9. Das Beharrungsvermögen.

Ernst Mach nennt als wichtigstes und anregendstes Werkzeug dem in der

Kulturgeschichte die größte Rolle zugefallen sei, den Feuerbohrer.

Er deutet damit zunächst auf die grundlegende Wichtigkeit hin,

die dem jederzeit künstlich erzeugbaren Feuer in der menschlichen

Kulturentwicklung zugefallen ist, sodann aber doch auch auf die nicht

minder folgenreiche Erfindung der Rotationsbewegung, zu der kein

anderes Geschöpf auch nur den geringsten Auftakt gefunden hat. In der

Tat ist der Mensch mit dem Gewinn der Wellenbewegung in den Besitz der

entwicklungsfähigsten aller einfachen Maschinen, ja zur Grundlage aller

zusammengesetzten Maschinen überhaupt gelangt. Ohne Rotation wäre die

Vollkultur einfach nicht zu denken.

Wenn wir bei den Naturvölkern aller Zeiten diese urtümliche

Wellenbewegung so unverhältnismäßig wenig weiter gebildet vorfinden,

so gibt uns dieser Umstand eine ungeheuer wichtige Handhabe, ja

vielleicht direkt den Schlüssel für das Zurückbleiben so vieler

Völker auf niedrigen Stufen in die Hand. Sie haben, wie die

bisherigen Ausführungen lehrten und die weiteren noch lehren

werden, die mannigfaltigsten Vorrichtungen gefunden und erfunden,

um ihre Lebenshaltung über die Höhenlage einfach tierischer

Wirtschaft emporzuheben. Dadurch indessen, daß sie die unbegrenzte

Ausbaumöglichkeit jener Drehbewegung nicht erkannt, ausgenutzt und

weiter verfolgt haben, sind sie aller jener ungezählten Vorteile

verlustig gegangen, die die glücklichere weiße Rasse zur Beherrscherin

des Erdballs und aller seiner Bewohner gestempelt haben.

Das Gesetz der Beharrung oder der Trägheit ist, wie wir wissen,

durchaus nicht auf rotierende Körper beschränkt, betrifft vielmehr

jeden Körper in jeder Lage. Ist er in Ruhe, so bleibt er darin, bis

ihm Geschwindigkeit von außen erteilt wird. Ist er in Bewegung, so

verharrt er in seiner Geschwindigkeit, bis ihm diese von außen genommen

wird. Auch die Bewegungsrichtung kann er nur ändern infolge einer von

außen wirkenden Kraft. Aber für den Laien verknüpft sich der Begriff

der Beharrung in erster Linie unleugbar mit dem anderen der Bewegung

und insonderheit der Rotation. Im Zeitalter der tausenderlei Fahrzeuge

und vor allem des Fahrrads ist das kein Wunder. Wodurch erhält sich

denn z. B. der Radfahrer im Gleichgewicht, und zwar um so leichter,

je schneller er fährt? Doch nur durch das Trägheitsgesetz; denn jeder

rotierende Körper hat die Eigenschaft, daß er einer Änderung der

Lage der Rotationsebene und damit also auch der Rotationsachse einen

Widerstand entgegensetzt, der nichts als die Folge der Trägheit ist.

Es bedarf einer Kraft, um die Achse des rotierenden Körpers aus ihrer

Lage zu bringen, die um so größer sein muß, je schneller er sich dreht.

Für den Radfahrer ist es daher schwieriger, sehr langsam zu fahren

und doch das Gleichgewicht zu erhalten. Auch beim Kreisel ist es die

Rotation, die ihn in aufrechter Lage erhält, und beim Diabolo seligen

oder unseligen Angedenkens war es nicht anders.

Zu dieser Erkenntnis sind die Naturvölker also nicht gelangt, womit

sie sich ihre Aufstiegsmöglichkeit bis zu einem sehr hohen Grade

verscherzt haben. Das Schwungrad am Feuerquirl der alten Anwohner des

Lorenzstromes und der kanadischen Seen und der seiner Herkunft nach

zudem noch zweifelhafte Drillbohrer Ozeaniens bestätigen als einsame

Ausnahmen nur die Regel.

In diesem Zusammenhang klingt es fast wie ein Witz der

Kulturgeschichte, daß gerade nur jene soeben erwähnten beiden

Spielzeuge des Kreisels und des Diabolos ein paar weitere, für den

Fortschritt völlig bedeutungslose Belege bilden. Der Kreisel ist

heute sicher allgemeines Besitztum der Jugend aller Zonen; woher er

ursprünglich stammt und ob er nur ein- oder mehrmals erfunden worden

ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Malaiischen Archipel besitzt er

ganz ungefüge Abmessungen, so daß ein ruhiger Gang gewährleistet ist.

In Afrika tritt er allein schon im Rovuma-Gebiet in vier verschiedenen

Formen auf, die in den Abbildungen 33 ~a~ bis ~d~ wiedergegeben sind.

Die eine, kegelförmige (~a~) gleicht ganz der unsrigen; sie wird

auch in ganz derselben Weise in Bewegung gesetzt. Bei den beiden

weiteren (~b~ und ~c~) ist keine Schnur nötig, bei ihnen genügt das

Schnellen zwischen Daumen und Mittelfinger zur Inbetriebsetzung. Das

Schwungrad, denn um ein solches handelt es sich doch offensichtlich,

besteht aus Scheiben vom Flaschenkürbis. Die vierte Art ist mir in

zwei Varianten bekannt: der in ~d~ abgebildeten vom Rovuma und der in

~e~ wiedergegebenen aus Urundi am nördlichen Ostufer des Tanganyika.

Bei beiden tritt zum erstenmal ein neues mechanisches Element auf:

die gleitende Reibung, indem sich die Kreiselwelle beim Abrollen der

Schnur gegen ein von der linken Hand gehaltenes Widerlager legt. Wir

haben hier in der Tat den Anfang unseres Wellenlagers. Das Widerlager

besteht am Rovuma aus einem durchlochten abgegessenen Stück Maiskolben,

in Urundi aus einem 15-30 ~cm~ langen Stück Hirsehalm, aus dem ein

fensterartiger Rahmen herausgeschnitten ist. Beide Kreisel arbeiten

vortrefflich, manche von ihnen sogar unter Hervorbringung gar nicht

übler Töne.

[Illustration: Abb. 33. Afrikanischer Kreisel. ~a~-~d~ Rovumagebiet,

~e~ Urundi.

(Nach Weule.)]

Als das Diabolospiel 1907 bei uns auf der Bildfläche erschien, war

es für alle lebenden Deutschen etwas Neues, und es bedurfte erst

literarischer Studien, um festzustellen, daß eine gleichartige »Seuche«

schon einmal, vom Herbst 1812 bis etwa 1825 bestanden hat. Der modernen

Wiederholung ist bekanntlich eine weit kürzere Lebensdauer beschieden

gewesen, indem der interessante Doppelkegel schon nach 1 bis 2 Jahren

wieder verschwand. Wir sind schnellebiger geworden. Feldhaus führt das

Wiederaufleben des Spiels auf den Kricketspieler Frey zurück. Frey hat

es vermutlich aus der Literatur über jene erste Diabolowelle entlehnt.

Woher es jedoch die Pariser Modedamen und Modeherren von 1812 genommen

haben, kann ich nicht entscheiden.

[Illustration: Abb. 34. Afrikanisches Diabolospiel.]

Im Sommer 1906 habe ich Gelegenheit gehabt, das Diabolospiel auf dem

Makondeplateau im Südosten von Deutsch-Ostafrika kennenzulernen.

Inmitten der großen Menge von Eingeborenen, die gekommen waren, mir

ihre Tänze und Spiele vorzuführen, vergnügte sich ein Mann damit, einen

in der Mitte gerillten schweren Holzzylinder mit Hilfe einer an zwei

Stöcken befestigten Schnur in die Höhe zu werfen und auf dieser Schnur

immer von neuem aufzufangen. Bei genauerem Zusehen stellte ich als das

wirksame Prinzip des ganzen Vorgangs die rasend schnelle Rotation fest,

in die der Holzzylinder durch bestimmte Armbewegungen des Spielers

versetzt wurde. Jenes Original befindet sich heute im Leipziger

Völkermuseum. Es ist in der obenstehenden Abbildung 34 abgebildet.

Gebührt dem Makonde-Diabolo unstreitig die Priorität vor dem

europäischen von 1907, so ist das noch mehr der Fall bei zwei anderen

Vorkommnissen, von denen das eine ebenfalls auf Afrika, das andere

auf Vorderindien entfällt. Von jenem erzählt der englische Reisende

V. L. Cameron, der von 1873 bis 1875 Afrika von Osten nach Westen

durchquerte, während der indische in einem kompilatorischen Werk

vermerkt ist. Cameron sollte damals dem berühmten Missionar und

Reisenden David Livingstone neue Hilfsmittel nach dessen Arbeitsgebiet

südöstlich vom Tanganyika bringen; ihm begegnete indessen in Tabora nur

die Leiche des am 1. Mai 1873 verstorbenen großen Menschenfreundes,

so daß Cameron seinen Plan änderte und durch den ganzen Süden des

heutigen Kongostaats bis zur Westküste zog. In der Nähe des Tanganyika

unterhielt eines Tages ein Sklave eines Häuptlings Djonmah die

Reisenden durch seine Geschicklichkeit, indem er ein Stück Holz von der

Form einer Sanduhr vor und hinter sich in die Luft warf, es auffing

und wieder warf, so daß es immerfort weiter spann. Cameron sagt kein

Wort von den beiden Stöcken und der sie verbindenden Schnur, die ihm

also gar nicht aufgefallen sein müssen, ein Beweis entweder für sein

nur geringes Interesse oder für eine wenig scharfe Beobachtungsgabe,

in jedem Fall aber doch für seine Unbefangenheit. Ihm war das Spiel

vollkommen neu.

Das indische Diabolo wird nach Thurston (~Castes and Tribes of

Southern India~; ~Madras~ 1909, ~III~. S. 502-504) von den Korava seit

undenklichen Zeiten gespielt. Die Korava sind einer jener niedrigen

Stämme, die seit vorarischer Zeit unstet im Lande schweifen. Sie sind

so geschickt mit dem Diabolo, daß sie es selbst beim Seiltanzen bis zur

Höhe von Kokosnußbäumen in die Luft schleudern, und daß manche Künstler

es auffangen, ohne überhaupt hinzusehen. Das Diabolo besteht bei ihnen,

ganz wie das afrikanische, aus festem Holz, ist aber nur ebenso groß

und schwer wie das europäische.

Die Übereinstimmung im Material könnte, zumal bei den übrigen engen

Kulturbeziehungen, für einen Zusammenhang zwischen Indien und Afrika

sprechen. Aber woher haben dann die Korava diese ihrem sonstigen

Kulturbilde doch sehr wenig angepaßte Maschine? Ist sie ein Überlebsel

aus der Seuchenwelle, die Europa erstmals 1812 überflutete und

vielleicht auch nach Südasien hinübergebrandet ist? Oder liegt bei den

Korava etwa gar selbständige Erfindung vor? Ganz unmöglich wäre das

nicht, wenngleich sehr unwahrscheinlich.

Von einwandfreierem Alter im Gebrauch der Menschheit, nämlich

neolithisch, ist das Zurückgreifen auf das Trägheitsgesetz in der Form

des Wirtels auf der Spindel; in ihr haben wir zugleich einen weiteren

höchst wichtigen Ausgangspunkt für die ganze spätere Rotationsmechanik.

Den Gebrauch der Spindel kennt unsere Generation nur noch aus Büchern;

selbst in Ostafrika fand ich sie 1906 nur noch bei zwei sehr alten

Leuten. Der eingeführte Kattun hatte die eigene Weberei auch dort

bereits gemordet. Form und Gebrauch unserer alteuropäischen Spindel

zeigt Abbildung 35. Man wand den Spinnstoff um einen hölzernen Stock,

den Rocken, den die Spinnerin neben sich aufstellte oder in den Gürtel

steckte. Jetzt legte sie die einzelnen Fasern durch Zupfen mit der

einen Hand einander parallel, ordnete sie zu einer Art Vorfaden,

während sie mit der andern die Spindel an ihrem oberen Ende in

Drehung versetzte. An der Spindel war der Faden mit einer Schlinge in

einem Häkchen oder einem schraubenförmigen Einschnitt so befestigt,

daß die Drehung der Spindel auf ihn übertragen wurde. Die Spindel

selbst bestand aus einem meist hölzernen, seltener knöchernen oder

elfenbeinernen oder metallischen, pfriemenförmigen Stäbchen, dessen

stärkerem unterem Teil eine scheibenförmige Schwungmasse aus gebranntem

Ton, Stein, Horn, Holz oder Metall, der sogenannte Wirtel, aufgesetzt

war. Durch dieses kleine Schwungrad wurde die Drehbewegung der Spindel

ausgiebiger und gleichmäßiger, was sich ohne weiteres auf den Faden

übertrug, der sich bei ihrem rotierenden Absinken zur Erde bildete.

War die Bewegung abgelaufen, so wurde der Faden vom oberen Spindelende

abgelöst, auf diese aufgerollt und von neuem festgehakt. Sodann begann

der Vorgang von neuem.

[Illustration: Abb. 35. Spinnrocken und Spindel.]

In Europa reicht diese Spinntechnik, wie gesagt, bis in die jüngere

Steinzeit zurück. Bei den Naturvölkern ist sie nur lückenhaft

verbreitet, wobei Australien, Polynesien und die Arktis ganz

ausscheiden, während in Afrika und Amerika im allgemeinen nur die

niedriger stehenden Völkergruppen nicht bis zu ihr fortgeschritten

sind. Zu einem maschinellen Betriebe höherer Art, wie ihn schon unser

Handrad und noch mehr das anheimelnde Trittrad unserer Spinnstuben

darstellen, ist indessen keins von ihnen vorgedrungen, so vollendet

uns im übrigen z. B. der westafrikanische horizontale Webstuhl

entgegentritt. Der unterscheidet sich von unserem, nunmehr allerdings

auch überholten Handwebstuhl lediglich durch dessen Festigkeit und

Eleganz des Aufbaues, keineswegs aber durch die innere Einrichtung.

Zum Schluß sei noch einiger Gerätschaften gedacht, deren Wirkung zwar

ebenfalls auf dem Prinzip des Beharrungsvermögens beruht, die sich

aber im Gegensatz zu der friedlich anmutenden Spindel der Hackbauern

vorwaltend bei reisigen Steppen- und Reitervölkern finden. Das sind die

Bola und der Lasso. Ihre Gemeinsamkeiten und ihre Unterschiede sind

bekannt. Bei beiden wirbelt der Reiter das ganze Riemensystem um das

Haupt; während er aber die dreikugelige Bola im geeigneten Augenblick

ganz fliegen und um sich rotieren läßt, damit sich ihre durch Stein-

oder Metallkugeln beschwerten Riemen dem unglücklichen Opfer um Hals

oder Beine schlingen, behält er beim Lasso das eine Ende fest in der

Hand, so daß sich nur die gleitende Schlinge über das Opfer legt.

Indem er im selben Augenblick hält oder in scharfem Winkel abbiegt,

wirkt die Masse von Pferd und Reiter als äußere Kraft auf die Schlinge

ein, die sich nunmehr schließt und den Gegner wehrlos macht. Beide

Wurfwaffen stellen wahrhaft fein durchdachte Anwendungen mechanischer

Prinzipien dar.

Die Anfänge der Naturbeherrschung. 1. Frühformen der Mechanik · 第 21 / 39 题