11. Der Hexenstab.

Wer einmal jetzt im Riesengebirge reist, findet fast bei jedem

bemerkenswerten Punkte auf den Bergen und in den Tälern, besonders wo

gastliche Häuser den Wanderern zur Erholung und Erfrischung einladen,

Verkaufsstände, welche Andenken an das Gebirge feilhalten. In großer

Auswahl auf Bechern, Tassen, Karten, Bildern, Pfeifen und anderen Dingen

wird besonders auch Rübezahls gedacht. Man findet da manche seiner

Geschichten abgebildet und auf mancherlei Art seine äußere Erscheinung

dargestellt. Mit Vorliebe kaufen die Reisenden lange Bergstöcke mit einer

tüchtigen Spitze daran, die ihnen das Gehen erleichtern. Auf vielen steht

der Name »Rübezahl« und man nennt sie deshalb »Rübezahlstöcke«. Diese

Bezeichnung ist aber keine willkürliche, sondern steht im Zusammenhange mit

vielen Rübezahlmärchen, in welchen Wanderstäbe eine gewisse Rolle spielen.

Eins der schönsten will ich euch erzählen.

In den Zeiten, wo die meisten unserer Geschichten spielen, gab es noch

keine Briefträger, welche Briefe und Pakete aus der Stadt auf das Land

trugen. Da hielt jedes Dorf seinen Botenmann, welcher in gewissen

Zeiträumen den Verkehr zwischen Dorf und Stadt vermittelte. Als solcher war

auch der alte Leopold aus Schreiberhau weit und breit im Gebirge bekannt.

Es wurde ihm nicht leicht, jahraus, jahrein bei Wind und Wetter unter der

Last des Gepäckes die gebirgigen Pfade zu gehen, aber die Herrschaften der

Rittersitze und die Kaufleute in der Stadt bezahlten ihm seine Mühe so gut,

daß er hätte zufrieden sein können. Aber das Pflänzlein Zufriedenheit ist

rar und auch von Leopold konnte man sagen: »Je mehr er hat, je mehr er

will.«

Einst hatte er sich um die Mittagszeit in einer Baude niedergelassen und

war vor Ermüdung eingenickt. Da erschien ihm Rübezahl im Traume und führte

ihn zu seiner großen Braupfanne im Gestein, wo Gold- und Silberstücke ihm

entgegenfunkelten. Eben wollte er auf des Berggeists Geheiß zugreifen, da

war der Traum zu Ende -- und das Glück verflogen.

»Rübezahl, Schabernacker,« rief er ärgerlich aus, »kannst du mir nicht

einmal helfen, damit ich Ruhe habe und meine letzten Lebenstage nicht in

Unruhe und den Beschwerden meiner Botenwege verbringen muß!« Damit ergriff

er seinen langen Botenstock und verließ mürrisch die Baude.

Keine zwanzig Schritte war er gegangen, als ihm sein Stock entglitt, gerade

als er über einen kleinen Bach sich schwingen wollte. Da lag er, so lang er

war, und es war ein Glück, daß er nicht in den Bach gefallen war. Sein Fall

machte ihn noch verdrießlicher und unmutiger. Da flog ein Raubvogel vor ihm

auf und als er ihm nachsah, stieß sein Fuß an einen Stein, sein Stab geriet

ihm zwischen die Füße -- und pardauz! da machte er wieder mit dem Erdboden

Bekanntschaft. Schließlich geriet er am Bergesabhang durch Abgleiten so ins

Straucheln, daß er mit dem Kinn auf einen Stein aufschlug und ihm Wange und

Lippen bluteten. Da nahm er wütend seinen Stab, der ein Stück abwärts

gerollt war, und versuchte ihn am Felsen zu zerschmettern.

Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies

geschehen, so ging's auch flott durch die Luft über die Wipfel der Bäume

hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind.

Leopold meinte, er sei der wilde Jäger geworden, welcher zur Strafe durch

die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa über Land und Meer

dahinrasen muß; schauerlich gähnten die Abgründe unter ihm und von Minute

zu Minute glaubte er abzustürzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als

sich aber seine Befürchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger,

ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Pläne, wie

vorteilhaft sich für die Zukunft auf diesem Wege seine Botengänge gestalten

würden.

Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab plötzlich die Richtung auf die Stadt

Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Roß und Reiter vom Himmel

herab mitten zwischen die Buden, Käufer und Verkäufer zur Erde

herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die

Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche

Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein

Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und

brachten ihn in sicheren Gewahrsam.

Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als

Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da

geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den

Hexenstab übergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob,

durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn über die Häuser

der Stadt entführte. Da gab's eine große Aufregung unter den biederen

Bürgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den

Wolken schwebte -- aber sieh da! -- kurze Zeit später setzte der Hexenstab

seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab.

Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes

gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzählt hatte, da ließ ihn das

Gericht frei. Das Volk aber jubelte fröhlich und ausgelassen auf den

Straßen: »Ein Schelmenstreich von Rübezahl! Es lebe der Berggeist!« Mit den

Schmiedebergern hat's auch Rübezahl immer gehalten, weil sie seine Macht

fürchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten.

Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn

sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen.

Rübezahl Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges · 第 15 / 20 题