Zweiundzwanzigstes Kapitel

Stephan tat das Unglaubliche und kam auch über die Weihnachtstage nicht

herunter. Maria hatte ernste Sorge um ihn und dachte mehr als einmal

daran, einen Knecht hinaufzuschicken. Aber dann fürchtete sie wieder, daß

Stephan es als Spionage ansehen könnte und es übel nehmen würde. Sie

hatte in der letzten Zeit Angst vor ihm bekommen, weil er oft bei ganz

unbedeutenden Anlässen in der bittersten Weise aufgefahren war. Nein, man

durfte ihn nicht reizen, er war der Herr ...

Der Altknecht aber war erbittert und ergrimmt über den jungen Klausen und

machte ein Ende.

»Er wolle nicht mit ansehen, wie der alte Hof zugrunde ginge. Er

nicht ...«

Das sagte er Maria frei heraus und ließ sich dieses Mal nicht halten. Sie

versuchte es auch nicht. Mochte er in Gottes Namen gehen. Es gab andere

Knechte. Dieses ewige Gezänke brachte das Ansehen des Hofes herab. Gott

sei Dank, die Klausen bekommen Leute soviel sie wollen ... Freilich, der

Vater täte sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß der Altknecht

geht. So ein braver, fleißiger, treuer Mensch ...

Aber sie blieb doch fest während der ganzen Kündigungszeit und ließ

ihn gehen. Um Neujahr herum kam der neue. Der machte große Augen, als er

hörte, daß der Bauer auf der Alm sei.

Jetzt, um die Zeit ...? Aber er sagte nichts und arbeitete fleißig.

Maria fiel ein, daß sie nun einen Grund hätte, um Stephan einen Zettel zu

schicken. Ungefähr so:

»Der Altknecht ist fort und der neue Knecht noch nicht eingearbeitet.

Vielleicht wäre es gut, wenn Du kämest.«

Sie schrieb es sogar nieder, dann aber zerriß sie das Papier wieder. Nein,

lieber nicht. Wenn er da war, fing der alte Zustand wieder an. Beisammen

sitzen die ganzen Abende und nichts reden. Oder lügen ... Freilich war es

mit ihr jetzt anders. Sie quälte nichts mehr. In ihrem Herzen war es

still und licht. Aber es ihm sagen? Nein! ... oder ihm den Brief zeigen?

Nie! ...

Sie war zu Ende gekommen, er wird auch zu Ende kommen.

So etwas muß jeder allein ausringen, helfen kann da niemand. Und

vielleicht wird er eher fertig damit, da oben in der reinen Höhe.

Währenddem half sie ihm da unten. Ja, sie konnte ihm ein wenig helfen. Den

Hof konnte sie für ihn verwalten während der bösen Zeit, damit er ihn

in alter Ordnung findet, wenn er wiederkommt. Denn er wird wiederkommen.

Vielleicht früher, vielleicht später, aber er wird wiederkommen ...

Und Maria schob die brennende Sorge um die Zukunft weit zurück und versah

ihr Amt mit doppeltem Eifer. Es galt, da zu sein, dort zu sein und überall

zu sein. Das Gesinde hatte seit dem Abgang des alten Knechtes stark

nachgelassen, und der neue Knecht war fleißig, aber er trank. Das war eine

böse Sache.

Einmal stellte sie ihn zur Rede, aber anstatt grob zu werden, was sie als

doppelten Anlaß zur Kündigung erwartet hatte, fing er zu weinen an und

versicherte, es nie wieder zu tun. So behielt sie ihn weiter, aber sie

lebte in beständiger Unruhe, daß irgend etwas passieren könnte. Ein

Streit vielleicht. Wenn die Leute den Wein in sich haben, fahren sie herum

wie Teufel und sind gleich zur Hand mit dem Messer.

Und Stephan kam nicht.

Dafür aber kam eines Tages Nachricht von Therese.

Auf schmutzigem Papier eigentümlich bedrückende Worte:

»Wenn möglich, komme. Es geht nicht gut.«

Maria war überrascht und erschrocken. Sie nahm den Boten in die Küche,

setzte ihm Brot und Wein vor, wollte ihn nach dem Vieh ausfragen und

getraute sich doch nicht. Endlich schämte sie sich ihrer Feigheit und

sagte tapfer:

»Da hat's wohl im Stall ein Unglück gegeben ...?«

Aber der Bote aß und trank, schüttelte den struppigen Kopf und meinte,

er wisse von nichts. Darauf fühlte sich Maria ein wenig erleichtert und

schrieb an Therese, daß sie ja gerne kommen würde, aber Stephan sei

nicht da, und sie könne den Hof unmöglich allein lassen. Wenn aber etwas

Dringendes sei, wolle sie trotzdem kommen. Damit schickte sie den Boten

zurück und wartete voll Bangigkeit auf die Antwort. Sie wartete drei Tage,

und da kam derselbe Bote wieder. Er gab Maria einen Fetzen mit Bleistift

beschmiert:

»Komme trotzdem!«

Da wußte Maria, daß irgend etwas geschehen sein mußte, und sie sandte

Nachricht, daß sie kommen würde. Hastig traf sie ihre Vorbereitungen und

dachte auch daran, um Stephan zu schicken. Aber sie tat es doch nicht. Bis

jemand oben ist, dachte sie, und Stephan unten, vergeht beinahe ein Tag,

und bis dahin bin ich auch wieder da. Aber gerade als sie in ihr großes,

dunkles Tuch gehüllt über den Hof schritt, kam Stephan daher. Im ersten

Augenblick konnte sie es nicht glauben, aber dann flog sie ihm mit einem

erlösten Aufschrei entgegen.

»Stephan!«

Und weil der Hof leer war, schlang sie den Arm um ihn und schluchzte leise.

Da nahm er sie wie ein Kind in die Arme und trug sie zurück in die Stube.

»Wo wolltest du denn hin, Maria?«

Sie fühlte sofort, daß er wieder der Alte war, und weil sie erst jetzt

sah, wie müde und zerquält sein armes, liebes Antlitz war, quoll ein

heißes Mitleid mit seinem Kummer in ihr auf. Sie drückte wie früher

seine Hände an ihre Wangen und setzte sich zu ihm.

»Ich bin so froh, daß du da bist, Stephan. Es ist so viel Neues. Aber

jetzt kann ich es dir nicht sagen ... nur die Hauptsache: Ich muß zu

Therese.«

»Jetzt gleich?«

»Ja, jetzt gleich.«

Sie zeigte ihm den Zettel, und einen Augenblick sahen sie sich stumm in die

Augen. Dann sagte er:

»Soll ich dir nicht jemand mitschicken, Maria?«

Er war voll Sorge, voll Zärtlichkeit. Aber Maria wollte niemand, und

trotzdem es ihr schwer wurde, Stephan gerade jetzt zu verlassen, machte sie

sich auf den Weg. Bei der Türe aber drehte sie sich wieder um und kam zu

Stephan zurück. Es war offenbar, daß sie noch etwas sagen wollte, aber

es dauerte lange, bis sie die richtigen Worte fand. Endlich aber wußte sie

es, und schon wieder zur Türe gewendet, sagte sie:

»Zeig dich den Leuten, Stephan ...«

Der Klausenhof: Roman · 第 33 / 46 题