Auf der Straße durch das Gebirge zogen drei muntere Studenten. Aus voller
Kehle und frischer Brust ließen sie das alte Studentenlied erschallen:
Ich lobe mir das Burschenleben,
Ein jeder lobt sich seinen Stand,
Der Freiheit hab' ich mich ergeben,
Sie bleibt mein bestes Unterpfand.
Studenten sind fidele Brüder,
Kein Unfall schlägt sie ganz danieder. --
»Was Unfall,« meinte der eine, »was könnte uns wohl passieren; uns gehört
die Welt und wenn der Beutel auch in unserer alten Musenstadt Prag ein
wenig schmal geworden ist, was verschlägt's? Sind wir erst über das Gebirge
gelangt, dann lacht uns die Heimat entgegen und in den Ferien gibt's wieder
Geld in Vaters Haus.«
»Nun, so weit sind wir aber noch lange nicht,« meinte der zweite, ein
hochgewachsener, blonder Jüngling, »der Weg über das Gebirge wird uns sauer
werden, zumal meines Wissens kein Wirtshaus uns zur Erholung und Einkehr
einlädt, wie uns in der letzten Herberge versichert wurde.«
»Das hat,« so nahm Philipp, der dritte der Studenten, welcher in Prag
Rechtswissenschaft studierte, das Wort, »darin seinen Grund, daß der Herr
des Gebirges, Rübezahl, die Errichtung eines Wirtshauses auf seinem Gebiet
verbietet.«
»Tor,« erwiderte Hans, der erste der drei, »glaubst wohl noch an Spuken.
Das sind Kindermärchen, die man sich in den Spinnstuben erzählt. Geh zu den
alten Großmüttern und erzähle ihnen das, aber uns verschone mit solchem
albernen Geschwätz.«
»Gemach,« warf Philipp ein, »lieber Freund. Weißt du nicht, daß vor vier
Jahren, also im Jahre 1607, auf dem Markte unserer Stadt vom Büchermann ein
Buch feilgeboten wurde, das von einem gelehrten Manne, namens
Schwenckfeldt, verfaßt war und reißenden Absatz fand? Es führt den Titel
>Hirschbergischen Warmen Bades in Schlesien unter dem Riesengebirge
gelegenen kurtze und einfältige Beschreibung<. Darin habe ich mancherlei
vom Rübezahl gelesen --«
»Was nicht wahr ist« -- fiel ihm Georg, der blonde Jüngling, ins Wort --
»denn Schwenckfeldt behauptet nirgends, daß er selbst den >Ribenzahl< oder
>Ribinzagel<, wie er ihn nennt, gesehen hat. Er gibt nur die Erzählungen
des Volkes wieder.«
»Mir wär's schon recht, daß es einen Rübezahl gäbe,« brach Hans das
Gespräch ab, »wenn nur der alte Knabe schnell für uns hier oben ein
Wirtshaus baute, denn es ist ein wahres Elend, hier unter den Strahlen der
glühendsten Sonnenhitze einherstapfen zu müssen, ohne einen Trank oder
einen Imbiß zu finden. Mir ist unbegreiflich, daß sich hier kein Wirt
anbaut; er würde bei dem lebhaften Wanderverkehr sicherlich sein Geschäft
machen.«
»Weil,« sagte Philipp, »wie ich bereits erwähnte, die Leute Furcht vor dem
Herrn des Gebirges haben.«
»Nun höre mir aber endlich mit dem Popanz, dem Rübezahl, auf, lieber
Freund,« rief Hans ärgerlich.
»Na -- wer sagt's denn,« jubelte da plötzlich Georg auf, »dort steht ja das
ersehnte Wirtshaus!«
Die beiden andern Studenten trauten kaum ihren Augen, denn vor ihnen lag in
der Tat ein stattliches Gebäude, aus dessen Schornstein der Rauch über die
Tannen wirbelte. Vor dem Hause war ein Blumengarten angelegt, in welchem
Rosen, Nelken, Rittersporn, Astern und Sonnenblumen blühten, und eine
Kegelbahn lud zum Kegelspiel ein. Vor dem Hause stand der behäbige Wirt mit
kurzem Rock, kurzen, schwarzen Samthosen, roten Strümpfen und glänzenden
Schuhen. Ehrerbietig zog er sein Käppchen, verneigte sich vor den Studenten
und erklärte ihnen, daß es ihm eine besondere Ehre sein würde, die
Herrschaften in seinem bescheidenen Gasthof bewirten zu dürfen. Er würde
alles aufbieten, um ihren Ansprüchen in jeder Weise gerecht zu werden.
»Nun, allzu lang wird Euer Speisezettel wohl nicht sein,« meinte Hans, den
die Anrede des Wirtes ein wenig übermütig gemacht hatte.
»Befehlt nur, ihr Herren,« erwiderte der Wirt, »was Küche und Keller
bieten, soll euch werden.«
»Wohlan,« sagte Hans, »so bringt uns drei gebratene Feldhühner in
Savoyerkohl, eine Schüssel schöngesottener Krebse und dazu eine Flasche des
ältesten Landweins, je älter desto besser.«
Hierauf traten die Studenten ins Herrenstübchen ein, legten ihr Ränzel ab
und machten sich's bequem, während der Wirt in Küche und Keller eilte, das
Bestellte zu besorgen.
Nach Verlauf einer Viertelstunde kehrte er zurück, deckte den Tisch mit
einem kostbaren Tischtuch, legte silberne Bestecke auf und tat so, als ob
er fürstliche Herrschaften zu bedienen habe. Während er alles ordnete,
meinte er: »Es hält jetzt schwer, Feldhühner zu bekommen und auch von den
Krebsen bringe ich heute die ersten auf den Tisch. Aber für gutes Geld wird
alles geschafft.« Er tat gar nicht, als ob er die Verlegenheit der jungen
Herren bemerkte, sondern brachte außer dem Landwein noch eine Flasche
Tokaier.
Philipp wurde es unheimlich; ihm stieg eine Ahnung auf, daß das Wirtshaus
ein bezaubertes und der Wirt kein anderer sei als Rübezahl.
Als dieser auf einige Zeit das Zimmer verließ, teilte er seine
Befürchtungen seinen Kommilitonen mit. Diese aber lachten ihn aus, der Wein
machte ihre Zunge immer geläufiger und ihr Herz mutiger. Hans rief den Wirt
und forderte ihn auf, für sich ein Glas mitzubringen, um mit ihnen anstoßen
zu können. Das geschah und Georg erhob sein Glas und sprach: »Ich will eine
Gesundheit ausbringen. Daß wir hier auf einsamer Höhe mit Speise und Trank
so vortrefflich erquickt wurden, verdanken wir gewiß dem Herrn des Berges,
er lebe hoch, hoch, hoch!« Der Wirt stieß mit den Studenten an. Aber sofort
saß Georg wieder der Schalk im Nacken und er rief noch einmal: »Ja, der
alte, gute Rübezahl soll leben, hoch!«
Philipp stieß diesmal nicht mit seinen Gefährten an und auch der Wirt zog
seine Stirne kraus, machte eine gar ernste Miene, stellte sein Glas auf den
Tisch und sagte: »Wie Euer Genosse, so habe ich wohl auf die Gesundheit des
Herrn vom Berge angestoßen, nicht aber in das Hoch auf Rübezahl
eingestimmt, wie er auch tat, und zwar mit Recht. Ihr nennt ihn bei seinem
Spottnamen, auf diesen stoße ich nicht an, denn ich weiß, daß er sich an
denen rächt, die ihn damit an jene traurige Geschichte erinnern. Euer
Genosse scheint auch darum zu wissen.«
Lautes Gelächter war die Antwort der beiden angeheiterten Studenten auf die
Mahnung des Wirtes.
»Nun, Philipp,« meinte Hans, »da hast du ja einen Gesinnungsgenossen
gefunden, zu glauben, jenen Ammenmärchen von einem neckenden Kobold, der
auf dem Riesengebirge sein Unwesen treiben soll. Ich wünschte nichts
sehnlicher, als ihm in höchsteigener Person zu begegnen. Das wird aber nie
der Fall sein, weil es eben keinen Rübezahl gibt. Wir, mein lieber Herr
Wirt, von der hohen Schule atmen eine freie Luft und belächeln jene
Torheiten, die sich nur im Aberglauben des Volkes finden.«
Der Wirt wollte antworten, aber es kam ihm ein besserer Gedanke in den Kopf
und er trat vor die Studenten mit der freundlichen Aufforderung: »Wollen
die Herren nicht vielleicht sich ein wenig im Freien Bewegung machen und
einen Stamm kegeln? Den Kegeljungen will ich selbst machen.«
Der Vorschlag fand freudige Zustimmung. Hans und Georg begannen zu
schieben, aber merkwürdig: entweder kam ein »Sandhase« heraus, d. h. die
Kugel ging an den Kegeln vorbei, oder sie trafen eine »Methode«, d. h. die
zwei Gassenkegel. Besseren Erfolg hatte Philipp. Er warf dreimal
hintereinander acht um den König, was für den besten Wurf galt. Ärgerlich
brachen Hans und Georg das Spiel ab.
Nun kam aber das Schlimmste, das Zahlen. Verlegen fragte Hans nach der
Schuld. Der Wirt rechnete nach, dann sprach er zu Philipp:
»Von Euch, junger Herr, nehme ich nichts. Ihr habt Euch frei gekegelt, da
Ihr dreimal den König allein habt stehen lassen. Die Zeche der anderen
Herren beträgt vier Taler, zwei Taler auf jeden.«
Da wurde die Barschaft noch einmal überrechnet und die beiden Studenten
brachten gerade noch die geforderte Summe zusammen.
Als es zum Abschied ging, überreichte der höfliche Wirt Georg und Hans ein
Päckchen und meinte: »Bis zum nächsten Gasthause ist's noch weit, darum
habe ich den Herren einen kleinen Imbiß für den Weg eingewickelt. Euch
aber, junger Herr, schenke ich, da Ihr so vortrefflich gekegelt habt, den
Kegelkönig.«
Dankend steckte Philipp den Kegel in die Tasche und die drei Burschen zogen
weiter ihres Wegs. Unterwegs mußte Philipp noch manchen Spott seiner
Kameraden hinnehmen, daß der Wirt ihm einen Kegel zur Zehrung auf den Weg
gegeben habe.
»Laßt's gut sein,« meinte er, »ich habe so meine Gedanken über das Geschenk
und will es tragen als Andenken an unser Abenteuer im Gebirge.«
»Der hat den Rübezahl immer noch im Kopf,« höhnte Hans. »Wir wollen uns
lieber in das Gras setzen und unser Vesperbrot verzehren. Du, Philipp,
magst ein Stück vom Kopfe deines Kegelkönigs abbeißen.« Als sie aber ihre
Päckchen öffnen wollten, sprang aus dem einen ein Frosch, aus dem andern
eine Eidechse heraus, so daß sie entsetzt zurückfuhren. So zogen sie
hungrig weiter und jeglicher Spott und Zweifel an dem Dasein des
Berggeistes verstummte. Philipps Kegel wurde immer schwerer und schwerer,
er zog ihn aus seiner Tasche, sieh! da leuchtete er wunderbar im
Mondschein. Er sah ihn näher an -- der Kegel war lauteres Gold, darum war
er auch so schwer. Philipp verkaufte den Kegel, konnte nun ohne Not seine
Studien vollenden und ist ein gelehrter Mann geworden.