Zu dem Fischer mit dem Drachen gesellt sich der andere mit Wurfspeer
und Bogen und Pfeil; während aber jener nur auf die angegebenen Teile
Ozeaniens und Indonesiens beschränkt ist, kehrt dieser in allen
Erdteilen wieder. Zudem muß zum mindesten der Speerwurf nach dem
Fisch uralt sein, denn er wird gerade von den allertiefststehenden
Völkern gern geübt. Der Bogen hingegen ist eine verhältnismäßig junge
Erfindung, die bei uns einwandfrei erst von der jüngeren Steinzeit an
nachweisbar ist.
Die naheliegende Frage ist nun: Wie hat sich der Schütze bei seinem
Beginnen zu verhalten? Zielt er auf den Fisch selbst, oder über oder
unter ihn? Daß ein Stock, wenn man ihn schräg ins Wasser hält, nach
oben geknickt erscheint, beobachtet jedes Kind, es kann sich jedoch
die Erscheinung nicht erklären. Später hört es dann im Unterricht von
der Brechung des Lichts beim Übergang von einem Medium in ein anderes
und sieht nunmehr die Sache schon mit etwas mehr Verständnis an.
Ein gefälliger Erwachsener zeigt ihm schließlich den von dem alten
griechischen Mathematiker Euklid schon vor 2200 Jahren angestellten
Versuch mit der Silbermünze in der undurchsichtigen Schüssel, worauf
es keinen Augenblick länger im Zweifel sein wird, daß der Gegenstand
selbst sich tiefer befindet als es den Anschein hat. Jener Versuch
besteht bekanntlich darin, daß man die Münze in der leeren Schüssel so
legt, daß der etwas abseits stehende andere sie eben gerade nicht mehr
sieht. Füllt man dann die Schüssel vorsichtig mit Wasser, so taucht die
Münze für den Beobachter nach und nach über dem Schüsselrand auf, bis
sie schließlich vollkommen sichtbar ist, während sie in Wirklichkeit
noch unverrückt in ihrer alten Tiefe liegt.
Den Urmenschen hat niemand weder mit Versuchen beglückt noch über
Brechungsgesetze unterrichtet, und doch haben er und seine Nachfahren
gelernt, mit Brechungsquotienten zu rechnen. Wie ungezählt viele
Fehlwürfe und Fehlschüsse ihn das gekostet hat und noch heute jeden
angehenden Wasserschützen kosten mag, ist gar nicht auszudenken. Hier
hat die Empirie, die Erfahrung, das Maximum an Arbeit verlangt, aber
auch einen ihrer größten Triumphe gefeiert.
Wie sich der Vorgang im einzelnen abspielt, läßt sich bequem aus der
Abbildung 40 ersehen. Die Brechung der von Gegenständen unter dem
Wasser ausgehenden Lichtstrahlen hat zur Folge, daß sie uns näher der
Wasseroberfläche zu liegen scheinen, als es in Wirklichkeit der Fall
ist. So erscheint der Fisch ~F~, wenn wir ihn von ~a~ aus erblicken,
in ~F′~ zu sein. Ist aber das Auge in ~a′~, so scheint er uns in ~F″~
zu stehen. Die scheinbare Erhöhung wird also immer größer, je schiefer
wir auf die Wasserfläche schauen; auch nimmt sie dabei immer rascher
zu. Will man daher Fische schießen, so muß man stets tiefer zielen, und
zwar um so mehr, je geneigter die Schußrichtung ist. Die »wilden« Jäger
wissen das ganz genau, sind auch sonst über die Schwierigkeiten gut
unterrichtet, vor allem über die Notwendigkeit, ein festes »Abkommen«
zu haben. Daher das häufige schräge Eintauchen des Pfeils in das
Wasser, um den Grad der Lichtbrechung zu prüfen; daher bei vielen
Indianern Südamerikas auch das Hineinwerfen einer leuchtend roten Beere
in den Fluß, um in dem Augenblick, wo ein von unten zuschnappendes
Fischmaul sie verschlingen will, den Pfeil zu entsenden.
[Illustration: Abb. 40. Erklärung des Fischschießens. Die scheinbare
Höhe der Fische unter Wasser.]
[Illustration: Abb. 41. Ostafrikanisches Telephon. (Nach Weule.)]
Auf dem Gebiet der Akustik besteht die höchste Leistung der Naturvölker
in der Besiegung des Raumes durch den sozusagen artikulierten Schall,
durch die Signal- oder Trommelsprache. Vollendeter zwar ist das
niedliche Telephon, das sich ostafrikanische Kinder konstruieren. Es
ist in der Literatur schon seit den 1890er Jahren bekannt, doch fehlt
es in den meisten Sammlungen. Im Süden von Deutsch-Ostafrika habe ich
1906 ein paar Belegstücke erlangen können. Abb. 41 zeigt ein solches
Telephon, bei dem es sich ganz offenbar um eine allerdings sehr
geschickte Entlehnung aus europäischen Spielwarenläden handelt. Wie
man sieht, besitzen diese Telephone die Form einer kleinen Trommel aus
Holz oder Flaschenkürbis, deren obere Öffnung mit der feinen enthaarten
Haut eines bestimmten Nagetieres überspannt wird. Die Leitung, eine
sehr dünne, gut gearbeitete Pflanzenfaserschnur, wird durch ein enges
Löchlein in der Mitte der Membran gezogen und durch einen Knoten am
Durchgleiten verhindert. Die Apparate arbeiten ausgezeichnet; man kann
sich bei straff angespannter Schnur auf 100 Meter und mehr -- länger
sind die Leitungen nicht -- sehr gut durch sie verständigen. Welches
Gesetz für das Leitungsvermögen einer solchen Schnur in Frage kommt,
entzieht sich meiner Beurteilung; dazu bin ich nicht Physiker genug.
Alle übrigen akustischen Verständigungsmittel, soweit sie auf der
Trommel beruhen, haben den Vorzug, ureigenes Gut der Naturvölker
zu sein. Die Erfindung einer Signalsprache ist nicht schwer, denn
die Beobachtung, daß die stärkere Holzwand eines ausgehöhlten
Holztroges einen tieferen Ton gibt als die schwächere, liegt nahe. Die
konventionelle Einführung einer Art Morsesystems in Gestalt tieferer
und höherer Töne für bestimmte Begriffe unter den Stammesgenossen
bringt die Erfindung dann ebenso leicht zum Abschluß.
Zu einer wirklichen Trommelsprache gehört allerdings doch wohl noch
mehr. Ihre höchste Entfaltung hat sie in den küstennahen Gegenden
Äquatorial-Westafrikas gefunden, wo die Eingebornen sich mühelos die
längsten Geschichten über weite Entfernungen hin erzählen. Das ist
nun ein Gebiet, wo manche Sprachen von sogenannten Tonhöhen oder
musikalischen Akzenten durchsetzt sind, wo mit anderen Worten die
Bedeutung der Silben mit der Art der Aussprache wechselt, ganz wie
im Chinesischen auch. An diesen Umstand knüpft Prof. v. Luschan an,
indem er meint, daß gerade erst dieser besondere Sprachcharakter die
wesentlichste Vorbedingung für jene Vollentwicklung der Trommelsprache
gewesen sei. Ob diese Vermutung durch weitere phonetische und
linguistische Untersuchungen über Bord geworfen oder bestätigt werden
wird, muß die Zukunft lehren; in jedem Fall hatte die vollendete
Durchführung jener Errungenschaft ihren Besitzern ein bedeutendes
Übergewicht über ihre Nachbarn eingetragen, bis die Herrschaft der
Europäer das alles wieder ausgeglichen hat.
Die allerfeinste Heranziehung der Akustik durch Naturvölker findet
sich jedoch im tropischen Südamerika. In Ethnologenkreisen ist sie
unter dem Namen Cambarysu bekannt und berühmt. Das sind ebenfalls
Schlitztrommeln aus Holz, die von den Eingebornen so untergebracht und
aufgestellt werden, daß ihre Töne ausschließlich an den gewünschten
Punkten, nämlich gleichartigen »Stationen«, vernommen und gedeutet
werden können. Zu dem Zweck baut man bei den Catuquinaru besondere
Häuschen und stellt die Trommel darin in eine mit Holzstücken gefüllte
Grube, die bei anderen Stämmen wegfällt. Trommeln nun die Männer in der
Morgenstille, so werden die Zugänge zum Aufstellungsraum verschlossen
gehalten, damit die Tonwellen nicht vom Walde verschluckt werden,
sondern sich konzentrieren, durch die Giebel des Hauses entweichen und
sich erst über den Wipfeln der Bäume in der freien Luft ausbreiten.
Also eine leibhaftige Telephonie ohne Draht!