11. Licht und Schall.

Zu dem Fischer mit dem Drachen gesellt sich der andere mit Wurfspeer

und Bogen und Pfeil; während aber jener nur auf die angegebenen Teile

Ozeaniens und Indonesiens beschränkt ist, kehrt dieser in allen

Erdteilen wieder. Zudem muß zum mindesten der Speerwurf nach dem

Fisch uralt sein, denn er wird gerade von den allertiefststehenden

Völkern gern geübt. Der Bogen hingegen ist eine verhältnismäßig junge

Erfindung, die bei uns einwandfrei erst von der jüngeren Steinzeit an

nachweisbar ist.

Die naheliegende Frage ist nun: Wie hat sich der Schütze bei seinem

Beginnen zu verhalten? Zielt er auf den Fisch selbst, oder über oder

unter ihn? Daß ein Stock, wenn man ihn schräg ins Wasser hält, nach

oben geknickt erscheint, beobachtet jedes Kind, es kann sich jedoch

die Erscheinung nicht erklären. Später hört es dann im Unterricht von

der Brechung des Lichts beim Übergang von einem Medium in ein anderes

und sieht nunmehr die Sache schon mit etwas mehr Verständnis an.

Ein gefälliger Erwachsener zeigt ihm schließlich den von dem alten

griechischen Mathematiker Euklid schon vor 2200 Jahren angestellten

Versuch mit der Silbermünze in der undurchsichtigen Schüssel, worauf

es keinen Augenblick länger im Zweifel sein wird, daß der Gegenstand

selbst sich tiefer befindet als es den Anschein hat. Jener Versuch

besteht bekanntlich darin, daß man die Münze in der leeren Schüssel so

legt, daß der etwas abseits stehende andere sie eben gerade nicht mehr

sieht. Füllt man dann die Schüssel vorsichtig mit Wasser, so taucht die

Münze für den Beobachter nach und nach über dem Schüsselrand auf, bis

sie schließlich vollkommen sichtbar ist, während sie in Wirklichkeit

noch unverrückt in ihrer alten Tiefe liegt.

Den Urmenschen hat niemand weder mit Versuchen beglückt noch über

Brechungsgesetze unterrichtet, und doch haben er und seine Nachfahren

gelernt, mit Brechungsquotienten zu rechnen. Wie ungezählt viele

Fehlwürfe und Fehlschüsse ihn das gekostet hat und noch heute jeden

angehenden Wasserschützen kosten mag, ist gar nicht auszudenken. Hier

hat die Empirie, die Erfahrung, das Maximum an Arbeit verlangt, aber

auch einen ihrer größten Triumphe gefeiert.

Wie sich der Vorgang im einzelnen abspielt, läßt sich bequem aus der

Abbildung 40 ersehen. Die Brechung der von Gegenständen unter dem

Wasser ausgehenden Lichtstrahlen hat zur Folge, daß sie uns näher der

Wasseroberfläche zu liegen scheinen, als es in Wirklichkeit der Fall

ist. So erscheint der Fisch ~F~, wenn wir ihn von ~a~ aus erblicken,

in ~F′~ zu sein. Ist aber das Auge in ~a′~, so scheint er uns in ~F″~

zu stehen. Die scheinbare Erhöhung wird also immer größer, je schiefer

wir auf die Wasserfläche schauen; auch nimmt sie dabei immer rascher

zu. Will man daher Fische schießen, so muß man stets tiefer zielen, und

zwar um so mehr, je geneigter die Schußrichtung ist. Die »wilden« Jäger

wissen das ganz genau, sind auch sonst über die Schwierigkeiten gut

unterrichtet, vor allem über die Notwendigkeit, ein festes »Abkommen«

zu haben. Daher das häufige schräge Eintauchen des Pfeils in das

Wasser, um den Grad der Lichtbrechung zu prüfen; daher bei vielen

Indianern Südamerikas auch das Hineinwerfen einer leuchtend roten Beere

in den Fluß, um in dem Augenblick, wo ein von unten zuschnappendes

Fischmaul sie verschlingen will, den Pfeil zu entsenden.

[Illustration: Abb. 40. Erklärung des Fischschießens. Die scheinbare

Höhe der Fische unter Wasser.]

[Illustration: Abb. 41. Ostafrikanisches Telephon. (Nach Weule.)]

Auf dem Gebiet der Akustik besteht die höchste Leistung der Naturvölker

in der Besiegung des Raumes durch den sozusagen artikulierten Schall,

durch die Signal- oder Trommelsprache. Vollendeter zwar ist das

niedliche Telephon, das sich ostafrikanische Kinder konstruieren. Es

ist in der Literatur schon seit den 1890er Jahren bekannt, doch fehlt

es in den meisten Sammlungen. Im Süden von Deutsch-Ostafrika habe ich

1906 ein paar Belegstücke erlangen können. Abb. 41 zeigt ein solches

Telephon, bei dem es sich ganz offenbar um eine allerdings sehr

geschickte Entlehnung aus europäischen Spielwarenläden handelt. Wie

man sieht, besitzen diese Telephone die Form einer kleinen Trommel aus

Holz oder Flaschenkürbis, deren obere Öffnung mit der feinen enthaarten

Haut eines bestimmten Nagetieres überspannt wird. Die Leitung, eine

sehr dünne, gut gearbeitete Pflanzenfaserschnur, wird durch ein enges

Löchlein in der Mitte der Membran gezogen und durch einen Knoten am

Durchgleiten verhindert. Die Apparate arbeiten ausgezeichnet; man kann

sich bei straff angespannter Schnur auf 100 Meter und mehr -- länger

sind die Leitungen nicht -- sehr gut durch sie verständigen. Welches

Gesetz für das Leitungsvermögen einer solchen Schnur in Frage kommt,

entzieht sich meiner Beurteilung; dazu bin ich nicht Physiker genug.

Alle übrigen akustischen Verständigungsmittel, soweit sie auf der

Trommel beruhen, haben den Vorzug, ureigenes Gut der Naturvölker

zu sein. Die Erfindung einer Signalsprache ist nicht schwer, denn

die Beobachtung, daß die stärkere Holzwand eines ausgehöhlten

Holztroges einen tieferen Ton gibt als die schwächere, liegt nahe. Die

konventionelle Einführung einer Art Morsesystems in Gestalt tieferer

und höherer Töne für bestimmte Begriffe unter den Stammesgenossen

bringt die Erfindung dann ebenso leicht zum Abschluß.

Zu einer wirklichen Trommelsprache gehört allerdings doch wohl noch

mehr. Ihre höchste Entfaltung hat sie in den küstennahen Gegenden

Äquatorial-Westafrikas gefunden, wo die Eingebornen sich mühelos die

längsten Geschichten über weite Entfernungen hin erzählen. Das ist

nun ein Gebiet, wo manche Sprachen von sogenannten Tonhöhen oder

musikalischen Akzenten durchsetzt sind, wo mit anderen Worten die

Bedeutung der Silben mit der Art der Aussprache wechselt, ganz wie

im Chinesischen auch. An diesen Umstand knüpft Prof. v. Luschan an,

indem er meint, daß gerade erst dieser besondere Sprachcharakter die

wesentlichste Vorbedingung für jene Vollentwicklung der Trommelsprache

gewesen sei. Ob diese Vermutung durch weitere phonetische und

linguistische Untersuchungen über Bord geworfen oder bestätigt werden

wird, muß die Zukunft lehren; in jedem Fall hatte die vollendete

Durchführung jener Errungenschaft ihren Besitzern ein bedeutendes

Übergewicht über ihre Nachbarn eingetragen, bis die Herrschaft der

Europäer das alles wieder ausgeglichen hat.

Die allerfeinste Heranziehung der Akustik durch Naturvölker findet

sich jedoch im tropischen Südamerika. In Ethnologenkreisen ist sie

unter dem Namen Cambarysu bekannt und berühmt. Das sind ebenfalls

Schlitztrommeln aus Holz, die von den Eingebornen so untergebracht und

aufgestellt werden, daß ihre Töne ausschließlich an den gewünschten

Punkten, nämlich gleichartigen »Stationen«, vernommen und gedeutet

werden können. Zu dem Zweck baut man bei den Catuquinaru besondere

Häuschen und stellt die Trommel darin in eine mit Holzstücken gefüllte

Grube, die bei anderen Stämmen wegfällt. Trommeln nun die Männer in der

Morgenstille, so werden die Zugänge zum Aufstellungsraum verschlossen

gehalten, damit die Tonwellen nicht vom Walde verschluckt werden,

sondern sich konzentrieren, durch die Giebel des Hauses entweichen und

sich erst über den Wipfeln der Bäume in der freien Luft ausbreiten.

Also eine leibhaftige Telephonie ohne Draht!

Die Anfänge der Naturbeherrschung. 1. Frühformen der Mechanik · 第 23 / 39 题