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Der
Aether
gegen den
Schmerz
von
Johann Friedrich Dieffenbach.
Mit einer lithographischen Tafel.
(Der Ertrag ist für die Armen bestimmt.)
Berlin, 1847.
In Commission bei A. Hirschwald.
Den
künftigen Besitzern dieser Schrift
in grösster Verehrung
gewidmet
von
Dieffenbach.
Inhalt.
Seite
Vorrede.
Einleitung 1
Der Aether 9
Wirkung des flüssigen Aethers 13
Historischer Ueberblick der Anwendung der Aetherdämpfe
durch Einathmen 16
Prioritäts-Ansprüche auf die Entdeckung der Wirkung
der Aetherdünste 21
Apparate zum Einathmen der Aetherdämpfe 23
Anwendung der Aetherdämpfe 32
Stellung des Kranken beim Einathmen der Aetherdämpfe 36
Wirkung des Einathmens der Aetherdämpfe 37
Verschiedene Arten des Aetherrausches 53
Wirkung der Aetherdämpfe in Bezug auf den
Schmerz bei chirurgischen Operationen 59
Chirurgische Wahrnehmungen bei Aetherisirten 63
Verhalten nach der Operation 65
Von der Anwendbarkeit der Aetherdämpfe bei den
einzelnen chirurgischen Operationen 70
Ueberblick der chirurgischen Operationen unter
günstiger Anwendung der Aetherdämpfe 96
Einwürfe gegen die Anwendung der Aetherdämpfe
bei chirurgischen Operationen 98
Anwendung der Aetherdämpfe in der Geburtshülfe 120
Anwendung der Aetherdämpfe in der inneren Heilkunde 126
Anwendung der Aetherdämpfe in der gerichtlichen
Medizin 128
Von der Anziehungskraft des Aetherrausches 131
Von der wahrscheinlichen Aehnlichkeit des Aetherrausches
mit dem Sterben 133
Chirurgische Operationen, welche ich unter Anwendung
der Aetherdämpfe vorgenommen habe 134
Ausziehen einer Messerklinge aus der Hand 136
Operationen an der Brust 138
Operation der Nerven-, Balg- und Fett-Geschwülste 149
Operation des Blutschwamms 153
Operation einer Pulsadergeschwulst 159
Operationen des Kropfes 160
Exstirpation der Mandeln 163
Operationen von Nasenpolypen 165
Nasenbildungen 172
Operation einer großen Brandnarbe am Halse 179
Operationen der Hasenscharte 180
Operation des Lippenkrebses 182
Operation einer Speichelfistel 184
Operation eines Sarcoms aus der Rachenhöhle 184
Operation einer Gaumenspalte 186
Operationen von Drüsengeschwülsten 186
Theilweise Resectionen der Kiefer 188
Operation des Schielens 193
Operation von Wasserbrüchen 194
Zerstückelungen von Blasensteinen 198
Bruchoperationen 199
Operation der angebornen Phimose 210
Operation eines Mastdarmpolypen 211
Operation eines Mastdarmvorfalls 211
Operation eines Panaritiums 212
Amputation größerer Glieder 213
Sehnen- und Muskel-Durchschneidungen 215
Operation des falschen Gelenkes 223
Einrenkung des Oberarms 224
Ansetzen von Moxen 225
Schlussfolgerungen 227
Vorrede.
Bei der Herausgabe dieser Schrift beabsichtigte ich zweierlei. Zuerst
wollte ich die neue, vielverheißende Entdeckung der Stillung des
Schmerzes, in ihrem wahren Werthe darstellen. Zweitens durch sie zur
Stillung der Schmerzen des Hungers der Armen mit beitragen. Könnte ich
Beides erreichen, so würden die Abendstunden welche ich auf meine Arbeit
verwendete, angenehm vollbracht sein.
Daß ich bei der Bearbeitung des Gegenstandes ohne Vorurtheile für
oder wider gewesen bin, kann ein Jeder sehen, welcher diese Schrift
durchblättern will. Wenn er vielleicht auf der einen Seite mich als
Freund des Aethers ansieht, wird er auf der anderen mich für einen
Gegner desselben halten; das kommt, weil ich das Für und das Wider
erwogen, Andere gehört, und selbst gesehen habe.
Daß ich aber vorsichtig in meinem Urtheil gewesen bin, mitten im
allgemeinen Aetherrausch, wird man mir nicht übel nehmen. Die sich im
tiefsten Frieden gewaltig bewegende Zeit hat binnen Kurzem so viele
Erfindungen und Entdeckungen geschaffen, welche, mit Enthusiasmus
aufgenommen, zum Theil nur eine kurze Lebensdauer hatten, da sie nicht
das leisteten, was man sich von ihnen versprach. Daraus entsprang die
Furcht, es mögte mit dem Aether auch so sein.
Ich will einmal versuchen, einen Soldaten, welcher der wichtigsten
neueren Erfindungen theilhaftig geworden wäre, ins Feld zu stellen. Er
verläßt das älterliche Haus mit dem Daguerreotyp-Medaillon von Vater und
Mutter auf der kindlichen Brust. Seine Waffe ist ein Percussions-Gewehr.
Er ist bekleidet mit einem Waffenrock von Filztuch, darüber hängt
ein Paletot von Macintosh; er trägt ungenähte, mit Holzstiften
zusammengefügte Maschinen-Stiefeln. Seinen Leib umgiebt ein Gürtel mit
einer Tasche von künstlichem Leder. Sie beherbergt Schießbaumwolle und
conische Kugeln. Im Tornister befinden sich außer den Bekleidungsstücken
zwei Flaschen, die eine mit Binellischem Wasser, die andere
mit Schwefeläther gefüllt; jenes zur schnellen Blutstillung bei
Verwundungen, dieser als Betäubungsmittel beim Ausschneiden von Kugeln,
bei der Abnahme eines Beins u. s. w. Die zweihalsige Feldflasche aus
welcher er nur Wasser trinkt, denn er gehört zum Mäßigkeitsverein,
bildet den Athmungsapparat. Sein Eßsack enthält das neue Oelkuchenbrot.
Das Magazin seines Helmes beherbergt ein Büchschen von Neusilber mit
Streichzunder und Streichkerzchen, und statt der nicht mehr üblichen
Pfeife eine Patent-Cigarrentasche mit Cigarren, darunter auch einige
Brustcigarren beim Husten. So armirt und equipirt besteigt der junge
Krieger den Eisenbahnwagen. Die Locomotive stößt ihren gellenden,
herzzerreißenden Schrei aus, und mit sausender Windesschnelle führt ihn
der Dampf zum Heere, und in zwei Tag- und zwei Nachtfahrten, er hat
sein Oelkuchenbrot noch nicht verzehrt, sind die zweihundert Meilen
durchflogen, und er blickt dem Feinde ins Angesicht! Er ist Artillerist.
Sein Auge sieht mit Wonne die neuen, blanken galvano-plastisch
plattirten sicheren Geschütze, aber statt dem Feinde Verderben zu
bringen, zerspringen sie beim ersten Schuß und zerreißen die Glieder der
Männer welche sich ihrem Dienste geweihet.
Von den hier bei einem einzigen Menschen in Anwendung gebrachten neuen
Erfindungen, sind mehrere, welche so großes Aufsehen erregten, schnell
wieder vergessen worden. Das Binellische Wasser, welches vor 15 bis 20
Jahren als untrügliches Blutstillungsmittel beinah so großes Aufsehen
wie jetzt der Aether erregte, leistete nicht mehr wie kaltes Wasser.
Das Filztuch hörte als Bekleidungsstoff bald wieder auf, weil es nicht
hielt; der Macintosh ebenfalls, weil man dabei zwar von außen trocken
blieb, aber von innen naß wurde; die conischen Kugeln sind noch nicht
ins praktische Leben getreten; aber die schöne, weiße Schießbaumwolle
hat wieder dem schwarzen Pulver weichen müssen, und statt den Tod zu
geben, den bescheidenen Dienst einer heilenden Helferin bei Geschwüren
übernehmen müssen.
Dem Aether aber wünschen wir, daß er sich halten möge, obgleich es schon
anfängt stiller von ihm zu werden. Leistet er nur die Hälfte von dem,
was man bis jetzt noch von ihm glaubt, so hat _Jackson_ einen Theil der
Schuld, mit welcher Amerika Europa verpflichtet ist, abgetragen, seinem
Namen aber die Unsterblichkeit gesichert.
Allen den Aerzten welche mich mit Beiträgen und Notizen aus fremden
Zeitschriften, so wohlwollend bei meiner Arbeit unterstützten, statte
ich hiermit meinen ergebenen Dank ab, es sind die mir sehr werthen
Herren Ender, Fürstenberg, v. Graefe, Henoch, La Pierre, Meyer, Reiche,
Schuft, Straßmann und Völker.
Endlich kann ich nicht unerwähnt lassen, daß die Herren Buchhändler
Hirschwald und Aber die mühevolle Verbreitung dieser Schrift, ohne
irgend ein anderes Interesse, als das einen wohlthätigen Zweck zu
fördern, übernommen haben, wofür ich denselben hiermit meine öffentliche
Anerkennung ausdrücke.
Der schöne Traum, daß der Schmerz von uns genommen, ist zur Wirklichkeit
geworden. Der Schmerz, dies höchste Bewußtwerden unserer irdischen
Existenz, diese deutlichste Empfindung der Unvollkommenheit unseres
Körpers, hat sich beugen müssen vor der Macht des menschlichen Geistes,
vor der Macht des Aetherdunstes. Wohin wird, oder wohin kann diese große
Entdeckung noch führen? Durch sie ist die halbe Todesbahn zurückgelegt,
der Tod hat nur noch sein halbes Grauen. Fürchtet der Mensch nicht
eben so sehr die Schmerzen des Todes als den Tod selbst, und erscheint
unserer Phantasie die Pein einer großen chirurgischen Operation nicht
fast eben so furchtbar als der Tod, und treibt uns nicht die höchste
Noth dazu, um diesen abzuwehren?
Wie hoffnungs- und vertrauensvoll werden von nun an die Kranken auf die
zu bestehende blutige Operation hinblicken, deren Schrecknisse vor
allen ihren Sinnen verborgen bleiben, und statt deren wohl ein schönes
Traumbild vor ihre Seele tritt, und das Erwachen schon ein Erwachen zur
Genesung ist.
Wie vielen Unglücklichen, an großen chirurgischen Uebeln leidenden,
verzehrt nicht die Furcht vor den Schmerzen der bevorstehenden Operation
die letzten Lebenskräfte, der sie sich endlich erschöpft hingeben.
Jetzt ist es ein fröhliches Hinblicken auf den tragischen Moment, dessen
Handlung ihnen entrückt bleibt. War der zu Operirende sonst die erste,
wichtigste Person, so ist er jetzt eigentlich gar nicht dabei zugegen.
Wenn es also nicht zweifelhaft ist, daß die Furcht vor einer großen
chirurgischen Operation einen nachtheiligen Einfluß auf den Kranken
haben kann, so hoffen wir auch, daß der Schmerz kein nothwendiges
Attribut ihrer Ausführung sei, und daß seine Aufhebung nicht eine bloß
augenblickliche Wohlthat, sondern auch ein Beförderungsmittel der
Genesung sei. Dies kann aber erst die Zukunft lehren.
Was wir aus früheren Beobachtungen über schwere Verwundungen bei
berauschten Personen wissen, zeigt uns, daß durch diesen Zustand eine
bedenkliche Vergrößerung der Gefahr herbeigeführt wird, so daß man
den Arzt, welcher einen Berauschten operirt hätte, für unwissend
oder gewissenlos angesehen hätte. Sehr ungünstig zeigte sich aber
die absichtliche Anwendung betäubender Mittel, wie des Opiums, des
Bilsenkrauts, der Belladonna und anderer ähnlicher Narcotica zur
Stillung des Schmerzes bei chirurgischen Operationen. Ohne ihn gänzlich
zu unterdrücken, führten sie eine gefährliche Abspannung des ganzen
Nervensystems herbei, wodurch der natürliche Krankheitsverlauf gestört,
die Heilung verzögert, wenn nicht gar eine wirkliche Lebensgefahr
dadurch herbeigeführt wurde. Selbst der künstlich bewirkte magnetische
Schlaf zeigte sich als Schmerzstillungsmittel nicht vortheilhaft, und
die danach zurückbleibende Abspannung des ganzen Körpers verschaffte
auch dieser Methode keinen weiteren Eingang.
Daß indessen der durch Einathmen der Aetherdämpfe herbeigeführte Rausch
ein leichter, ätherischer, gewöhnlich nur Minuten anhaltender bald
wieder verschwindender, und wesentlich verschieden von dem durch
den Genuß geistiger Getränke herbeigeführten sei, haben indessen die
neueren, zahlreichen Beobachtungen hinlänglich bewiesen. Nur in einigen
seiner Mit- und Nachwirkungen verläugnet er nicht ganz die Natur des
Rausches von geistigen Getränken überhaupt, so wie er auch in besonderen
Fällen gefährliche Störungen herbeiführen kann.
Wenn wir nun die neue Entdeckung als den größten Gewinn für das leidende
Menschengeschlecht erkennen, sein Todesbangen zu heben, seine Klagen
verstummen zu machen, seine Schmerzen zu stillen, so muß dieselbe dem
Arzte eine ganz veränderte Stellung dem Kranken und der blutigen Kunst
gegenüber geben. In dieser Beziehung stellt sich die Sache von ganz
verschiedenen Seiten dar.
Dem Arzte kann die schwierige chirurgische Operation durch die Ruhe,
Stille und Empfindungslosigkeit des Kranken sehr erleichtert werden.
Derjenige, welcher nicht gewohnt ist, chirurgische Operationen
auszuüben, und der sich dazu durch dringende Umstände genöthigt sieht,
wird mit größerem Selbstvertrauen an das Werk gehen und es mit
mehr Leichtigkeit vollenden, wenn er nicht durch die Unruhe und die
Klagelaute des Kranken gestört wird. Auch selbst der Geübte kann von
diesen günstigen Umständen einen Gewinn ziehen, da er durch Nichts von
seinem Handeln abgezogen wird. In jeder Beziehung scheint sich also
durch dieses Mittel der Kreis der Ausübung der Chirurgie erweitert zu
haben, wenn wir das Bild nur von der einen Seite betrachten. Minder hell
erscheint es uns aber von der anderen angesehen.
An die Stelle des unerschütterlichen Vertrauens von Seiten des Kranken
zu der Kunst des Arztes ist das Vertrauen zu der Aetherbetäubung
getreten. Der Kranke fragt jetzt weniger danach, wer ihn operirt, ob gut
oder minder gut, er ist gleichsam abwesend oder die dritte Person dabei.
Der bisherige Standpunkt des Arztes ist dadurch verrückt. Hatte er sonst
einen Kranken vor sich, so hat er jetzt zwei. Einen, welchen er operiren
soll, und einen zweiten, welcher innerlich so krank zu sein scheint, daß
er ihm mit allerlei Arzeneimitteln zu Hülfe kommen mögte. Er muß sich
Gewalt anthun, um sich zu überzeugen, daß er ihn selbst in diesen
Zustand versetzt habe, und zwar zu des Kranken und seiner eigenen
Erleichterung. Dies Alles kann er nicht so schnell fassen. Er steht
allein in trauriger Isolirung da. Der Betäubte weiß bei der Operation
nichts von seinem Arzte, und der Arzt nichts von seinem Kranken. Das
Band der wechselseitigen Mittheilung ist zerrissen, der ihn selbst
hebende, milde Zuspruch wird nicht vernommen, die Frage nicht
beantwortet, es herrscht eine grausige Einsamkeit. Es bangt ihm
beim Anblick des bewußtlos Blutenden, ob er des Aethers auch zu viel
genossen. Er mögte fragen, indem er hierhin und dorthin sein Messer in
eines lebenden Menschen Fleisch einsenkt, wie? wo? was? um danach den
Stahl zu richten und zu wenden, einem Nerven auszuweichen, ihn nicht mit
der Zange zu fassen, -- aber keine Antwort, als ein dumpfes Stöhnen, ein
Zucken, eine dämonische Bewegung der Hand nach dem leidenden Orte.
Er fühlt sich unheimlich mächtig über den, der sich im Leben dem Aether,
im Scheintode ihm ergeben hat, nicht wie früher aus freier Wahl, sondern
aus banger Furcht vor dem Schmerz. Laut- und empfindungslos liegt
der freiwillig aus dem Kreise der Lebenden, Empfindenden, Denkenden
Herausgetretene mit geschlossenen Augen wie ein sanft Schlummernder
da, und in beängstigender Einsamkeit vollendet der Arzt sein Werk. Aber
nicht jeder Kranke schlummert sanft und ruhig unter der Schärfe
des Messers. Ein Anderer geräth in excentrische Aufregung, glühende
Phantasien bemeistern sich seiner, und im Gefühle der unnennbaren
Seeligkeit treten glänzende Traumbilder vor seine Seele, Sphärenmusik
und himmlische Melodien streifen sanft an sein Ohr, und in einem
unermeßlichen Raum von azurblauem und gelblichem Goldschein verliert
sich das innre Auge, im grellen Contrast zu dem Messer in seinem
Fleische, zu der Säge in seinem Beine, zu der Hand in seinen Gedärmen,
zu dem Haken in seinem Auge und zu dem sich ergießenden warmen Blute,
-- und dabei entströmen Worte des Entzückens seinem Munde. -- Noch
ein Anderer, sonst im Leben fein, sanft und mild, wird plötzlich zum
Wütherich; im Zustande einer wilden, rohen Aufregung, wähnt er sich
unter Räubern und Mördern, seinem Munde entströmen die bittersten
Verwünschungen. Durch Wort und That sucht er der vermeinten Gewalt zu
begegnen, er schmettert mit Faustschlägen Alles zu Boden, stürzt wie
ein Besessener auf Alles los, und wären es blanke Waffen, oder ein jäher
Abgrund, oder die Gluth eines Schmelzofens, er stürzte sich hinein.
Ein Vierter wird zum vollkommenen Narren. Derselbe Mensch, welchen wir
mit tief ergebenem Ausdruck seinem ernsten Geschick entgegengehen sahen,
wird in einigen Minuten zum Possenreißer umgeschaffen, grinzt, lacht,
geberdet sich ganz wie ein alberner Thor, und ist nicht minder schwer zu
regieren als jener, welcher uns für seine Mörder ansah.
Alle diese Umstände sind nun wenig geeignet, dem Arzte die Operation
zu erleichtern, vielmehr stößt er dadurch auf Hindernisse, welche ihm
früher ganz unbekannt waren. Als Neuling tritt er jetzt an den neuen
Kranken. In dem Augenblicke, wo dieser das verhängnißvolle Rohr an
seinen Mund bringt, um den benebelnden Aetherdunst in seine Lungen
einzuziehen, sagt ihm der angstvolle Blick des sanft berauschten
Leidenden noch ein Lebewohl -- und bald umnebeln sich seine Sinne -- und
allein steht der Arzt mit seinen Gehülfen da, und schnell beginnt
die Kunst den Kampf mit der Krankheit oder auch zugleich mit dem
Aufgeregten.
Ein freundlicheres Bild zeigt sich uns jetzt wieder. Es ist vollbracht.
Man sieht kein Blut mehr. Die Wunde ist verbunden. Wo bin ich? sagt der
die Augen öffnende und tief athmende Kranke. Ich habe wohl geträumt?
Fängt die Operation bald an? Er glaubt es anfangs nicht, wenn man ihm
sagt, daß sie geschehen sei. Die Frau will nicht glauben, daß man ihr
die Brust abgenommen, ein Anderer, daß man ihm eine Nase angesetzt habe,
jene führt die Hand nach der Stelle, wo die Brust gesessen, und fühlt,
daß sie leer ist; dieser bringt die Finger ins Gesicht, verwundert, daß
ihm über Nacht eine neue Nase gewachsen sei, und er fragt wohl seinen
Arzt, wo kommen Sie denn her? Staunen und Verwunderung ergreift
diesen. Nicht über sein Werk, sondern über jene dämonische, großartige
Erscheinung von Seyn und Nichtseyn. Er steht ihr gegenüber wie ein
kleines Kind ohne Begriff, das zusammenfährt, wenn es ernst angesehen
wird. Auch er bedarf der Fassung, der Sammlung, auch er erwacht aus
einem Rausche, und reibt sich die Augen, und beginnt dann erst wieder
frei zu athmen.
Wünschte er sich besonders bei der wilden, stürmischen Aufregung des
Kranken während der Operation auf den alten Standpunkt zurück, so fühlt
er sich doch zu sehr von dieser neuen, großen Erscheinung überwältigt
und zu dieser großartigen Entdeckung hingerissen, daß er es gern etwas
schwerer haben will, wenn nur der Kranke weniger leidet. Er gelobt sich,
ihre Wohlthat näher zu ergründen, und sie in allen ihren Beziehungen
näher zu erforschen. Dies möge denn auch die Aufgabe und das Streben
aller Aerzte sein, damit dieselbe von allen Unannehmlichkeiten und
Gefahren bei ihrer Anwendung immer mehr befreit, und das Vollkommenste
werde, was je der menschliche Geist ersonnen hat. Möge denn _Jacksons_
Patent die Anerkennung der Welt sein.
Der Aether.
Der Schwefeläther wurde zuerst im Jahre 1544 von einem Arzte, Valerius
Cordus, unter dem Namen »süßes Vitriolöl« beschrieben. Er hat das
Verfahren zur Bereitung und die Eigenschaften des Aethers angegeben,
der Ruhm der Erfindung gebührt ihm indessen nicht, da schon in früheren
Jahrhunderten weingeistige Mischungen des Aethers zu medizinischen
Zwecken angewendet wurden. Die Mittheilungen des Cordus und sein neues
Oel scheinen sich aber keiner besonderen Theilnahme erfreut zu haben,
denn schon im folgenden Jahrhundert war der Aether wiederum gänzlich
unbekannt, bis im Jahre 1792 ein deutscher Chemiker, Frobenius, von
Neuem das Interesse der Aerzte und Scheidekünstler auf ihn lenkte,
und ihn mit dem vielversprechenden, poetischen Namen »Aether« belegte.
Diesen schönen Namen verdankt er theils der Neigung der Alchymisten,
pomphafte Bezeichnungen für ihre Arcana zu wählen, theils seinen
physicalischen Eigenschaften, seiner Flüchtigkeit, seiner Farblosigkeit,
seiner stark lichtbrechenden Kraft und seiner leichten Brennbarkeit.
Froben war glücklicher, als der Medicus Cordus. Der Aether wurde von
nun an vielfach untersucht, und von den berühmten Aerzten des 18ten
Jahrhunderts in die Heilmittellehre eingeführt, unter denen namentlich
Friederich Hoffmann durch seinen liquor anodynus, die bekannten
Hoffmannstropfen, -- Aether mit 3 Theilen Weingeist versetzt -- viel zur
Verbreitung desselben beigetragen hat.
Die Aetherarten werden durch Einwirkung stärkerer Säuren auf Alkohol
erzeugt. Der Schwefeläther, Aether schlechtweg, wird gewonnen, indem
man ein Gemisch von 9 Theilen concentrirter Schwefelsäure und 5 Theilen
Alkohol von 85% in einer Retorte bis zum Sieden erhitzt. Durch eine
Vorrichtung an der Retorte lässt man fortwährend so viel Alkohol in das
Gemisch hineinfliessen, als aus demselben Flüssigkeit überdestillirt.
Die sich entwickelnden Dämpfe werden in einer durch auftröpfelndes
Wasser, Schnee u. s. w. sorgfältig abgekühlten Vorlage zu einer
Flüssigkeit condensirt, welche den sogenannten rohen Aether darstellt.
Dieser rohe Aether, welcher noch Wasser, kleine Mengen Alkohol und
gewöhnlich auch etwas schweflige Säure enthält, wird durch kalihaltiges
Wasser gereinigt, dann über Kohlenpulver und gebrannter Magnesia
rectificirt. Reiner Aether darf Lackmuspapier nicht röthen, nicht nach
schwefliger Säure riechen, auch sonst keinen Nebengeruch haben. Soll
der Aether ganz wasserfrei dargestellt werden, so muss man ihn nach der
Rectification durch einen Zusatz von gebranntem Kalk einer nochmaligen
Reinigung unterwerfen. -- Wegen seiner Eigenschaft, mit Säuren eine
chemische Verbindung einzugehen, Salze mit ihnen zu bilden, haben die
Chemiker der neueren Zeit den Aether als das Oxyd eines hypothetischen
Kohlen-Wasserstoff-Radicals, des Aethyls, (4 Kohlenst., 10 Wasserstoff.
Ae.) angesehen, und damit das Gesetz der binären Verbindung auch auf
die organische Chemie ausgedehnt. Sie bezeichnen demzufolge den Aether,
welcher aus 4 Atomen Kohlenstoff, 10 Atomen Wasserstoff und einem Atom
Sauerstoff besteht, als Aethyloxyd, Ae+O, den Alkohol, welcher aus 4
Kohlenst., 12 Wasserst. und 2 Sauerst. zusammengesetzt ist, und sich
nur durch ein Plus von einem Atom Wasser (1 Sauerst., 2 Wasserst.) vom
Aether unterscheidet, als Aethyloxydhydrat, und so fort.
Es würde zu weit führen, die verschiedenen Theorien über die
Aetherbildung ausführlicher anzugeben. Wir begnügen uns mit einigen
kurzen Andeutungen. Da nämlich die Schwefelsäure durch den Proceß
der Umwandlung des Alkohols in Aether nicht zersetzt wird, und da der
Weingeist, wie bereits erwähnt, nur durch das Wasseratom in seiner
Zusammensetzung vom Aether differirt, so lag die Vermuthung sehr
nahe, als bedinge die concentrirte Schwefelsäure nur durch ihre starke
Verwandschaft zum Wasser die Umänderung des Alkohols in Aether. Diese
von Fourcroy und Vauquelin aufgestellte Theorie ist durch weitere
Experimente und Forschungen über diesen Gegenstand sehr erschüttert
worden, und gegenwärtig fast gänzlich verlassen. Die electro-chemische
Theorie erklärt die Aetherbildung aus der electrischen Spannung, welche
in dem in Rücksicht der chemischen Affinität indifferenten Alkohol durch
die starke Säure hervorgerufen wird, und welche ihn zwingt, sich in eine
Basis umzubilden. Auch die Lehre von der Contact-Wirkung hat die Deutung
des Vorganges auf sich nehmen wollen.
Von den Eigenschaften des Aethers sind einige schon oben erwähnt worden,
andere mögen hier noch folgen. Der Aether hat einen eigenthümlichen,
höchst durchdringenden Geruch und Geschmack; sein specifisches Gewicht
(Gay-Lussac) ist bei +20° = 0,713, das specif. Gewicht seines Gases =
2,586. Er kocht bei gewöhnlichem Luftdruck in einer Temperatur von
28° R. Bei -24,8° R. fängt er an in weissen, glänzenden Nadeln zu
erstarren, und bei -36° R. bildet er eine weiße, feste, krystallisirte
Masse. Er brennt mit einer hellen, weißgelben, Ruß absetzenden Flamme,
ist mit Weingeist in allen Verhältnissen, mit Wasser, welches 1/10
seines Gewichts Aether auflöst, nicht mischbar. Campher, Phosphor,
Kautschuk, fette, aetherische Oele, Chlormetalle u. s. w. werden von
demselben aufgelöst. -- Einer Eigenthümlichkeit des Aethers, nämlich der
leichten Brennbarkeit, muß hier nochmals gedacht werden. Wegen seiner
Flüchtigkeit werden die Dünste schnell durch größere Räume verbreitet,
und es läßt sich nicht bestimmen, in welche Entfernung ein brennendes
Licht von einem offenen, mit Aether gefüllten Gefäße gesetzt werden mag.
Schon mehrmals sind Unglücksfälle dadurch vorgekommen, daß man in der
Nähe eines Lichtes Aether aus einem Gefässe in das andere goß.
Kürzlich hat Runge auf diesen Uebelstand aufmerksam gemacht, und an die
Möglichkeit gefährlicher Explosionen in Folge von Entzündung des mit der
Luft gemengten Aethergases erinnert. Es bildet dieses Gemenge eine Art
von Knallgas, und seine Wirkungen sind denen des in atmosphärischer Luft
verbrennenden Waßerstoff- oder Sumpfgases ähnlich. Es könnte sich daher
z. B., wenn keine Vorsichtsmaßregeln getroffen werden, bei der Anwendung
des Glüheisens oder der Moxen sehr leicht ereignen, dass sich die durch
den Aether erzielte Betäubung über eine zu große Zahl von Individuen
ausdehnte.
Wirkung des flüssigen Aethers.
Die Wirkung des flüssigen Aethers auf unseren Organismus ist von der des
Alkohols wenig verschieden, und besteht vornehmlich in einer flüchtigen
Erregung, d. h. in einer Steigerung der Thätigkeiten der Organe, welche
eine schnelle Rückkehr zum Gleichmaß gesunder Wechselwirkung gestattet.
Die Reizung des Gefäßsystems ist geringer, als bei anderen flüchtigen
Stoffen, dagegen werden die Centralorgane des Nervensystems
entschiedener und auf eigenthümliche Weise in Anspruch genommen.
Die örtliche Wirkung des Aethers äußert sich auf der Haut dadurch, daß
er dieselbe durch seine schnelle Verflüchtigung in bedeutendem Grade
erkalten macht. Die Gefäße ziehen sich zusammen, die Haut wird blaß,
blutleer. Je dünner nun aber die Oberhaut ist, um so leichter gelangt
die Aetherflüßigkeit zu den Nervenausbreitungen unter derselben, und die
Empfindung der Kälte weicht einem Gefühle von Hitze, Brennen, Schmerz.
Die Gefäße erweitern sich, die Haut wird roth, blutreich. Auf den
Schleimhäuten tritt die letztere Reihe von Erscheinungen fast momentan
ein, da ihr sehr dünnes, feuchtes Oberhäutchen für Flüssigkeiten
durchgängiger ist. Es entsteht, wenn wir eine geringe Menge Aether
zu uns nehmen, zunächst eine heftige Reizung der Geruchs- und
Geschmacksnerven, so wie der Schleimhaut des Schlundes, später ein
Gefühl vermehrter Wärme im Magen, welches sich über den ganzen Unterleib
verbreitet. Vom Magen aus gelangt der Aether mit großer Schnelligkeit in
die Blutmaße und mit dieser zum Gehirn und Rückenmark, von denen aus er
seine Wirkungen gegen die verschiedensten peripherischen Nervenprovinzen
entfaltet. Wie er auf die Nervenmassen und Fasern des Gehirns
und Rückenmarks einwirkt, welche Art von Stoffumsetzungen oder
Stoffänderungen er in ihnen zu Stande bringt, wissen wir nicht. Ich
gestehe, daß ich mich bei der von neueren Chemikern aufgestellten
Theorie von der Zersetzung des Aethers und von der Verbrennung seiner
Elemente im Blute, wie palpabel sie auch scheinen mag, nicht beruhigen
kann, vielmehr scheinen die Wirkungen des Aethers vorzugsweise davon
abzuhängen, daß ein Theil der aufgenommenen Masse unverändert zum
Gehirn und Rückenmark geführt wird, und in diesen gewiße materielle
Veränderungen hervorruft. Wie dem auch sein mag, mit der Aufnahme
des Aethers in das Blut wird der Cyclus seiner allgemeinen Wirkungen
eröffnet. Die Förderung der wurmförmigen Bewegung des Darmkanals, die
vermehrte Absonderung der Magensaftdrüsen, die leichtere, vielleicht
auch vermehrte Ausscheidung der Galle bilden gewissermaßen eine
Zwischen- und Uebergangsstufe von den lokalen zu den allgemeinen
Wirkungsphänomenen. Aber nicht allein die Absonderung der im Darmkanal
befindlichen oder ihm anhängenden Drüsen, auch die der übrigen
secernirenden Apparate wird gehoben, z. B. der Nieren, der Schweißdrüsen
in der Haut, der Schleimbälge auf fast allen Schleimhäuten. Das höher
gestimmte Gehirnleben, insoweit es die Quelle unseres Seelenlebens ist,
spiegelt sich in den mannigfaltigsten Nüancen in Gedanke und Wort, Wille
und Bewegung, Phantasie und Erfindung. -- Wir merken noch an, daß der
Aether (es ist hier immer von flüssigem Aether die Rede) nicht so leicht
berauschen soll, als Alkohol. In größeren Dosen kann er leicht Erbrechen
erregen, sehr große haben den Tod zur Folge. Würgen, Erbrechen,
Schwindel, Lähmung der Sinnesnerven, der Muskeln, der Lungen, des
Herzens bezeichnen die eingetretene Vergiftung.
Reiner Aether kommt in der Medizin wenig in Gebrauch. Außer in
Verbindung mit zahlreichen anderen Mitteln wird er hauptsächlich
als schmerzstillender Hoffmannsgeist, Hoffmannstropfen, Spiritus
sulphurico-aethereus bei hypochondrischen, hysterischen Nervenleiden
u. s. w. angewendet, um die an einzelnen Stellen krankhaft vermehrte
oder veränderte Nerventhätigkeit herabzustimmen und umzuändern. Dieser
Zweck mag dadurch erreicht werden, daß durch Erregung des Nervensystems
im Großen und Ganzen eine Art von Ableitung für den leidenden Theil
eintritt, aus dem schnellen, fast augenblicklichen Zustandekommen der
Wirkung scheint jedoch hervorzugehen, daß die örtliche Action auf die
Magen- und Darmnerven die Hauptsache sei.
Historischer Ueberblick
_der Anwendung der Aetherdämpfe durch Einathmen_.
Es war dem Chemiker und Arzte Jackson, einem gelehrten Manne in Boston
in den Nordamerikanischen Freistaaten, vorbehalten, in dem Schwefeläther
das große Mittel gegen den Schmerz zu entdecken. Als Arzneimittel in
anderer Beziehung längst gekannt, nahm Jackson zuerst bestimmter als
Andere wahr, daß das Einathmen der Aetherdämpfe in kurzer Zeit einen
Zustand von Bewußtlosigkeit und eine plötzliche Aufhebung jeder
schmerzhaften Empfindung herbeiführe. Um diese interessante Erscheinung
in Bezug auf schmerzhafte Operationen näher zu erforschen und in allen
ihren Beziehungen genauer zu prüfen, stellte er vorläufig eine Reihe
von Versuchen an, welche seinen Hoffnungen und Vermuthungen später die
völlige Gewißheit gaben.
Er nahm ein zusammengelegtes, mit Aether getränktes Stück Leinewand,
welches die Luft frei durchstrich, vor den Mund, und setzte das
Einathmen so lange fort, bis er ohnmächtig wurde, und in einem
eigenthümlichen schlaf- oder traumähnlichen Zustande in den Stuhl
zurücksank. Dabei empfand er eine gewisse Frische und Heiterkeit, auf
welche ein Wärmegefühl folgte. Endlich trat vollkommene Bewußtlosigkeit
ein. Erst bei einem späteren Versuche entdeckte er, daß dieser Zustand
mit einer vollkommenen Unempfindlichkeit für den Schmerz verbunden
sei: auf diese Bemerkung wurde er dadurch geführt, daß ein heftiger
Reizzustand in der Luftröhre, welchen er sich durch das Einathmen von
Chlordämpfen zugezogen hatte, beim Einathmen der Aetherdämpfe mit
dem Eintritt der Bewußtlosigkeit sogleich aufhörte, nachher aber
wiederkehrte.
Wenn der Aether schwach ist, so hat er nach Jackson nicht den
eigenthümlichen Effect, der Kranke wird dann nur berauscht, und
empfindet später einen dumpfen Kopfschmerz.
Immer aber war der Aether als Mittel noch nicht ins Leben getreten, und
es fehlte Jackson an Gelegenheit, seine schmerzstillende Wirkung bei
chirurgischen Operationen zu versuchen. Er forderte daher den Zahnarzt
Morton auf, die Aetherdämpfe beim Zahnausziehen zu prüfen, und gab ihm
eine mit denselben angefüllte grosse Flasche, in welche eine Glasröhre
mündete, als provisorischen Athmungsapparat. Schon bei den ersten
Operationen bestätigte sich das vollkommen was Jackson erwartet hatte,
denn das Ausziehen der Zähne gelang ohne alle Schmerzempfindung.
Jackson und Morton, beglückt, sich zu Herren des Schmerzes gemacht
zu haben, wollten auch ihrerseits durch Geheimhalten dieser grossen
Entdeckung vorläufig in dem alleinigen Besitz derselben bleiben, und
ein Patent darauf nehmen. Bei uns mag das auffallen, in Amerika aber
weniger. Doch war dies die Veranlassung, daß sämmtliche Chirurgen in
Boston sich weigerten, größere chirurgische Operationen ohne vorherige
Mittheilung des Betäubungsgeheimnißes vorzunehmen. Darüber waren Jahre
seit der ersten Jackson'schen Entdeckung verstrichen, bis endlich der
leicht erkennbare Aetherdunst zum Verräther des großen Geheimnißes
wurde, und die bei Mortons Zahnoperationen zugegen gewesenen Aerzte bald
der verborgenen Spur folgten. Nachdem sie dieselbe entdeckt, berauschten
sie Kranke nicht bloß beim Zahnausziehen, sondern auch bei größeren
Operationen mit demselben Erfolge wie Morton.
Da nun der Schleier des Geheimnisses gelüftet war, traten Jackson
und Morton frei mit ihrer Entdeckung hervor, suchten ihr jetzt die
möglichste Ausbreitung zu verschaffen und sich die wohlerworbene
Priorität gegen die allenthalben nun aufstehenden Freibeuter zu sichern.
Morton, welcher mittlerweile eine große Menge von Zahnoperationen in
Boston und Massachusets vorgenommen hatte, meldete nun mit möglichster
Eile die Jackson'sche Entdeckung an Dr. Boot in London. Warren in
Boston, welcher mittlerweile einige größere, glückliche Operationen bei
ätherisirten Kranken vorgenommen hatte, theilte in einem ausführlichen
Schreiben an Dr. Forbes in London, dem Herausgeber der Englischen und
fremden mediz. Zeitung (Review), seine erlangten Resultate und das
ganze Verfahren dieser neuen Operationsart mit, und sagt nur in einer
Nachschrift: »die Entdecker des Mittels sind die Doctoren Jackson und
Morton.« Jackson aber hatte schon im November v. J. bei der Pariser
Akademie zwei versiegelte Briefe niedergelegt, von denen der erste
bekundete daß er schon vor 5-6 Jahren an sich selbst die betäubende
Wirkung der eingeathmeten Aetherdämpfe beobachtet habe, zuerst bei einem
zufälligen Versuch, dann bei einem starken Catarrh, welchen er sich
durch Einathmen von Chlorgas zugezogen hatte. Der zweite Brief enthielt
Mittheilungen über das schmerzlose Ausziehen der Zähne bei ätherisirten
Kranken.
So war also die neue Entdeckung nach Europa und zwar zuerst nach England
gelangt.
Die ersten Versuche in London wurden von Boot und Robinson beim
Zahnausziehen gemacht, sie fielen eben so günstig aus wie die von
Amerika aus berichteten, wo seitdem auch von anderen Chirurgen größere
Operationen mit Erfolg vorgenommen worden waren. Nach diesen ersten
Versuchen Londoner Zahnärzte begannen auch einige der berühmtesten
Londoner Chirurgen, in ihren Krankenhäusern dies vielversprechende neue
Mittel zu prüfen; der treffliche, behutsame Key, und der kühne Liston
begannen nach neuer Weise zu operiren, und betraten als Neulinge die so
oft betretene blutige Bahn.
Hatte die amerikanische Entdeckung den anglikanischen Boden erreicht,
so verbreitete sie sich mit der Theilbarkeit des Aetherdunstes oder wie
eine große politische Neuigkeit über Frankreich und Deutschland.
Ein reger Wetteifer ergriff die Aerzte aller Länder, in denen die
Wissenschaft sich regt, und heute, wo ich dies schreibe, wenige Monate
nach der Entdeckung des Aetherdunstes als Schmerzstillungsmittel, sehen
wir die Erfahrungen über diesen Gegenstand so massenhaft aufgehäuft,
daß nur ein großer Foliant dieselben in ihrem ganzen Umfange darstellen
könnte.
Prioritäts-Ansprüche
_auf die Entdeckung der Wirkung der Aetherdünste_.
Es war wohl zu erwarten, daß bei einem so wichtigen, so großes Aufsehen
erregenden Mittel von mehreren Seiten her Ansprüche auf die Priorität
gemacht werden würden, eine Erscheinung, welche wir niemals bei
unbedeutenden, sondern immer bei wichtigen Entdeckungen sich ereignen
sehen. Die Macht der Wahrheit aber ist so groß, daß dem wirklichen
Entdecker wohl nur selten sein Eigenthum entrissen wird. So wird auch
Jackson Niemand die Ehre rauben.
Granier de Cassagnac behauptet, schon vor siebzehn Jahren der Entdecker
des großen neuen Mittels gewesen zu sein, und über 200 Versuche damit
an sich selbst angestellt zu haben. Der Zufall führte ihn beim Einathmen
der Dünste aus einer großen Aetherflasche darauf, und nach dem Eintritt
der ersten, gewöhnlichen Erscheinungen an sich, wiederholte er seine
immer längeren Experimente, bis er in den uns bekannten seeligen Zustand
gerieth. Dann experimentirte er an seinem Bruder, bei dem die nämliche
Erscheinung eintrat, und endlich kam er auf den Gedanken, eine
Migraine, durch welche er seit Jahren geplagt war, öfter dadurch zu
beschwichtigen.
Man weiß nicht recht, ob man Cassagnac, welcher wirklich schon vor 17
Jahren dies Alles in dem politischen und litterarischen Journal von
Toulouse bekannt machte, bedauern soll, daß ihm dies schöne Anrecht, der
Entdecker des Aethergeheimnißes zu sein, durch Jackson entrissen
worden ist, oder ob man ihm Vorwürfe machen soll, daß er dieselbe nicht
allgemeiner, als bei seiner eigenen Migraine benutzt, nicht mit seinem
Mittel vorgeschritten, und das Anrecht auf seine Entdeckung früher
geltend gemacht habe. Cassagnac scheint auf halbem Wege stehen geblieben
zu sein. Er kam wohl nur etwas weiter als wir Alle, wenn wir bei
heftigen Zahnschmerzen an eine Flasche mit Köllnischem Wasser oder an
ein Fläschchen mit Vitriolnaphta oder Campher oder an irgend eine andere
geistige Substanz riechen, um uns zu betäuben. Das Punctum saliens, die
Aufhebung der Empfindung überhaupt, besonders des Wundschmerzes, blieb
ihm, wie auch Anderen, aber gänzlich verborgen. Hätte er diese auch
gekannt und für sich behalten, so wäre er für die vielen Schmerzen,
welche das arme Menschengeschlecht seit 17 Jahren durch chirurgische
Operationen hat erdulden müssen, verantwortlich.
Eben so ist Ducros zu bedauern, daß ihm das Recht der Entdeckung nicht
zuerkannt werden kann, welches er für sich begehrt und dieserhalb das
Institut von Frankreich in Anspruch nimmt. Er beruft sich dabei auf eine
i. J. 1842 von ihm herausgegebene Abhandlung: »Effets physiologiques
de l'éther sulphurique etc.«, in welcher er uns mittheilt, daß die
äußerliche Anwendung des Aethers bei den zum Hühnergeschlecht gehörigen
Vögeln, einen schlafähnlichen Betäubungs-Zustand herbeiführe. Aus dieser
Beobachtung folgert er, daß dies Mittel auch bei Menschen in gewißen
Krankheiten nützlich sei. Dies scheint aber nicht viel mehr zu sein, als
was man schon vor ihm über die Wirkung des Aethers wußte.
Endlich will Wells sogar im Jahre 1844 Jackson die Anwendung der
Aetherdämpfe gelehrt haben. Warum, fragen wir, hat er denn diese
wichtige Sache nicht bekannt gemacht und ins Leben eingeführt?
Was indessen die örtliche Anwendung der Aetherdämpfe bei nervöser
Taubheit betrifft, so sind dieselben von Itard und Wolf wirklich früher
angewendet worden.
Apparate zum Einathmen der Aetherdämpfe.
Der erste zusammengesetzte Apparat, welcher zum Einathmen der
Aetherdämpfe angegeben wurde, da die ursprünglichen Mittel, ein mit
Aether angefeuchtetes Tuch oder ein Schwamm, nicht immer genügten, ist
der von Morton. Er besteht aus einer gläsernen Kugel mit zwei Hälsen;
in ihr befinden sich mit Aether angefüllte Schwämme. Mit dem einen Halse
der Kugel ist ein mit einem Mundstück versehener Schlauch in Verbindung
gebracht, durch welchen der Kranke die Aetherdämpfe einathmet. Durch die
andere Oeffnung tritt die Luft von außen in die Flasche ein, wodurch
das Verdunsten des Aethers befördert wird. Der Rücktritt der wieder
ausgeathmeten Luft in die Flasche wird durch ein hinter dem Mundstück
angebrachtes Ventil verwehrt. Das Einathmen der äußeren Luft durch die
Nase kann durch das Zusammendrücken derselben entweder mit einer Klemme
oder mit dem Finger verhindert werden.
Dieser Apparat erfuhr seit der Zeit seines Bekanntwerdens schon
mancherlei Abänderungen, da er seiner Einfachheit wegen Vielen nicht
genügte, und weil sie glaubten, daß durch größere Complication größere
Vortheile zu erreichen wären. So gaben Boot und Robinson in London eine
Vorrichtung an, deren Haupttheil aus zwei übereinander befindlichen
Glasbehältern, von denen der obere nach unten sich verschmälernd, mit
diesem Theil in den weiten Hals der unteren Flasche hineingesteckt wird.
Der obere Hals der oberen Flasche kann durch einen Glasstöpsel beliebig
geschlossen werden. In beiden Behältern befinden sich mit Aether
getränkte Schwammstücke. Nahe dem Boden der unteren Flasche ist der
Schlauch angebracht, welcher als Hals und Mundstück endigt, und mit
einem Wulst zur genauen Umlagerung der Lippen versehen ist. Zwei
Ventile, ein horizontales mit perpendiculärer Bewegung, und ein
perpendiculäres, haben verschiedene Bestimmungen. Jenes öffnet sich beim
Ausathmen, und läßt die ausgeathmete Luft heraus, dieses gestattet den
Dämpfen den Austritt aus der Glasglocke, verwehrt aber ihren Rücktritt.
Um die Menge der einzuathmenden Aetherdämpfe vermehren, vermindern oder
ganz unterbrechen zu können, dient ein Hahn in der Nähe des Mundstücks.
Von diesem wenig verschieden ist ein später von Robinson angegebener
Apparat, welchen die Londoner Aerzte vorzüglich anwenden.
Der von Charrière, einem berühmten Instrumentenmacher in Paris,
angegebene Mechanismus kommt dem Morton'schen wieder nahe, da er nur aus
einer von oben nach unten stark zusammengedrückten Flasche besteht. Ein
durch den Hals bis auf die Tiefe der Flasche hin reichender Trichter,
dient zum Nachgießen des Aethers auf die in der Flasche befindlichen
Schwammstücke. Der Athmungsschlauch steigt neben dem Trichter aus
dem oberen Rohr wieder heraus. Auch dieser Apparat ist mit Ventilen
versehen. Auf eine sinnreiche Weise hat Charrière alle die Stellen, aus
denen der Aetherdunst entweichen kann, durch ein feines Drahtnetz wie
bei der Davy'schen Lampe für Bergleute geschützt, um einer Entzündung
des Aetherdunstes bei Annäherung des Lichtes, z. B. beim Abbrennen von
Brenncylindern vorzubeugen. Dieses Apparats bedienen sich die meisten
französischen Wundärzte. Bonnet veränderte denselben dahin, daß er den
Aether aus einem besonderen Behälter in die Glocke hineinträufeln läßt,
daß die Röhre bedeutend weiter ist, daß Mund und Nase zugleich bedeckt
werden, und daß ein besonderes Ventil anzeigt, wenn der Kranke nebenbei
atmosphärische Luft einathmet.
Ein anderer Apparat wurde von Luer in Paris an gegeben. Derselbe besteht
aus zwei zinnernen oder blechernen Kasten. Ein größerer viereckiger,
schmaler Kasten ruht auf einem kleinen, flachen, aber breiten wie
auf einem Postament: der obere, welcher den Aether enthält, ist durch
unvollkommene Scheidewände wie bei den Zügen eines Sparofens sechsfach
eingetheilt. Während die eine Scheidewand nicht ganz nach oben
hinaufreicht, geht die andere nicht bis nach unten hinab. Das
Athmungsrohr befindet sich an dem obern Seitenrande des großen Kastens.
Der untere Kasten muss durch eine Halsöffnung mit warmem Wasser
angefüllt werden. Drei in dem Dache des Kastens angebrachte Oeffnungen
können mit Stöpseln beliebig geöffnet und geschlossen, und dadurch
die Kammern der Maschine abgesperrt oder mit einander in Communication
gesetzt werden. Dies hat zum Zweck, die Aetherdämpfe in geringerer oder
größerer Menge durch den Schlauch dem Kranken zuzuführen.
Dieser Apparat ist ganz unzweckmäßig; theils durch seine beträchtliche
Größe, theils durch seine Complication wird seine Anwendung erschwert.
Auch ist, wovon bald beim Smee'schen Apparat die Rede sein wird, die
durch das heiße Wasser zu bewirkende reichlichere Entwickelung der
Aetherdämpfe höchst gefährlich.
Smee verwirft alle Glasflaschen und empfiehlt ein gerades zinnernes Rohr
von 8 Zoll Länge und 3 Zoll Weite wie eine Klystirspritze. Das hintere
Drittheil der Höhle ist durch eine Wand von dem vorderen Raume getrennt.
Jede dieser Höhlen ist nach außen mit einer gehalseten Oeffnung
versehen. In die vordere, weitere Höhle wird der Aether hineingegossen,
die hintere, engere mit heißem Wasser, durch dessen Hitze der Uebergang
des Aethers in Dunstgestalt beschleunigt wird, angefüllt. Die Oeffnung
des Wasserbehälters muß bei der Anwendung des Apparats mit einem Stöpsel
geschlossen werden. Die Oeffnung des Aetherbehälters dient, außer daß
der Aether durch sie eingegossen wird, auch zum Eintritt atmosphärischer
Luft. In der Aetherabtheilung befindet sich eine Röhre mit einem Ventil
in der Nähe des Mundstücks. Dies Ventil öffnet sich beim jedesmaligen
Ausathmen, so daß die ausgeathmete Luft entweichen kann. Das Mundstück
ist mit einem ovalen Reifen von Gummi elasticum zum bequemen Anlegen an
die Lippen umgeben.
Dieser Apparat gewährt keine besonderen Vorzüge, was aber die schnellere
Entwickelung der Aetherdämpfe durch das in ihm angebrachte, mit heißem
Wasser angefüllte Behältniß betrifft, so ist dieselbe wegen des in zu
großer Menge übertretenden Dunstes für den Kranken äußerst gefährlich.
Heftige Reizung der Lunge und unerwartet schnell eintretende Betäubung
werden hier leicht eintreten.
Reisig in Wien gab einen einfachen Apparat an. Er besteht aus einer
hölzernen, flaschenförmigen Büchse und würde etwa 1/4 Maas Flüssigkeit
fassen können. Der untere breitere Theil kann abgeschraubt werden, In
sie werden mit Aether getränkte Schwammstücke oder Baumwolle gelegt,
und dann dieser Theil an den siebförmigen Boden der oberen Büchse wieder
angeschraubt. Wird nun das breite Mundstück des Apparats über den Mund
gedeckt, so steigen die Dämpfe durch das Sieb in den oberen Raum, aus
dem sie eingeathmet werden.
Die Vorrichtung von Heller in Wien besteht aus einer fußlangen Blase
von Goldschlägerhäutchen, mit welcher eine Röhre und ein Mundstück von
Buchsbaum im Zusammenhange stehen. Das Mundstück ist 2 Zoll breit und 3
Zoll lang; das Rohr hat eine Länge von 4-6 Zoll und eine Weite von 4-6
Linien. Die Einfachheit dieser Vorrichtung geben demselben den Vorzug
vor mehreren complicirten Apparaten, nur ist die Röhre zu eng.
Schauer fand, daß beim Einathmen der Aetherdämpfe die schon eingeathmete
Luft immer wieder in das Gefäß zurückgetrieben, und dadurch der
Sauerstoff zuletzt aufgezehrt wird. Diesem Uebelstande hilft er
durch eine eigene Vorrichtung ab. Dieselbe besteht in zwei luftdicht
ineinander geschraubten Cylindern von Holz, welche dem Munde möglichst
nahe an dem Athmungsschlauch angebracht werden. Der innere Cylinder ist
in der Mitte schräg durchgeschnitten und mit einer Klappe von dünnem
Leder und Holz bedeckt. Durch sie wird die Oeffnung vollkommen
geschlossen, so daß dem Luftzug aus dem Gefäße der Austritt, aber nicht
der Rücktritt gestattet ist. In dem äußeren Cylinder befindet sich ein
Ausschnitt mit einer Klappe, welche die ausgestoßene Luft herausläßt,
sich aber beim Einathmen wieder schließt, während die innere Klappe sich
öffnet, und die Dämpfe aus dem Gefäß eingezogen werden können.
Bonnet und Ferrand gaben eine gefütterte Maske mit Nasen- und
Mundöffnung an, welche in ein Rohr endet und in ein Gefäß mit Aether
geleitet wird.
Mayor empfiehlt eine lang herabhängende Kappe von Wachstuch vorn mit
zwei Glasscheiben zum Hinein- und Heraussehen; unter diesem Kopfzelt
soll der Patient den Aetherdunst aus einem offenen Gefäß einathmen!
Außer den hier angegebenen Athmungs-Apparaten sind noch eine
Menge anderer, mehr oder minder von dem ursprünglich Jackson'schen
abweichende, angegeben worden. Möge Jeder den wählen, welcher ihm der
vorzüglichste zu sein scheint, der einfachste ist aber der beste.
[Illustration: ~zu Seite 29.~]