Auch von dieser zweiten Gruppe der einfachen Maschinen sind uns
bereits vereinzelte Anwendungsarten begegnet. Die schiefe Ebene tritt
in doppelter Weise als Maschine auf: als Rampe und als Keil. Der
Unterschied besteht darin, daß bei der Rampe die schiefe Ebene stehen
bleibt, während das Gleitstück, indem es gehoben wird, die Ebene
entlang gleitet; beim Keil hingegen wird die schiefe Ebene selbst
verschoben, so daß das Gleitstück gehoben wird.
Die Rampe spielt in unserem unendlich vielgestaltigen Verkehrsleben
eine bedeutsame Rolle. Keine Überführung einer Landstraße oder einer
Eisenbahn über die andere, kein Güterbahnhof ohne ihre mehr oder minder
gleichmäßig geneigte Fläche; ja selbst Wasserfahrzeuge befördert man,
wie das bekannte Beispiel des Oberländischen Kanals in Westpreußen
beweist, auf diese bequeme Weise von einer Höhenlage auf die andere.
Ohne die Rampe wären der moderne Massen- und Schnelltransport überhaupt
nicht zu denken. Man kann sie daher als ein Kind der Gegenwart
bezeichnen.
Das hindert indessen nicht, daß sie auch schon in alter Zeit und
sogar auch bei den Völkern niedrigerer Kulturstufe ihre Würdigung
gefunden hat. Wer sich den Transport jener Steinkolosse vorstellt,
wie sie zu den gigantischen Bauten der alten Ägypter, den Pyramiden
und Tempelanlagen, sowie zu den Denkmälern der Babylonier und Assyrer
verwendet worden sind, kommt ohne die theoretische Zuhilfenahme von
Anrampungen gar nicht aus. Tatsächlich hat die Fortbewegung denn auch
auf solchen bis zu den Spitzen der Pyramiden hinauf stattgefunden,
wobei die Blöcke selbst auf Schleifen oder Kufen ruhten, die man
entweder ohne ein anderes Hilfsmittel als die Zugkraft ungeheurer
Menschenmassen oder aber auf untergelegten Rundhölzern weiter schaffte.
Etwa gleichzeitig mit ihrer Rolle im Zweistromland und am Nil hat die
Rampe eine Blütezeit auch im Westen des Mittelmeeres und in Westeuropa
erlebt. Das ist die Zeit der Megalithen (~megas~ = groß, ~lithos~ =
Stein) oder, wie wir volkstümlich sagen, der Hünengräber. Auch wer
diese gewaltigen Steinplatten sieht, wie sie die Dolmen und Ganggräber
Norddeutschlands, Nordhollands, Englands, kurz der ganzen Umrandung der
Nordsee, auch Portugals und des Nordrandes von Afrika von Marokko im
Westen bis zur Halbinsel Barka im Osten überdecken, oder jene ebenso
wuchtigen langgeformten Blöcke, wie sie unter dem Namen Menhir und
Bautasteine als stimmungsvolle Zeugen eines heroischen Kultus oder
einer ebenso kraftvollen Pietät aus dem Boden derselben Erdstellen in
eine ganz, ganz anders geartete Gegenwart hereinragen, der wird sich
fragen müssen, wie anders jene alten Baumeister diese Massen hätten
bewegen und aufrichten sollen als eben auch wieder unter Zuhilfenahme
der Rampe. Belege haben wir meines Wissens nicht, doch bleibt keine
andere Vorstellung übrig. Mit Platten von mehreren Dezimetern Dicke
und mehreren Metern Länge und Breite und Blöcken von Hunderten von
Zentnern an Gewicht hantiert man vor dem Zeitalter hydraulischer und
elektrischer Krane und Hebezeuge nicht ohne weiteres.
Außerhalb des europäisch-mittelmeerischen Kulturkreises sind Megalithen
über alle Erdteile außer dem Festland Australien verbreitet; sie finden
sich in reicher Anzahl in Vorderindien, wo gewisse Völkerschaften sie
bis in die Neuzeit hinein errichtet haben, und sind auf zahlreichen
Inseln Mikro- und Polynesiens festgestellt worden, wo im allgemeinen
kein Mund mehr Kunde über Alter, Zweck und Herstellungsart der
Steinbauten zu geben vermag. Dort finden sich gewaltige, viele Meter
lange und breite, meist aus zyklopisch schweren, viele Tonnen wiegenden
Steinblöcken errichtete Terrassen und Plattformen, Pyramiden und
straßenähnliche Anlagen, menhirartige Steinobelisken und Nachbildungen
der menschlichen Gestalt u. a. mehr. Auf der Karolineninsel Ponape
gibt es eine ganze heilige Stadt, die nur vom Adel und den Priestern
betreten werden darf und eine Fläche von nicht weniger als 1½ bis 2
~qkm~ bedeckt. Sie besteht aus 92 Gehegen aus Korallensteinplattformen,
die mit Basaltmauern von 3 bis 10 Meter Höhe eingefaßt sind. Von
ihnen allein wissen wir, daß man die Steine auf Flößen von weither
herbeigeschleppt und mit Hilfe richtiger Baugerüste, Rampen und Hebel
an Ort und Stelle gebracht hat. Wie dagegen die alten Bewohner der
Osterinsel die riesigen Massen ihrer berühmten Steinidole bewegt
und aufgerichtet haben mögen, entzieht sich wohl für immer unserer
Kenntnis. Da es sich um Monolithe handelt, die im Durchschnitt 7-8
Meter aus dem Erdboden herausragen, so kann auch hier keine andere
Möglichkeit als die Beförderung des langen Steinblocks eine schiefe
Ebene hinauf in Frage kommen, die unmittelbar neben der Vertiefung
lag, in der man das Idol aufrichten wollte. Theoretisch erscheint dann
das Hinabkippen des freien Steinendes in die Baugrube sehr leicht; in
Wirklichkeit wird es den polynesischen Baumeistern arge Kopfschmerzen
verursacht haben.
In seinem kleinen, aber gedankenreichen Buch »Kultur und Mechanik«
(Stuttgart 1915) meint der Physiker Ernst Mach, man dürfe die
zwangsweise Verwendung ungeheurer Mengen von Sklaven, wie sie bei den
Riesenbauten Mesopotamiens und Ägyptens zum Transport jener Steinmassen
üblich war, nicht ohne weiteres verdammen, so drakonisch auch die
Strafen bei der mühseligen Arbeit mit den rohen Hilfsmitteln gewesen
sein möchten; ja sie könne neben einem ethischen sogar auch ein
kulturhistorisches Verdienst für sich in Anspruch nehmen. Vordem habe
man kriegsgefangene Feinde entweder gepfählt oder geblendet; jetzt,
nach ihrer Heranziehung zu nutzbringender Arbeit, sei man ohne weiteres
dazu übergegangen, die haarsträubenden Grausamkeiten zu mildern,
bis sie schließlich verschwinden. Auf technischem Gebiet aber sei
das Zusammenschweißen vieler Kräfte zu einem Zweck die erste größere
Erfindung orientalischer Machthaber gewesen.
Mit seinen beiden Beobachtungen singt der seither verstorbene
Historiker und Philosoph der Mechanik das Loblied sowohl der Arbeit
wie der Organisation; ohne beides wären in der Tat weder die
altägyptischen noch die mesopotamischen Kulturen möglich und denkbar
gewesen, denn hier wie dort zwang die ungleichartige Wasserführung der
lebenspendenden Ströme zu Eingriffen in die Natur, die nur mit der
organisierten Arbeit ganzer Arbeiterheere durchzuführen waren. Auf der
damit gewonnenen materiellen Grundlage hat sich die Zivilisation beider
Gebiete dann ganz von selbst aufbauen können.
Erhebt ein Gesetz auf Geltung Anspruch, so muß es Allgemeingültigkeit
besitzen; die Machsche Beobachtung muß sich demnach bestätigen, wo
immer gleiche oder ähnliche Voraussetzungen gegeben sind; auch unter
den Naturvölkern. Nehmen wir ein paar Stichproben vor.
Bauten von unerhörter Großartigkeit sowohl in den räumlichen
Abmessungen wie dem Gewicht der verwendeten Steinkolosse erregten
das Erstaunen der Spanier bei ihrer Ankunft im alten Peru.
Befestigungsanlagen wie die Burg Sacsahuaman in Cuzko, Ollantaytambo
und andere an der Waldgrenze gegen die wilden Indianerstämme gingen
über alles, was die Conquistadoren in dieser Art gesehen hatten.
Erklärlich werden sie auch nur durch die politischen und sozialen
Verhältnisse des Inkareiches, dessen Sonnenkönig über die Arbeitskraft
schlechthin jedes Untertanen und vor allem jedes Unterworfenen gebieten
konnte, trotzdem Tahuantinsuyu, das »Reich der vier Teile der Welt«,
im Grunde genommen ein rein sozialistisches Staatswesen war, in dem
es weder Privateigentum an Grund und Boden, noch Geld, weder Reichtum
noch Armut, dafür allerdings auch ein alles durchsetzendes Beamtentum
und keinerlei innere und äußere Freiheit gab. Darf man den überraschend
schnellen Aufstieg dieses Reiches mit einigem Recht auf die kraftvolle
Zusammenfassung aller militärischen Machtmittel durch eine Reihe
starker Herrscher zurückführen, so ist sein jäher Zusammenbruch vor
einer Handvoll hergelaufener Abenteurer mit um so größerem Recht durch
diese Überorganisation auf der einen, den Mangel an Persönlichkeit auf
der anderen Seite bedingt.
Im stillen Ozean sprechen die Verhältnisse noch klarer im Sinne Machs.
Mikronesier und Polynesier sind malaiische Einwanderer von Westen her.
Sie waren Seefahrer von einer Kühnheit, daß nicht einmal Weiten von der
Länge des halben Erdumfanges -- so viel und mehr beträgt der Abstand
von Madagaskar, ihrem äußersten Westpunkt, bis zur Osterinsel -- sie zu
schrecken vermochten. Wenn solche kraftvollen Menschen zur Errichtung
zyklopischer Baudenkmale schritten, die nur durch ein Zusammenwirken
aller zustande kommen konnten, so kann das niemand wundern;
ebensowenig, daß in den neuen, engen Verhältnissen auf den kleinen
Eilanden dieses Stärkebewußtsein verbleichen und dahinschwinden mußte,
sobald die Erinnerung an die nautischen Großtaten schwand. Tatsächlich
fanden James Cook und die übrigen Entdecker des 18. Jahrhunderts die
Bevölkerung im unverkennbaren Zustande des sittlichen und kulturellen
Rückganges vor.
Mit einigem Recht können wir das Machsche Gesetz selbst beim
Festlandaustralier und damit einer Menschengruppe verfolgen, die nach
allgemeiner Anschauung am wenigsten von der Kultur beleckt sei. Heute
ist das unglückselige Volk allerdings eine jammervolle Ruine, dem unter
den grausamen und harten Maßnahmen der englischen Eindringlinge über
kurz oder lang die letzte Daseinsmöglichkeit genommen sein wird. Aber
auch schon bei Beginn der Kolonisation am Ende des 18. Jahrhunderts
entbehrten sie alles dessen, was ein wirkliches Volkstum ausmacht: des
strammen Rassegefühles und des politischen und sozialen Zusammenhangs.
In kleinen und kleinsten Trupps durchzogen sie jahraus, jahrein ihre
Jagd- und Schweifgebiete.
Diese selben Leute nun besitzen ein Monument, welches Zeugnis ablegt,
daß es einstmals weit besser um den Australier gestanden haben muß.
Das ist das Steinlabyrinth von Brewarrina im oberen Darling, etwa
100 Kilometer oberhalb der Stadt Bourke in Neusüdwales. Es besteht
aus einem etwa 90 Meter langen Steinwehr, das sich auf felsiger
Unterlage quer durch den Fluß erstreckt. Von diesem Quergang aus ist
dann ein ungefähr 100 Meter weit stromaufwärts reichendes Labyrinth
von Steinmauern erbaut, das den Fang der den Fluß hinauf- und
hinabziehenden Fische erleichtern soll. Die Mauern bilden zu dem
Zweck kreisförmige Becken, die zumeist durch stark gewundene Gänge
miteinander verbunden sind. So fest sind diese Mauern gebaut, daß die
gewaltigen Fluten, die zu Zeiten in einer Höhe von 7 Metern darüber
hinwegrauschen, höchstens die obersten Lagen der Steine zu verschieben
imstande sind.
Und was lehrt uns dieses Brewarrina-Wehr? Nun, doch wohl nichts
anderes, als daß es auch im Leben dieser Ärmsten von heute einmal
eine Periode gegeben haben muß, wo die Bevölkerung dichter und wo sie
vor allem organisations- und arbeitsfähig gewesen ist. Australische
Horden der Gegenwart wären solcher nur durch gemeinsames, zweck- und
zielbewußtes Zufassen erreichbarer Leistungen um so weniger fähig,
als auch bei Brewarrina der Baustoff aus großer Entfernung hat
herbeigeschafft werden müssen. Ob dieses Aufflackern einer großen
Energie aus der Mitte der alten Australier selbst geboren ist, oder ob
es auf eine fremde, kraftvollere Völkerwelle zurückgeht, die später in
das australische allgemeine Elend heruntergezogen worden ist, läßt sich
einstweilen nicht entscheiden, wäre aber aus kulturhistorischen Gründen
der Untersuchung wert.
Mit dem Begriff der Rampe verbinden wir uneingestandenermaßen den
Begriff der Beförderung schwerer Lasten. Weil diese für das einfache
Leben der Naturvölker und Halbkulturvölker von heute überhaupt nicht
in Betracht kommen, darf man sich nicht wundern, daß auch die Rampe so
stark zurücktritt oder ganz fehlt. Lediglich in Hochgebirgsgegenden
mit ihren besonderen Naturbedingungen hat das Verkehrsleben zu einer
eigenartigen Verwendungsart der feststehenden schiefen Ebene geführt,
bei jenen Seilbahnen und Gleitbrücken nämlich, die unter dem Namen
Tarabiten aus den Kordilleren Südamerikas bekannt sind, und ganz
gleichartigen Seilbahnen aus den Hochgebirgsländern Zentralasiens. Das
Prinzip ist einfach das der im stabilen Gleichgewicht aufgehängten
Last, die an einem geneigt verlaufenden Seil über tiefe Schluchten und
reißende Bergströme nach der niedrigeren Seite hinübergleitet. Ob die
Last aus Menschen oder aus in Gurten schwebenden Pferden oder sonstigen
Dingen besteht, ist dabei belanglos. Das Titelbild des Kosmosbändchens
»Urgesellschaft« zeigt eine solche Tarabite in vollem Betrieb.
Die _bewegte_ schiefe Ebene oder ihre Verdoppelung, den Keil, in
ihrer kulturhistorischen Bedeutung zu schildern, ginge weit über
unseren Rahmen hinaus. Wie bereits betont wurde, fällt die gesamte
unübersehbare Schar aller Hieb-, Schneid- und Stechgeräte physikalisch
unter den Begriff Keil. Nur auf eine Form der einfachen bewegten
schiefen Ebene sei noch hingewiesen, schon deshalb, weil sie vielleicht
die kulturförderlichste aller menschlichen Erfindungen überhaupt
darstellt.
Das ist der Pflug. Über seine Ausgangsform oder Ausgangsformen gehen
die Ansichten noch weit auseinander, trotzdem sichtlich alles dafür
spricht, daß er mit der quergestellten Feldhacke zusammen seinen
gemeinsamen Ausgangspunkt in der Astgabel besitzt. Auch in der
uranfänglichen Wirkung stimmen beide überein, indem bei beiden das
Erdreich nicht gewendet, sondern nur gehoben und dadurch gelockert
wird. Insofern stellen beide bewegte schiefe Ebenen dar. Mit dem
Aufkommen der Metalle nimmt die Pflugschar, unter Beibehaltung der
horizontalen Grundfläche, die bekannte geschweifte Form an, die erst
das Wenden der Scholle und damit bestimmte biologische Vorgänge in der
Ackerkrume ermöglicht. Vom mechanischen Standpunkt aus kann man diese
Bewegung als eine Art Drall oder auch als eine Art Schraubenbewegung
auffassen, womit wir von neuem zu ein paar in der Völkerkunde
vielumstrittenen physikalischen Erscheinungen gelangen.
[Illustration: Abb. 27. Materialversteifung.
~a b~ Versteifung afrikanischer Eisenklingen, ~c~ Versteifung des
bekannten Papiergeschosses unserer Knaben.]
Was Drall ist, weiß jeder, der einmal durch einen gezogenen Gewehr-
oder Geschützlauf hindurchgesehen hat. Die in dessen Wandung
eingeschnittenen Rillen sollen dem Geschoß während des Fluges
eine Drehung um seine Längsachse verleihen, so daß, es sich nicht
überschlägt, kein Querschläger wird, sondern unter dem geringsten
Luftwiderstand seine einmal begonnene Bahn möglichst weit verfolgt.
Die Beibehaltung der im gezogenen Lauf gewonnenen Drehbewegung ist
unmittelbar die Wirkung des uns bereits geläufigen Beharrungsvermögens,
das erst durch irgendeine andere Kraft, den Aufschlag oder sonst eine
Störung, unterbrochen oder aufgehoben wird.
In der Völkerkunde hat man in früheren Jahrzehnten eine solche
Drallvorrichtung gern bei Wurfspeeren und Pfeilen der Naturvölker
gesucht. Zunächst in Form und Querschnitt gewisser afrikanischer
Eisenspitzen. In diesem Erdteil findet man deren beide Hälften
innerhalb ihrer Längsachse häufig scharf gegeneinander abgesetzt, so
daß ein Querschnitt von der nebenstehenden Form (Abb. 27 ~b~) entsteht.
Selbst der Altmeister der modernen Ethnologie, Adolf Bastian, hat
in dieser Form die Ursache einer Rotationsbewegung vermutet. Das
ist nun physikalisch unmöglich, zumal keine der beiden Flächen im
geringsten flügelartig geschweift verläuft, was Vorbedingung für die
Rotationsbewegung wäre. Beide stellen vielmehr vollkommene, wenn auch
etwas zueinander geneigte Ebenen dar.
Die Frage nach dem eigentlichen Endzweck dieser abgesetzten Klingenform
gehört in das Kapitel der Festigkeitslehre, für deren Behandlung
durch den Neger diese Erfindung einen sehr hübschen Beitrag liefert.
Es handelt sich kurz gesagt um eine Versteifung der Klinge, um deren
Umbiegen beim Auftreffen auf den menschlichen oder tierischen Körper zu
verhindern. In meiner Arbeit über den afrikanischen Pfeil (1899) war
mir diese Erklärung entgangen. Kurz nach deren Erscheinen übersandte
mir der damalige Kieler Geograph Prof. O. Krümmel in einem Brief ein
Stück Papier, das schon beim ersten Blick durch seine kunstvolle
Faltung oder Kniffung in der Mittel- oder Höhenlinie dasselbe Prinzip
wie die afrikanischen Klingen offenbarte (Abb. 27 ~c~). Es war
dasselbe Geschoß, das wir als Knaben so oft erfolgreich in die Luft
entsendet hatten. Das afrikanische Eisen ist von Haus aus sehr weich;
Härteverfahren sind dem Neger nicht bekannt; da ist man durch Zufall
auf diese Art der Versteifung gestoßen, die nun über weite Strecken
Allgemeingut geworden ist.
Andere haben den Drall in der Befiederungsanlage der Pfeile gesucht.
Dort wäre er leicht möglich, indem man die einzelnen Fahnen der
längshalbierten Federn derart am Schaft befestigte, daß die Flügel
schiffsschraubenartig geschweift verlaufen; dann muß sich das Geschoß
förmlich in die Luft hineinbohren, wodurch das Überschlagen vermieden
würde. Nun finden sich unter den Tausenden von Pfeilen unserer
Völkermuseen zwar vereinzelte Beispiele dieser Art, doch wäre es
immerhin gewagt, bei ihnen an eine bestimmte Absicht zu denken, zumal
dann doch in jedem Fall auch eine pfriemenförmige Spitze zu einem
solchen Rotationspfeil gehörte. Das ist jedoch keineswegs der Fall.
Jede flächenförmige Pfeilspitze aber würde den Drall der Fiederung in
seiner Wirkung aufheben.
So scheint es denn wirklich, als ob die Naturvölker es bis zu dieser
Errungenschaft nicht gebracht haben. Mir persönlich ist nur ein
einziges, noch dazu der Welt der Kinderspielzeuge angehöriges Beispiel
bekannt, das ich der Vollständigkeit wegen mitteilen will, trotzdem es
für die Herrschaft des Menschen über die Natur vollkommen bedeutungslos
ist.
Das Spiel heißt Bulbul und wird im nördlichen Neu-Mecklenburg und auf
Neu-Hannover, beides Inseln im Bismarck-Archipel, gespielt. Hauptmann
Friederici berichtet darüber (Mitt. a. d. deutschen Schutzgebieten,
Erg.-Heft 5, Berlin 1912, Seite 98-99) wie folgt: »Die Knaben hocken
am Strande dort, wo die über das flache Riff kommenden Ausläufer
der Brecher den Sand andauernd benetzen. Aus diesem feuchten Stoff
(in der Hauptsache Kalksand) formen sie durch Drehen und Streichen
außerordentlich regelmäßige und recht feste Figuren etwa von der Form
einer Runkelrübe (Abb. 28 ~a~). Mit einem starren Halm wird dann dieser
Figur das spitze Ende so abgedreht, daß ein flacher Kegel nach innen
entsteht. Die Abdrehung geschieht ganz in der Weise unserer Drechsler,
indem der starre Halm festgehalten wird, während man die Sandfigur
drehend gegen sein Ende drückt. Dem so entstandenen flachen Kegel
wird schließlich durch dieselbe Manipulation noch ein kleiner, nach
innen gerichteter Spitzkegel aufgesetzt (Abb. 28 ~b~). Hat der Kanake
eins, zwei oder drei dieser Kunstwerke fertiggestellt, so tritt er,
die eine Figur in der rechten und zwei in der linken Hand, stolz in
das Wasser hinein, wobei er nicht vergißt, sich vergewissernd nach mir
umzuschauen, ob ich auch die bevorstehende Kunstleistung beobachte.
Nun wird eine Figur nach der andern mit einer drehenden, wirbelnden
Bewegung aus der rechten Hand hoch in die Luft gestoßen, das dicke
schwere Ende nach oben, das spitze, durch den Doppelkegel ausgehöhlte
nach unten. Der beabsichtigte Enderfolg ist nun der, daß die oben
dicke und schwere Figur, ohne die senkrechte Richtung ihrer Längsachse
zu ändern, hoch in die Luft steigt und ohne umzuschlagen auch wieder
herunterfällt. Sie schlägt dann mit dem spitzen ausgehöhlten Ende
auf die Wasserfläche auf, wodurch das mit Gewalt in die beiden Kegel
hineingepreßte Wasser eine Art Sprengwirkung hervorbringt. Mit dumpfem
Knall löst sich die Figur auf, um als schmutzige Masse unter dem Wasser
zu verschwinden. Das Spiel verlangt eine nicht geringe Kunstfertigkeit
und Übung, wenn es gelingen soll. Einmal müssen diese Figuren aus
Seesand sehr sorgfältig und symmetrisch hergestellt werden, und dann
erfordert das Hochstoßen eine ganz erstaunliche Beherrschung von Arm,
Hand und Finger. Wird die Figur nicht genau senkrecht, mit genügender
Kraft und hinreichender Umdrehungsgeschwindigkeit aus den Gelenken
emporgeschleudert, so schlägt sie um oder fällt auf die Seite. Sowie
ferner der Wurf nicht genau in der Längsachse der Figur erfolgt,
bricht das dicke Ende genau in dem Augenblick ab, wo das Spielzeug die
ungeschickte Hand des Knaben verläßt.«
Friederici knüpft an diesen lebensvollen Bericht noch Betrachtungen aus
seiner Leutnantszeit, wo er als Rekrutenoffizier die jungen Soldaten in
die Geheimnisse des Dralls bei unserem Dienstgewehr einweihen mußte. Er
kommt dabei zu dem Ergebnis, daß die schwarzen Knaben von Neu-Hannover
das Problem spielend in der Praxis zu lösen wußten, während manchem
braven Bauernsohn und Rekruten von damals die Theorie des Schießens bis
zu den letzten Diensttagen nicht recht klar geworden sei. Friederici
schließt endlich mit dem kulturgeschichtlich bedeutungsvollen Hinweis,
daß dieses Bulbul mit seinem durch die Handbewegung erzeugten Drall,
sodann unsere gezogenen Gewehre und Geschütze und schließlich der
Wurfriemen der Alten, die αγκυλη der Griechen und das ~ammentum~
der Römer, zusammen eine Erfindung darstellen, die ganz offenkundig
mehrfach und unabhängig voneinander gemacht worden sei. Den Bulbul
Melanesiens und den Riemenspeer des weit entfernten, 2000 Jahre
älteren mittelmeerischen Kreises werde ernsthaft wohl niemand in
kulturhistorischen Konnex miteinander bringen wollen, und daß auch die
Theorie der gezogenen Kanonen nicht auf den Riemenspeer des klassischen
Altertums zurückführe, gehe schon daraus hervor, daß dieser von uns
erst 1868 in seinem Wesen erkannt worden sei, wo man gezogene Geschütze
und Gewehre längst eingeführt habe.
[Illustration: Abb. 28. Bulbulspiel von Neu-Mecklenburg.]
Friederici hätte der Aufzählung seiner unabhängigen Drallprovenienzen
noch eine vierte hinzufügen können, die der Neukaledonier nämlich,
die bis zu ihrer Europäisierung den dort üblichen langen Wurfspeer
ebenfalls mit Hilfe einer Drallvorrichtung schleuderten. Das Prinzip
bei diesen allen, den antiken wie auch dem modernen ozeanischen,
bestand in einem Riemen oder einer geflochtenen Schnur, deren eines
Ende man am Daumen der rechten Hand befestigte, während der übrige
Teil spiralig um die Mitte des Speerschaftes gewickelt wurde (Abb.
29). Verließ dann der Speer im Wurf die Hand, so rollte der Riemen ab,
wodurch der Speer selbst in Rotation um seine Längsachse geriet, was
ein Überschlagen verhinderte.
[Illustration: Abb. 29. Neukaledonier, den Speer mit der Wurfschlinge
werfend.]
Die schiefe Ebene wirkt um so günstiger, je länger die Basis im
Verhältnis zur Höhe ist. Das legt den Wunsch nahe, stets sehr lange
schiefe Ebenen zu benutzen. Dadurch würde indessen die Maschine sehr
unhandlich. Um sie in ein bequemeres Format zu bringen, empfiehlt es
sich, sie auf einen Zylinder aufzuwickeln. Dann entsteht einerseits die
Wendeltreppe, andererseits die Schraube. Abbildung 30 stellt diesen
Vorgang dar.
Die Elemente der Schraube sind die Schraubenspindel und die sie
umhüllende Schraubenmutter. Bei Anwendung der Schraube handelt es sich
fast immer darum, durch eine drehende Bewegung der Spindel eine in der
Richtung der Achse fortschreitende langsame Bewegung der Mutter, oder
durch eine drehende Bewegung der Mutter eine in der Richtung der Achse
fortschreitende langsame Bewegung der Spindel mit stark vergrößerter
Kraft hervorzubringen.
Eine seltenere Verwendung der Schraube besteht darin, daß man die
Schraubenmutter fortschreitend bewegt, um dadurch eine drehende
Bewegung der Schraubenspindel zu bewirken. Das geschieht z. B. bei
unserem Schraubendrillbohrer, bei dem durch die Ab- und Aufwärtsführung
der handlich geformten Mutter auf der Triebstange diese abwechselnd
nach beiden Richtungen rotiert. Die Schraubengänge müssen hier sehr
steil sein, damit der auf Reibungsarbeit entfallende Bruchteil
der aufgewendeten Arbeit nicht zu groß wird. Wer sich jemals mit
Laubsägearbeiten befaßt hat, kennt das bequeme Instrument aus eigener
Erfahrung.
Unter den Naturvölkern hat dieser Drillbohrer eine Form angenommen,
bei der die Mutter nicht so ohne weiteres zu erkennen ist. Das ist
die in Abb. 31 wiedergegebene Maschine, wie sie manche Bewohner des
Stillen Ozeans zum Durchbohren von Muschelschalen und Schildkrötplatten
verwenden, und wie sie von den alten Indianern am St.-Lorenz-Strom zum
Feuerquirlen gebraucht worden ist. Die Schraubenmutter ist hier nicht
von Anbeginn vorhanden, sondern bildet sich erst in der Form der sich
um die Triebstange wickelnden Doppelschnur. Zur Inbetriebsetzung des
Bohrers dreht man die Triebstange mit der Hand, so daß die Doppelschnur
sich schraubenförmig um sie herumwickelt; sodann drückt man die
horizontale Druckstange nach unten, wodurch die Triebstange in rasche
Drehung gerät. Durch die Trägheit der Schwungscheibe setzt sich die
Drehung über den Nullpunkt, d. h. den Moment des Ablaufens der Schnur,
hinaus fort, so daß sich die Schnur wohl oder übel von neuem um die
Triebstange wickelt und die Druckstange wieder nach oben führen muß.
Sodann wiederholt sich das Spiel von neuem. Dem Schwungrad begegnen
wir hier in der Welt der Naturvölker wohl zum ersten- und einzigenmal,
sofern es nicht auch schon unsere Neolithiker bei einer allerdings fast
hypothetischen Bohrmaschine (anderer Konstruktion als der in Abbildung
17 wiedergegebenen) verwendet haben sollten. Diesen Pumpenbohrer
vermag sich jeder selbst leicht zu konstruieren. Trotzdem nehmen die
Ethnologen an, daß er im stillen Ozean und im Malaiischen Archipel erst
neuerdings von Europa her eingeführt sei, während er bei den Algonkin
und Irokesen vermutlich autochthon ist. Das Schwungrad hat die Aufgabe,
infolge seines Beharrungsvermögens Unregelmäßigkeiten im Gang einer
Maschine auszugleichen und die Rotationsbewegungen der Welle über den
sogenannten toten Punkt hinwegzuführen. Zur Erfüllung dieser Aufgaben
muß es möglichst massiv sein, was bei dem Pumpenbohrer mit seiner
unverhältnismäßig schweren Holzscheibe ja auch der Fall ist.
[Illustration: Abb. 30. Entstehung der Schraubenlinie aus dem
aufgewickelten Schnitt der schiefen Ebene.]
[Illustration: Abb. 31. Ozeanischer Drillbohrer.]
[Illustration: Abb. 32. Die Eskimo-Schraube.
~a~ Schraube und Mutter bei einem Pfeil, ~b~ Hautpflock.
(Nach Horwitz und M. Porsild.)]
Die Erfindung der technisch richtig ausgebildeten Schraube durch die
Naturvölker ist noch umstritten, trotzdem diese Frage neuerdings eine
ziemlich umfangreiche Literatur gezeitigt hat.[8] Von Indien abgesehen,
wo wir die merkwürdigen Schraubenräder mit parallelstehenden Achsen
bereits kennengelernt haben und wo die Schraube vermutlich auf ein
hohes Alter zurückblickt, kommen als möglicherweise selbständige
Erfinder lediglich die Eskimo in Betracht. In welch sinnreicher
Weise sie die Schraube verwenden, geht aus den Abbildungen 32 ~a b~
hervor. Bei ~a~ sind Spindel und Mutter zwar schon beide vorhanden,
doch noch nicht geometrisch vollkommen ausgebildet. Den Pflock aus
Holz (~b~) oder Walroßzahn verwenden die Eskimo zum Verstopfen der
den Seehunden durch die Harpune verursachten Wunden, einesteils um
das Ausbluten zu verhindern, andernteils um das Bugsieren des toten
Körpers zu erleichtern. Die Schraube wird in die Wunde eingebohrt; sie
schafft sich also hierbei ihre Mutter in der Tierhaut selbst, ganz in
derselben Weise wie unsere Holzschrauben das in dem vorgebohrten Loch
auch tun. Auf die zahlreichen sonstigen Verwendungsarten der Schraube
bei diesem technisch so hochstehenden Volk können wir nicht eingehen.
Man hat ihm, möglicherweise mit Recht, ihre Erfindung abgesprochen,
die Bekanntschaft der Eskimo mit der Schraube vielmehr auf die lange
Berührung mit den in Grönland ansässigen Europäern zurückgeführt. Aber
selbst in diesem Fall bleibt die Geschicklichkeit und Vielseitigkeit in
der Verwendung des neuen Kulturgutes noch höchst bemerkenswert.
Der eigenartigsten Schraube begegnen wir jedoch wieder im armseligen
Australien. Das ist der berühmte Bumerang, den jeder kennt und der
ballistisch doch vielleicht mehr Geheimnisse birgt als irgendeine
andere Geschoßart. Einen ethnographischen Abriß über ihn habe ich
in den »Kulturlosen« (S. 26/28) gebracht; physikalisch stellt seine
geschweifte Gestalt das Segment einer Schraubenmutterwindung dar,
die sich während des Fluges um eine imaginäre Spindel dreht, während
des Anstiegs aufwärts, beim Fall darauf abwärts. Die merkwürdigen
unberechenbaren Kurven gerade während dieses Abstiegs scheinen auf
Unregelmäßigkeiten im Bau dieser merkwürdigsten aller Schrauben
zurückzugehen.