Dazu lag still und warm und rot die scheidende Abendsonne auf ihnen und
aus den herbstlichen Bäumen raschelten braune Blätter auf ihre Häupter.
Da wandte sich Line nach ihm zurück. Als sie ihn ansah, bemerkte sie mit
Erstaunen, daß in dem hübschen braunen Gesicht des Pflegebruders ein
dunkles Schnurrbärtchen auf der Oberlippe zu sprossen begann. Das war
ihr neu. Und aus ihren Augen und aus dem sich langsam öffnenden Munde
sprach so viel Bewunderung, daß Bruno, der wohl fühlte, daß etwas
Schmeichelhaftes für ihn darin lag, das kleine Ding plötzlich lachend
und doch mit Hast an sich riß.
Sie sträubte sich gar nicht.
Ganz eng schmiegte sie sich an ihn, ja, sie verkroch sich geradezu an
seiner Brust, so daß er deutlich empfand, wie weich und fest zugleich
ihre Glieder sich fügten.
Eine schülerhafte, scheue Begierde stieg in ihm auf, auch ihren Mund zu
berühren. Die roten Lippen leuchteten ihm so dicht!
Aber nein -- nein, das wagte er nicht.
Es war überhaupt das erste Mal, daß er so kosend nah sich einem Mädchen
fand. Und nun noch gerade diese! --
Nein!
Er schämte sich, fürchtete sich und lächelte doch ein wenig unwillig
über sich selbst.
Ein merkwürdiger, angenehmer Schauer begann ihn dabei zu überrieseln.
Und sie wand sich immer wohliger in seinem Arm. Noch war ihr unklar,
warum, doch immer tiefer nistete sie sich bei ihm ein, blinzelte
verstohlen zu dem Schnurrbärtchen empor und spann vor Freude, wie eine
kleine Katze vor dem Schlummern.
Wieder wiegten sich beide einen fröhlichen Moment. -- Dann surrte die
Sekundärbahn mit ihren drei schwarzen kreischenden Waggons heran, und
ein schriller, durchdringender Pfiff weckte beide auf.
Sie sahen sich an.
Dann mußten sie lachen. Keiner wußte den Grund.
Es war das Lachen zweier blutjunger Menschen, die sich entdeckt haben.
Aber sie wußten es nicht.
* * *
Langsam schlich der Abend über die Landstraße. Rechts und links fing er
in seinem schwarzen Sack die letzten Sonnenstrahlen, die wie goldene
Mäuschen über den Weg huschten.
Überall stiegen Schatten an Mauern und Bäumen empor und griffen nach der
Röte, die dort noch ruhte.
Die Sekundärbahn, die am Fluß entlang auf die Stadt zustrebte, fuhr wie
in einen dunklen Tunnel hinein. -- Nur ihre roten Augen, die sie auf dem
Rücken besaß, glimmten noch eine Weile nach dem einsamen Paar zurück.
Da wand sich Line von Brunos Knien herab und streckte den Arm nach den
roten, blinzelnden Augen aus. »Morgen abend bist du auch da drin,«
begann sie beinah anklagend.
»Ja, morgen abend schlafe ich schon in der Stadt,« entgegnete er rasch.
Hastig atmete er dabei auf.
»Was wirst du in der Stadt anfangen?« fragte sie weiter.
Er sah sich um, ob ihn auch niemand höre. Dann schlüpfte ganz heimlich
das Unterste, Verborgenste aus ihm heraus.
Der Traum, der tief in der Seele im verschlossenen Kämmerchen auf
weichem Bette geschlummert, der stieg scheu und schämig auf die Erde.
»Reich will ich werden, Line.«
»Reich?«
»Sehr reich. Unermeßlich reich.«
»Wozu willst du das?«
Mit einem Ruck hatte er sie wieder an sich gezogen. Doch sie setzte sich
ihm nicht mehr aufs Knie. Stehend, von seinem zitternden Arm
umschlungen, während ihr Ohr fast seinen Mund berührte, hörte sie alles
mit an, sog es in sich ein, was er ihr nun mit fiebernder Hast, mit
ausbrechender, üppiger Knabenphantasie vormalte.
Ein eigentümliches Beben ging durch seine flüsternde Stimme.
Ja, das mußte jahrelang in ihm geschafft und gewirkt haben. -- Was
vernahm sie nicht alles? -- Das Gold, das sei der Schlüssel zu aller
Macht und Herrlichkeit. Diese blitzenden Goldstücke hingen wie Sterne
über jedem irdischen Menschenhimmel. Manchmal regne es von dort oben in
weiten Strömen. Dann wüchsen aus dem getroffenen Acker Schlösser,
Paläste, Gärten mit seltenen Blumen, Kleider, Livreen, schnelle Pferde
und die seltensten Braten hervor. Freilich, nur ein paar Auserwählte
seien es, die das Geheimnis ergründet hätten. Hollander gehöre dazu. Der
hätte es. Und von dem alten Manne müßte er es auch erlernen. Sonst käme
er nicht wieder, ganz gewiß nicht, sonst stürze er sich irgendwo in die
See, wenn er das nicht erreiche. Denn sonst lohne es nicht, zu leben. --
Aber er würde es erreichen, jede Nacht beinah hätte er ja davon
geträumt, ja manchmal hätte er ganz deutlich gehört, wie es vor seinem
Bette seltsam geklungen und geklappert hätte.
Ganz deutlich.
»Klipp -- klapp.«
»Das ist fein,« flüsterte Line, der es wie Feuer durch die Adern
brannte.
Die schönen Kleider und die Schlösser hatten es ihr angetan.
»Ja, aber es ist schwer,« murmelte er bekümmert.
Nun tastete langsam der Mond über die Baumkronen herauf.
»Und wenn du dann reich bist?« forschte sie mit verhaltenem Atem weiter,
»dann --?«
»Ja, dann -- --«
Ganz berauscht, toll von dem Klang der eingebildeten Schätze preßte er
die Stehende an sich, bis er die Schläge ihres erregten Herzens hämmern
hörte. Seine Knabenaugen leuchteten in den ersten Mondesstrahlen gleich
einem Paar prachtvoller Edelsteine.
»Kann ich auch reich werden?« forschte sie plötzlich mit aufwachender
Gier.
»Du?«
Er lächelte.
»Warum lachst du? Warum schüttelst du den Kopf?«
»Du nicht.«
Da riß sie ihre Hand ungestüm von ihm zurück. Ihr Mund zuckte. »Warum
nicht?« rief sie verzweiflungsvoll.
»Weil du nicht genug gelernt hast,« erklärte er begütigend und erhob
sich, um sie mit fortzuziehen. »Aber, das schadet ja auch nicht,
Liebling. Wenn man so hübsch ist wie du. -- Komm.«
Halb im Taumel ließ sie sich von ihm leiten. Alles summte in der
aufwachenden Seele durcheinander, die Liebesworte und der Goldklang. Und
immer wieder, fast bettelnd, suchte sie den Großen davon zu überzeugen,
wie sie am Ende doch nicht so wenig gelernt hätte. Dabei ergab sich, daß
sie die unregelmäßige Dorfschule monatelang überhaupt nicht gesehen, ja,
wie dies dem alten verbummelten Lehrer Toll nicht einmal als etwas
Besonderes aufgefallen wäre.
Spitzbübisch wollte sie die Lippen bei dem losen Streiche spitzen. Doch
ganz ohne Übergang fuhr sie zusammen und begann laut vor sich
hinzuschluchzen.
»Herrgott, Lining, was weinst du?«
»O nichts!«
Damit schüttelte sie sich die Tränen ab und warf ihr Köpfchen kräftig in
den Nacken.
»Ich kann nicht reich werden, ich hab' nicht genug gelernt,« ging es
durch ihre Gedanken. Und dann blickte sie wieder mit heimlichem Neid auf
ihren Gefährten, der nun bald in diesen goldenen Gärten spazierengehen
würde.
Plötzlich griff sie in der Dunkelheit heftig nach seiner Hand, und
beinahe zornig stürzte es aus ihr heraus: »Sag' mal, kommst du nun bei
Hollander auch mit lauter solchen Menschen zusammen, die was gelernt
haben?«
Das bejahte er. Lachend über ihre kindliche Wut, und geschmeichelt, daß
sie ihn augenscheinlich gleich einem höheren Wesen verehre.
Nun standen sie vor der Brücke. Unten gurgelte und sang der Fluß, vom
jenseitigen Ufer blinkten die erleuchteten Fenster der Krugwirtschaft
herüber. Und da! -- Was war das?
Grobe Tanzmusik drang über das Wasser, hinter den angelaufenen
Fensterscheiben huschten blasse Schatten vorbei!
Kling -- kling -- plump -- plump -- trala!
Line griff nach dem Geländer der Brücke und wurzelte an. Ihre Augen
saugten sich an den kleinen, leuchtenden Fenstern, die so wunderliche
Lichtstrahlen in die Finsternis hinaussandten, förmlich fest; ihre Zähne
biß sie scharf zusammen.
»Nicht doch! -- Was soll das? -- Komm, Kleine.«
»Bruno?«
»Ja.«
»Sieh da, bei Gastwirt Krügern da tanzen jetzt die Studenten mit den
Fischerfrauen und den Mädchen.«
Auch er warf einen verlangenden Blick hinüber und streckte dann die Hand
nach ihr aus.
»Ja, ja -- aber was soll das? -- Du mußt nach Haus.«
»Du, da drüben möcht' ich auch hin.«
»Da drüben?« Er hielt sie fest. »Hör', -- da gehören keine Kinder hin.«
»Ich bin kein Kind mehr. Das sollst du sehen.«
Mit einer schlangenhaften Wendung wischte sie ihm unter der Hand fort.
»Jetzt lauf ich rüber.«
Er geriet in Angst.
»Lining -- bedenk doch -- wir haben ja Trauer.«
»Oh, bei so einer, die nichts gelernt hat, schadet das nichts. Nein,
nein, da schadet das gar nichts. Ich will bloß zusehen.«
»Um Gottes willen, bitte, tu das nicht -- mir zuliebe! Ja?«
Seine Stimme zitterte so flehentlich, daß sie stehen blieb und zögerte.
Über die hohen Schwebebalken der Brücke glitt der Mond, so daß sich
beide genau betrachten konnten. Da öffnete sich drüben in der Schenke
eine Tür. Ein Strom von Musik und Gelächter schoß heraus.
Kling, kling, plump, plump, trala!
Das entschied.
Line zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. »Bloß zusehen,« rief sie noch
einmal mit geschnürter Stimme, »du kannst auf mich warten!«
Im nächsten Moment flog sie über die Brücke, und wie von unsichtbarer
Hand zurückgehalten starrte ihr Bruno nach. Seine scharfen Augen
verfolgten die Fliehende, bis sie gleich einem weißen Pfeil durch den
Wirtshausgarten schoß. Dann griff er sich an die Stirn und sah sich um.
Rechts von ihm ruhte die unendliche, finstere Masse des Meeres, links
glitzerte im Mondenlicht der silberne Fluß, und weiterhin zuckte am
Himmel ein breiter leuchtender Schein. Unter diesem lag in der Ferne die
Stadt, in der er morgen schon wohnen und wirken sollte.
»Line!« rief er laut und ängstlich in unerklärlicher, aufsteigender
Bangigkeit.
Aber nichts antwortete ihm.
Nur zwischen den nahen, glitzernden Fenstern glaubte er den weißen
Schatten des Mädchens in das Innere des Hauses schlüpfen zu sehen.
Da brach auch bei ihm unvermittelt alle Überlegung zusammen. Die Trauer
und den finsteren Ernst des Lebens, der dahinten lag und auf ihn
lauerte, alles vergaß er. Er wollte nur die Kleine holen -- nur sie
überwachen, das unerfahrene Ding, das so hübsch auf seinen Knien
gesessen. Noch fühlte er die heimliche Wärme. »Ja, nur sie holen.«
Ein paar leichte Sprünge.
Er war bereits jenseits der Brücke. Ganz nahe drang durch geschlossene
Türen die Musik -- hinter ihm versank still und schweigend die Stadt, in
der er morgen einziehen und leben sollte.
Er sprang in den Saal.
Und draußen tauchte alles wieder in nächtliche Versunkenheit; die Ufer
und die Landstraße und die raschelnden Binsen am Moor. -- Nur unten, wo
der Strom um die Brücke gurgelte, da sah Malljohann, der zur selben Zeit
nachdenklich auf dem Dach seiner Kajüte hockte und zu dem Mond
hinaufmurmelte, wie sich vorsichtig ein winziges Männchen aus dem Wasser
hob, und wie es in die Hände klatschte und in ein scharfes Kichern
ausbrach.
Das war nichts Menschliches.
Und Malljohann wußte recht gut, so lachte nur der Klabautermann, den ja
Line für ihren Vater ausgab, und der sich nun über sein flinkes Dirnlein
freute.
X
Der Mond tanzte auf den Wassern.
Durch den schwarzen, glatten Spiegel streckte er überall sein feuchtes
Gesicht hindurch, zwinkerte mit den Augen und spie goldene Funken nach
Hann.
Es war gerade um die Zeit, als Line mit feurigen Wangen das erste Mal
durch den Saal schlich.
Siebenbrod war eingeschlafen, er schnarchte. Kein Lüftchen regte sich;
mitten auf der toten Fläche stand das Boot unverrückbar still.
Die großen Stellnetze waren bereits eingezogen, ein paar andere hatten
sie ausgelegt; mitten in dem Boot schillerte fast fußhoch ein dicker
Haufe zappelnder Heringe.
Die zuckten und sprangen und leuchteten einen fahlen, blauweißen Glanz.
Von fernher hallte ein einsamer Glockenschlag. Dann kroch wieder dieses
ungeheure tote Schweigen über den Spiegel. Der Junge, des Nachtdienstes
ungewohnt, hockte vorn am Bugspriet und kämpfte gegen den Schlaf.
Zuweilen neigte sich sein plumpes Haupt schwer gegen den Bordrand, doch
ein letzter verlöschender Blick auf den Stiefvater, der, das Steuer im
Arm, zu einer unförmigen Masse zusammengesunken schien, ließ ihn immer
wieder zur Höhe taumeln.
Der Bootsmann hatte ihm anbefohlen, wach zu bleiben. Und die Furcht
wirkte stärker als die Müdigkeit.
Allmählich aber begann er zu zittern. Ein eisiger Frost stieg aus der
schwarzen Tiefe auf und legte sich wie ein enger Mantel um seine Brust.
Voller Angst und in der Sucht, sich an etwas festzuhalten, an etwas
Lebendigem, blickte er überall umher.
Dort der Mond. -- Er kam und ging.
Es war, als wenn er sich wasche und immer um das Boot herumschwimme!
Was war eigentlich der Mond?
Der Junge rieb sich den Kopf, aber das Richtige sprang nicht heraus. Er
fuhr mit der Hand in die glitzernde Scheibe, aber das Wasser war so
eisig, daß er zusammenschrak.
Immer toller grinste das Gesicht aus den Fluten. Deutlich sah der
Einsame, wie die großen Augen auf und zu klappten. Dazu verzog sich der
Mund und wies blitzende Zähne.
Herrgott -- Herrgott -- was war eigentlich der Mond?
Das Gesicht wurde immer deutlicher und runder. Jetzt hob es sich aus dem
Wasser, jetzt tauchte es unter, im nächsten Augenblick klappte das Maul
auf und fing an zu reden.
»Jesus!«
Der kalte Schweiß lief Hann herunter. Er war der Nacht und dieses
fürchterlichen Schweigens noch ungewohnt.
»Siebenbrod -- Siebenbrod!« schrie er auf.
Vom Steuer tönte ein Ächzen, dann rührte sich nichts mehr.
Nein, er mußte wissen, was der Mond war. Die Unwissenheit bedrückte ihn,
wie kurz vorher Line. In wildem Schrecken versuchte er fortzusehen, doch
kaum gedacht, schwoll das Haupt riesengroß an, ein Zischen quirlte um es
her, und dann grinste es wieder tückisch unter der zitternden Flut.
Da kam Hann ein Gedanke.
Er wollte sein Abendgebet hersagen, denn seine Furcht war groß. So
faltete er die Hände:
»Ich bin klein,
Mein Herz ist rein,
Soll niemand drin wohnen
Als Gott allein.«
Er betete es noch immer, obwohl er ein großer Junge geworden. Er hatte
kein Gefühl für die Lächerlichkeit.
Als er den Spruch gesagt, schielte er von neuem auf seinen Feind. Der
hatte sein Antlitz in tausend goldne Runzeln gezogen und lag grämlich
und zitternd da.
Und immer wieder ging es durch den dummen Jungenschädel: »Was ist
eigentlich der Mond?«
In der Schule war er so weit nicht gekommen. Ob Line das wohl wußte? Ja,
wenn er heute nacht nach Hause kam, dann wollte er doch an die Nebenwand
klopfen, hinter der sie schlief, um einmal anzufragen. Ja, ja, Line
hatte es gut. Die lag nun weich in ihrem Bett.
Gutmütig nickte er.
Das war auch ganz in Ordnung, daß sie nicht mit auf der schwarzen See
weilte. Sie sollte nicht arbeiten. Dazu war sie zu fein.
Und als er von neuem in das glitzernde Gebilde starrte, kam es ihm vor,
als ob sich dort drin etwas verändere, als ob ein ganz kleines Püppchen
darin herumtanze.
Wahrhaftig, so warf Line die Beinchen.
Freudig reckte er sich vor, so daß das Boot schwankte. Alle Bangigkeit
war vergangen. Statt des gespenstischen Hauptes nahm er mit einmal eine
goldene Stube wahr, in der Line herumhuschte.
»Ja, ja,« wohlgefällig lachte er dazu, und ganz hinten am Steuer, wo die
formlose Masse des Bootsmanns hockte, räusperte sich etwas, und
Siebenbrods knastrige Stimme fragte gemütlich: »Wat is de Klock?«
* * *
Um Mitternacht fuhr das Boot in Moorluke ein. Eine Viertelstunde später
stießen die beiden Fischer auf Frau Klüth, die in der Dunkelheit vor dem
Lotsenhäuschen stand und die Hände rang. Als Siebenbrod sich erkundigte,
erfuhr er, daß Line und Bruno diese Nacht nicht nach Hause gekommen
wären. Paul, der Student, sei bereits trotz Nacht und Nebel in die
Klosterruinen gelaufen, wo man die beiden zuletzt gesehen.
»Und dabei soll es da drüben spuken,« jammerte Frau Klüth.
»Na, sie werden sich wohl wieder zufinden,« tröstete Siebenbrod in
ziemlicher Ruhe und gähnte mächtig. »Die Hauptsache is nu, daß wir
schlafen gehen. Puh -- ich schuddere man so durch den ganzen Leib. -- 's
is niederträchtig kalt. --« Und während er die Witwe und Braut an die
Hand nahm, murmelte er noch: »Leg dich man auch nieder, Frau Klüth. Es
sind ja große Gören.«
Die kleine Frau ließ sich nach einigem Sträuben ins Haus ziehen.
Hann aber stand vor der Tür und zitterte vor Frost. Mit blödem Blick und
schweren Augenlidern sah er in die Nacht hinein.
Hatte er das geträumt? Spukte der Mond noch vor seinen Augen.
Line war weg?
Schwerfällig schüttelte er den Kopf, als wär' ihm das Merkwürdige noch
immer nicht klar, dann schauerte er wieder zusammen, und alle seine
Glieder zuckten vor Kälte.
Line war weg?
Plötzlich überkam ihn eine seltsame Wut; die Mattigkeit wich von dem
jungen Körper, mit voller Wucht schlug er mit der Faust gegen die
Hausmauer, immer fester, immer ärger, als hätten die Steine nicht
genügend über die Kleine gewacht.
Warum kam sie denn nicht wieder? -- Wo war sie? Wenn sie nun beide,
Bruno und das Mädchen, im Rick lägen? Laut heulte er auf und hieb wieder
auf die Steine ein.
Aus der Hand sprang Blut.
Da klappte etwas auf der Dorfstraße.
Dicht am Rick entlang kam eine Fischersfrau in Holzpantoffeln daher. Es
war die Frau des taubstummen Klaus Muchow, die ihren Mann aus dem Krug
nach Hause holen wollte. Als der Junge in der Dunkelheit auf sie zufuhr,
erschrak sie.
»Huching.«
»Line -- Line is weg,« stammelte er.
Die Frau dachte nach. »Ne,« berichtete sie dann, »die hab' ich bei
Gastwirt Krügern gesehn, mitten unter die Studenten.«
»Bei Gastwirt Krügern?« echote Hann, der es nicht glauben konnte, und
riß den Mund auf.
Warum schlug ihm das Herz dabei so gewaltig an die Rippen? Noch war sein
Verstand zu dumpf, um ihm das zu beantworten.
»Na, ich sag man, die tanzt fein,« meinte die Frau und lachte. Dann
machte sie den Vorschlag, daß Hann sie begleiten solle, sie würde ihn
mit hineinnehmen.
»Darf ich denn da hin?« stotterte Hann.
Die Frau warf ihm einen zweifelnden Blick zu: »I ja, warum denn nicht?«
entschied sie, »wenn ich mit dabei bin -- komm man, mein Jünging.«
»Na, denn nehm' ich's an,« brachte der Junge halb betäubt hervor und
schüttelte sich, um sich zu erwärmen. »Dann hol' ich Line.«
»Ja, das tu man.«
»Es is wegen der Trauer,« entschuldigte Hann voller Scham.
»Ja, ja, das ist auch so.«
Und dann verschwanden die beiden.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Line, jetzt komm nach Haus,« drängte der Sekundaner wiederum.
Er hatte sie einen kurzen Moment an der Hand, doch sie entzog sich ihm
wieder.
»Gleich -- gleich, Bruno.«
»Nein, du gehst jetzt.«