht als aufsucht. Es scheint diese Frau macht solche Reisen nur, um

Aufsehen zu erregen.«

»Die erste Reise, für eine Frau _allein_, zwar auch schon ein

ziemliches Wagestück, die könnte man ihr in Gottesnamen noch hingehen

lassen; -- -- da mögen religiöse Ansichten zum Grunde gelegen haben,

und mit solchen, weiß man wohl, leistet der Mensch oft Unglaubliches.

-- Aber nun sieht man keinen vernünftigen Grund mehr ein, ein

ähnliches Unternehmen zu entschuldigen! --«

So, und vielleicht noch strenger, werden wohl die Meisten über mich

urtheilen. -- Und doch thut man mir sehr unrecht. -- Ich bin gewiß

einfach und harmlos, und hätte mir eher alles in der Welt träumen

lassen, als je durch irgend etwas einige Aufmerksamkeit auf mich

zu lenken. -- Ich will nur in Kürze meinen Charakter und meine

Verhältnisse andeuten, da wird dann schon meine Handlungsweise das

Sonderbare verlieren und natürlich erscheinen.

Schon als zartes Kind hatte ich die größte Sehnsucht hinaus in die

Welt zukommen. Begegnete ich einem Reisewagen, blieb ich unwillkürlich

stehen, und sah ihm nach bis er meinen Blicken entschwunden war; ich

beneidete sogar den Postillon, denn ich dachte, er habe die ganze große

Reise mitgemacht.

Als Mädchen von zehn, zwölf Jahren las ich nichts mit größerer

Begierde, als Reisebeschreibungen, und beneidete zwar keinen Postillon

mehr, wohl aber jeden Weltumsegler, jeden Naturforscher.

Oft stahlen sich Thränen in meine Augen, wenn ich einen Berg erstiegen

hatte, andere wieder sich vor mir aufthürmten, und ich nicht hinüber

gelangen, nicht sehen konnte was jenseits lag.

Ich machte manche Reise mit meinen Eltern, und als ich verheirathet war,

auch mit meinem Manne, und blieb erst zurück, als meine beiden Knaben

heranwuchsen, und bestimmte Schulen besuchen mußten.

Die Geschäfte meines Mannes forderten seine Gegenwart theils in Wien,

theils in Lemberg. Er übergab mir daher gänzlich die Erziehung

und Leitung der Knaben; er kannte meinen festen Charakter, meine

Beharrlichkeit in Allem was ich unternahm; er wußte, daß ich ihnen

Vater und Mutter sein würde.

Als die Erziehung meiner Söhne geendet war, und ich in stiller

Zurückgezogenheit lebte, da geschah es, daß meine Jugendträume und

Phantasien nach und nach wieder auftauchten. Ich dachte an fremde Sitten

und Gebräuche, an andere Welttheile, an einen andern Himmel und Boden.

Ich träumte von dem unbeschreiblichen Glücke, jene Orte zu betreten,

die unser Heiland durch seine Gegenwart heiligte, -- und faßte endlich

den Entschluß auch dahin zu wandern.

Ich stellte mir alle Hindernisse und Gefahren vor, ich suchte mich von

diesen Ideen loszureißen -- doch vergebens. -- Aus Entbehrungen

machte ich mir wenig, mein Körper war abgehärtet und gesund, den Tod

fürchtete ich nicht, und im vorigen Jahrhundert geboren, konnte ich

auch _allein_ reisen. Somit war jede Gefahr beseitiget, Alles reiflich

überdacht und überlegt, und ich trat mit wahrem Entzücken die Reise

nach Palästina an, -- und siehe, ich kehrte glücklich zurück. --

Ich glaube nun, weder vermessen gegen Gottes Güte zu handeln, noch der

Sucht nach Bewunderung beschuldigt werden zu können, wenn ich meinem

innern Drange folge, und mich noch weiter in der Welt umsehe. --

_Island_ wählte ich, weil ich da eine Natur zu finden hoffte, wie

nirgends in der Welt. Ich fühle mich in der Anschauung erhabner

Naturscenen so überirdisch glücklich, meinem Schöpfer so nahe

gebracht, daß in meinen Augen keine Beschwerde, keine Mühe zu groß

ist, wenn ich solche Empfindungen darum erkämpfen kann.

Und sollte mich einst auf einer meiner Wanderungen der Tod ereilen,

so werde ich ihm ruhig entgegen sehen, und Gott innig danken für die

heiligen schönen Stunden, welche ich lebte, wenn ich seine Wunder

schaute.

Dich, lieber Leser, bitte ich, mir nicht zu zürnen, daß ich so viel

von mir schrieb. Allein weil diese meine Reisebegierde sich, nach den

Begriffen der meisten Menschen, für eine Frau nicht ziemt, so

mögen diese meine angebornen Gefühle für mich sprechen und mich

vertheidigen.

Beurtheile mich nicht zu strenge, gönne mir vielmehr eine Freude, die

Niemanden schadet und mich so glücklich macht.

_Die Verfasserin._

Abreise von Wien.

Im Jahre 1845 trat ich also abermal eine bedeutende Reise an, und zwar

nach dem hohen Norden. -- _Island_ war eine jener Gegenden, nach denen

ich mich seit dem Anfange meines Denkens sehnte. -- In diesem von der

Natur ganz eigenthümlich ausgestatteten Lande, das wohl nirgends auf

Erden seines Gleichen finden mag, da hoffte ich Dinge zu schauen, die

mich mit neuem, unnennbarem Erstaunen erfüllen würden. -- -- O, mein

gütiger Gott, wie bin ich Dir so dankbar, meine Lieblingsträume sich

in Erfüllung verwandeln zu sehen! --

Von allen meinen Lieben nahm ich dießmal viel leichteren Abschied; ich

hatte nun schon erprobt, daß eine Frau mit festem Willen in der Welt

eben so gut fort kömmt, wie ein Mann, und daß man überall gute

Menschen findet. -- Dazu kam noch, daß die Beschwerden auf dieser Reise

nur kurze Zeit währen dürften, und daß ich in fünf bis sechs Monaten

wieder bei den Meinigen sein konnte.

Am 10. April, Morgens 5 Uhr, reiste ich von Wien ab. -- Da die Donau

kürzlich einige Verheerungen angerichtet hatte, bei denen auch die

Eisenbahn nicht leer ausgegangen war, so legte ich die erste Meile

bis Florisdorf in einem Omnibus eben nicht am angenehmsten zurück. --

Unsere _Omnibuse_ sind so enge und knapp, daß man denken sollte, sie

seien nur für Schwindsüchtige, aber nicht für gesunde, und mitunter

recht stattliche Reisende, die noch zum Ueberfluße mit Mänteln, Pelzen

und Reiseröcken reichlich versehen sind, berechnet.

Kaum an der Linie angelangt, stellte sich uns ein neues Hinderniß

entgegen. Wir gaben nach der Reihe unsere Passirscheine ab, nur der

Letzte, ein junger Mann, war über dieses Begehren ganz erstaunt. Er

hatte nichts bei sich als seinen Paß und seine Zeugnisse, und wußte

nicht, daß ein Passirschein wichtiger sei als jene Beide. Er ging

selbst in die Kanzlei, machte dem Beamten Vorstellungen; -- doch

vergebens -- wir mußten ohne ihn die Reise fortsetzen.

Nun erfuhren wir erst, daß es ein Studierender sei, der soeben seine

Rigorosen geendet, und sich einige Wochen bei seinen Eltern, in der

Nähe Prags, erholen wollte. -- Ach der Arme! Er hatte so viel studiert,

und doch zu wenig! -- Er wußte nicht, daß ein solches Dokument von

so außerordentlicher Wichtigkeit sein konnte. -- Wegen dieses kleinen

Versehens büßte er die Reisespesen bis Prag, die in vorhinein bezahlt

waren.

Doch weiter in meiner Reise.

In Florisdorf überraschte mich freudig die Gegenwart meines Bruders und

meines Sohnes, die mir ungesehen vorgefahren waren. -- Wir bestiegen nun

zusammen die Eisenbahn, um nach Stockerau (drei Meilen) zu fahren; doch

auf halbem Wege mußten wir aussteigen, und ein Stück zu Fuß wandern.

Der Eisenbahn-Damm war hier eingesunken. -- Zum Glück begünstigte

uns das Wetter so weit, daß wir zwar einen furchtbaren Sturm, aber

wenigstens keinen Regen hatten; sonst wären wir ganz durchnäßt

geworden, und würden bis an die Knöchel in Koth gesunken sein. An Ort

und Stelle angelangt, mußten wir unter freiem Himmel so lange warten,

bis die Dampfwagen von Stockerau kamen, ihre Reisenden ausluden und uns

dagegen einnahmen.

In Stockerau nahm ich von meinen Begleitern nochmal Abschied, und wurde

in den Post-Stellwagen gehörig verpackt und weiter spedirt.

Auf dieser kurzen Strecke war dieß nun der vierte Wagen, den ich

bestieg, -- eine große Unannehmlichkeit schon, wenn man nichts bei sich

hat, eine um so größere, wenn man noch für Reisegepäck sorgen muß;

und dafür wüßte ich keine andere Entschädigung, als daß wir diese

4 Meilen um eine halbe Stunde schneller zurücklegten, und anstatt, wie

früher, von _Wien_ bis Prag 9 fl. 36 kr., jetzt von _Stockerau_

bis Prag 10 fl. 10 kr. zahlt, Omnibus und Eisenbahn noch gar nicht

eingerechnet. -- Gewiß, eine theuer erkaufte halbe Stunde.

Das Städtchen _Znaim_ mit einem Kloster in der Nähe, liegt in einer

weiten Ebene, die sich von Wien bis gegen Budwitz, vier Meilen hinter

Znaim, zieht, und deren Einförmigkeit nur hie und da durch niedere

Hügel unterbrochen wird.

Bei Schelletau gewinnt die Gegend ein freundlicheres Ansehen. -- Links

fesselt das Auge ein Kranz von höhern Bergen, geschmückt mit

einer Burgruine, bei deren Anblick man sich an eine jener tragischen

Rittergeschichten aus den vorigen Jahrhunderten erinnern kann; um

den Weg selbst ziehen sich Nadelgehölze, oder sie liegen in schönen

Gruppen auf den Hügeln und in den Thälern zerstreut.

Reise nach dem skandinavischen Norden und der Insel Island im Jahre 1845. Erster Band. · 第 10 / 27 题