Anhang zu den Novellen

_Der Mantel._ Der Plan zu dieser Novelle stammt aus dem Jahre 1834. Der

erste Entwurf aus dem Jahre 1839; vollendet wurde sie 1841, und 1842 für

die erste Ausgabe der gesammelten Werke neu bearbeitet, wo diese

Erzählung zum ersten Male abgedruckt ist.

* * * * *

_Die Nase._ Diese Novelle wurde 1832 begonnen und in ihrer ersten

Fassung die für den Moskowski Nabljudatel (Moskauer Beobachter) bestimmt

war, Anfang März 1835 vollendet. 1836 wurde sie noch einmal für den

Puschkinschen »Sowremennik« (»Der Zeitgenosse«) umgearbeitet, wo sie im

dritten Bande erschienen ist. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte

1836. Auf Verlangen des Zensors mußte folgende Stelle des Manuskripts

vor der Drucklegung im »Zeitgenossen« umgearbeitet werden:

»Er eilte in die Kirche und drängte sich durch eine Reihe alter

Bettlerinnen hindurch, deren Köpfe so tief in allerhand Tüchern und

Lappen steckten, daß man von ihren Gesichtern nichts sah, als die beiden

Augen. Wie herzlich hatte er oft über sie gelacht, heute aber schritt er

an ihnen vorbei und betrat die Halle. Die Kirche war nur schwach

besucht, die Mehrzahl der Beter stand vorne am Eingange in der Türe.

Kowaljew war so erregt und verstimmt, daß er es nicht über sich gewann,

zu beten. Er suchte »die Nase«, suchte sie in allen Winkeln und sah den

Herrn endlich etwas abseits in einer Ecke stehen. Die Nase hatte ihr

Gesicht ganz in einem hohen Stehkragen versteckt und betete mit dem

Ausdruck tiefster Andacht. »Unter welchem Vorwande soll ich mich ihm

bloß nähern?« dachte Kowalew. »Er ist gekleidet, wie ein vornehmer Herr,

und noch dazu Staatsrat.« Er stellte sich neben ihn und hustete ein

paarmal laut, aber die Nase verharrte in ihrer andächtigen Stellung und

beugte sich immerfort tief bis zur Erde. »Geehrter Herr!« sagte Kowalew,

indem er sich selbst Mut zuzusprechen suchte: »Geehrter Herr!« »Was ist

Ihnen gefällig?« entgegnete jener, indem er sich umdrehte. -- »Ich finde

es sehr seltsam, mein Herr, ... Mir scheint, Sie sollten wissen, wo Ihr

Platz ist ... und plötzlich finde ich Sie ... hier ... in der Kirche.

Sie müssen selbst zugeben, daß ...«

»Ich verstehe nicht, was Sie sagen wollen. Bitte erklären Sie sich

deutlicher.« »Wie soll ich es ihm nur klar machen?« dachte Kowalew,

faßte jedoch wieder Mut und begann: »Ich will natürlich ... Übrigens bin

ich ... Ohne Nase herumzulaufen ... Sie müssen doch zugeben, in meiner

Lage ist das höchst peinlich. Ich bin doch kein Hökerweib, das an der

Woskressenskibrücke sitzt und geschälte Apfelsinen feilbietet ... _Die_

braucht freilich keine Nase ... Aber ein Mann, der Ansprüche auf einen

Gouverneursposten hat ... und sie ganz ohne Zweifel erfüllt sehen wird

... Ich weiß wirklich nicht, mein Herr.« -- Hierbei zuckte der Major mit

den Achseln. »Verzeihen Sie. Wenn man diese Sache vom Standpunkt des

Ehr- und Pflichtbewußtseins betrachtet, dann müssen Sie doch selbst

einsehen ...« »Ich verstehe kein Wort,« versetzte die Nase, »bitte

drücken Sie sich etwas deutlicher aus.«

»Mein Herr,« sagte Kowalew ernst und würdig. »Ich weiß nicht, wie ich

Ihre Worte auffassen soll ... Die Sache liegt doch wohl _sehr_ klar ...

oder Sie wollen bloß nicht ... _Sie sind doch meine Nase_, meine

_eigene_ Nase!« Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.

»Sie befinden sich in einem Irrtum, mein Herr! Ich stehe völlig

selbständig da. Nebenbei bemerkt kann es zwischen uns keine näheren

Beziehungen geben. Nach den Knöpfen Ihrer Interimsuniform zu urteilen,

dienen Sie im Senat oder doch im Justizministerium, während ich in der

wissenschaftlichen Branche tätig bin.« Kowalew befand sich in der

größten Verlegenheit und war ganz verwirrt. »Was soll ich machen?«

dachte er. Doch in diesem Augenblick vernahm er in der Nähe das

angenehme Rauschen einer Damenrobe. Eine ältere, ziemlich umfangreiche

Dame, die in einem üppigen Spitzenkleide steckte, welches einige

Ähnlichkeit mit einem gothischen Bau hatte, betrat die Kirche. Sie wurde

begleitet von einer jüngeren und schlankeren Dame in einem Kleide, das

sich in schönen Falten um ihre schlanke Gestalt legte, und mit einem

Strohhut, der so leicht und zart war, wie eine Meringentorte. Hinter

beiden stand ein großer Herr mit einem mächtigen Backenbart und einem

ganzen Dutzend Kragen; er war eben im Begriff seine Tabaksdose zu öffnen

und wollte gerade eine Prise nehmen. Kowalew näherte sich der Gruppe,

ordnete den Batistkragen seines Vorhemdes, sowie die Berlocken an seiner

Uhrkette und wendete mit einem lächelnden Seitenblick seine

Aufmerksamkeit der duftigen Dame zu, die sich gleich einer

Frühlingsblume leicht vornüberbeugte und ihr Händchen mit den weißen

durchsichtigen Fingern an die Stirne führte. Das Lächeln, welches auf

Kowalews Lippen schwebte, wurde immer breiter und intensiver, als ihm

unter dem Hut ein Teil ihres Kinns und ihrer Wange entgegenleuchtete.

Aber plötzlich sprang er zurück, wie wenn er sich an einem glühenden

Eisen verbrannt hätte; er erinnerte sich, daß er in seinem Gesicht

anstelle der Nase nur eine glatte Fläche hatte, und Tränen entströmten

seinem Auge. Er drehte sich um um dem Herrn offen zu erklären, er trage

bloß die Maske eines Staatsrats, während er in Wahrheit ein Betrüger und

ein Lump sei; tatsächlich sei er nichts _andres_ als seine _eigene_

Nase. Aber die Nase war bereits verschwunden, sie hatte wahrscheinlich

schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und stattete wieder irgend

jemandem einen Besuch ab. Kowalew verließ die Kirche. Das Wetter war

wundervoll, heiter und sonnig; auf dem Newski-Prospekt wimmelte es nur

so von Menschen. Ein wahrer Sturzbach von Damen flutete durch die

Straße. Dort kam ihm schon ein guter Bekannter entgegen, der Hofrat ...«

Eine bedeutende Umarbeitung erfuhr auch die folgende Stelle der

ursprünglichen Fassung: »Der ehrenwerte Beamte hörte ihn mit

vielsagender Miene an und fuhr fort, das vor ihm liegende Geld zu

zählen, von dem er 2 Rubel 33 Kopeken, die er für das Inserat erhalten

hatte, beiseite legte. Zu beiden Seiten standen allerhand alte Weiber,

Kommis, Hausburschen und Kutscher, jeder mit Zetteln in der Hand. In dem

einen Zettel wurde angekündigt, es sei ein tüchtiger nüchterner Kutscher

von guter Führung abzugeben; in dem andern wurde eine noch wenig

gebrauchte Equipage feilgeboten, die aus der Zeit Peters des Großen

stammte und keine heile Schraube mehr hatte. Der eine hatte ein gesundes

Mädchen von neunzehn Jahren abzugeben, die als Wäscherin gedient hatte,

aber auch bei andern häuslichen Arbeiten zu verwenden war, der jedoch

schon mehrere Zähne fehlten; ein anderer suchte eine solide Droschke zu

verkaufen, der nur eine Feder mangelte, oder einen jungen wilden

Apfelschimmel von 17 Jahren; dort wurden ein Posten frisch aus London

eingetroffener Rüben und Radieschensamen, und dort wieder sogenannte

indische Radieschen ausgeboten, eine schöne Villa mit allen

Bequemlichkeiten, zwei Pferdeställen und einem Platz, wo man sehr gut

einen Garten anlegen konnte. Ferner wurde der Verlust eines Geldbeutels

bekannt gegeben und dem ehrlichen Finder eine anständige Belohnung in

Aussicht gestellt, oder es wurden Käufer für alte Sohlen gesucht, wobei

die Reflektanten aufgefordert wurden, sich zu einer bestimmten Stunde

zur Versteigerung einzufinden. Das Zimmer, in dem sich alle diese Leute

aufhielten, war klein, vollgeraucht und die Luft in ihm war so dumpf und

dick, daß man sie mit dem Messer schneiden konnte, denn die russischen

Bauern haben die merkwürdige Eigentümlichkeit, die Luft bedeutend zu

verdichten, und wo einmal vier Hausknechte in roten Hemden und ein

Kutscher zusammenkommen, da kann man ruhig eine Axt in der Luft

aufhängen. Zum Glück konnte der Kollegien-Assessor nichts davon riechen,

er hielt sich ja ein Taschentuch vors Gesicht und dann befand sich ja

auch seine Nase Gott weiß wo.« --

Das von den Worten »Gleich, gleich« bis zum Schluß des zweiten Kapitels

reichende Stück ist eine spätere Bearbeitung des ursprünglichen weit

einfacheren Textes. In dem ersten Manuskript lautete diese Stelle

folgendermaßen:

»Gleich, gleich! -- Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken ... einen Rubel

sechzig Kopeken!« sagte der grauhaarige Herr, während er den alten

Weibern und den Hausburschen ihre Zettel ins Gesicht warf. »Und was

wünschen Sie?« fragte er endlich, indem er sich an Kowalew wandte.

»Ich möchte ganz besonders darum bitten ...,« sagte Kowalew: »es ist

eine unerhörte Gaunerei oder Betrügerei passiert -- ich kann der Sache

noch immer nicht auf den Grund kommen. Ich bitte Sie nur, in die Zeitung

einrücken zu lassen, daß derjenige, der diesen Schurken dingfest macht,

eine ausreichende Belohnung erhalten soll.«

»Hm, darf ich Sie um Ihren Familiennamen bitten?«

»Kowalew, -- Kollegien-Assessor Kowalew, Sie brauchen übrigens bloß zu

schreiben: ein Mann vom Range eines Majors ...«

»Ja und wer ist denn eigentlich der Flüchtling? Ist er einer Ihrer

Leibeigenen?«

»O nein, keineswegs ein Leibeigener! Das wäre noch keine so große

Gemeinheit. Nein es ist eine ... Nase.«

»Hm, was für ein merkwürdiger Name! Und hat Sie denn dieser Herr Nase um

eine große Summe bestohlen?«

»Eine _Nase_ ... das heißt, Sie verstehen mich falsch. Meine -- meine

eigene Nase ist ganz spurlos verschwunden. Der Teufel selbst hat sich

einen Scherz mit mir erlaubt. -- Und nun fährt diese Nase als Herr

verkleidet durch die Stadt und hält alle Leute zum Narren ... Ich möchte

Sie nun bitten, eine Annonce in die Zeitung einrücken zu lassen, daß

jeder, der den Kerl abfassen sollte, ihn mir persönlich vorführen möge

-- diesen Gauner, diesen Hundesohn ... Entschuldigen Sie bitte, ich muß

husten, mein Hals ist ganz trocken. Ich bringe kaum noch ein Wort

heraus.«

Der Beamte wurde nachdenklich, was man aus seinen fest

zusammengekniffenen Lippen schließen konnte.

»Nein, eine solche Annonce kann ich nicht aufnehmen,« sagte er

schließlich nach längerem Stillschweigen.

»Wie? Warum nicht?«

»So. Die Zeitung würde ihren Ruf aufs Spiel setzen. Da könnte jeder

kommen und anzeigen, daß ihm seine Nase oder seine Lippen ausgerückt

seien ... Man spricht schon ohnedies, daß soviel falsche Gerüchte

verbreitet und soviel Torheiten gedruckt werden.«

»Ja, wenn mir aber doch meine Nase wirklich abhanden gekommen ist!«

»Wenn sie Ihnen abhanden gekommen ist, so ist das Sache des Arztes. Man

sagt, es gibt Menschen, die Ihnen Nasen von beliebiger Form ansetzen

können. Übrigens scheinen Sie mir ein Schalk zu sein, Sie machen wohl

gern einen Scherz.«

»Ich schwöre Ihnen bei allem was mir heilig ist. Bei Gott ich lüge

nicht! Soll ich es Ihnen zeigen?«

»Aber ich bitte Sie, warum wollen Sie sich unnütz bemühen,« fuhr der

Beamte fort, indem er eine Prise nahm. Ȇbrigens, wenn es Ihnen nicht zu

viel Umstände macht, so würde ich mir die Sache doch ganz gern ansehen,«

fügte er mit einem neugierigen Blick hinzu.

Der Kollegien-Assessor zog das Taschentuch weg.

»In der Tat, das ist sehr merkwürdig,« sagte der Beamte, »das sieht

genau so aus, wie ein frisch gebackener Eierkuchen. Die Fläche ist ja

geradezu unglaublich glatt und eben.«

»Nun, was sagen Sie jetzt! Also bitte lassen Sie die Annonce sofort

einrücken.«

»Ich könnte sie schließlich einrücken lassen. Das wäre ja eine

Kleinigkeit, nur kann ich nicht sehen, daß Ihnen ein großer Vorteil

daraus erwachsen würde. Wenn Sie es durchaus wünschen, daß die Sache

bekannt wird, so teilen Sie die Geschichte doch einem Schriftsteller

mit, einem Mann, der eine gewandte Feder führt, der könnte den Fall als

ein interessantes Naturspiel beschreiben und den Artikel in der »Biene

des Nordens« veröffentlichen, (hier nahm er wieder eine Prise) zum

Nutzen und zur Belehrung aller jungen Leute, die sich mit den

Wissenschaften beschäftigen (hierbei wischte er sich die Nase ab), oder

überhaupt zur Unterhaltung und zur allgemeinen Erbauung.«

Der Kollegien-Assessor war völlig verzweifelt und niedergeschlagen. Er

warf einen Blick auf ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt und den

Vergnügungsanzeiger; schon wollte ein Lächeln sein Gesicht verklären,

als er den Namen einer hübschen Schauspielerin las, und seine Hand griff

mechanisch nach der Tasche -- sie suchte nach einem blauen Schein, denn

nach Kowalews Ansicht mußten Personen vom Range eines Stabsoffiziers

mindestens im Parkett sitzen. Aber der Gedanke an seine Nase schnitt wie

ein scharfes Messer in sein Herz. Der arme Kowalew machte sich also auf

und begab sich von einem unerträglichen Schmerz gequält zum

Polizeikommissar, der ein großer Freund von Süßigkeiten war; sein ganzer

Flur und sein ganzes Eßzimmer war mit Zuckerhüten vollgestellt, die ihm

die Kaufleute aus einer besonderen Freundschaft für ihn verehrt hatten.

Die Köchin zog dem Polizeibeamten gerade seine großen Stulpenstiefel

aus, sein Degen und seine ganze Kriegsrüstung hingen schon friedlich in

der Ecke; sein dreijähriges Söhnchen machte sich bereits mit dem

mächtigen Dreimaster zu schaffen, und der Kommissar war eben im Begriff,

sich nach den Strapazen des kriegerischen Lebens den Genüssen des

Friedens hinzugeben. Da trat Kowalew bei ihm ein, gerad als jener sich

bequem auf dem Sofa ausstrecken wollte, seinen Mund zu einem kräftigen

Gähnen verzog und sagte: »So, nun leg' ich mich auf zwei Stunden hin;

ich werde ein feines Schläfchen tun.« Daher kann man sich vorstellen,

wie ungelegen ihm der Besuch des Kollegien-Assessors kam, und ich weiß

nicht, ob er, auch wenn er ihm einige Pfund Tee oder ein paar Meter Tuch

mitgebracht hätte, viel freundlicher empfangen worden wäre.

Der Kommissar war ein großer Freund der Künste und aller

Manufakturgegenstände überhaupt, trotzdem er oft behauptete, es gäbe

nichts Angenehmeres als eine Staatsbanknote: »Sie braucht nur wenig

Platz, läßt sich bequem in die Tasche stecken, und wenn man sie fallen

läßt, geht sie nicht entzwei.«

Der Polizeikommissar empfing Kowalew ziemlich kühl und trocken. Er

erklärte, daß die Zeit nach dem Essen nicht der geeignete Moment für

amtliche Nachforschungen sei; die Natur selbst weise darauf hin, daß der

Mensch, wenn er sich satt gegessen habe, der Ruhe pflegen müsse, (woraus

deutlich hervorgeht, daß der Polizeikommissar ein Philosoph war); einem

anständigen Menschen könne es nie passieren, daß ihm die Nase abgerissen

werde, und es laufen in der Welt genug Majore herum, die nicht einmal

ihre Unterhosen sauber zu halten wissen, und sich in allerhand

unanständigen Lokalen herumtreiben.

Diese Worte trafen unseren Helden mitten ins Herz! Man muß nämlich

wissen, daß Kowalew eine äußerst empfindliche Natur war. Er konnte alles

verzeihen, was man über ihn sagte, nur keinen Verstoß gegen die seiner

amtlichen Würde gebührende Achtung. Er war der Ansicht, daß man auch in

den Theaterstücken wohl eine Bemerkung über die höheren Offiziere

durchlassen könne, aber niemals ein Wort, das sich gegen die

_Stabs_offiziere richtet. Der Empfang des Polizeikommissars brachte ihn

derartig aus der Fassung, daß er empört den Kopf schüttelte, die Hände

weit ausstreckte und würdevoll ausrief: »Ich muß gestehen, daß ich auf

solche beleidigende Äußerungen nichts zu erwidern habe ...« Und damit

ging er hinaus.

Der Major kehrte mehr tot als lebendig nach Hause zurück; nach all

diesen seelischen Erschütterungen wußte er kaum noch, ob er auf seinen

Füßen stehe oder nicht. Er warf sich müde in einen Lehnstuhl und brach,

nachdem er sich ein wenig ausgeruht hatte, in bittere Klagen aus: »Mein

Gott, mein Gott! Womit habe ich bloß ein solches Unglück verdient? Hätte

ich noch eine Hand oder einen Fuß verloren, wären mir meine beiden Ohren

abhanden gekommen -- es wäre noch immer leichter zu ertragen, aber ein

Mensch ohne Nase -- das ist ein Ding, das man nehmen und zum Fenster

hinauswerfen möchte. Hätte man sie mir noch abgeschnitten, oder wäre ich

selbst schuld daran -- aber so ganz ohne Grund zu verschwinden! Weiß

Gott, das ist doch zu unwahrscheinlich! Vielleicht schlafe ich bloß, und

ich habe dies alles nur geträumt.« -- Und der Kollegien-Assessor kniff

sich mit dem Finger ins Fleisch, sodaß er vor Schmerz beinahe laut

aufgeschrieen hätte. »Nein, hol's der Teufel, ich schlafe nicht!« Er

stand ganz leise auf, näherte sich vorsichtig dem Spiegel, kniff die

Augen erst ein wenig zu und blickte dann plötzlich hinein: »Wer weiß,

vielleicht hatte er doch noch eine Nase!« aber er sprang sogleich wieder

vom Spiegel zurück und murmelte: »Weiß der Teufel! Die reinste

Karikatur!«

Und in der Tat, der Fall war wirklich ganz unmöglich und völlig

unwahrscheinlich; man hätte ihn wirklich für einen Traum halten müssen,

wenn er nicht tatsächlich passiert wäre und sich nicht eine ganze Menge

von völlig einwandfreien Beweisen dafür gefunden hätte. Der Major

überlegte lange Zeit, wer wohl hier der Schuldige sein möchte; und kam

schließlich zum Resultat, daß noch am ehesten eine Witwe, die Gattin

eines verstorbenen Stabsoffiziers, die Schuld an seinem Unglück treffe.

Diese wünschte nämlich, daß der Major ihre Tochter heiraten solle, und

er hatte ihr auch in der Tat die Cour geschnitten, war aber zugleich

einer deutlichen Erklärung stets aus dem Wege gegangen. Als ihm jedoch

die Witwe offen mitteilte, daß sie ihm gern ihre Tochter zur Frau geben

würde, da trat er den Rückzug an und sagte, er sei noch zu jung und

müsse noch gegen fünf Jahre dienen, um die runde Zahl von zweiundvierzig

Jahren zu erreichen. Sicherlich hatte sich die Witwe an ihm rächen

wollen, sich daher entschlossen, ihn zu verstümmeln, und ein paar alte

Hexen gegen ihn aufgehetzt, wahrscheinlich aber hatte auch sie selbst

mit dabei geholfen.

Während er noch über diese Dinge nachgrübelte, hörte er plötzlich im

Vorzimmer eine fremde Stimme: »Wohnt hier der Kollegienassessor

Kowalew?«

»Bitte treten Sie ein. Der Kollegienassessor ist zu Hause!« sagte er,

indem er vom Stuhl aufsprang und die Türe öffnete. Es war der

Polizeikommissar, der am Ende der Isaksbrücke gestanden hatte, ein Mann

von sehr würdigem Äußeren.

»Ich glaube, Sie beliebten, Ihre Nase zu verlieren.«

»In der Tat!«

»Sie ist soeben angehalten worden.«

»Was sagen Sie« rief der Major hocherfreut aus. »Auf welche Weise ist

das geschehen?«

»Durch einen sehr merkwürdigen Zufall. Man hat sie fast im Moment ihrer

Abreise angehalten. Sie hatte schon ihren Platz im Postwagen

eingenommen, um nach Riga zu fahren. Der Paß war schon längst

ausgestellt und lautete auf einen Schuldirektor in Tambow. Das

Merkwürdigste jedoch ist, daß ich sie selber für einen Herrn gehalten

habe, aber ich hatte zum Glück meine Brille mitgenommen; so setzte ich

sie denn auf und erkannte sogleich, daß es nur eine Nase war. Ich bin

nämlich kurzsichtig, und wie Sie jetzt vor mir stehen, unterscheide ich

weder Nase noch Bart oder sonst etwas. Meine Schwiegermutter, die Mutter

meiner Frau, sieht auch fast gar nichts.«

Kowalew war außer sich vor Freude: »Wo ist sie, wo? Ich laufe sofort

hin!«

»Seien Sie ganz ruhig, ich weiß, daß Sie sie brauchen, ich habe sie

deshalb gleich mitgebracht. Das Seltsamste ist, daß der Hauptschuldige

an der ganzen Sache ein Lump von Barbier aus der Wosnessenski-Straße

ist, der zurzeit schon in Polizeigewahrsam sitzt. Ich habe ihn schon

lange in Verdacht, daß er ein Dieb und ein Trunkenbold ist; erst vor

drei Tagen hat er im Gostinny Dwor ein halbes Dutzend Knöpfe gestohlen.

Ihre Nase ist gänzlich unversehrt.« Mit diesen Worten steckte der

Polizeikommissar seine Hand in die Tasche und holte die Nase heraus, die

in ein Stück Papier eingewickelt war.

»Ja, das ist sie!« rief Kowalew ganz selig aus. »Das ist sie wirklich.

Wollen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?«

»Mit dem größten Vergnügen, aber es ist mir leider unmöglich. Ich bin

sehr beschäftigt. Die Lebensmittel sind jetzt so teuer geworden. Meine

Schwiegermutter, d. h. die Mutter meiner Frau, wohnt auch bei mir im

Hause. Und dann habe ich noch Kinder. Der Älteste berechtigt zu den

schönsten Hoffnungen, das ist wirklich ein recht intelligenter Bursche,

mir fehlen nur leider die Mittel, ihm eine gute Erziehung zu geben.«

Kowalew begriff die Anspielung, nahm einen roten Zettel vom Tisch und

drückte ihn dem Polizeikommissar in die Hand, dieser machte einen

Kratzfuß und ging zur Tür hinaus; fast im selben Augenblick hörte

Kowalew seine Stimme auf der Straße, wo er einem dummen Bauern, der mit

seiner Fuhre auf den Boulevard geraten war, eine kräftige Mahnung in

Form einer Ohrfeige erteilte. Der Kollegienassessor kam endlich wieder

zu sich, denn die Freude hatte ihm alle Besinnung geraubt ... »Gott sei

Dank, jetzt habe ich doch wieder eine Nase! Nun will ich sie mir aber

auch wieder ansetzen.« Mit diesen Worten versuchte er es, sie an ihren

alten Platz zu bringen, aber zu seinem Erstaunen mußte er bemerken, daß

die Nase durchaus nicht haften bleiben wollte. »Nun sitz doch fest, du

Rindvieh!« sagte er zu ihr, aber die Nase war ganz dumm und fiel immer

wieder auf den Tisch, sowie er sie losließ. Das Gesicht des Majors

verzerrte sich krampfhaft. »Sollte sie wirklich nicht haften bleiben?«

sprach er erschrocken. Aber die Nase fiel tatsächlich auf den Tisch.

»Ach Gott, ach Gott! Ja, wie kann sie denn auch festsitzen? Ich habe ja

ganz vergessen, daß, wenn sie einmal abgeschnitten ist, man sie doch gar

nicht wieder ansetzen kann.«

Unterdessen hatte sich das Gerücht von diesem außerordentlichen Ereignis

in der ganzen Residenz verbreitet, und natürlich, wie das zu geschehen

pflegt, nicht ohne viele Zutaten und Ausschmückungen. Um diese Zeit

standen gerade alle Gemüter unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge:

erst kurz vorher hatten Experimente mit dem tierischen Magnetismus das

ganze Publikum beschäftigt. Dazu war die Geschichte mit den tanzenden

Stühlen in der Stallhofstraße noch in jedermanns Gedächtnis, und es war

daher kein Wunder, daß man sich bald darauf zu erzählen begann, die Nase

des Kollegienassessors Kowalew gehe jeden Tag pünktlich um drei Uhr auf

dem Newski-Prospekt spazieren. Eine Menge von Neugierigen strömte dort

jeden Tag zusammen. Dieses Ereignis bildete das besondere Entzücken all

jener eleganten Müßigänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen, und die

es sich zur Pflicht machen, die Damen zu unterhalten und zum Lachen zu

bringen. Die Sache kam ihnen sehr gelegen, da ihr Vorrat an Neuigkeiten

zurzeit völlig erschöpft war. Aber es gab doch auch viele, die sehr

ungehalten über diese Klatschereien waren, und ein Herr mit einem Stern

erklärte ganz empört, er begreife nicht, wie in einem aufgeklärten

Jahrhundert solche falsche und abgeschmackte Gerüchte entstehen könnten;

ja er wunderte sich, daß die _Regierung_ diesen Vorgängen nicht mehr

Beachtung schenkte. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener

Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in

alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten

der Ehegatten.

Der arme Kollegienassessor hatte von all diesen Gerüchten Kunde

bekommen, obwohl ich nicht sagen kann, auf welche Weise, denn er verließ

fast niemals sein Zimmer. -- Er befahl, niemand vorzulassen, ließ sich

nirgends sehen, nicht einmal im Theater, und wenn selbst die tollste

Posse gegeben wurde; er spielte nicht einmal mehr eine Partie Boston,

mied sogar Herrn Jaryschkin, der sein Busenfreund war, und magerte im

Laufe eines Monats derartig ab, daß er bald mehr einer Leiche als einem

lebendigen Menschen glich ...

Übrigens war all das, was hier beschrieben ist, nur ein Traum des

Majors. Als er wieder erwachte, geriet er so außer sich vor Freude, daß

er wie toll aus seinem Bette sprang, zum Spiegel lief, und als er sich

überzeugt hatte, daß alles am rechten Flecke saß, im bloßen Hemde durch

das Zimmer zu hüpfen begann. Er führte sogar einen ganzen Tanz auf, der

eine Art Mischung aus einer Française und einer polnischen Mazurka

darstellte. Und als sein Diener Iwan den Kopf durch die Tür steckte, um

zu sehen, was sein Herr treibe, da rief der Major ihm zu: »Mach, daß du

hinaus kommst! Worüber wunderst du dich?« Nach einer Minute aber warf er

sich aufs Bett, richtete sich jedoch gleich wieder auf und schrie: »He,

Iwan!« -- »Was wünschen der gnädige Herr?« -- »Hat nicht ein Mädel -- so

ein hübsches, nettes Mädel nach dem Major Kowalew gefragt?« -- »Nein,

gnädiger Herr!« -- »Hm,« sagte der Major Kowalew und blickte lächelnd in

den Spiegel.«

Gogol hat »Die Nase« _noch einmal_ für die _erste_ Gesamtausgabe seiner

Werke umgearbeitet und ihr dort einen andern _Schluß_ gegeben. Im

Sowremennik (»Zeitgenossen«) von Puschkin lautet dieser Schluß

folgendermaßen:

»Da geschah etwas ganz Merkwürdiges und Unerklärliches. Plötzlich befand

sich die Nase des Majors wieder an ihrem alten Platze. Dies geschah im

Anfang Mai, ich kann jedoch nicht genau sagen, ob es am fünften oder

sechsten Mai war. Als der Major frühmorgens erwachte, nahm er den

Spiegel zur Hand und bemerkte, daß die Nase sich ganz, wie es sich

gehörte, zwischen den beiden Wangen des Majors befand. Höchst erstaunt

ließ er den Spiegel auf den Boden fallen und befühlte die Nase mehrmals

mit der Hand, denn er war nicht sicher, ob es auch wirklich eine Nase

sei. Aber da er sich überzeugte, daß es in der Tat nichts anders als

seine höchsteigene Nase war, sprang er aus dem Bett und absolvierte im

Zimmer einen Tanz, der eine Mischung aus einer Française und einem

russischen Trepak darstellte. -- Dann ließ er sich anziehen, wusch sich

und rasierte sich das Kinn, das bereits eine große Ähnlichkeit mit einer

Bürste angenommen hatte, mit der man sich bequem die Kleider bürsten

konnte. -- Und schon nach wenigen Minuten sah man den Kollegienassessor

auf dem Newski-Prospekt herumspazieren, wo er lustig einherschritt und

fröhliche Blicke auf alle Passanten warf; viele sahen ihn sogar im

Gostinny Dwor ein schmales Ordensband kaufen, zu welchem Zwecke dies

jedoch geschah -- das hätte freilich niemand sagen können, denn er besaß

gar keinen Orden.

Eine äußerst merkwürdige Geschichte! Ich kann sie absolut nicht

verstehen. Und was soll das alles? Was hat es für einen Zweck? Ich bin

überzeugt, daß weit mehr als die Hälfte davon ganz unwahrscheinlich ist.

Es kann nicht sein; es ist völlig unmöglich, daß eine Nase ganz allein

in einer Uniform in der Stadt herumfährt -- und noch dazu als ein Mann

von dem hohen Range eines Staatsrats! Und konnte denn Kowalew wirklich

nicht begreifen, daß man nicht durch die Zeitung nach einer Nase suchen

darf? Ich meine das nicht in dem Sinne, daß eine Annonce eine sehr teure

Sache ist. Das sind alles Kleinigkeiten. Ich gehöre gar nicht zu den

geizigen und habgierigen Leuten. Aber das ist unschicklich, das ist ganz

ungehörig und geht nun einmal nicht. Eine Absurdität und weiter nichts!

-- Und dann dieser Barbier Iwan Jakowlitsch! Wozu mußte er so plötzlich

auftauchen und dann wieder verschwinden, ohne daß man weiß, warum und zu

welchem Zweck. -- Ich gestehe, ich kann es absolut nicht begreifen, wie

ich selbst so etwas schreiben konnte? Ich begreife überhaupt nicht, wie

ein Autor sich solch ein Sujet wählen kann! Wozu soll das führen?

Welchen Zweck kann das haben? Was beweist diese Erzählung? Nein -- ich

verstehe es nicht, ich verstehe es ganz und gar nicht. -- Freilich ...

die Phantasie ist keinen Gesetzen unterworfen, und dann passieren doch

in der Welt auch wirklich viele ganz unerklärliche Dinge: wie aber

verhält es sich mit diesem Fall? -- Warum mußte die _Nase_ von Kowalew

... und warum mußte Kowalew _selbst_ ...? Nein, ich verstehe es nicht,

ich verstehe es durchaus nicht. Die Sache erscheint mir so unerklärlich,

daß ich ... Nein, das läßt sich einfach nicht verstehen!«

_Das Porträt._ Der erste Entwurf dieser Novelle erschien in Gogols

»Arabesken«, 1841 wurde sie in Rom umgearbeitet. Die neue Fassung ist

frühestens im März 1837 begonnen. 1842 wurde sie noch einmal

durchgesehen und korrigiert und am 17. März dieses Jahres Pletnew

eingesandt, der sie im »Sowremennik« (Der Zeitgenosse) Band XXVI Nr. 3

abdruckte. Die Freigabe durch die Zensur erfolgte am 30. Juni 1842. 1851

nahm der Verfasser für die zweite Auflage seiner »Werke« noch einige

unbedeutende stilistische Veränderungen vor.

* * * * *

Druck von Mänicke & Jahn, Rudolstadt.

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II · 第 30 / 31 题