Mit dem Cambarysu wollen wir den Rundblick auf die physikalischen
Errungenschaften der Naturvölker einstweilen beschließen. Dieser
kleine Wunderapparat wendet sich bewußt an die nur geringe Schar
der Eingeweihten. Das ist falsche Bescheidenheit, denn ein kurzer
Überschlag alles von uns Gebrachten beweist doch unzweideutig, daß die
Naturvölker keineswegs jene halb- oder ganztierischen Lebewesen sind,
für die sie in Laienkreisen so oft gehalten werden. Alle Völker der
Erde sind, wie wir in den Kosmosbändchen so oft betont haben, gleich
alt, und alle haben genugsam Zeit und Gelegenheit gehabt, Erfahrungen
zu sammeln und Entdeckungen und Erfindungen der verschiedensten Art
zu machen. Wenn die weiße Rasse dabei ungleich erfolgreicher gewesen
ist als alle übrigen, so haben ihr dabei zahlreiche Umstände geholfen,
auf die hier einzugehen wir um so weniger Veranlassung haben, als der
Unterschied keineswegs dem Wesen, sondern lediglich dem Grade nach
besteht. Ganz ohne Errungenschaften ist nicht einmal das primitivste
Völkchen geblieben, ja die Mehrzahl kann sich sogar eines oft nicht
einmal unbeträchtlichen Schatzes an technischen Mitteln rühmen.
Aber die Herrschaft über die Natur? Besitzen sie auch die? In dem Sinn,
wie wir sie auffassen, sicherlich nicht; weder verfügen sie so souverän
über die Kräfte der Luft und des Wassers, noch über die der Tierwelt,
des Dampfes, der Elektrizität und der explosiblen Gase, wie wir das von
uns rühmen. Aber Herrscher sind sie bei alledem doch, wenn auch nur
über ihren eigenen, mehr oder weniger beengten Lebensraum. Und auch
das verstehen wir zuweilen falsch. Wie bedauern wir den unglückseligen
Buschmann in seiner kargen Heimat! Kaum jemals fühlbarer Überfluß,
dafür aber um so häufiger der bitterste Mangel an allem, was uns zur
bloßen Fristung des nackten Daseins erforderlich dünkt. Dabei fühlt
sich dieser Wilde in seinem Dasein entschieden geborgener als mancher
Großstadtbewohner in dem seinigen. Das Nahrungsbedürfnis? Als Sammler
und Jäger kennt er alle Schliche und Methoden, die seiner Umwelt
angepaßt sind. Die in jenen Regionen doppelt brennende Wasserfrage?
Auch sie hat er zu lösen verstanden allezeit, vom Völkchen der
Buschmänner lebte sonst längst nicht einer mehr. Wie im wahrsten Sinn
souverän deren Herrschaft über ihre Heimat ist, lehrt nichts besser
und einwandfreier als die noch immer zu wenig beachtete Tatsache,
daß alle die Herero, die nach der Schlacht am Waterberg im August
1904 nach Osten in das Sandfeld zogen, sich nur dadurch vom sicheren
Untergang haben retten können, daß sie sämtliche Lebensgewohnheiten der
vordem von ihnen so verachteten Vorbewohner dieser Region, eben der
Buschmänner, sklavisch angenommen haben.
So ist es allerorts; in allen Zonen hat der Mensch sich förmlich erst
seine Lebensbasis geschaffen, sowenig das scheinbar rein vegetative,
pflanzenähnliche Dahindämmern so manches Naturvolkes dafür zu
sprechen scheint. Um das im einzelnen zu beweisen, müßte man eine
umfassende Völkerkunde größten Umfanges schreiben. Einige wenige
Belege rein _physikalischen_ Charakters haben wir in den vorstehenden
Ausführungen gebracht, die gleichsam nur als Stichproben aus dem
gesamten Kenntnisschatz der Naturvölker betrachtet sein wollen. Den auf
vorwaltend _chemischer_ Grundlage beruhenden Errungenschaften soll das
nächste Kosmosbändchen gewidmet sein. Somit bleibt uns heute nur noch
die Aufgabe einer mehr andeutungsweisen, unsystematischen Übersicht
wenigstens der Hauptsache dessen, was unsere so oft falsch beurteilten
Freunde an weiteren physikalischen Leistungen und Kenntnissen zu
verzeichnen haben.
Wie weit reicht die künstliche Beleuchtung der menschlichen Wohnung
zurück? Nun, sicher doch ebensoweit, wie das Feuer im Dienst
unseres Geschlechtes steht; das Herdfeuer seiner Urhütte diente am
Abend zugleich auch zu deren Erhellung. Auf dieser Stufe stehen
seltsamerweise die meisten Naturvölker noch heute; sie haben kein
höheres Lichtbedürfnis, sondern sitzen bis zum frühen Schlafengehen
malerisch um ihr Universalfeuer herum. Kienspan, Fackel und Lampe
sind unter diesen Umständen nur dünn verteilt zu finden, jener im
alteuropäischen Kulturkreis, die Fackel aus Pflanzenharzen und stark
ölartigen Früchten bei westafrikanischen und malaio-polynesischen
Völkerschaften, die Lampe endlich bei den Eskimo und im alten
Südeuropa. Schalenförmige Steine, die man als Lampen deutet,
hat man neuerdings in südfranzösischen Höhlen des ausgehenden
Paläolithikums gefunden; sie wie auch die Specksteinlampe der Eskimo
brennen nur mit Hilfe eines Dochtes, und bestehe er auch nur aus
einem zusammengedrehten Pflanzenflöckchen; sie beruhen also auf dem
Gesetz der Kapillarität, deren wenn auch unbewußte Heranziehung in
die menschliche Wirtschaft damit bis in überraschend ferne Zeiten
zurückreicht. Unter Kapillarität verstehen wir die Erscheinung, daß
in engen Röhren, die man in eine Flüssigkeit taucht, diese höher oder
tiefer steht als außerhalb. Die Erscheinung erklärt sich aus der
molekularen Anziehung zwischen den Flüssigkeitsteilchen unter sich (der
Kohäsion) und zwischen den Teilchen der Flüssigkeit und der festen Wand
(der Adhäsion). Ihre Wirkungsweise kann jedes Schulkind tagtäglich an
seinem Löschblatt feststellen. Badeschwamm, Handtuch, Pinsel und Docht
beruhen auf demselben Prinzip.
Für den einzelnen Mitteleuropäer gibt es insofern keine
Trinkwasserfrage, als er bloß an die Wasserleitung oder an den Brunnen
zu gehen braucht. Beim Primitiven liegt die Sache so einfach nicht;
in Trockengebieten bedroht ihn ständig die Frage der Beschaffung
schlechthin; in Sumpfregionen oder solchen des Brackwassers muß er sich
fragen: Wie mache ich die Flüssigkeit genießbar und bekömmlich? Beide
Zwangslagen haben selbst schon die einfachsten Menschheitsgruppen zu
den mannigfachsten Maßnahmen und Einrichtungen veranlaßt, so daß ein
Ethnologe neuerdings ein ganzes Buch über den Gegenstand schreiben
konnte.[11]
Uns galt das Seewasser so lange für gänzlich unbenutzbar, bis wir es
destillieren lernten. Wenn den Andamanesen und den Mikronesiern auf
ihren langen Seefahrten das Süßwasser ausgegangen ist, springen sie
morgens und abends je für lange Zeit in die salzige Flut, wodurch
der Körper durch die Hautporen Wasser aufnimmt. Das rettet sie
immerhin eine ganze Zeitlang vor dem Verdursten. Von den Polynesiern
wird berichtet, daß sie neben Wasservorräten stets auch solche
von bestimmten Pflanzen mitnehmen. Das Kauen dieser Blätter soll
die Wirkung haben, daß man Seewasser genießen kann, ohne Schaden
zu erleiden. Sickerlöcher für Brack- und Sumpfwasser finden sich
vielerorts; im Gebiet des Schari südöstlich vom Tschadsee liegen sie
bis zu 2 Kilometer vom Fluß ab, und im Lande Bornu umsäumen sie ganz
systematisch die modrigen und brackigen Seen des Landes. Man hat also
Sand und Kies als treffliche Filter erkannt. Für die Filtrierung des
Meerwassers dienen auf vielen Südseeinseln ganz gleichartige, im Innern
des Landes abgeteufte Anlagen. Selbst das von vielen Ethnologen als
besonders primitiv angesehene Völkchen der Wedda auf Ceylon greift zu
ihnen, da man das Wasser von Tümpeln und selbst dasjenige klarer Flüsse
für giftig hält.
Eine recht niedliche Erfindung wird von den Australiern berichtet.
Diesen fehlt die Töpferei, so daß sie sich mit flachen Rindenmulden
für den Wassertransport behelfen müssen. Um ein Ausschwappen
und Ausspritzen des in diesem Lande doppelt kostbaren Inhalts
zu verhindern, bedecken sie ihn mit buschigen Zweigen. Bei den
Völkern des südlichen Deutsch-Ostafrika traf ich dasselbe Verfahren
an; es entspricht vollständig der Verwendung jener kleinen
Bretterkreuze, die bei uns zu Lande auf die gefüllten Wasser- oder
Milcheimer gelegt werden. Physikalisch fällt die Erscheinung unter
den Begriff der Interferenz, d. h. der gegenseitigen Einwirkung
zusammentreffender Wellen. Begegnen sich auf einer Wasserfläche zwei
gleiche Wellensysteme, so wirken sie bei ihrer Durchkreuzung derart
aufeinander ein, daß an allen Stellen, wo die Wellenberge des einen
Systems mit den Wellenbergen des andern zusammentreffen, das Wasser zu
doppelter Höhe erhoben, an den Stellen, wo zwei Täler zusammenkommen,
zu doppelter Tiefe herabgedrückt wird, während es dort, wo je ein
Wellenberg mit einem Wellental zusammenfällt, seine ursprüngliche
Höhenlage beibehält. Das Entstehen solcher überhohen Wellenberge durch
Einlegen von Fremdkörpern zu verhüten, ist der Zweck der einfachen,
aber sinnreichen Einrichtung.
Mit dem Begriff des spezifischen Gewichts ist der Mensch vertraut
geworden, seitdem er zum erstenmal selbst ins Wasser gegangen oder
sich ihm auf einem schwimmenden Fremdkörper anvertraut hat. Hätte er
sein absolutes Gewicht feststellen können und es durch sein Volumen
dividiert, so würde er haben feststellen müssen, daß er leichter war
als das Wasser, trotzdem sein erster Schwimmversuch dem Anschein nach
das Gegenteil erwies.
Neben Schwimmen und Schiffahrt spielt das spezifische Gewicht im Leben
der Naturvölker wohl nur dort eine Rolle, wo es auf das Abscheiden
fester Bestandteile aus Flüssigkeiten ankommt. Bei dem Auspressen
des Maniokmehls mit dem Tipití unter den Amazonasindianern nimmt der
abfließende Saft noch eine Menge feinverteilter fester Teilchen mit,
die sich in der untergestellten Schale sammeln. Die Indianerfrau
läßt das volle Gefäß ruhig stehen; die festen Teilchen setzen sich
ab, werden abgegossen und ergeben getrocknet ein Mehl, das von den
Indianern weit höher geschätzt wird als die ausgepreßte Masse selbst.
Weit allgemeiner findet sich der gleiche Prozeß überall dort, wo der
Sago den Grundstock der Nahrung bildet, also in ganz Hinterindien, im
Malaiischen Archipel und auf Neuguinea. Die Sagopalme hat die angenehme
Eigenschaft, in ihrem ganzen Innern aus der geschätzten Speise zu
bestehen, nur daß sie einstweilen noch innig mit holzigen Bestandteilen
durchsetzt ist. Hat man den übermannsstarken Baum gefällt, so gilt
es, dieses durchwachsene Mark herauszuschlagen und zu zerkleinern,
was mit stumpfen Hacken oder Klöpfeln verschiedener Konstruktion
geschieht. Dann endlich erfolgt der Abscheidungsprozeß. Wie er am
Kaiserin-Augusta-Fluß in Kaiser-Wilhelms-Land durchgeführt wird, zeigt
Abbildung 42. Man wählt einen Trog, nämlich den unteren konischen
Teil einer der gewaltigen Blattscheiden des Sagobaumes selbst, legt
ihn etwas schräg auf Böcke und baut in das tiefer liegende Ende ein
Gitter aus feinen Stäben ein, gegen welches sich ein Stück getrockneter
Kokosblattscheide als eigentlicher Filter legt. Im Troge selbst knetet
man nun die rohe Masse mit Wasser durch, wobei die Späne zurückbleiben,
während das Sagomehl mit dem Wasser durch eine vorgesetzte steile
Rinne in einen auf dem Boden stehenden Behälter abfließt. Der weitere
Vorgang gleicht dem der Behandlung des Maniokmehls.
Die letzten, hier noch eben zu streifenden Errungenschaften ragen
gewissermaßen schon in die höhere Technik herein; sie eignen sich
demgemäß auch vortrefflich zu einem natürlichen Abschluß. Die eine ist
die Töpferscheibe; andere hängen eng mit den Anfängen der Metalltechnik
zusammen; die letzten schließlich fallen unter den Begriff der
Elastizität.
[Illustration: Abb. 42. Sagoschlämmen am Sepik, Neuguinea. (Nach
Reche.)]
Die Töpferscheibe ist eine senkrecht stehende Achse mit einer schweren
Scheibe in Tritthöhe unten und einer kleineren auf dem oberen
Achsenende. Der Töpfer versetzt die Maschine durch Treten der unteren,
zugleich als Schwungrad dienenden Scheibe in Rotation, während er mit
den Händen auf der oberen die Tonmasse formt; also eine höchst einfache
Vorrichtung. Trotzdem -- vielleicht auch gerade deshalb -- ist man
über Alter und Herkunft noch immer nicht unterrichtet. In Ägypten ist
sie uralt, bei uns erscheint sie erst mit den Slawen, also vor noch
nicht 1½ Jahrtausenden; bei den Naturvölkern existiert sie gar nicht
oder doch nur in leisen Anfängen in Gestalt von Topfscherben, die
die Töpferin bei ihrer Modellierarbeit als immerhin schon drehbare
Unterlage benutzt. Die Rotation hat unserm Geschlecht, wie man immer
wieder sieht, überraschend viele Schwierigkeiten bereitet.
Die vorkolumbische Menschheit schied sich in zwei große Teile: den
metallverarbeitenden Westen, aus Europa, Asien und Afrika bestehend,
und den metallosen Osten, der aus Australien, Ozeanien und Amerika
bestand. Wer das erste Kupfer geschmolzen und verarbeitet, die erste
Bronze legiert und das erste Eisen verhüttet hat, ist noch immer
eine Streitfrage, doch denkt man bei Kupfer und Bronze einheitlich
wenigstens an den vorderasiatisch-europäischen Kulturkreis. Beim
Eisen ist man nicht einmal so weit, da für seine Entdeckung und erste
Verarbeitung auch die Neger Afrikas in Frage kommen können; ja,
Professor v. Luschan hat direkt den Beweis zu führen versucht, daß
unsere Eisentechnik aus Afrika komme, also beim Neger älter sei als
selbst im alten Orient. Träfe das zu, so bedeutete es einen ungeheuern
Triumph für diese Rasse, zugleich allerdings auch einen ebenso
niederschmetternden Beweis für ihre technische Unfähigkeit, etwas nicht
einmal ohne Geschick Errungenes nun auch zielbewußt weiter auszubauen.
[Illustration: Abb. 43. Afrikanische und malaiische Blasebälge beim
Verhüttungsprozeß.]
Die Anfänge sind in der Tat vollkommen sachgemäß und einwandfrei:
richtige Hochöfen vom Prinzip unseres älteren rheinischen Ofens
mit Gicht, Schachtraum, Rast, Schmelzraum und Herd und vollkommen
rationeller Beschickung mit abwechselnden Lagen von Holzkohle und
Eisenstein; dazu Einlaßdüsen für Gebläse, die das Erz zwar nicht bis
zum Schmelzfluß bringen, wohl aber zum Zusammensintern, so daß es sich
mit leichter Mühe aus der entstandenen Luppe herausschmieden läßt. Also
alles in allem ein vortrefflicher, vielversprechender Auftakt, nur
schade, daß das Stück nicht weitergeführt worden ist.
Genau dasselbe Bild zeigen die Gebläse. Abbildung 43 zeigt die
beiden afrikanischen Typen kombiniert mit dem malaiischen. Von jenen
besteht der eine aus einem abgezogenen Tierbalg mit drei zugebundenen
Beinen, während in das vierte die zum Hochofen oder Schmiedefeuer
führende Düse eingefügt ist. Ventil ist der oben belassene
Schlitz, der beim Herunterdrücken mit Hilfe zweier angebundener
Längsstäbchen geschlossen, beim Hochziehen geöffnet wird. Das ist
der Schlauchblasebalg. Der andere Typ besteht aus einer Art großen
Doppellöffels aus Holz oder Ton, dessen beide Aushöhlungen mit Fell
oder großen Blättern überspannt sind, in deren Mitte je ein langer Stab
eingebunden ist. Das ist der Gefäßblasebalg. Die Handhabung geschieht
durch abwechselndes Heben und Senken beider Stäbe, wodurch ein
annähernd gleichmäßiger Luftstrom entsteht. Der malaiische Blasebalg
endlich gleicht im Aufbau unserer Saug- und Druckpumpe, wie sie
jedermann von der Feuerspritze her kennt: in den Bambuszylindern laufen
an Stöcken befestigte Kolben auf und nieder und pressen die Luft in die
seitlich angesetzte Düse.
[Illustration: Abb. 44. Schwippgalgen, in ganz Mittel- und Südafrika
angewandt.
(Nach Weule, Negerleben in Ostafrika.)]
Allen drei Systemen gemeinsam ist der Mangel an eigentlichen Ventilen,
d. h. Klappen, durch welche die Luft beim Hub von unten her oder
seitlich zugeführt werden könnte; überall muß sie sich vielmehr einen
Weg durch die Düse selbst oder, wie beim malaiischen Blasebalg, an der
Undichtigkeit der Stempel entlang suchen. Hier sind wir also an der
oberen Grenze des Schlußvermögens jener Rassen angelangt; darüber hilft
auch der Umstand nicht hinweg, daß der Malaie sich die Elastizität
der eingespannten Bambusstange zunutze macht, die ihn wenigstens des
Stempelhubs überhebt und dadurch nicht unerheblich entlastet.
Mit der Elastizität haben sich sowohl der Arktiker wie der Südasiat und
der Neger ungleich besser zu stellen verstanden als mit so knifflichen
Fragen wie der des Ventils, was aus der unendlich langen Holzzeit,
welche die junge Menschheit hat durchlaufen müssen, durchaus erklärlich
erscheint. Das Hauptverwendungsbereich liegt natürlich da, wo es auf
die Auslösung plötzlicher Energie ankommt, also beim Bogen und der
Armbrust und den unterschiedlichen Tierfallen. Alle drei sind so späte
Errungenschaften, daß sie nicht Zeit gefunden haben, den Weg um die
ganze Erde zurückzulegen. Mehrfach erfunden zu werden, sind sie aber
bereits zu kompliziert, so einfach sie uns verwöhnten Europäern auch
erscheinen mögen. Abbildung 44 zeigt den indonesisch-afrikanischen
Haupttypus, Abbildung 45 eine in Hinterindien heimische Form dieser
Tierfallen. Jeder halbwüchsige europäische Knabe wird imstande sein,
die Konstruktion alsbald nachzuempfinden und zu erläutern; wieviel
Generationen sich aber dort unten am Äquator den Kopf an dieser
immerhin nicht ganz kleinen Häufung physikalischer Probleme zermartert
haben mögen, bis das Werk zu der heutigen Vollendung heranreifte, das
ist nicht auszudenken.
[Illustration: Abb. 45. Selbstschuß bei den Senoi, Malakka.]
Fußnoten:
[1] _K. Weule_, Die Kultur der Kulturlosen. Kosmos, Gesellschaft der
Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung. Stuttgart 1910. S. 51-60.
Auch die beiden anderen einschlägigen Kosmosbändchen »Kulturelemente
der Menschheit« und »Die Urgesellschaft und ihre Lebensfürsorge« sind
in den folgenden Ausführungen oftmals herangezogen worden.
[2] Illustrierter Führer durch die vorgeschichtliche Abteilung des
Weimarer Städtischen Museums. Herausgegeben im Auftrage der Stadt
Weimar von Armin Möller, Kustos. Verlag des Städtischen Museums.
[3] _L. v. Pfaundler_, Die Physik des täglichen Lebens. 3. Auflage.
Stuttgart und Berlin 1913. S. 272. Auf das ausgezeichnete Buch hat
oftmals zurückgegriffen werden können.
[4] _A. Heilborn_, Allgemeine Völkerkunde. ~I.~ Aus Natur und
Geisteswelt Nr. 487. S. 64.
[5] _H. Th. Horwitz_, Beiträge zur außereuropäischen und
vorgeschichtlichen Technik. Jahrbuch des Vereins deutscher Ingenieure.
1916. Bd. 7. S. 181; _F. M. Feldhaus_, Über die Saftpresse der
Guayana-Indianer. Zeitschrift für angewandte Chemie. Jahrgang 31.
Nr. 53 vom 2. Juli 1918; _K. Weule_, Zusammenhänge und Konvergenz.
Petermanns geograph. Mitteilungen. 1920. S. 70.
[6] _O. T. Mason_, ~The human beast of burden~. ~Report of the United
States National Museum 1887~, S. 255.
[7] _Berthold Laufer_, ~Chinese pottery of the Han Dynasty~. Leiden
1909, S. 72 ff.
[8] _Globus_, Band 79 und 80; _M. P. Porsild_, ~The principle of the
screw in the technique of the Eskimo~. ~American Anthropologist. N. S.
Vol. 17~, Nr. 1; _B. Laufer_, ~The Eskimo screw as a Culture-Historical
Problem~, ebenda, Nr. 2; _Horwitz_, a. a. O.
[9] Vgl. _Walther Vogel_, Geschichte der deutschen Seeschiffahrt. ~I.~
Berlin 1915. S. 515.
[10] Vgl. Dr. _P. Hambruch_, Die Schiffahrt auf den Karolinen- und
Marshall-Inseln. Meereskunde. Sammlung volkstümlicher Vorträge.
6. Jahrgang, 6. Heft. S. 10.
[11] Dr. _A. Haberlandt_, Die Trinkwasserversorgung primitiver Völker.
Petermanns geogr. Mitteilungen. Erg.-Heft 174. Gotha 1912.