Hoffnung. Ihr Glück beginnt--meine Rolle ist ausgespielt. Hüten
Sie sich, daß Sie mich nicht bald wieder rufen; oder glauben Sie,
ich habe nichts zu tun, als mit Ihnen die Zeit zu verschwätzen? In
diesem Augenblicke bin ich zu Millionen bestellt, die nach mir
schmachten. Advokaten, die ihre Prozesse gewinnen wollen; arme
Gefangene, die auf Erlösung hoffen; Sterbende sogar, die mich in
der letzten Minute noch zu sprechen wünschen; des Heeres der
Verliebten gar nicht zu gedenken, welches mich durch namenlose
Anforderungen fast zu Tode martert. Darum adieu! Nun küssen Sie
mir die Hand, Sie liebenswürdiger, junger Mann! Adieu, Sie Loser!
Vergessen Sie nicht wieder ein Frauenzimmer, welches die Plage auf
sich hat, Sie durch Ihr ganzes Leben begleiten zu müssen. (Macht
ihm einen Knix und geht durch die Türe ab.)
Einundzwanzigste Szene.
Eduard (allein). Sonderbare Erscheinung! Soll ich ihr Glauben
schenken? Sie ist ein Frauenzimmer ! Nun, wär' ich der einzige
Mensch in dieser Welt, der sein Glück einem Frauenzimmer zu
verdanken hätte? Laß sehen, schöne Hoffnung, wir wollen dich auf
die Probe setzen, ob deine launigen Versprechungen weniger täuschen,
als die heroischen Liebesschwüre unserer heutigen Mädchen. Dort
ist der Fleck. (öffnet ein kleines Türchen im Boden.) Wahrhaftig!
Bald hätt' ich meinem smaragdenen Engel unrecht getan. Hier ist
der Schlüssel. Vivat, Eduard! Schnell ans Werk! (Öffnet die Wand,
welche in die Höhe schwebt und einen Rahmen zurückläßt, durch
welchen man in eine dunkelblaue, mit Gold verzierte runde Halle
sieht, in der auf jeder Seite drei weiße mythologische Figuren
unbeweglich stehen. Auf den sechs Piedestalen stehen die Worte:
Dukaten, Louisdor, Taler, Sovereigndor, Perlen, Granaten. Mitten
aber steht ein leeres rosenrotes Piedestal, welches den halben
Kreis schließt, worauf kein Wort steht, aber eine Pergamentrolle
liegt.--Die ganze Gruppe ist hell beleuchtet.) Bin ich in einem
Feenpalaste? Sind diese Schätze mein? Ist es ein Traum? (Öffnet
eine von den Türchen der Piedestale, man sieht Gold aufgehäuft.) O
nein! Goldene Wirklichkeit! Was bedeutet diese Pergamentrolle?
(entfaltet sie und liest.) "Teurer Sohn! Die Schätze, welche Du in
diesem geheimnisvollen Gewölbe entdecktest, waren mein Eigentum,
sind nun das deinige. Die sechs Statuen sind von hohem Werte; ich
habe sie in einer huldvollen Stunde durch die Gnade des
Geisterkönigs zum Geschenk erhalten. Mache einen weisen Gebrauch
davon. Doch, sollte bei dem glücklichen Überfluß an Wünschen, zu
denen Dich Deine Jugend befeuert, auch der in Deiner Brust
aufsteigen, daß Du die siebente Statue besitzen möchtest, welche
von rosenroten Diamanten und der größte Schatz ist, den Du auf
Erden besitzen kannst, so wende Dich bittend an den Zauberkönig.
Du wirst in meinen magischen Werken, die ich Dir hinterließ, die
genaueste Anleitung finden, auf welchem Wege Du zu den Stufen
seines Thrones gelangen kannst." (Legt die Schrift wieder hin.)
Welch eine Reihe von Wundern drängt sich an meinen erstaunten
Sinnen vorüber! (Tritt heraus, die Wand schließ sich.) Ist es
Wahrheit? Diese plötzliche Veränderung meiner Glücksumstände! Ich
war ein Bettler, jetzt bin ich ein Krösus!--Doch, was ist das für
eine siebente Statue von rosenrotem Diamant? Welch ein dunkles
Verlangen beherrscht mich, auch sie zu besitzen! Ach, warum kann
ich nicht in dieser Minute zu des Geisterkönigs Füßen sinken! Gäb'
es denn keinen wohltätigen Genius, der mich augenblicklich in seine
Nähe bringen könnte? (Die Figur des kleinen Zauberers auf dem
Tische verwandelt sich in den kleinen Genius Kolibri.)
Kolibri (kann vor Tränen kaum reden). Ich!
Eduard. Welch ein holder Knabe! Wie heißest du, lieber Knabe?
Kolibri (immer weinerlich und verdrießlich). Ich bin der kleine
Kolibri.
Eduard. Und was bist du denn?
Kolibri (verdrießlich). Ein Genius. Siehst du denn das nicht?
Eduard. Aber warum weinst du denn?
Kolibri. Weil mich meine Mutter erst geschlagen hat.
Eduard. Warum?
Kolibri. Damit ich dir helfen soll.
Eduard. Und willst du mir denn nicht helfen?
Kolibri. I ja!--Aber ich habe gerade mit den andern Genien um
goldene Äpfel gespielt, und da hat mir meine Mutter geschafft, ich
möcht' es stehen lassen und zu dir herabgehen, weil der Zauberfürst
es befohlen hätte; und weil ich nicht gleich ging, so hat sie mich
geschlagen (weint).
Eduard. Du armes Kind! Wer ist denn deine Mutter?
Kolibri. Eine Fee, die von ihren eigenen Mitteln lebt.
Eduard. Nun, sei nur ruhig! Sieh, wenn du mir hilfst, so
verspreche ich dir nicht nur einen, sondern viele hundert goldene
Äpfel.
Kolibri (plötzlich freudig). Ist das wahr? Ach, das ist schön.
(Springt vor Freuden.) Jetzt gib acht, wie ich mich ansetzen werde.
Eduard. Sage mir, auf welche Weise kannst du mir denn helfen?
Kolibri. Ich werde dir die Mittel zeigen, durch welche du zum
Geisterkönig gelangst. Du mußt vorher einen hohen Berg ersteigen,
und das weitere werde ich dir schon noch heimlich stecken. Du hast
viele Gefahren zu bestehen; wir machen eine Luftreise. Wirst du
auch standhaft bleiben?
Eduard. Gefahren stählen den Mut! Mein Verlangen nach dem
Zauberschatze wird immer glühender. Komm und geleite mich.
Kolibri. O, das geht nicht so geschwind, es ist gar ein weiter Weg;
ich muß mich erst um eine Landkutsche umsehen. Du darfst dich
nicht fürchten, daß ich dich umwerfe; ich bin ein guter Postillon
und blasen will ich, daß dir die Ohren zerspringen werden.
Eduard. Nun gut, ich will mich reisefertig machen.
Kolibri. Du kannst dir auch einen Bedienten mitnehmen, denn du
scheinst mir ein sehr kommoder Herr zu sein. Also, es bleibt
dabei? Leb' wohl! In einer Viertelstunde komm' ich wieder zurück;
und wegen der Äpfel:--Ein Mann, ein Wort!
(Eduard reicht ihm die Hand hin.)
(Kolibri schlägt ein und geht gravitätisch ab.)
Eduard (allein). Bravissimo! Das geht ja prächtig! Schlag auf
Schlag! Mein Glück fängt an mutwillig zu werden, und soviel ich
merke, so habe ich's mit lauter dienstfertigen Geistern zu tun; da
muß ja mein Frohsinn erwachen.
Zweiundzwanzigste Szene.
Mariandel. Florian kommt mit einem Trupp Nachbarsleute herein.
Voriger.
Chor.
Kommt herein! Kommt herein!
Werden schon willkommen sein.
Feinde schleichen sich herein,
Freunde treten rüstig ein.
Florian. Gnädiger! Da haben Sie s', losg'lassen hab' ich s'.
Jetzt reden S' mit ihnen.
Eduard. Was treibst du denn, daß du mir diesen Trupp Menschen ins
Zimmer bringst?
Mariandel. Ja, ich bitt', Euer Gnaden, er wird närrisch. Die
Leute! (Zu Florian.) Ich brächt' noch mehr, wenn ich wie du wäre!
Florian. Ja, woher nehmen und nicht stehlen? Ich hab' die überall
zusammeng'sucht und hab' s' hergetrieben.
Eduard (zornig). Was wollen sie denn aber hier? Dummrian!
Florian (zum Nachbar). So red' der Herr!
Ein Nachbar. Gnädiger Herr, der Florian hat uns zusammengerufen
und hat uns Ihre Verlegenheit erzählt. Sie waren gegen uns immer
ein guter Herr, der uns manchmal ein Glas Wein gezahlt hat; wenn's
auch mit dem alten Herrn nicht richtig zugegangen ist, das macht
nichts. Wenn wir Ihnen helfen können und können Ihnen einen Dienst
erweisen, so schaffen S' mit uns. Wir sind ja Ihre Nachbarn, wer
weiß, wer unsern Kindern einmal was tut.
Alle. Ja! ja! Schaffen S' nur, gnädiger Herr!
Eduard. Ihr guten Leute, nehmt meinen herzlichen Dank! Ich kann
zwar keinen Gebrauch von euren freundschaftlichen Gesinnungen
machen, doch ich werde sie dankbar in mein Herz schreiben. Es hat
sich ein Vermächtnis meines Vaters vorgefunden, das mich bestimmt,
noch heute eine große Reise anzutreten, und wenn ich glücklich
zurückkehre, will ich den ersten Abend meiner Ankunft in eurem
fröhlichen Zirkel hinbringen.
Alle Nachbarn. Vivat! Unser Nachbar soll leben!
Ein Nachbar. So nehmen Euer Gnaden denn nichts für ungut; und
nachher hab' ich noch eine Bitt': Werfen S' auf den Florian da auch
keine Ungnad'! Er meint's nicht bös' und er ist gar ein gutes
Schaf!
Florian. O. du gemeiner Kerl!
Ein Nachbar. Und jetzt reisen S' recht glücklich und kommen S'
gesund wieder zurück.