Ernst Mach nennt als wichtigstes und anregendstes Werkzeug dem in der
Kulturgeschichte die größte Rolle zugefallen sei, den Feuerbohrer.
Er deutet damit zunächst auf die grundlegende Wichtigkeit hin,
die dem jederzeit künstlich erzeugbaren Feuer in der menschlichen
Kulturentwicklung zugefallen ist, sodann aber doch auch auf die nicht
minder folgenreiche Erfindung der Rotationsbewegung, zu der kein
anderes Geschöpf auch nur den geringsten Auftakt gefunden hat. In der
Tat ist der Mensch mit dem Gewinn der Wellenbewegung in den Besitz der
entwicklungsfähigsten aller einfachen Maschinen, ja zur Grundlage aller
zusammengesetzten Maschinen überhaupt gelangt. Ohne Rotation wäre die
Vollkultur einfach nicht zu denken.
Wenn wir bei den Naturvölkern aller Zeiten diese urtümliche
Wellenbewegung so unverhältnismäßig wenig weiter gebildet vorfinden,
so gibt uns dieser Umstand eine ungeheuer wichtige Handhabe, ja
vielleicht direkt den Schlüssel für das Zurückbleiben so vieler
Völker auf niedrigen Stufen in die Hand. Sie haben, wie die
bisherigen Ausführungen lehrten und die weiteren noch lehren
werden, die mannigfaltigsten Vorrichtungen gefunden und erfunden,
um ihre Lebenshaltung über die Höhenlage einfach tierischer
Wirtschaft emporzuheben. Dadurch indessen, daß sie die unbegrenzte
Ausbaumöglichkeit jener Drehbewegung nicht erkannt, ausgenutzt und
weiter verfolgt haben, sind sie aller jener ungezählten Vorteile
verlustig gegangen, die die glücklichere weiße Rasse zur Beherrscherin
des Erdballs und aller seiner Bewohner gestempelt haben.
Das Gesetz der Beharrung oder der Trägheit ist, wie wir wissen,
durchaus nicht auf rotierende Körper beschränkt, betrifft vielmehr
jeden Körper in jeder Lage. Ist er in Ruhe, so bleibt er darin, bis
ihm Geschwindigkeit von außen erteilt wird. Ist er in Bewegung, so
verharrt er in seiner Geschwindigkeit, bis ihm diese von außen genommen
wird. Auch die Bewegungsrichtung kann er nur ändern infolge einer von
außen wirkenden Kraft. Aber für den Laien verknüpft sich der Begriff
der Beharrung in erster Linie unleugbar mit dem anderen der Bewegung
und insonderheit der Rotation. Im Zeitalter der tausenderlei Fahrzeuge
und vor allem des Fahrrads ist das kein Wunder. Wodurch erhält sich
denn z. B. der Radfahrer im Gleichgewicht, und zwar um so leichter,
je schneller er fährt? Doch nur durch das Trägheitsgesetz; denn jeder
rotierende Körper hat die Eigenschaft, daß er einer Änderung der
Lage der Rotationsebene und damit also auch der Rotationsachse einen
Widerstand entgegensetzt, der nichts als die Folge der Trägheit ist.
Es bedarf einer Kraft, um die Achse des rotierenden Körpers aus ihrer
Lage zu bringen, die um so größer sein muß, je schneller er sich dreht.
Für den Radfahrer ist es daher schwieriger, sehr langsam zu fahren
und doch das Gleichgewicht zu erhalten. Auch beim Kreisel ist es die
Rotation, die ihn in aufrechter Lage erhält, und beim Diabolo seligen
oder unseligen Angedenkens war es nicht anders.
Zu dieser Erkenntnis sind die Naturvölker also nicht gelangt, womit
sie sich ihre Aufstiegsmöglichkeit bis zu einem sehr hohen Grade
verscherzt haben. Das Schwungrad am Feuerquirl der alten Anwohner des
Lorenzstromes und der kanadischen Seen und der seiner Herkunft nach
zudem noch zweifelhafte Drillbohrer Ozeaniens bestätigen als einsame
Ausnahmen nur die Regel.
In diesem Zusammenhang klingt es fast wie ein Witz der
Kulturgeschichte, daß gerade nur jene soeben erwähnten beiden
Spielzeuge des Kreisels und des Diabolos ein paar weitere, für den
Fortschritt völlig bedeutungslose Belege bilden. Der Kreisel ist
heute sicher allgemeines Besitztum der Jugend aller Zonen; woher er
ursprünglich stammt und ob er nur ein- oder mehrmals erfunden worden
ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Malaiischen Archipel besitzt er
ganz ungefüge Abmessungen, so daß ein ruhiger Gang gewährleistet ist.
In Afrika tritt er allein schon im Rovuma-Gebiet in vier verschiedenen
Formen auf, die in den Abbildungen 33 ~a~ bis ~d~ wiedergegeben sind.
Die eine, kegelförmige (~a~) gleicht ganz der unsrigen; sie wird
auch in ganz derselben Weise in Bewegung gesetzt. Bei den beiden
weiteren (~b~ und ~c~) ist keine Schnur nötig, bei ihnen genügt das
Schnellen zwischen Daumen und Mittelfinger zur Inbetriebsetzung. Das
Schwungrad, denn um ein solches handelt es sich doch offensichtlich,
besteht aus Scheiben vom Flaschenkürbis. Die vierte Art ist mir in
zwei Varianten bekannt: der in ~d~ abgebildeten vom Rovuma und der in
~e~ wiedergegebenen aus Urundi am nördlichen Ostufer des Tanganyika.
Bei beiden tritt zum erstenmal ein neues mechanisches Element auf:
die gleitende Reibung, indem sich die Kreiselwelle beim Abrollen der
Schnur gegen ein von der linken Hand gehaltenes Widerlager legt. Wir
haben hier in der Tat den Anfang unseres Wellenlagers. Das Widerlager
besteht am Rovuma aus einem durchlochten abgegessenen Stück Maiskolben,
in Urundi aus einem 15-30 ~cm~ langen Stück Hirsehalm, aus dem ein
fensterartiger Rahmen herausgeschnitten ist. Beide Kreisel arbeiten
vortrefflich, manche von ihnen sogar unter Hervorbringung gar nicht
übler Töne.
[Illustration: Abb. 33. Afrikanischer Kreisel. ~a~-~d~ Rovumagebiet,
~e~ Urundi.
(Nach Weule.)]
Als das Diabolospiel 1907 bei uns auf der Bildfläche erschien, war
es für alle lebenden Deutschen etwas Neues, und es bedurfte erst
literarischer Studien, um festzustellen, daß eine gleichartige »Seuche«
schon einmal, vom Herbst 1812 bis etwa 1825 bestanden hat. Der modernen
Wiederholung ist bekanntlich eine weit kürzere Lebensdauer beschieden
gewesen, indem der interessante Doppelkegel schon nach 1 bis 2 Jahren
wieder verschwand. Wir sind schnellebiger geworden. Feldhaus führt das
Wiederaufleben des Spiels auf den Kricketspieler Frey zurück. Frey hat
es vermutlich aus der Literatur über jene erste Diabolowelle entlehnt.
Woher es jedoch die Pariser Modedamen und Modeherren von 1812 genommen
haben, kann ich nicht entscheiden.
[Illustration: Abb. 34. Afrikanisches Diabolospiel.]
Im Sommer 1906 habe ich Gelegenheit gehabt, das Diabolospiel auf dem
Makondeplateau im Südosten von Deutsch-Ostafrika kennenzulernen.
Inmitten der großen Menge von Eingeborenen, die gekommen waren, mir
ihre Tänze und Spiele vorzuführen, vergnügte sich ein Mann damit, einen
in der Mitte gerillten schweren Holzzylinder mit Hilfe einer an zwei
Stöcken befestigten Schnur in die Höhe zu werfen und auf dieser Schnur
immer von neuem aufzufangen. Bei genauerem Zusehen stellte ich als das
wirksame Prinzip des ganzen Vorgangs die rasend schnelle Rotation fest,
in die der Holzzylinder durch bestimmte Armbewegungen des Spielers
versetzt wurde. Jenes Original befindet sich heute im Leipziger
Völkermuseum. Es ist in der obenstehenden Abbildung 34 abgebildet.
Gebührt dem Makonde-Diabolo unstreitig die Priorität vor dem
europäischen von 1907, so ist das noch mehr der Fall bei zwei anderen
Vorkommnissen, von denen das eine ebenfalls auf Afrika, das andere
auf Vorderindien entfällt. Von jenem erzählt der englische Reisende
V. L. Cameron, der von 1873 bis 1875 Afrika von Osten nach Westen
durchquerte, während der indische in einem kompilatorischen Werk
vermerkt ist. Cameron sollte damals dem berühmten Missionar und
Reisenden David Livingstone neue Hilfsmittel nach dessen Arbeitsgebiet
südöstlich vom Tanganyika bringen; ihm begegnete indessen in Tabora nur
die Leiche des am 1. Mai 1873 verstorbenen großen Menschenfreundes,
so daß Cameron seinen Plan änderte und durch den ganzen Süden des
heutigen Kongostaats bis zur Westküste zog. In der Nähe des Tanganyika
unterhielt eines Tages ein Sklave eines Häuptlings Djonmah die
Reisenden durch seine Geschicklichkeit, indem er ein Stück Holz von der
Form einer Sanduhr vor und hinter sich in die Luft warf, es auffing
und wieder warf, so daß es immerfort weiter spann. Cameron sagt kein
Wort von den beiden Stöcken und der sie verbindenden Schnur, die ihm
also gar nicht aufgefallen sein müssen, ein Beweis entweder für sein
nur geringes Interesse oder für eine wenig scharfe Beobachtungsgabe,
in jedem Fall aber doch für seine Unbefangenheit. Ihm war das Spiel
vollkommen neu.
Das indische Diabolo wird nach Thurston (~Castes and Tribes of
Southern India~; ~Madras~ 1909, ~III~. S. 502-504) von den Korava seit
undenklichen Zeiten gespielt. Die Korava sind einer jener niedrigen
Stämme, die seit vorarischer Zeit unstet im Lande schweifen. Sie sind
so geschickt mit dem Diabolo, daß sie es selbst beim Seiltanzen bis zur
Höhe von Kokosnußbäumen in die Luft schleudern, und daß manche Künstler
es auffangen, ohne überhaupt hinzusehen. Das Diabolo besteht bei ihnen,
ganz wie das afrikanische, aus festem Holz, ist aber nur ebenso groß
und schwer wie das europäische.
Die Übereinstimmung im Material könnte, zumal bei den übrigen engen
Kulturbeziehungen, für einen Zusammenhang zwischen Indien und Afrika
sprechen. Aber woher haben dann die Korava diese ihrem sonstigen
Kulturbilde doch sehr wenig angepaßte Maschine? Ist sie ein Überlebsel
aus der Seuchenwelle, die Europa erstmals 1812 überflutete und
vielleicht auch nach Südasien hinübergebrandet ist? Oder liegt bei den
Korava etwa gar selbständige Erfindung vor? Ganz unmöglich wäre das
nicht, wenngleich sehr unwahrscheinlich.
Von einwandfreierem Alter im Gebrauch der Menschheit, nämlich
neolithisch, ist das Zurückgreifen auf das Trägheitsgesetz in der Form
des Wirtels auf der Spindel; in ihr haben wir zugleich einen weiteren
höchst wichtigen Ausgangspunkt für die ganze spätere Rotationsmechanik.
Den Gebrauch der Spindel kennt unsere Generation nur noch aus Büchern;
selbst in Ostafrika fand ich sie 1906 nur noch bei zwei sehr alten
Leuten. Der eingeführte Kattun hatte die eigene Weberei auch dort
bereits gemordet. Form und Gebrauch unserer alteuropäischen Spindel
zeigt Abbildung 35. Man wand den Spinnstoff um einen hölzernen Stock,
den Rocken, den die Spinnerin neben sich aufstellte oder in den Gürtel
steckte. Jetzt legte sie die einzelnen Fasern durch Zupfen mit der
einen Hand einander parallel, ordnete sie zu einer Art Vorfaden,
während sie mit der andern die Spindel an ihrem oberen Ende in
Drehung versetzte. An der Spindel war der Faden mit einer Schlinge in
einem Häkchen oder einem schraubenförmigen Einschnitt so befestigt,
daß die Drehung der Spindel auf ihn übertragen wurde. Die Spindel
selbst bestand aus einem meist hölzernen, seltener knöchernen oder
elfenbeinernen oder metallischen, pfriemenförmigen Stäbchen, dessen
stärkerem unterem Teil eine scheibenförmige Schwungmasse aus gebranntem
Ton, Stein, Horn, Holz oder Metall, der sogenannte Wirtel, aufgesetzt
war. Durch dieses kleine Schwungrad wurde die Drehbewegung der Spindel
ausgiebiger und gleichmäßiger, was sich ohne weiteres auf den Faden
übertrug, der sich bei ihrem rotierenden Absinken zur Erde bildete.
War die Bewegung abgelaufen, so wurde der Faden vom oberen Spindelende
abgelöst, auf diese aufgerollt und von neuem festgehakt. Sodann begann
der Vorgang von neuem.
[Illustration: Abb. 35. Spinnrocken und Spindel.]
In Europa reicht diese Spinntechnik, wie gesagt, bis in die jüngere
Steinzeit zurück. Bei den Naturvölkern ist sie nur lückenhaft
verbreitet, wobei Australien, Polynesien und die Arktis ganz
ausscheiden, während in Afrika und Amerika im allgemeinen nur die
niedriger stehenden Völkergruppen nicht bis zu ihr fortgeschritten
sind. Zu einem maschinellen Betriebe höherer Art, wie ihn schon unser
Handrad und noch mehr das anheimelnde Trittrad unserer Spinnstuben
darstellen, ist indessen keins von ihnen vorgedrungen, so vollendet
uns im übrigen z. B. der westafrikanische horizontale Webstuhl
entgegentritt. Der unterscheidet sich von unserem, nunmehr allerdings
auch überholten Handwebstuhl lediglich durch dessen Festigkeit und
Eleganz des Aufbaues, keineswegs aber durch die innere Einrichtung.
Zum Schluß sei noch einiger Gerätschaften gedacht, deren Wirkung zwar
ebenfalls auf dem Prinzip des Beharrungsvermögens beruht, die sich
aber im Gegensatz zu der friedlich anmutenden Spindel der Hackbauern
vorwaltend bei reisigen Steppen- und Reitervölkern finden. Das sind die
Bola und der Lasso. Ihre Gemeinsamkeiten und ihre Unterschiede sind
bekannt. Bei beiden wirbelt der Reiter das ganze Riemensystem um das
Haupt; während er aber die dreikugelige Bola im geeigneten Augenblick
ganz fliegen und um sich rotieren läßt, damit sich ihre durch Stein-
oder Metallkugeln beschwerten Riemen dem unglücklichen Opfer um Hals
oder Beine schlingen, behält er beim Lasso das eine Ende fest in der
Hand, so daß sich nur die gleitende Schlinge über das Opfer legt.
Indem er im selben Augenblick hält oder in scharfem Winkel abbiegt,
wirkt die Masse von Pferd und Reiter als äußere Kraft auf die Schlinge
ein, die sich nunmehr schließt und den Gegner wehrlos macht. Beide
Wurfwaffen stellen wahrhaft fein durchdachte Anwendungen mechanischer
Prinzipien dar.