Wer einmal jetzt im Riesengebirge reist, findet fast bei jedem
bemerkenswerten Punkte auf den Bergen und in den Tälern, besonders wo
gastliche Häuser den Wanderern zur Erholung und Erfrischung einladen,
Verkaufsstände, welche Andenken an das Gebirge feilhalten. In großer
Auswahl auf Bechern, Tassen, Karten, Bildern, Pfeifen und anderen Dingen
wird besonders auch Rübezahls gedacht. Man findet da manche seiner
Geschichten abgebildet und auf mancherlei Art seine äußere Erscheinung
dargestellt. Mit Vorliebe kaufen die Reisenden lange Bergstöcke mit einer
tüchtigen Spitze daran, die ihnen das Gehen erleichtern. Auf vielen steht
der Name »Rübezahl« und man nennt sie deshalb »Rübezahlstöcke«. Diese
Bezeichnung ist aber keine willkürliche, sondern steht im Zusammenhange mit
vielen Rübezahlmärchen, in welchen Wanderstäbe eine gewisse Rolle spielen.
Eins der schönsten will ich euch erzählen.
In den Zeiten, wo die meisten unserer Geschichten spielen, gab es noch
keine Briefträger, welche Briefe und Pakete aus der Stadt auf das Land
trugen. Da hielt jedes Dorf seinen Botenmann, welcher in gewissen
Zeiträumen den Verkehr zwischen Dorf und Stadt vermittelte. Als solcher war
auch der alte Leopold aus Schreiberhau weit und breit im Gebirge bekannt.
Es wurde ihm nicht leicht, jahraus, jahrein bei Wind und Wetter unter der
Last des Gepäckes die gebirgigen Pfade zu gehen, aber die Herrschaften der
Rittersitze und die Kaufleute in der Stadt bezahlten ihm seine Mühe so gut,
daß er hätte zufrieden sein können. Aber das Pflänzlein Zufriedenheit ist
rar und auch von Leopold konnte man sagen: »Je mehr er hat, je mehr er
will.«
Einst hatte er sich um die Mittagszeit in einer Baude niedergelassen und
war vor Ermüdung eingenickt. Da erschien ihm Rübezahl im Traume und führte
ihn zu seiner großen Braupfanne im Gestein, wo Gold- und Silberstücke ihm
entgegenfunkelten. Eben wollte er auf des Berggeists Geheiß zugreifen, da
war der Traum zu Ende -- und das Glück verflogen.
»Rübezahl, Schabernacker,« rief er ärgerlich aus, »kannst du mir nicht
einmal helfen, damit ich Ruhe habe und meine letzten Lebenstage nicht in
Unruhe und den Beschwerden meiner Botenwege verbringen muß!« Damit ergriff
er seinen langen Botenstock und verließ mürrisch die Baude.
Keine zwanzig Schritte war er gegangen, als ihm sein Stock entglitt, gerade
als er über einen kleinen Bach sich schwingen wollte. Da lag er, so lang er
war, und es war ein Glück, daß er nicht in den Bach gefallen war. Sein Fall
machte ihn noch verdrießlicher und unmutiger. Da flog ein Raubvogel vor ihm
auf und als er ihm nachsah, stieß sein Fuß an einen Stein, sein Stab geriet
ihm zwischen die Füße -- und pardauz! da machte er wieder mit dem Erdboden
Bekanntschaft. Schließlich geriet er am Bergesabhang durch Abgleiten so ins
Straucheln, daß er mit dem Kinn auf einen Stein aufschlug und ihm Wange und
Lippen bluteten. Da nahm er wütend seinen Stab, der ein Stück abwärts
gerollt war, und versuchte ihn am Felsen zu zerschmettern.
Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies
geschehen, so ging's auch flott durch die Luft über die Wipfel der Bäume
hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind.
Leopold meinte, er sei der wilde Jäger geworden, welcher zur Strafe durch
die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa über Land und Meer
dahinrasen muß; schauerlich gähnten die Abgründe unter ihm und von Minute
zu Minute glaubte er abzustürzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als
sich aber seine Befürchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger,
ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Pläne, wie
vorteilhaft sich für die Zukunft auf diesem Wege seine Botengänge gestalten
würden.
Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab plötzlich die Richtung auf die Stadt
Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Roß und Reiter vom Himmel
herab mitten zwischen die Buden, Käufer und Verkäufer zur Erde
herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die
Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche
Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein
Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und
brachten ihn in sicheren Gewahrsam.
Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als
Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da
geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den
Hexenstab übergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob,
durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn über die Häuser
der Stadt entführte. Da gab's eine große Aufregung unter den biederen
Bürgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den
Wolken schwebte -- aber sieh da! -- kurze Zeit später setzte der Hexenstab
seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab.
Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes
gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzählt hatte, da ließ ihn das
Gericht frei. Das Volk aber jubelte fröhlich und ausgelassen auf den
Straßen: »Ein Schelmenstreich von Rübezahl! Es lebe der Berggeist!« Mit den
Schmiedebergern hat's auch Rübezahl immer gehalten, weil sie seine Macht
fürchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten.
Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn
sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen.