Sie lachte wild: »Ich tu ja nichts«

Dabei schimmerten ihre Wangen in heller Röte, aus dem leicht geöffneten

Munde stieß kurz und rasch der Atem, und in den schwarzen Augen

züngelten hundert glänzende, kleine Feuer.

Ihre Füßchen trippelten ungeduldig, und jetzt, jetzt wo die Musik wieder

einsetzte, da wiegte und dehnte sich der Körper so leicht, so frank und

frei, als wäre das weiße Kinderkleidchen längst von ihr abgeglitten, als

stände sie nackt und aller Hüllen ledig und würde bald einen unerhörten

Tanz beginnen.

»Line -- Line.«

»Laß mich doch, Bruno, ich tu ja nichts.«

»Du hast mit dem großen Studenten da drüben getanzt.«

»Das ist nicht wahr -- laß mich jetzt los -- bitte, bitte.«

»Nein, du darfst nicht mehr.«

»Oder tanz du selbst mit mir.«

Er erschrak über ihr Verlangen und starrte sie an. In ihrer Stimme lebte

soviel kindliche Leidenschaft. Hinter ihm paukten und schmetterten ein

paar Musikanten, die aus der Stadt herausgekommen waren, scharrendes

Geräusch schleifender Füße mischte sich drein.

»Hopsa -- hopsa -- hopsasa,« sang plötzlich oll Kusemann neben ihnen,

der in seiner Extralotsenuniform bei jedem Ball die Stellung eines

Tanzkommandeurs bekleidete, »hopsasa,« sang er und hob das rechte Bein

unternehmend in die Höhe: »Komm, Dirning, tanz mit mir! -- Ich hab'

spanische Korken in die Stiefel -- siehst du so.« Er sprang hoch in die

Luft. »So ein paar Dinger schenk, ich dir auch, wenn du hübsch artig

bist und mir einen Kuß gibst -- fix, Marjelling.« Hoch nahm er sie in

seine Arme und schwenkte sie weit in der Luft herum.

Ihre Röckchen wirbelten, die schwarzen Zöpfe rasten um sie herum, von

der einen Wade war der Strumpf heruntergestreift und entblößte die

braune, seidige Haut.

»Huch,« schrien die Fischerweiber schamhaft.

Solchen Tanz hatten sie noch nicht gesehen. Der taubstumme Riese Klaus

Muchow lachte dazu, daß die Wände dröhnten, während die Studenten ihre

Seidel schwangen, um Line ein donnerndes Hoch auszubringen.

»Line -- hurra,« schmetterten die jungen Stimmen.

»Line hurra,« knatterte es aus allen Winkeln.

»Line hurra,« greinte oll Kusemann und spitzte seiner Tänzerin, die noch

nicht den Erdboden berührt hatte, die Lippen entgegen.

»Ich will nicht mehr,« keuchte die Kleine, vor deren Blicken alles

verschwamm, und begann mit dem Lotsen zu ringen. »Ich will runter.«

Ihre Fußspitzen suchten den Estrich.

Oh, und Bruno mußte oben von der Terrasse der Musiker, wo er krampfhaft

einen Stuhl gepackt hielt, alles mit ansehen, mußte die entblößte Wade

schauen und die tastenden Zehen, mußte auch knirschend beobachten, wie

der taubstumme Riese sich erhob, um dem angetrunkenen Lehrer Toll

pantomimisch vorzumachen, wie er das Ding auf seinen Arm setzen wolle

und dann auf den Kopf.

Dazu erhob er taktmäßig die mächtigen Beine, grinste schlau und drehte

sich komisch im Kreise umher.

»Solch ein Kerl,« murmelte Bruno in erstickter Wut. »Solch ein Kerl.«

Wie kam es, daß die Gestalt des alten verstorbenen Lotsen plötzlich vor

ihm auftauchte, seines Vaters, der erst wenige Wochen in seinem Grabe

ruhte, und der doch Line wie sein eigenes Kind gehalten?

»Wie ist das möglich?« -- schnitt es ihm durch den Sinn, »wie ist das

bloß möglich? -- Hab' ich denn das Ding noch gar nicht gekannt?«

Ein merkwürdiges Gefühl, von Grauen und Verlangen gemischt, wühlte in

ihm herum, keinen Blick konnte er von der Kleinen abwenden, und jetzt,

jetzt trug sie oll Kusemann schleifend und zierliche Winkel drehend

wieder in seine Nähe.

Wie er zitterte, wie er sich schämte, und er hatte sie doch erst vor

wenigen Stunden weich auf seinem Schoß gehalten. --

»Dirning,« hörte er den Lotsen schmunzeln, »leg' mich deinen Arm um den

Hals, sonst fällst du.«

Und was antwortete sie?

»Du alter, häßlicher Kerl.«

»I, Lining, das ist grade was Apartes. -- Au, Kind, wozu kratzt du denn?

Ich wollt ja bloß sagen: Hann liegt jetzt auf der See.«

Line schlug mit der Hand durch die Luft. »Wo Hann liegt, das ist mir

ganz gleich.«

»Na, du gehst gut, du Racker,« wollte der Lotse eben belobigen, da

fühlte er unvermittelt, wie etwas an ihm herunterglitt; dadurch verlor

er das Gleichgewicht und purzelte, sich überschlagend und unter dem

dröhnenden Gelächter der Studenten, gerade auf den Schoß seiner Gattin

Alwining.

Die zog ein strenges Gesicht und kniff ihn heimlich in den Arm.

»Alwining,« flüsterte oll Kusemann und griff seiner Frau unter das Kinn:

»Sei ruhig, ich weiß, was du denkst. -- Aber die kleine Krabbe ließ mir

gar nicht in Frieden. Du weißt ja, aus der wird nichts Gutes! -- Sollst

sehen, Alwining. -- Ich kenn' meine Leute.«

* * *

Sie forderte zu trinken, als sie nun atmend und glühend neben ihrem

Pflegebruder auf der Terrasse stand.

Aber er verweigerte ihr alles. Eine tiefe Verachtung gegen dies tolle

Ding war in dem feinen gebildeten Jungen aufgestiegen. Fast mit Gewalt

hatte er sie in eine Ecke hinter die Musiker gezogen, und nun schüttete

er dort sein Herz vor ihr aus. Wie sie sich benommen, wie sie ihn

blamiert hätte, und was die Mutter zu Hause dazu sagen würde. Den

Abschluß bildete immer der eine Satz: »Du hast nichts gelernt, du

gehörst eben unter die Fischer.«

Doch sie antwortete nichts.

Ihre schwarzen Augen, die so seltsam auf dem blauweißen Untergrund

schwammen, lugten noch immer gierig nach allen Seiten. Die Musik und der

Tanz hatten sie offenbar betäubt. Immer noch blinzelte sie nach den sich

drehenden Paaren.

»Line, verstehst du mich denn nicht? -- Ich trag dich mit Gewalt raus,

wenn du nicht von selbst gehst,« flüsterte er mit neu aufbrausender Wut.

Verständnislos -- kindlich und doch mit einem merkwürdigen, bewußten Zug

um die Lippen lächelte sie ihn von unten herauf an. Dann streichelte sie

ihm schmeichelnd über die Wange, um gleich darauf das Haupt zu neigen

und mit ungeheucheltem Erstaunen auf ihre entblößte Wade herabzublicken.

Jetzt bemerkte sie es erst.

Auch der Sekundaner mußte diesem Blick folgen. Das Blut schoß ihm dabei

ins Gesicht, er verachtete sich selbst, weil er sich nicht sofort

abwenden konnte. Doch er verharrte und blinzelte hinunter. Und Line

lachte über den Unfall, während sie tiefgebeugt über ihrem Strumpf

nestelte. In diesem Augenblick nahte sich ein junger, schlanker Student,

Jahn mit Namen, derselbe, der vorhin das Hurra auf diese jüngste

Tänzerin kommandiert hatte, und streckte einfach die Arme nach ihr aus.

Schon berührten seine Finger die Schulter der Gebückten, als Bruno sich

nicht mehr mäßigen konnte. Er riß sie empor, daß sie förmlich in die

Höhe zuckte, beide flogen von der heftigen Bewegung die wenigen Stufen

hinunter, und dann -- hatte er begonnen oder Line?

Keiner wußte es später.

Aber die schlanken Arme, mit denen sie ihn unwillkürlich umschlungen,

löste sie nicht, und dann war es Bruno, als ob alles um ihn

herumwirbele. Die Wärme, die heiße Glut, dieser erste Lebenstaumel des

jungen Wesens an seiner Brust hatten es ihm angetan --! Er tanzte! --

Nein, er riß sie rasend mit sich fort. Er sah nichts als die

aufblitzenden Augen und die weißen Zähne, die hinter den schmalen Lippen

glänzten. Immer herum -- immer weiter, wenn es ihm auch war, als ob er

über spitze Messer tanze, wenn ihm auch eine flüchtige Erscheinung kam,

als stände sein Bruder Hann draußen an den Fensterscheiben und stiere

blöden Sinnes herein. Schneller, wilder, dieses sich immer

gleichbleibende, beglückte Lächeln der Tänzerin berauschte ihn und

hetzte ihn weiter.

»Oh,« murmelte Line, »noch länger -- noch länger.«

»Ja -- ja.«

»So gut wie du tanzt doch keiner, Bruno.«

»Aber du auch -- du auch, Line.«

»Ja, das hab' ich gelernt,« flüsterte sie stolz, während sie ihn leise

in den Arm kniff.

Doch ehe er noch antworten konnte, kam das, was ihn zur Besinnung

brachte, vor dem er floh, als hätte er ein Verbrechen begangen.

Wie eine Erscheinung, unvorhergesehen, stand es da.

Leise, aber entsetzt schrie Line auf.

Was war das für eine breite, nasse Hand, die sich auf ihren Arm legte?

-- Weshalb stürzte plötzlich ihr Tänzer fort, als ob er sich verfolgt

wähne?

Wer war das eigentlich, der sie festhielt und mit ihr sprach?

Erst mußte sie sich die Haare aus der Stirn streichen, eh sie ihn

erkannte. Dann blickte sie sich wirr im Saale um. Ihr Herz begann

krampfhaft zu pochen, eine schneidende, überwältigende Angst durchfuhr

sie.

Wie kam sie denn hierher? -- All die fremden Leute? Die Fischerweiber,

die mit Fingern auf sie zeigten, und die Studenten, die so vertraut mit

ihr taten?

Zitternd und zerknirscht blieb sie vor dem Schifferjungen in dem nassen

Rock stehen. Der sah sie mit seinen dumpfen blauen Augen bekümmert an

und sagte mit kaum merklichem Vorwurf: »Ich such' dich, Lining.«

»Hann,« stotterte sie.

Da faßte er sie fester am Arm und meldete ernsthaft: »Ich soll dich nach

Haus bringen.«

»Ja -- ja,« stieß sie scheu hervor, während sie sich an ihn drängte: »O

komm bloß, ich will mit dir.«

Er ließ ihr keine Zeit zur Besinnung, bevor sie es selbst recht

bemerkte, hatte er sie aus dem tabakdurchqualmten Saal geleitet und

führte sie nun durch die stockfinstere Nacht.

»O Lining,« murmelte er nur einmal mit tiefem Kummer, »was hast du

gemacht?«

Hastig atmete sie auf. »Ich weiß auch nicht,« brachte sie dumpf hervor,

aber dann setzte sie halb voll Angst hinzu: »Aber ich glaub', es kommt

davon, weil ich so wenig gelernt hab'.«

»Ja, ja, das mit dem Lernen,« stimmte Hann beklommen bei.

Er dachte immerfort daran, wie sein feiner Bruder, der doch morgen in

die Welt sollte, und dies kleine Mädchen zusammen getanzt hatten,

getanzt, während der alte Lotse in seiner Grube kaum kalt geworden.

Das war greulich.

Aber er sprach darüber kein Wort. Etwas Unbestimmtes, Ängstliches hielt

ihn von der Schwester fern.

Endlich waren sie an der Seite des murmelnden Flusses bis vor die Tür

des Lotsenhäuschens geschlichen.

»Hann,« begann Line hier, der das Schweigen Pein verursachte, »wacht

Mutter noch?«

Er schüttelte das Haupt.

»Bist du allein auf?«

Er nickte.

»O Hann« -- sie drängte sich in ihrer schmeichelnden Art an ihn --

»sprich doch mit mir -- ich will's ja nie wieder tun, hörst du? -- aber

sprich mit mir.«

Wieder schüttelte er das plumpe Haupt. Ihm war so trostlos zumut, daß

ihm keine Worte einfielen. Da wurde die bohrende Verzweiflung in Lines

Brust übermächtig, heftig sprang sie an dem Jungen in die Höhe und

drückte ihm einen heißen, bittenden Kuß auf den breiten Mund. »Ich

will's ja nie wieder tun,« hauchte sie dazu, »ganz gewiß, nie wieder --

aber sag hier zu Haus nichts davon, hörst du? -- sag kein Wort.«

Noch stand sie einen Augenblick vor ihm. Durch die tiefe Nacht glaubte

er das Weiße ihrer Augen zu erkennen. Dann hörte er etwas über die

Treppe huschen, und über die Stelle, wo sie gestanden, säuselte der

Nachtwind.

Es war stockfinster und Hann auf der Landstraße allein.

Da senkte der dumme Junge langsam den Kopf in seine groben Hände und

begann unhörbar vor sich hinzuschluchzen.

Hann Klüth: Roman · 第 25 / 76 题