So schön sah ich Venedig noch nie! Es schimmerte von weitem, das Schiff
hatte eben vom Lido abgestoßen, und der Himmel verdunkelte sich, aber
ein magischer Umsturz aller Farben – dem Fabelreiche entnommen – setzte
sich in Szene. Einer Laune folgend, schien die Sonne ins Meer
hinabzufahren, um aus den Tiefen zu dieser Stadt emporzuleuchten, daß
sie in pfirsichgelbem, in grünstem Gold erglühte, ermattete. Ein zartes
Rosa schlug melodisch an, eine Kuppel trug sich, Feuer fangend, wie ein
Edelstein, und vor den toll erblauenden Lagunen fuhren Türme
leidenschaftlich auf. Venedig zuckte, flammte und erlosch, von einer
schwarzen See verschlungen. Das Vaporetto, allen Ufern entzogen, vom
Sturme eingehüllt, wurde der Schauplatz eines Wolkenbruches und war so
dicht besetzt, daß keiner von seinem Heringsplatz wegrücken konnte.
Ströme liefen den Längsseiten entlang und gurgelten in die Schuhe. An
der Peripherie stehend und vom Wind halb erstickt, erhaschte ich gerade
noch meinen Hut, als er über Bord fliegen wollte. Von allen Köpfen rann
das Wasser. Da schlug ein Blitz wie ein Riesenschwert hart am Schiffe
vorbei in die Wellen, und im selben Augenblick setzten Rufe und
Wehklagen von Frauen und Kindern ein, das merkwürdigste Lamento, einem
Sirenengeheul nicht unähnlich. Was jetzt vor sich ging, war die
regelrechte Generalprobe einer großen Panik; denn das Schiff hatte
keinen Schaden erlitten. Es schien zu stoppen, legte aber langsam die
gewohnte Straße zurück, und nur der _Gedanke_ an den Untergang löste
also diese Angst und dies rührende Flehen der Kinder aus, die, an ihre
Mütter gepreßt, unausgesetzt nach ihnen riefen. Väter waren plötzlich
etwas Unvorhandenes in der Welt. Aber dieser Präventivjammer, war er
nicht seltsam angesichts der Tatsache, daß wir in einer viertel Stunde
landen würden, während Schiffe, die solche Klagetöne entsandten, zu
Tausenden untergegangen waren mit Menschen, welche auch vermeinten,
ihnen könne und dürfe dies nicht widerfahren, und mit demselben starken
Willen wie hier sich an das Leben klammerten, bevor sie ertranken. Und
waren wir darum weniger Kandidaten des Todes, weil jetzt das Schiff ohne
Havarie das Ufer erreichte, der seltsame Choral verstummte und Gelächter
sich vernehmen ließ, als sei alles gewonnen? Dem Wolkenbruch war ein
heftiger Regen gefolgt. Meinen Hut, der einer ersäuften Ratte glich, in
der Hand haltend, stürzte ich blindlings auf einen offenen Eingang los.
Es war die dem Landungsplatz gerade gegenüberliegende Pforte des Hotels
Danieli. Ein großer, breitschulteriger Herr starrte mich an, als sei der
Genius des Regens durch den Schornstein zu ihm hereingefahren. Dann aber
geleitete er mich, ohne eine Frage zu stellen, die Treppe hinauf, schloß
eine Tür auf, läutete einer Cameriera, die alle meine Sachen mit
fortnahm, und ich war allein in einem großen Doppelzimmer, das plötzlich
stockfinster wurde, weil jetzt der Blitz irgendeine Leitung beschädigte,
so daß alle Klingeln und alles Licht im Hotel versagte. Nun war ich bis
zu diesem Tage mit meinem Italienisch pompös ausgekommen. Vergessene
Worte aus meiner Kindheit waren mir in Scharen wieder zugeflogen. Und
ich fing sie ein, wie sie gerade kamen, duzte groß und klein, weil mir
die Verben nur _en gros_ einfielen, spickte sie dafür mit _magaris_ und
_c’è casos_ und _ma comes_ und _ma ches_, alles in rüstiger Bearbeitung,
wie frische Salatblätter, und mit einer so draufgängerischen
Volubilität, als müßte mir doch endlich jemand sagen: „Nein, wie _Sie_
gut italienisch reden!“ Allein, das neueröffnete Konto meines
Wortschatzes hatte angesichts des Bewußtseins als Dachrinne, statt, wie
es in meinem _Biglietto gratuito_ stand, als „_critica del Berliner
Tageblatt_“ _in questo albergo_ aufzutreten, eine plötzliche Sperre
erlitten. Während ich zähneklappernd durch die strahlende Halle
vorüberströmte, hatte mir zwar meine rinnende Stirn noch einige
Kontenance gegeben. Als ich aber zwei Stunden später, nach Verbrauch
vieler Handtücher, in getrockneten und heiß gebügelten Kleidern und mit
einem menschlichen Angesicht im Bureau des Hotels bei dem
breitschulterigen Herrn vorsprach, da war mein Italienisch, wie der
Federkranz auf meinem Hute, von mir weggeweht, und gefaßt, aber in einem
fürchterlichen Kauderwelsch erkundigte ich mich nach dem Preis. _Ma
niente!_ sagte er, ganz Kaufmann von Venedig und mit einer Geste, welche
diese ganze Stadt zum Hintergrunde hatte.
* * * * *
Mit der Hitze ist es übrigens, wie ich vermutet habe. Heiß ist heiß und
kalt ist kalt. Mehr als heiß kann es nicht geben, und ein Eisenbahnwagen
in der Sommersglut zwischen Offenburg und Frankfurt bietet nicht die
Spur größerer Kühle als Verona um dieselbe Jahreszeit.