Tags zuvor 25. Juni, Sonntag

So schön sah ich Venedig noch nie! Es schimmerte von weitem, das Schiff

hatte eben vom Lido abgestoßen, und der Himmel verdunkelte sich, aber

ein magischer Umsturz aller Farben – dem Fabelreiche entnommen – setzte

sich in Szene. Einer Laune folgend, schien die Sonne ins Meer

hinabzufahren, um aus den Tiefen zu dieser Stadt emporzuleuchten, daß

sie in pfirsichgelbem, in grünstem Gold erglühte, ermattete. Ein zartes

Rosa schlug melodisch an, eine Kuppel trug sich, Feuer fangend, wie ein

Edelstein, und vor den toll erblauenden Lagunen fuhren Türme

leidenschaftlich auf. Venedig zuckte, flammte und erlosch, von einer

schwarzen See verschlungen. Das Vaporetto, allen Ufern entzogen, vom

Sturme eingehüllt, wurde der Schauplatz eines Wolkenbruches und war so

dicht besetzt, daß keiner von seinem Heringsplatz wegrücken konnte.

Ströme liefen den Längsseiten entlang und gurgelten in die Schuhe. An

der Peripherie stehend und vom Wind halb erstickt, erhaschte ich gerade

noch meinen Hut, als er über Bord fliegen wollte. Von allen Köpfen rann

das Wasser. Da schlug ein Blitz wie ein Riesenschwert hart am Schiffe

vorbei in die Wellen, und im selben Augenblick setzten Rufe und

Wehklagen von Frauen und Kindern ein, das merkwürdigste Lamento, einem

Sirenengeheul nicht unähnlich. Was jetzt vor sich ging, war die

regelrechte Generalprobe einer großen Panik; denn das Schiff hatte

keinen Schaden erlitten. Es schien zu stoppen, legte aber langsam die

gewohnte Straße zurück, und nur der _Gedanke_ an den Untergang löste

also diese Angst und dies rührende Flehen der Kinder aus, die, an ihre

Mütter gepreßt, unausgesetzt nach ihnen riefen. Väter waren plötzlich

etwas Unvorhandenes in der Welt. Aber dieser Präventivjammer, war er

nicht seltsam angesichts der Tatsache, daß wir in einer viertel Stunde

landen würden, während Schiffe, die solche Klagetöne entsandten, zu

Tausenden untergegangen waren mit Menschen, welche auch vermeinten,

ihnen könne und dürfe dies nicht widerfahren, und mit demselben starken

Willen wie hier sich an das Leben klammerten, bevor sie ertranken. Und

waren wir darum weniger Kandidaten des Todes, weil jetzt das Schiff ohne

Havarie das Ufer erreichte, der seltsame Choral verstummte und Gelächter

sich vernehmen ließ, als sei alles gewonnen? Dem Wolkenbruch war ein

heftiger Regen gefolgt. Meinen Hut, der einer ersäuften Ratte glich, in

der Hand haltend, stürzte ich blindlings auf einen offenen Eingang los.

Es war die dem Landungsplatz gerade gegenüberliegende Pforte des Hotels

Danieli. Ein großer, breitschulteriger Herr starrte mich an, als sei der

Genius des Regens durch den Schornstein zu ihm hereingefahren. Dann aber

geleitete er mich, ohne eine Frage zu stellen, die Treppe hinauf, schloß

eine Tür auf, läutete einer Cameriera, die alle meine Sachen mit

fortnahm, und ich war allein in einem großen Doppelzimmer, das plötzlich

stockfinster wurde, weil jetzt der Blitz irgendeine Leitung beschädigte,

so daß alle Klingeln und alles Licht im Hotel versagte. Nun war ich bis

zu diesem Tage mit meinem Italienisch pompös ausgekommen. Vergessene

Worte aus meiner Kindheit waren mir in Scharen wieder zugeflogen. Und

ich fing sie ein, wie sie gerade kamen, duzte groß und klein, weil mir

die Verben nur _en gros_ einfielen, spickte sie dafür mit _magaris_ und

_c’è casos_ und _ma comes_ und _ma ches_, alles in rüstiger Bearbeitung,

wie frische Salatblätter, und mit einer so draufgängerischen

Volubilität, als müßte mir doch endlich jemand sagen: „Nein, wie _Sie_

gut italienisch reden!“ Allein, das neueröffnete Konto meines

Wortschatzes hatte angesichts des Bewußtseins als Dachrinne, statt, wie

es in meinem _Biglietto gratuito_ stand, als „_critica del Berliner

Tageblatt_“ _in questo albergo_ aufzutreten, eine plötzliche Sperre

erlitten. Während ich zähneklappernd durch die strahlende Halle

vorüberströmte, hatte mir zwar meine rinnende Stirn noch einige

Kontenance gegeben. Als ich aber zwei Stunden später, nach Verbrauch

vieler Handtücher, in getrockneten und heiß gebügelten Kleidern und mit

einem menschlichen Angesicht im Bureau des Hotels bei dem

breitschulterigen Herrn vorsprach, da war mein Italienisch, wie der

Federkranz auf meinem Hute, von mir weggeweht, und gefaßt, aber in einem

fürchterlichen Kauderwelsch erkundigte ich mich nach dem Preis. _Ma

niente!_ sagte er, ganz Kaufmann von Venedig und mit einer Geste, welche

diese ganze Stadt zum Hintergrunde hatte.

* * * * *

Mit der Hitze ist es übrigens, wie ich vermutet habe. Heiß ist heiß und

kalt ist kalt. Mehr als heiß kann es nicht geben, und ein Eisenbahnwagen

in der Sommersglut zwischen Offenburg und Frankfurt bietet nicht die

Spur größerer Kühle als Verona um dieselbe Jahreszeit.

Wera Njedin: Erzählungen und Skizzen · 第 33 / 42 题