Der alte Herr verabschiedete sich und ging hinaus. »Mir wirbelt's
förmlich im Kopfe,« sagte Tschitschikow »wenn ich daran denke, daß
dieser Mensch ganze zehn Millionen hat. Das ist einfach unmöglich!«
»Ja, das gehört sich in der Tat nicht,« bemerkte Wyschnepokromow; »die
Kapitale sollten nicht in der Hand Einzelner konzentriert sein. Das ist
ein Gegenstand, über den in Europa sehr viel geschrieben wird. Wenn du
Geld hast, mußt du es auch mit den andern teilen: mache Geschenke, gib
Bälle, entwickele einen wohltätigen Luxus, bei dem die Arbeiter und
Handwerker etwas verdienen.«
»Das kann ich gar nicht verstehen!« wiederholte Tschitschikow. »Zehn
Millionen! Und dabei lebt er wie ein gewöhnlicher Bauer! Hol's der
Teufel, was kann man nicht alles mit zehn Millionen anfangen! Da kann
man ein Leben beginnen. Nur Fürsten und Generäle sollten bei mir
verkehren!«
»Jawohl,« bemerkte der Kaufmann, »das ist in der Tat keine gebildete
Art. Wenn ein Kaufmann Ehrenbürger ist, dann ist er eben nicht mehr
Kaufmann sondern gewissermaßen schon Negoziant. Dann muß ich mir auch
eine Loge im Theater halten, und kann meine Tochter doch keinem
einfachen Oberst mehr zur Frau geben. Nein, dann müßte schon mindestens
ein General kommen, einem andern geb ich sie einfach nicht. Was ist mir
ein Oberst? Und mein Essen bestellte ich beim Konditor und nicht bei
einer gewöhnlichen Köchin ...«
»Da ist doch jedes Wort überflüssig!« sagte Wyschnepokromow. »Mit zehn
Millionen kann man vieles anfangen. Geben Sie mir nur die zehn
Millionen, Sie sollen schon sehen, was ich damit beginne!«
»Nein,« dachte Tschitschikow: »bei _dir_ wären die zehn Millionen
schlecht aufgehoben. Wenn ich dagegen ein solches Sümmchen hätte, ich
wüßte sie in der Tat gut anzulegen.«
»Ja, wenn ich zehn Millionen besäße,« dachte Chlobujew, »dann wäre ich
nicht so töricht wie früher, ich würde sie nicht so sinnlos vergeuden.
Nachdem man so schreckliche Erfahrungen gemacht hat, kennt man den Wert
jeder Kopeke. Ja, jetzt würde ich es ganz anders anfangen ...« Aber
gleich darauf wurde er nachdenklich und legte sich innerlich die Frage
vor: »Würde ich das Geld jetzt wirklich vernünftiger anlegen?« dann
machte er eine hoffnungslose Gebärde und fügte hinzu: »Kein Gedanke! Ich
glaube, ich würde es ebenso ausgeben wie früher.« Damit verließ er den
Laden und begab sich zu Murasow, höchst gespannt darauf, was dieser ihm
mitzuteilen habe.
»Ich erwartete Sie!« sagte Murasow, als er Chlobujew eintreten sah.
»Bitte, kommen Sie doch in mein Zimmer.« Und er führte Chlobujew in das
Stübchen, welches der Leser bereits kennen gelernt hat. Selbst ein
Beamter, der jährlich nur 700 Rubel Gehalt bezieht, könnte in keinem
schlichteren und unscheinbareren Stübchen hausen.
»Sagen Sie bitte, Ihre Verhältnisse haben sich doch gebessert? Ich
glaube, Ihre Tante hat Ihnen etwas hinterlassen?«
»Was soll ich Ihnen sagen, Afanassij Wassiljewitsch? Ich weiß nicht, ob
sich meine Verhältnisse wirklich gebessert haben. Ich habe bloß fünfzig
Bauern und dreißigtausend Rubel geerbt; damit muß ich einen Teil meiner
Schulden bezahlen, und dann behalte ich so gut wie nichts übrig. Was
aber die Hauptsache ist, die Geschichte mit diesem Testament ist nicht
ganz sauber. Es sind da allerhand Betrügereien vorgekommen, Afanassij
Wassiljewitsch! Ich will Ihnen alles erzählen, Sie werden sich wundern,
was für Dinge in der Welt passieren. Dieser Tschitschikow ...«
»Erlauben Sie, Peter Petrowitsch, bevor wir von diesem Tschitschikow
reden, möchte ich zuerst von Ihnen selber sprechen. Sagen Sie mir bitte,
wieviel Geld hätten Sie wohl nötig, um wieder in geordnete Verhältnisse
hineinzukommen? Was denken Sie wohl?«
»Um meine Verhältnisse zu ordnen, und ein ganz bescheidenes Leben
beginnen zu können -- dazu brauche ich mindestens hunderttausend Rubel,
wenn nicht noch mehr.«
»Nun und wenn Sie dieses Geld hätten, was würden Sie dann wohl
anfangen?«
»Ich würde mir eine kleine Wohnung mieten und mich der Erziehung meiner
Kinder widmen, ich kann doch nicht mehr in den Staatsdienst eintreten.
Ich bin ja zu nichts mehr zu gebrauchen.«
»Warum sind Sie zu nichts zu gebrauchen?«
»Ja was könnte ich denn beginnen? Sagen Sie selbst, ich kann doch nicht
wieder als Bureauschreiber anfangen. Sie vergessen, daß ich Familie
habe. Ich bin schon über die Vierzig, leide an Kreuzschmerzen und bin
träge und müde geworden. Und eine bessere Stelle werde ich doch nicht
erhalten; dazu bin ich zu schlecht angeschrieben. Ich muß Ihnen übrigens
gestehen, ich würde auch keine Stellung annehmen, wo es was zu verdienen
gibt. Ich bin zwar ein schlechter Kerl und ein Spieler, aber
Geldgeschenke würde ich nicht nehmen. Alles andre, nur nicht dies. Mit
diesem Krasnonossow und Samosistow würde ich mich nicht vertragen.«
»Verzeihen Sie, aber ich kann trotzdem nicht begreifen, wie man leben
kann, wenn man kein Ziel, wenn man keinen Weg vor Augen hat; man kann
doch nicht weiterfahren, wenn man keinen Boden unter den Füßen hat; man
kann doch das Wasser nicht ohne Kahn durchschiffen. Das Leben ist eben
eine Reise. Entschuldigen Sie, Peter Petrowitsch, aber die Leute, von
denen Sie da reden, haben doch wenigstens einen Weg vor sich, sie sind
tätig und arbeiten zum mindesten. Freilich sind sie vom rechten Wege
abgekommen, wie das uns sündigen Menschen wohl passieren kann; aber wir
wollen hoffen, daß sie sich wieder zurecht finden werden. Wer nur
vorwärts marschiert, -- _muß_ schließlich das Ziel erreichen, man
braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, daß er wieder auf den rechten Weg
hinauskommt. Wie aber soll einer den Weg finden, der müßig dahinlebt.
Der Weg kommt doch nicht selbst zu uns.«
»Glauben Sie mir, Afanassij Wassiljewitsch, ich fühle, wie recht Sie
haben .... aber ich sage Ihnen, in mir ist jeder Trieb zur Tätigkeit
erstorben. Ich sehe nicht, daß ich noch jemandem in der Welt von Nutzen
sein könnte. Ich fühle, ich bin nichts wie ein unnützer Holzklotz.
Früher, als ich noch jünger war, da schien es mir, daß alles vom Gelde
abhänge, daß, wenn ich bloß ein paar Hunderttausende in der Hand hätte,
ich alle Menschen glücklich machen könnte. Ich wollte arme Künstler
unterstützen, Bibliotheken einrichten, allerhand nützliche Institutionen
gründen und Sammlungen anlegen. Ich bin nicht ohne Geschmack und weiß,
daß ich das Geld besser zu verwenden wüßte, als die meisten reichen
Leute, die nichts Vernünftiges zuwege bringen. Jetzt sehe ich jedoch,
daß auch dies eitel ist und wenig Wert hat. Nein, Afanassij
Wassiljewitsch, ich tauge nichts mehr, gar nichts mehr, das können Sie
mir glauben. Ich bin zu nichts mehr fähig.«
14. Hier schließt der Text des späteren Entwurfs. Die neuere Fassung
dieser Stelle hängt in der Handschrift nicht mit der ursprünglichen
zusammen. Daher mußte der ursprüngliche Text bis zu der Stelle
reproduziert werden, die keiner weiteren Überarbeitung unterzogen wurde.
Variante der andern Fassung.
»Hören Sie, Peter Petrowitsch, Sie gehen doch auch in die Kirche, um zu
beten; ich weiß es, Sie versäumen keine Früh- noch Abendmesse. Sie
stehen nicht gern früh auf, und doch tuen Sie es und gehen -- schon um 4
Uhr zum Gottesdienst, wenn noch alle Leute schlafen.«
»Das ist etwas ganz andres, Afanassij Wassiljewitsch. Das tue ich um
meines Seelenheiles willen, denn ich bin überzeugt, daß ich damit mein
müßiges Leben mindestens ein klein wenig wieder gut mache. So
widerwärtig ich mir selbst bin, ein so schlechter Kerl ich auch sein
mag, ich hoffe doch, daß ein demütiges Gebet und eine gewisse
Selbstüberwindung Gott wohlgefällig sind. Ich will Ihnen gestehen, ich
bete ohne Glauben, aber ich bete dennoch. Ich fühle bloß, daß es einen
Herrn gibt, von dem alles abhängt; so erkennt auch das Pferd und das
Vieh seinen Herrn, der über sie gebietet.«
»Sie beten also zu dem, dem Sie wohlgefällig sein wollen, weil Sie um
das Heil Ihrer Seele besorgt sind, und das gibt Ihnen Kraft und
veranlaßt Sie so früh aufzustehen. Glauben Sie mir, wenn Sie mit
derselben Energie Ihrem Berufe nachgehen wollten, wie Sie Ihm dienen, zu
dem Sie beten, Sie würden bald eine Tätigkeit finden, und kein Mensch in
der Welt könnte Ihre Begeisterung dämpfen.«
»Afanassij Wassiljewitsch. Ich muß wiederholen, das ist was ganz andres.
Im ersten Falle sehe ich doch, daß ich handele. Ich sage Ihnen, ich bin
bereit, in ein Kloster zu gehen, ich will die schwersten Lasten tragen,
die man mir auferlegt, und die härtesten Arbeiten tun, denn dort werde
ich wissen, für wen ich mich mühe. Da brauche ich nicht nachzudenken und
zu grübeln. Dort bin ich überzeugt, daß die für mich Rechenschaft
ablegen werden, die mir sagen, was ich zu tun habe. Dort habe ich mich
zu unterwerfen, und ich weiß, daß ich mich Gott unterwerfe.«
»Ja, aber warum denken Sie denn in weltlichen Dingen nicht ebenso? Wir
sollen doch auch in der Welt _Gott_ dienen und keinem andern. Und wenn
wir einem andern dienen, so tuen wir es auch nur deswegen, weil wir
überzeugt sind, daß Gott selbst es so will; ohne das könnten wir
niemandem dienen. Was sind denn all unsere Gaben und Fähigkeiten, die
bei jedem anders geartet sind? Das sind doch nur Werkzeuge unseres
Gottesdienstes: in Worten oder Taten. Sie können doch nicht ins Kloster
gehen; Sie sind an die Welt gewöhnt und haben Familie!«
Murasow schwieg. Auch Chlobujew sagte kein Wort.
»Sie glauben also, Sie könnten Ihr Leben auf eine feste Grundlage
stellen und von nun ab vernünftiger und sparsamer wirtschaften, wenn Sie
zweihunderttausend Rubel hätten?«
»Das heißt, ich würde wenigstens eine Tätigkeit haben, der ich gewachsen
bin -- ich würde mich der Erziehung meiner Kinder widmen, und ich hätte
die Möglichkeit, ihnen tüchtige Lehrer zu halten.«
»Soll ich Ihnen etwas sagen, Peter Petrowitsch! Nach zwei Jahren werden
Sie wieder ganz tief in Schulden stecken, wie in einem Netz.«
Chlobujew schwieg eine Weile still und sagte dann gedehnt: »Aber nach
den Erfahrungen, die ich ....«
»Ach, da ist doch kein Wort zu verlieren!« fiel Murasow ein. »Sie haben
ein gutes Herz, Ihre Freunde werden zu Ihnen kommen und Sie um Geld
bitten -- Sie werden es ihnen ja doch nicht abschlagen können; wenn Sie
einen armen Mann sehen, werden Sie ihm helfen; wenn ein Freund zu Ihnen
kommt, werden Sie ihn recht gut bewirten wollen und sich jeder
menschenfreundlichen Regung hingeben. Ihren Vorteil und das Rechnen aber
werden Sie dabei vergessen. Und schließlich lassen Sie mich Ihnen noch
in aller Aufrichtigkeit das eine sagen: Sie sind ja garnicht imstande,
Ihre Kinder gut zu erziehen. Seine Kinder kann nur ein Vater erziehen,
der seine Pflicht schon erfüllt hat. Und Ihre Frau ... sie hat ja ein
gutes Herz ... aber sie ist selbst nicht so erzogen, um Kinder erziehen
zu können. Ich frage mich sogar -- Sie entschuldigen mich doch, Peter
Petrowitsch -- ob es Ihren Kindern nicht am Ende schaden könnte, stets
mit Ihnen zusammen zu sein!«
Chlobujew war nachdenklich geworden; er prüfte sich in Gedanken nach
allen Richtungen und hatte schließlich das Gefühl, daß Murasow nicht
ganz unrecht hatte.
»Wissen Sie was, Peter Petrowitsch! Überlassen Sie mir Ihre Kinder und
die Ordnung Ihrer Verhältnisse, verlassen Sie Ihre Familie und Ihre
Kinder, ich will schon für sie sorgen. Ihre Verhältnisse sind doch
gewissermaßen so, daß Sie ganz in meiner Hand sind; Sie sind doch nahe
am Verhungern. Hier gilt es einen Entschluß zu fassen. Kennen Sie Iwan
Potapytsch?«
»Gewiß, und ich verehre ihn sehr, trotzdem er in einer Joppe
herumläuft.«
»Iwan Potapytsch war Millionär, seine Töchter heirateten lauter Beamte,
und er lebte wie ein Fürst. Aber er machte Bankrott -- und da blieb ihm
eben nichts andres übrig, als ein gewöhnlicher Kommis zu werden. Es
wurde ihm wirklich nicht leicht, aus einer einfachen Schüssel zu essen,
_ihm_, der an silberne Teller gewöhnt war, und die Hände wollten nicht
recht arbeiten, denn sie hatten es nicht gelernt. Sehen Sie, jetzt
könnte Iwan Potapytsch wieder aus silbernen Schüsseln essen, aber nun
will er es selbst nicht. Er hat sich wieder genug zusammengespart, aber
er sagt: >Nein, Afanassij Wassiljewitsch, jetzt diene ich nicht mehr mir
selber, sondern _Gott_. Ich mag jetzt nichts mehr um meiner selbst
willen tun. Ich gehorche Ihnen, weil ich Gott gehorchen will und nicht
den Menschen, und da Gott nur durch den Mund der besten Menschen zu uns
spricht. Sie sind klüger als ich, und daher bin nicht ich dafür
verantwortlich, sondern Sie.< -- Sehen Sie, so denkt Iwan Potapytsch,
und doch ist er, wenn ich ehrlich sein soll, viel, viel klüger als ich.«
»Afanassij Wassiljewitsch, ich will ja gern Ihre Überlegenheit
anerkennen ... ich will gern Ihr Diener sein, und alles tun, was Sie
wollen, ich gebe mich ganz in Ihre Hände. Aber legen Sie mir keine Last
auf, die ich nicht tragen kann: ich bin kein Potapytsch, und ich sage
Ihnen, daß ich zu nichts Gutem mehr tauge.«
»Ich werde Ihnen nichts auferlegen, Peter Petrowitsch, aber da Sie doch
nun einmal Gott dienen wollen -- da haben Sie ein Gott wohlgefälliges
Werk! Es wird hier eine Kirche gebaut, das Geld dazu muß durch
freiwillige Spenden frommer Menschen aufgebracht werden. Leider fehlt es
an Mitteln, sie müssen durch eine Sammlung herbeigeschafft werden.
Ziehen Sie einen einfachen Pelz an -- Sie sind doch jetzt ein schlichter
Mensch -- ein verarmter Edelmann -- und so gut wie ein Bettler, was
brauchen Sie sich zu schämen? -- nehmen Sie das Kassenbuch in die Hand,
besteigen Sie einen einfachen Bauernwagen und besuchen Sie alle Städte
und Dörfer der Umgegend. Der Archierei[15] wird Ihnen seinen Segen geben
und Ihnen das Kassenbuch aushändigen. Nehmen Sie es und ziehen Sie mit
Gott!«
[Fußnote 15: Erzpriester.]
Peter Petrowitsch war sehr erstaunt über die völlig neue Tätigkeit, die
ihm hier vorgeschlagen wurde. Er war doch immerhin ein Mann von altem
Adel und sollte sich jetzt in einem Bauernwagen durchrütteln lassen und
mit dem Buche durch Städte und Dörfer ziehen, um Geld für die Kirche zu
sammeln! Aber er konnte nicht mehr zurück, er konnte sich der Sache
nicht mehr entziehen. War es doch ein von Gott gewolltes Werk!
»Sie überlegen noch?« fragte Murasow, »Sie werden damit einen doppelten
Dienst leisten: Gott und mir.«
»Ihnen?«
»Das will ich Ihnen gleich sagen. Sie werden in Gegenden kommen, wo ich
noch nicht war, und werden dort an Ort und Stelle alles erfahren: wie
die Bauern leben, wo die Leute reicher sind, wo sie Not leiden, und wie
überall die Verhältnisse liegen. Ich will Ihnen gestehen, ich liebe die
Bauern von ganzem Herzen, vielleicht deshalb, weil ich selbst von Bauern
abstamme. Die Sache ist nämlich die, es haben sich da schlimme Dinge
unter ihnen verbreitet. Allerhand Herumtreiber und Sektierer suchen sie
zu verführen und gegen die Obrigkeit aufzureizen, und wenn ein Mensch
Not leidet, dann lehnt er sich so leicht auf. Als ob es eine so schwere
Sache ist, einen Menschen unzufrieden zu machen, der sich in einer
bedrängten Lage befindet. Aber das ist es ja gerade, die Hilfe und
Strafe darf nicht von unten kommen. Es wäre schlimm, wenn man sich sein
Recht mit den Fäusten erkämpfen wollte, daraus kann nichts Gutes
entstehen; dabei haben nur die Diebe und Räuber den Vorteil. Sie sind
ein kluger Mensch, Sie werden alles gründlich studieren und in Erfahrung
bringen, wo ein Mensch wirklich Not leidet, wo andre ihn bedrücken, und
wo sein eigner unruhiger Charakter die Schuld trägt. Und dann, wenn Sie
wiederkommen, werden Sie mir alles ganz genau erzählen. Ich will Ihnen
auf jeden Fall eine kleine Summe mitgeben, die Sie unter die verteilen
mögen, die wirklich und unschuldigerweise Not leiden. Es wird auch gut
sein, wenn Sie sie mit Worten trösten und es ihnen recht klar machen, es
sei Gottes Wille, daß wir unsere Bürde ohne Murren tragen, zu ihm beten,
wenn wir unglücklich sind und nicht toben, uns nicht auflehnen und uns
nicht selbst zu unserem Rechte verhelfen. Mit einem Worte, reden Sie
ihnen gut zu, ohne sie gegen jemand aufzuwiegeln, und lehren Sie sie,
ihr Los geduldig ertragen. Wo Sie aber Haß und Zorn gegen jemand finden,
da nehmen Sie all Ihre Kräfte zusammen.«
»Afanassij Wassiljewitsch! Das Amt, das Sie mir übertragen wollen, ist
ein heiliges Amt,« sagte Chlobujew. »Dies ist ein heiliges Werk!
Bedenken Sie, wen Sie damit betrauen. Man kann es nur einem Menschen
übertragen, der selbst gewissermaßen einen heiligen Lebenswandel führt,
der es versteht, andern Leuten zu verzeihen.«
»Ich sage ja auch nicht, das Sie dies _alles_ ausführen sollen, tuen
Sie, was möglich ist, was in Ihren Kräften steht. Die Sache ist die: Sie
werden trotzdem mit einem großen Wissensschatz und einer großen
Ortskenntnis zurückkehren, Sie werden genau über die Lage der
betreffenden Provinzen orientiert sein. Ein Beamter würde dem Bauern nie
persönlich gegenübertreten, und auch der Bauer würde nicht aufrichtig
gegen ihn sein. Sie aber, der Sie zu ihm kommen, um Beiträge für die
Kirche zu sammeln, -- Sie werden überall einen Einblick gewinnen in die
Lage des kleinen Mannes, in den Hausstand des Kaufmanns usw., Sie werden
Gelegenheit haben, jeden genau nach allem auszufragen. Ich sage Ihnen
das, weil der Generalgouverneur solche Leute wie Sie gerade jetzt
besonders nötig hat, und Sie können, ganz abgesehen von den
bureaukratischen Titeln, eine Stellung erhalten, wo Sie vielen Nutzen
stiften werden.«
»Gut denn! Ich will's versuchen, ich will all meine Kräfte anspannen und
mir die größte Mühe geben,« sagte Chlobujew. Man hörte es seiner Stimme
an, daß er wieder Mut und Kraft schöpfte, und er erhob wieder tapfer das
Haupt, wie ein Mensch, den eine neue Hoffnung belebt. »Ich sehe, daß
Gott Ihnen die rechte Einsicht geschenkt hat. Sie verstehen manche Dinge
weit besser, als wir kurzsichtigen Leute.«
»Doch nun möchte ich Sie endlich fragen: Was ist es mit Tschitschikow,
und von welcher Angelegenheit sprachen Sie vorhin?« sagte Murasow.
»Ach Gott, von Tschitschikow kann ich Ihnen geradezu unerhörte Dinge
erzählen. Was der alles anstellt ... Wissen Sie auch, Afanassij
Wassiljewitsch, daß das Testament gefälscht ist! Das echte Testament hat
sich gefunden. Darnach sind die Pflegetöchter die Erbinnen des ganzen
Gutes.«
»Was sagen Sie? Und wer hat das falsche Testament hergestellt?«
»Das ist es ja eben. Es ist eine ganz schmutzige Geschichte. Man sagt:
Tschitschikow sei der Verfasser; das Testament sei erst nach dem Tode
der Testantin unterschrieben: man hätte ein Weib gefunden, die man
verkleidet habe, und die es anstelle der Verstorbenen unterschrieben
hat. Mit einem Wort eine ganz häßliche und skandalöse Affäre. Man hat
Verdacht, daß auch noch andere Beamte daran beteiligt sind. Man spricht
schon überall davon, und der Generalgouverneur soll bereits davon Kunde
haben. Man sagt, es seien über tausend Klagen von den verschiedensten
Seiten eingelaufen. Die Freier machen sich jetzt schon an Marja
Jeremejewna; zwei Beamte liegen sich ihretwegen in den Haaren. Eine
widerwärtige Geschichte, Afanassij Wassiljewitsch.«
»Ich habe noch garnichts davon gehört, aber die Sache wird sicherlich
nicht ganz sauber sein. Ich muß gestehen, daß dieser Pawel Iwanowitsch
Tschitschikow mir eine höchst rätselhafte Persönlichkeit ist,« sagte
Murasow.
»Ich habe meinerseits auch eine Klage eingereicht, um daran zu erinnern,
daß es noch einen rechtmäßigen Erben gibt ...«
»Mögen sie sich meinetwegen alle miteinander in den Haaren liegen,«
dachte Chlobujew, als er sich von Murasow verabschiedet hatte. --
»Afanassij Wassiljewitsch ist nicht dumm. Er wird sich die Sache wohl
überlegt haben, als er mir diesen Auftrag gab. Ich muß ihn eben erfüllen
-- das ist das Ganze.« Und er fing schon an, an seine Reise zu denken,
während Murasow noch immer in Gedanken wiederholte: »Ein höchst
rätselhafter Mensch dieser Pawel Iwanowitsch Tschitschikow! Wer mit
dieser Willenskraft und dieser Ausdauer auf ein edles Ziel hinarbeitete!
...«
* * * * *
Nachdem Gogol 1845 das Manuskript des zweiten Teiles der toten Seelen
verbrannt hatte, ging er sogleich an die Ausarbeitung eines neuen
Planes. Anfang März 1846 war schon ein Teil des zweiten Bandes fertig.
In den folgenden Jahren wurde die Arbeit unter mehreren größeren
Unterbrechungen fortgesetzt. Juni 1849 las Gogol Frau A. O. Smirnow
mehrere Kapitel der _neuen_ Fassung vor. Arnoldi, der einige Male bei
diesen Vorlesungen zugegen war, gibt den Inhalt des von ihm Gehörten
folgendermaßen wieder (vergl. Kap. 1 und 2 unserer Ausgabe):
»Soweit ich mich erinnere, begann es (das erste Kapitel des zweiten
Teils) ein wenig anders; es war überhaupt weit sorgfältiger
durchgearbeitet, obwohl der Inhalt derselbe war. Dieses Kapitel schloß
mit dem Gelächter des Generals Betrischtschew. Hierauf folgte ein
zweites Kapitel, in dem ein Tag im Hause des Generals beschrieben wird.
Tschitschikow blieb zum Mittagessen da. An dem Diner nahmen außer Ulinka
noch zwei Personen teil: eine Engländerin, die die Rolle einer
Gouvernante spielte, und ein Spanier oder Portugiese, der seit
unvordenklichen Zeiten und ohne angebbaren Grund auf dem Gute
Betrischtschews wohnte. Die Engländerin war eine ältere Jungfrau, ein
farbloses, ziemlich häßliches Wesen mit einer großen schmalen Nase und
sehr lebhaften Augen. Sie hielt sich kerzengerade, konnte tagelang
schweigen und ließ nur ihre Augen mit dem dumm-fragenden Blick beständig
nach allen Seiten schweifen. Der Portugiese hieß, soweit ich mich
erinnere: Expanton, Chsitendon oder so ähnlich; aber ich weiß bestimmt,
daß alle Dienstboten des Generals ihn bloß »Eskadron« nannten. Er
schwieg auch fortwährend, mußte jedoch nach dem Essen eine Partie Schach
mit dem General spielen. Während des Diners passierte nichts
Außerordentliches. Der General war lustig und scherzte mit
Tschitschikow, der einen großen Appetit entwickelte. Ulinka war
nachdenklich, ihr Gesicht belebte sich bloß, wenn die Rede auf
Tentennikow kam. Nach dem Essen spielte der General eine Partie Schach
mit dem Spanier und wiederholte andauernd, während er eine Figur
vorschob: »Lieb uns so weiß wie«, worauf Tschitschikow ihn beständig
verbesserte: »So schwarz, Exzellenz.« »Ja, ja,« sagte der General, »lieb
uns so schwarz, wie wir sind, weiß würde uns der Herrgott selbst lieb
haben.« Nach fünf Minuten versprach er sich jedoch abermals und fing
wieder an: »Lieb uns so weiß wie«. -- Tschitschikow verbesserte ihn aufs
neue, und der General wiederholte noch einmal: »Lieb uns so schwarz wie
wir sind, wenn wir weiß und sauber wären, würde uns auch der Herrgott
lieb haben.« Nachdem der General mehrere Partieen mit dem Spanier
gespielt hatte, schlug er Tschitschikow vor, ein paar Partieen mit ihm
zu spielen, und auch hier wußte sich Tschitschikow äußerst geschickt aus
der Affäre zu ziehen. Er spielte sehr gut, bedrängte und setzte den
General mit seinen Zügen in Verlegenheit, verlor aber schließlich doch
die Partie: der General war sehr zufrieden, daß er einen so starken
Spieler wie Tschitschikow besiegt hatte, und gewann ihn noch mehr lieb.
Beim Abschied bat er ihn, sobald als möglich wiederzukehren, und auch
Tentennikow mitzubringen. Als Tschitschikow wieder zu Tentennikow kam,
erzählte er ihm, wie traurig Ulinka sei, wie sehr der General es
bedauere, daß er ihn gar nicht mehr bei sich sähe, wie der General sein
Benehmen aufrichtig bereue und sogar bereit sei, ihm zuerst einen Besuch
abzustatten und ihn um Verzeihung zu bitten, nur um das Mißverständnis
aus der Welt zu schaffen. Das war natürlich alles erfunden. Aber
Tentennikow, der sterblich in Ulinka verliebt war, freute sich
selbstverständlich, einen Vorwand zu haben und erklärte, wenn die Sache
sich so verhalte, werde er es nicht dazu kommen lassen und noch morgen
zum General fahren, um ihm mit seinem Besuch zuvorzukommen.
Tschitschikow billigt diesen Entschluß, und beide verabreden sich, am
folgenden Tage zum General Betrischtschew zu fahren. Am Abend desselben
Tages gesteht Tschitschikow Tentennikow, daß er den General
angeschwindelt und ihm erzählt habe, daß Tentennikow eine Geschichte der
Generäle schreibe. Dieser versteht nicht, wozu Tschitschikow so etwas
gesagt habe, und weiß nicht, was er machen soll, wenn der General auf
diese Geschichte zu sprechen kommen sollte. Tschitschikow erklärt ihm,
er wisse eigentlich selbst nicht, wie ihm dieses Wort entschlüpft sei,
aber es sei nun einmal nicht mehr zu ändern, und er bittet ihn, wenn er
durchaus nicht lügen könne, doch wenigstens still zu schweigen und die
Sache nicht geradezu abzuleugnen, um _ihn_ -- Tschitschikow nicht vor
dem General zu kompromittieren. Hierauf fahren beide nach dem Gute des
Generals. Tentennikow begrüßt den General und Ulinka, und man setzt sich
zum Mittagessen. Die Beschreibung dieses Diners war meiner Ansicht nach
die schönste Stelle im zweiten Bande. Der General saß in der Mitte,
rechts von ihm Tentennikow, links Tschitschikow, neben Tschitschikow
Ulinka, neben Tentennikow der Spanier und zwischen dem Spanier und
Ulinka -- die Engländerin. Der General war sehr zufrieden, daß er sich
wieder mit Tentennikow ausgesöhnt hatte, und mit einem Menschen plaudern
konnte, der eine Geschichte der vaterländischen Generäle schrieb.
Tentennikow war glücklich, weil Ulinka ihm gegenübersaß, mit der er von
Zeit zu Zeit einen Blick wechselte. Ulinka war gleichfalls glücklich,
weil der Geliebte wieder zu ihnen zurückgekehrt war, und der Vater die
alten guten Beziehungen zu ihm wiederhergestellt hatte, und auch
Tschitschikow war sehr zufrieden mit seiner Rolle als Mittler in dieser
reichen und vornehmen Familie. Die Engländerin ließ ihre Augen frei nach
allen Seiten schweifen, der Spanier betrachtete seinen Teller und erhob
seinen Blick nur dann, wenn ein neues Gericht aufgetragen wurde. Er
suchte sich den besten Bissen aus, und ließ ihn nicht aus den Augen,
während die Schüssel längs der Tafel die Runde machte, oder bis sich
jemand des guten Bissens bemächtigt hatte. Nach dem zweiten Gange
brachte der General das Gespräch auf Tentennikows Werk und erwähnte das
Jahr 1812. Tschitschikow zitterte vor Angst und wartete gespannt auf die
Antwort. Aber Tentennikow zog sich gewandt aus der Affäre. Er erwiderte,
es sei nicht seine Aufgabe, eine Geschichte des Feldzuges, der einzelnen
Schlachten und der Personen zu schreiben, die in diesem Kriege eine
Rolle gespielt hätten, das Jahr 1812 sei nicht durch die Taten Einzelner
bemerkenswert, es gäbe auch ohne ihn genug Geschichtsschreiber, die
diese Epoche behandelt hätten, aber man müsse diese Zeit von einer
andern Seite ansehen; was sie besonders auszeichne, sei dies, daß das
ganze Volk sich wie ein Mann erhoben habe, um das Vaterland zu
verteidigen; alle Intrigen, alle kleinlichen Interessen und
Leidenschaften seien für eine Zeitlang verstummt; alle Stände hätten
sich in dem einen Gefühl der Vaterlandsliebe vereint, jeder wäre bereit
gewesen, sein Letztes dahinzugeben und alles für die gemeinsame Sache
aufzuopfern. Das sei das Große an diesem Kriege, und das wäre es, was er
wohl in einem leuchtenden Bilde festhalten möchte: all diese vielen
unbeachteten Heldentaten und diese geheimen und großen Opfer eines
Volkes! Tentennikow sprach lange und mit Begeisterung; er war in diesem
Augenblick völlig durchdrungen von glühender Liebe zu seinem russischen
Vaterlande. Betrischtschew hörte ihm ganz entzückt zu; zum erstenmal
hörte er ein so lebendiges, warmes Wort. Eine Träne rollte ihm wie ein
reiner Diamant den Schnurrbart hinunter. In diesem Moment war der
General sehr schön. Und Ulinka? Sie hing förmlich mit den Augen an
Tentennikow, sie schien jedes seiner Worte gierig einzuschlürfen; wie
eine herrliche Musik berauschten sie diese Reden, sie liebte, sie war
stolz auf ihn. Der Spanier betrachtete seinen Teller noch aufmerksamer
als früher und die Engländerin sah alle Anwesenden mit einem dummen und
verständnislosen Blick an. Als Tentennikow geendigt hatte, blieb alles
eine Zeitlang stumm, alle waren aufs tiefste erschüttert ...
Tschitschikow, der gern auch etwas sagen wollte, brach zuerst das
Schweigen. »Ja,« bemerkte er, »1812 herrschte eine furchtbare Kälte!« --
»Es handelt sich hier gar nicht um die Kälte,« sagte der General und sah
ihn sehr streng an. Tschitschikow wurde verlegen. Der General reichte
Tentennikow die Hand und dankte ihm herzlich; aber Tentennikow war ganz
selig, denn er las Beifall und Anerkennung in Ulinkas Augen, die
Geschichte der Generäle war vergessen. Der Tag verlief still und
angenehm für alle Beteiligten. -- An die nun folgende Anordnung der
Kapitel kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ich weiß nur noch, daß
Ulinka sich nach diesem Vorfall entschloß, mit ihrem Vater ernstlich
über Tentennikow zu sprechen. Eines Abends, kurz vor dieser
entscheidenden Unterhaltung, besuchte sie das Grab ihrer Mutter um
Stärkung in einem Gebet zu finden. Nach dem Gebet betrat sie das Zimmer
ihres Vaters, kniete vor ihm nieder und bat ihn um seine Einwilligung zu
ihrer Verlobung mit Tentennikow; der General schwankte lange, gab jedoch
schließlich seine Zustimmung. Tentennikow wurde herbeigerufen und
erfuhr, daß der General einverstanden sei. Dieses geschah einige Tage
nach dem Friedensfest. Als Tentennikow die Einwilligung erhalten hatte,
ließ er Ulinka einen Augenblick allein und lief ganz außer sich vor
Glück in den Garten. Er mußte mit sich allein sein. Das Glück
überwältigte ihn! ... Hier folgten bei Gogol zwei herrliche lyrische
Seiten. -- Ein heißer Sommertag -- um die Mittagszeit. Tentennikow sitzt
in dem dichten schattenreichen Garten, und rings um ihn herum herrscht
eine tiefe heilige Stille. Dieser Garten war wunderbar geschildert;
jedes Zweiglein war beschrieben: die glühende Mittagshitze in der Luft,
die Grillen im Grase, die vielen schwärmenden Insekten, und endlich
Tentennikows Gefühle, des glücklich Liebenden und Wiedergeliebten! --
Ich erinnere mich lebhaft, daß diese Beschreibung so wundersam, so
voller Kraft, Farbe und Poesie war, daß mir das Herz vor Erregung stille
stand. Gogol las vorzüglich! -- Im Übermaß seines Gefühls weinte
Tentennikow vor Glück und Seligkeit, und er schwor sich, sein ganzes
Leben seiner Braut zu widmen. In diesem Moment erschien Tschitschikow am
Ende der Allee. Tentennikow umarmt und dankt ihm: »Sie sind mein
Wohltäter, Ihnen verdanke ich all mein Glück, wie kann ich Ihnen nur
danken. Mein Leben wäre zu wenig für solch einen Dienst.« Sofort kommt
Tschitschikow eine Idee: »Ich habe nichts für Sie getan, das ist ein
bloßer Zufall,« antwortet er, »ich bin sehr erfreut, aber Sie können
sich sehr leicht dankbar erweisen.« »Wodurch, wodurch?« ruft
Tentennikow, »sprechen Sie es aus, schnell, und es ist geschehen.« Hier
erzählt ihm Tschitschikow von seinem angeblichen Onkel, und daß er 300
Bauern brauche, wenn auch bloß auf dem Papiere. »Aber warum müssen sie
denn unbedingt tot sein?« fragt Tentennikow, der nicht recht versteht,
was Tschitschikow eigentlich will. »Ich werde Ihnen _pro forma_ all
meine 300 Seelen verschreiben, und Sie können unseren Vertrag Ihrem
Onkel zeigen; nachher, wenn Sie Ihr Gut erhalten haben, können wir ja
den Kontrakt wieder vernichten.« Tschitschikow ist ganz sprachlos vor
Erstaunen. »Wie? Und Sie fürchten sich nicht vor solch einem Schritt ...
Sie fürchten sich gar nicht, daß ich Sie betrügen und Ihr Vertrauen
mißbrauchen könnte?« Aber Tentennikow läßt ihn nicht ausreden. »Was?«
ruft er aus, »ich sollte _Ihnen_ mißtrauen, dem ich mehr verdanke als
mein Leben.« Hier umarmen sie sich, und die Sache war abgemacht.
Tschitschikow schlief an diesem Abend süß ein. Am andern Tage fand im
Hause des Generals eine große Beratung statt, wie man den Verwandten die
Verlobung mitteilen solle; ob es sich schriftlich erledigen ließe, oder
ob jemand die Nachricht persönlich hinbringen solle. Betrischtschew war
offenbar sehr unruhig und machte sich Sorgen, wie die Fürstin Sjusjukina
und seine andern vornehmen Verwandten dieses Ereignis aufnehmen würden,
Tschitschikow wußte sich auch hier wieder nützlich zu erweisen: er
machte dem General den Vorschlag, ihn, Tschitschikow, zu sämtlichen
Verwandten zu schicken, um sie durch ihn von der Verlobung Ulinkas und
Tentennikows benachrichtigen zu lassen. Natürlich hatte er dabei wieder
das Geschäft mit den toten Seelen im Auge. Sein Vorschlag wurde mit Dank
angenommen. »Ich kann mir nichts Besseres wünschen,« dachte der General,
»er ist ein gescheiter Kopf und hat gute Manieren; er wird es verstehen,
den Leuten die Sache mit der Verlobung so plausibel zu machen, daß alle
zufrieden sein werden.« Der General bot Tschitschikow seinen
zweisitzigen, im Auslande verfertigten Wagen an, und Tentennikow stellte
ihm noch ein viertes Pferd zur Verfügung. Tschitschikow sollte sich
schon nach wenigen Tagen auf den Weg machen. Von da ab sahen ihn alle im
Hause des Generals als einen ihrer Angehörigen, als einen Freund des
Hauses an. Nachdem er zu Tentennikow zurückgekehrt war, ließ er sofort
Seliphan und Petruschka rufen und erklärte ihnen, sie sollten sich zur
Abreise rüsten. Seliphan war bei Tentennikow ganz träge und faul
geworden, er glich kaum noch einem Kutscher mehr, und die Pferde blieben
ganz ohne Pflege und Aufsicht. Petruschka aber stellte fortwährend den
Bauernmädchen nach. Als jedoch der leichte und beinahe neue Wagen des
Generals eintraf, und Seliphan hörte, daß er nun auf dem breiten
Kutschbock sitzen und vier Pferde lenken werde, da erwachten wieder all
seine Kutscherinstinkte, er betrachtete die Equipage mit großer
Aufmerksamkeit, mit Kennerblick und verlangte von den Knechten des
Generals allerhand Reserveschrauben und Schlüssel, wie sie überhaupt
nicht existieren. Auch Tschitschikow dachte mit Vergnügen an seine Reise
und malte sich schon aus, wie er sich auf den weichen Polstern
ausstrecken, und wie das vierte Pferd seinen federleichten Wagen schnell
wie der Wind dahintragen werde.«
Auf wieviel Kapitel der hier wiedergegebene Inhalt verteilt war, hat
Arnoldi nicht genau angegeben: er bemerkt hierzu: »Dies ist alles, was
Gogol in meiner Gegenwart vom zweiten Bande vorgelesen hat. Meiner
Schwester hat er, wie ich glaube, _neun_ Kapitel vorgelesen« [Rußkij
Westnik (Russischer Bote) 1862, Januarheft, Seite 74-79]. Die
Umarbeitung der Niederschrift fand gleichzeitig mit der Arbeit an der
Fortsetzung der Dichtung statt. Im Januar 1850 waren »eigentlich nur
zwei bis drei Kapitel« vollständig fertig.
Gegen Ende 1851 oder im Anfang des Jahres 1852 las Gogol Schewyrew die
beiden letzten Kapitel des zweiten Bandes der »Toten Seelen« vor. Alles,
was er von diesem Teil in dem Zeitraum von 1845 bis 1852
niedergeschrieben hatte, hat er selbst wenige Tage vor seinem Tode
verbrannt.