Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Mensch

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1888 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung

und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend

korrigiert. Ungewöhnliche, altertümliche, sowie inkonsistente

Schreibweisen wurden dagegen beibehalten, insbesondere wenn diese

in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.

Das Inhaltsverzeichnis wurde nach Vorgabe des Textes folgendermaßen

angepasst:

a. ‚Das Philosophie-Studium auf den Universitäten‘ wurde

korrigiert zu ‚Das Philosophie-Studium an den Universitäten‘.

b. Die Seitenzahl für den Abschnitt ‚Die preussische Schulreform

von 1882‘ wurde von 160 zu 169 geändert.

Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) sowie das ‚Esszett‘

(ß) werden im Text umschrieben (Ae, Oe, Ue, bzw. ss). Die von

der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der

vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

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Eduard von Hartmann.

Moderne Probleme.

Zweite vermehrte Auflage.

[Illustration]

Leipzig

Verlag von Wilhelm Friedrich

K. R. Hofbuchhändler.

1888.

Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort zur ersten Auflage.

Dass es mir bisher an Feinden gefehlt habe, wird niemand behaupten

können. Die katholische Kirche hat mich in amtlichen Kundgebungen und

in dicken Büchern als einen Erzketzer und Hauptführer der wider Gott

anstürmenden Rotte gebrandmarkt, die evangelischen Orthodoxen haben

sich auch in dieser Frage an ihre Rockschösse gehängt, und der liberale

Protestantismus wird mir die an ihm geübte Kritik[1] niemals verzeihen.

Die Konservativen verabscheuen mich als religiösen Revolutionär, die

Liberalen als einen Gegner der parlamentarischen Regierungsform, als

Militaristen, Monopolisten und Socialisten; die Socialdemokraten

hassen in mir mit Recht den aristokratisch gesinnten Gegner alles

demokratischen Nivellements, der speciell die socialdemokratischen

Verirrungen so scharf mitgenommen hat.[2] Die mechanistisch und

darwinistisch gesinnte Welt der Naturforscher hat sich von der zweiten

Auflage meiner Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie

und Descendenztheorie“ i. J. 1877 so schwer getroffen gefühlt, dass sie

sich seitdem in grollendes Stillschweigen und Ignoriren gehüllt hat.

Die Positivisten und Neukantianer, welche alle Metaphysik verwerfen und

bekämpfen, sehen in dem Verfasser der Schrift über den „Neukantianismus

u. s. w.“ einen der gefährlichsten Störer ihrer Cirkel; die

vordarwinschen naturwissenschaftlichen Materialisten und die Nachfolger

Feuerbachs hassen in mir, wie die Schriften von Stiebeling, J. C.

Fischer, Carl Grün und die Wuthausbrüche Dührings beweisen, einen

rückständigen Schwärmer und Obscuranten, und die Optimisten aus allen

Lagern reichen sich die Hände, um meinen Pessimismus, den sie nicht

verstehen, als Volksverderber und Jugendverführer zu verdammen. Die

Hegelianer hatte ich schon durch meine erste Veröffentlichung „Ueber

die dialektische Methode“ vor den Kopf gestossen, die Schopenhauerianer

bereits durch die Kritik der Schopenhauerschen Moralprincipien (in der

„Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins“) verletzt und durch den

Aufsatz „Mein Verhältniss zu Schopenhauer“ (in den „Philosophischen

Fragen der Gegenwart“ Nr. II) ganz in’s Lager meiner Gegner

hinübergetrieben, und den Universitätsphilosophen gegenüber hatte ich

meine ohnehin schon schwierige Stellung als unzünftiger Konkurrent noch

durch verschiedene Aeusserungen über die Universitätsphilosophie[3]

verschlimmert.

Unter diesen Umständen hätte ein ganz auf sich selbst angewiesener, auf

keine Klique, kein literarisches Organ und kein Katheder gestützter

Forscher leicht Bedenken tragen können, die Zahl der ihn umgebenden

Feinde zu vermehren und deren Feindseligkeit zu verschärfen. Wenn ich

dies trotzdem in den letzten Jahren im weitesten Umfang gethan habe, so

bitte ich darin keine übermüthige Laune oder muthwillige Händelsucht

zu sehen; was mich dazu antrieb, gegen so mancherlei moderne Irrthümer

das Wort zu ergreifen, war ein inneres Bedürfniss, die Stimme der

besonnenen Kritik zur Geltung zu bringen, ein unerschütterliches

Vertrauen in die siegreiche Kraft der schlichten ungeschminkten

Wahrheit, und ein Gefühl der Verpflichtung, durch meine völlig

unabhängige Stellung mehr als viele Andere zur Inangriffnahme so

peinlicher und undankbarer Aufgaben berufen zu sein.

Durch meine Schrift „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“ habe

ich mir nämlich nicht nur bei den Vertretern des Judenthums selbst,

sondern auch bei den christlichen Philosemiten und nicht minder bei

den Antisemiten viele neue Gegner gemacht, ebenso durch meine Schrift

über den Spiritismus sowohl die spiritistischen Kreise gegen mich

aufgebracht, als auch dem Widerwillen der Aufklärungsrationalisten

und Materialisten gegen mich neue Nahrung zugeführt. Der Aufsatz

„Was sollen wir essen?“ hat bei den Vegetarianern eine förmliche

Erbitterung gegen mich wachgerufen, welche sich bis zu der

öffentlichen Drohung: „es mir nicht vergessen zu wollen“, verstiegen

hat. „Unsre Stellung zu den Thieren“ hat eine ähnliche Wirkung auf

die Antivivisektionisten und sentimentalen Thierschützler ausgeübt.

„Die Gleichstellung der Geschlechter“ und „Die Lebensfrage der

Familie“ hat diejenigen Mitglieder des schönen Geschlechts, welche

für die Emancipation ihrer Schwestern und für eine ausserfamiliäre

Berufsstellung derselben kämpfen gegen mich in Harnisch gebracht.

„Der Rückgang des Deutschthums“ hat den bei der grossdeutschen Idee

stehen gebliebenen Theil der deutschen Liberalen gegen mich aufgeregt,

die preussischen Polen mir zu unversöhnlichen Feinden gemacht, die

Erbitterung des Ultramontanismus neu geschürt und vor allem bei den

Deutschösterreichern einen Sturm der Entrüstung entfesselt, der wohl

nicht ganz ohne Einfluss auf das aktive Aufraffen derselben aus dem

doktrinär-liberalen Schlummer geblieben ist und hoffentlich auch

ferner noch erspriessliche Folgen zeitigen wird. Die Aufsätze „Zur

Reform des Universitätsunterrichts“ und „Das Philosophie-Studium“

dürften die Antipathien der Philosophieprofessoren gegen mich, wenn das

überhaupt möglich war, noch verschärft haben, und „Die Ueberbürdung

der Schuljugend“ muss auch diejenigen Pädagogenkreise gegen mich

verstimmen, welche nicht schon als Vertheidiger der Realschulen oder

Realgymnasien durch meine frühere Schrift „Zur Reform des höheren

Schulwesens“ gegen mich eingenommen waren.

Zum mindesten bürgt das durch zahllose Gegenartikel, Vorträge,

Zuschriften u. s. w. bekundete Aufsehen, welches die Mehrzahl der

nachstehenden Aufsätze schon bei ihrer vereinzelten Veröffentlichung

in Zeitschriften gemacht hat, dafür, dass dieselben auch in ihrer

nunmehrigen Zusammenstellung einige Beachtung verdienen dürften;

denn erst in dieser ihrer Vereinigung lassen sie ihre innere

Zusammengehörigkeit, sowohl unter einander, als auch mit den Schriften

über das Judenthum und den Spiritismus erkennen. Die Abhandlung „Der

Somnambulismus“ bildet eine unmittelbare Ergänzung zu der Schrift über

den Spiritismus, indem beide sich gegenseitig erläuternde Arbeiten die

sogenannte „Nachtseite der menschlichen Natur“ erörtern und entschieden

gegen eine neuere, auf den Geheimbuddhismus gestützte mystische

Richtung Front machen, welche dieses Gebiet eines krankhaften Nerven-

und Seelenlebens zu einer dem normalen Zustand überlegenen höheren

Stufe des Geisteslebens aufzubauschen versucht. Die Aufsätze gegen den

Vegetarianismus, den Antivivisektionismus, die Frauenemancipation und

die egoistisch überspannte Missachtung der Familienpflichten gehören

ebenfalls in eine engere Gruppe zusammen, welche der Schrift über das

Judenthum schon dadurch näher gerückt ist, dass in ihnen allen der

abstrakte Idealismus und die falsche Sentimentalität bekämpft wird.

Bekanntlich hatte Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren neben

andern Eigenthümlichkeiten auch diejenige, sich zum theoretischen

Vertreter des Vegetarianismus, Antivivisektionismus und Antisemitismus

aufzuwerfen, und unter demjenigen Theil seiner Jünger und Anhänger,

welcher darauf schwört, dass in dem Evangelium des Meisters auch seine

Art sich zu räuspern und zu spucken einen untrennbaren Bestandtheil

bilde, spielen auch Vertreterinnen der Frauenemancipation eine

bedeutende Rolle. Hier findet also gleichsam ein Zusammenfluss der

verschiedenen Ströme des abstrakten Idealismus statt, welche ich in der

vorliegenden Schrift bekämpfe, und es scheint deshalb unvermeidlich,

dass dieselbe bei diesem Kreise noch grösseren Anstoss erweckt,

als dies schon früher meine Nichtanerkennung der Schopenhauerschen

Mitleidsmoral und Theorie der Musik und meine Kritik sowohl des

Urbuddhismus (im „Religiösen Bewusstsein der Menschheit“ B. I, 2)

als auch des Geheimbuddhismus (in den „Philosophischen Fragen der

Gegenwart“ Nr. IX) gethan hat.

Mögen diese Blätter trotz aller weiteren Anfeindungen, die ihnen nicht

erspart bleiben werden, einen Leserkreis finden, der geneigt ist, in

dem wüsten Durcheinander fanatischer Parteistimmen auch der Stimme

der parteilosen nüchternen Besonnenheit sein Ohr zu leihen, und mögen

diejenigen, welche meine Ansichten nur aus gegnerischen Entstellungen

kennen, sich durch eignen Einblick überzeugen, dass sie nichts weiter

enthalten, als was für jeden Unbefangenen selbstverständlich und kaum

des Aussprechens bedürftig scheinen sollte. Wenn aber philosophische

Kritiker sich daran stossen sollten, dass ich mir die Mühe gegeben

habe, auch Selbstverständliches niederzuschreiben, so bitte ich sie zu

erwägen, dass verkehrten Zeitströmungen gegenüber auch das Aussprechen

des Selbstverständlichen sein Recht hat, und dass es des Philosophen

nicht unwürdig ist, auch der populären Behandlung von Zeitfragen näher

zu treten.

+Berlin-Lichterfelde+, im Herbst 1885.

=Eduard von Hartmann.=

Vorwort zur zweiten Auflage.

Der baldige Absatz der ersten Auflage dieses Buches liefert die

erfreuliche Bestätigung dafür, dass die am Schlusse ihres Vorworts

ausgesprochene Hoffnung nicht zu Schanden geworden ist. Ich habe in

der zweiten Auflage als Nr. V-VII drei Aufsätze über die heutige

Geselligkeit, über die Wohnungsfrage und über moderne Unsitten

eingeschaltet, welche sich ihrem Inhalt nach an die ersten vier

Aufsätze auf das engste anschliessen und dem Buch noch mehr als

bisher den Charakter eines Vorläufers zur Socialethik geben. Ebenso

habe ich den beiden Aufsätzen über die Schulfrage einen dritten (Nr.

XII) hinzugefügt, welcher eine Uebersicht über den gegenwärtigen

Stand der ganzen Bewegung giebt und die zunächst erforderlichen

Schritte präcisirt. Dagegen habe ich den Aufsatz über den Rückgang

des Deutschthums fortgelassen, weil inzwischen mit dem Erlass und der

fortschreitenden Ausführung der preussischen Polengesetze sein Zweck

erfüllt und seine Aktualität erloschen ist. In einigen der anderen

Aufsätze, besonders in Nr. XV, habe ich kleinere Zusätze beigefügt,

welche durch die an die erste Auflage geknüpfte Kritik und Polemik

veranlasst worden sind. Möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt

günstige Aufnahme finden.

+Berlin-Lichterfelde+, im März 1888.

=Eduard von Hartmann.=

Inhalt.

I. Was sollen wir essen? 1

II. Unsere Stellung zu den Thieren 21

III. Die Gleichstellung der Geschlechter 36

IV. Die Lebensfrage der Familie 50

V. Die heutige Geselligkeit 85

VI. Die Wohnungsfrage 96

VII. Moderne Unsitten 106

VIII. Zur Reform des Universitätsunterrichts 120

IX. Das Philosophie-Studium an den Universitäten 140

X. Die Ueberbürdung der Schuljugend 157

XI. Die preussische Schulreform von 1882 169

XII. Der Streit um die Organisation der höheren Schulen 177

XIII. Der Bücher Noth 193

XIV. Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit 200

XV. Der Somnambulismus 207

I.

Was sollen wir essen?

In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich

von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät

stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als

es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen

Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe,

rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer

religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem

Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig

genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen.

Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen

zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen

Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung

unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise

auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des

Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen

von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine

bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost

angewiesenen katzenartigen Raubthieren. Das menschliche Gebiss

ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen

und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur

den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein

Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des

Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin,

dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen

Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren

zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass

die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb

verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den

schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger

zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen

zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der

Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt

auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung

zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach

pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt.

Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich

bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung

und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer

Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist,

wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher

Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei

vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst

bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt;

in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung

erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige

Assimilation aus vegetabilischer Kost zu vollziehen. Der äquatorialen

Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von

Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren

Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von

höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran

etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in

gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier

nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer

Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder

der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen.

Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des

Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive

Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung

hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem

gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein

Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist.

Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als

zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter,

Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen.

Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem

stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche

und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr

schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren

„Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch

ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es

scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die

durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich

durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben.

Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein

beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich

war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf

reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person

als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird

doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des

Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen

empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden

je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen

des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz

ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche

weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie

gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen

des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch

physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage

können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft

perverse Instinkte sein.

Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in

gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit

der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, d. h. so, dass der

grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der

kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen.

Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern

der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt,

wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus

erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren

Thieren überkam, auf den achten Theil rohen Fleisches berechnet ist,

der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den

Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht

der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn

die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist.

Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-,

noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den

Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht

der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich

der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte

Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und

Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den

Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“,

als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu

sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so

wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im

Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt

geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen

Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er +das+

Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu

proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss

er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein

widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt

sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache,

dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle

Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man

sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im

Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen,

aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem

Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so

ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche

nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die

Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder

auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der

Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten

für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit

des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf

einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis

jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die

menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des

Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht

zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls

diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der

seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen.

Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die

menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft

sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch

durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns

bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst

deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den

naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren.

Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung

+rationeller+ sei, d. h. dem Menschen mehr Vortheile oder weniger

Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten

liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige zu

halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur

im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den

Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen

bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb

kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals

das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste

Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits

etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer

Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und

steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen

Bedürfnissen modelt.

Die Vegetarianer behaupten, dass die Pflanzenkost den Menschen im

Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger gegen Krankheiten mache

als gemischte Kost; die Mehrzahl der Aerzte behauptet dagegen,

dass eine Vermehrung der Fleischbestandtheile in der gemischten

Kost den Menschen im Durchschnitt gesunder und widerstandsfähiger

gegen Krankheiten mache. Ich meine, dass die naturgemässe Kost

unter normalen Verhältnissen dem Menschen auch am besten bekommt,

dass für einen geschwächten oder in schlechtem Ernährungszustand

befindlichen Organismus eine womöglich nur vorübergehende Verstärkung

des Fleischzusatzes vortheilhaft ist, und dass es irrationell ist,

sich in gesunden Tagen mit zu starkem Fleischzusatz zu verwöhnen,

weil damit die Möglichkeit einer vortheilhaften Steigerung in

Krankheitsfällen ausgeschlossen ist. Dabei ist zuzugeben, dass durch

die ärztliche Bevorzugung der Fleischkost nicht selten die Grenze

der vortheilhaften Mischung überschritten wird, die namentlich bei

manchen jüngeren weiblichen Individuen ziemlich tief liegen kann, und

dass in solchen Fällen die Betreffenden den Uebergang zur reinen

Pflanzenkost für zuträglicher verspüren können als die übertriebene

Fleischdiät, weil erstere von ihrer natürlichen Mischungslinie weniger

weit abliegen kann als letztere. Ferner ist zu berücksichtigen, dass

in Folge der steigenden Wohlhabenheit der Kulturvölker in den letzten

Menschenaltern in allen Gesellschaftsschichten die Nahrhaftigkeit der

durchschnittlichen Verköstigung sehr gestiegen ist, so dass bei der

Anpassung des ererbten Appetits an eine schlechtere Kost eine gewisse

Ueberernährung gegenwärtig sehr verbreitet ist; will man solche

Ueberernährung mit ihren gesundheitsschädlichen Folgen beseitigen, so

ist das einfachste Mittel, bei den Mahlzeiten mässiger zu sein, das

demnächst einfachste, zu einer minder nahrhaften Kost zurückzukehren,

so dass die gesundheitsdienlichen Folgen der vegetarianischen Kost bei

überernährten Vielessern leicht erklärlich sind. Ausserdem können die

vielfach behaupteten Vortheile einer vegetarianischen Lebensweise in

naturgemässen Lebensvorschriften (Leben in frischer Luft, Vermeidung

von Spirituosen und Pflanzenalkaloiden u. s. w.) gesucht werden, welche

mit einer naturgemässen gemischten Kost ebenso gut zu vereinigen

sind, wie mit reiner Pflanzenkost; insofern der Uebergang zu beiden

zugleich gemacht wird, wird häufig der letzteren Ursache eine Wirkung

zugeschrieben, die nur von der ersteren abhängt. Wo hingegen unter

völligem Gleichbleiben der sonstigen Lebensgewohnheiten nicht etwa

eine übertriebene Fleischkost, sondern eine individuell naturgemässe,

gemischte Kost mit reiner Pflanzenkost vertauscht wird, da wird der

Regel nach eine Schwächung des Organismus durch Herabsetzung seines

Ernährungszustandes die Folge sein, und nur ausnahmsweise wird dieses

Ergebniss in unmerklich geringem Grade eintreten, sei es, dass der

Betreffende eine hinreichend gute Verdauung hat, um erheblich mehr

essen und trinken zu können als bisher, sei es, dass die Linie der

richtigen Mischung für ihn ohnehin schon sehr nahe an der reinen

Pflanzenkost lag.

Da diese Behauptungen nicht streng zu erweisen sind, ebensowenig wie

diejenigen der Vegetarianer und der Schwärmer für möglichst reine

Fleischkost, zwischen denen sie in der Mitte liegen, so können wir über

diesen Punkt hinweggehen; wir können es um so eher, als selbst die

Vegetarianer sich meist damit begnügen, auf anderm Wege zu begründen,

dass ihre Pflanzenkost die allein rationelle sei. Sie sagen nämlich,

die Pflanzenkost ist im Stande, dieselbe chemische Zusammensetzung

der Speisen zu liefern wie die Fleischkost, ist also nicht geringer

an Nährwerth als diese; sie schützt aber vor den Gefahren, welche die

Fleischkost mit sich führt, ist also in Summa besser als diese.

Nun ist es zwar richtig, dass Pflanzenkost dieselbe chemische

Zusammensetzung der Speisen liefern kann wie Fleischkost, aber es

ist unrichtig, den Nährwerth der Speisen bloss nach ihrer chemischen

Zusammensetzung zu schätzen. Vielmehr ist derselbe ebensosehr

durch den Verdaulichkeitsgrad der Speisen wie durch ihre chemische

Zusammensetzung bedingt, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass

der Procentsatz der von den dargebotenen Nährstoffen assimilirten

Nährstoffe entscheidet, sondern ausserdem noch mit Berücksichtigung

der bei der Verdauung gleicher Procentsätze verbrauchten lebendigen

Kraft. Der Vorzug der Fleischkost für den Organismus liegt darin,

dass sie nicht nur einen grösseren Procentsatz der dargebotenen

chemischen Stoffe assimiliren lässt, sondern auch dem Organismus bei

der Assimilirung gleicher procentualischer Mengen eine geringere

Arbeitsleistung zumuthet. Der Nährwerth eines Stoffes ist proportional

der bei normaler Verdauung assimilirbaren Quote desselben +abzüglich+

desjenigen Theils derselben, welcher das Aequivalent der bei der

Verdauung verbrauchten lebendigen Kraft darstellt, und vom Organismus

vorweggenommen werden muss, um nur den status quo vor der Verdauung

wieder herzustellen. Lässt man zwei Gruppen von Sperlingen gleiche

Zeit hungern und bietet dann der einen Gruppe Körnerfutter, der

anderen gehacktes rohes Fleisch, so erholt sich ein weit grösserer

Procentsatz bei letzterer als bei ersterer Behandlung; d. h. die

Leichtverdaulichkeit einer Speise fällt um so mehr ins Gewicht, je

weniger lebendige Kraft ein Organismus für die Verdauungsarbeit noch

übrig und verfügbar hat.

Nun haben alle einigermassen leichtverdaulichen pflanzlichen

Nahrungsmittel einen im Vergleich zum Fleisch nur sehr geringen

Nährwerth; dagegen gehören die einzigen Pflanzenstoffe, deren chemische

Zusammensetzung mit derjenigen des Fleisches wetteifern kann, die

Hülsenfrüchte und Pilze, zu den am allerschwersten verdaulichen

Nahrungsmitteln. Deshalb fällt es auch den Vegetarianern gar nicht

ein, ihre Mahlzeiten durch hinreichenden Zusatz von Hülsenfrüchten

der chemischen Zusammensetzung einer Fleischmahlzeit anzunähern, weil

schon der Instinkt sich gegen solche tägliche Belastung des Magens

mit Hülsenfrüchten sträuben würde; vielmehr begnügen sie sich mit

Mahlzeiten von viel geringerem theoretischem Nährwerth als Fleisch und

benutzen das Vorhandensein der Hülsenfrüchte mehr nur als theoretisches

Argument. Aber auch diejenigen Pflanzenstoffe, welche einen erheblich

geringeren theoretischen Nährwerth haben als Fleisch, sind trotzdem für

einen normalen menschlichen Organismus immer noch schwerer verdaulich

als Fleisch. Hiernach ist jede auf die Dauer erträgliche Pflanzenkost

sowohl um vieles ärmer an Nährstoffen als die Fleischkost, als auch

schwerverdaulicher als diese, so dass die vegetarianische Behauptung,

dass beide im Nährwerth gleichstehen, den Thatsachen in jeder Hinsicht

widerspricht.

Dass das Fleisch von kranken Thieren, besonders wenn es nicht gut

gekocht oder gebraten ist, Krankheiten im Gefolge haben kann,

ist ebensowenig zu bestreiten, wie dass man durch den Genuss von

ungekochten Pflanzenstoffen (Salaten etc.) krank werden kann; den

Finnen und Trichinen stehen die Eier des Hundebandwurms gegenüber,

die im Menschen zum verderblichen Echinococcus auswachsen. Rohe

Pflanzentheile und rohes Fleisch sind beide gefährlich, gekocht beide

ungefährlich, besonders da wo gute Gesundheitspolizei gehandhabt

und für den Verlust an erkranktem oder unbrauchbarem Schlachtvieh

Entschädigung geleistet wird. Völlig haltlos ist die vegetarianische

Behauptung, dass auch sogenanntes gesundes Fleisch, weil es sich

beim Genuss in dem mit der Leichenstarre beginnenden Stadium der

Fäulniss befinde, ein schädliches Reizmittel sei, welches besonders

auf die Nerven und die Herzthätigkeit verderblich einwirke. Will man

jede rückschreitende Metamorphose Fäulniss nennen, so ist auch die

Verdauung ein Fäulnissprocess, und befinden sich dicke Milch, Butter,

Käse, alle gegohrenen Getränke und alles Hefegebäck oder Honiggebäck

ganz ebenso und in noch höherem Grade im Zustande der Fäulniss wie

gesundes Fleisch, das bekanntlich einige Tage nach dem Schlachten viel

gesünder und leichter verdaulich ist als unmittelbar nach demselben,

und zwar deshalb, weil die rückschreitende Metamorphose vor dem

Genuss dem Verdauungsprocess einen Theil seiner Arbeit erspart. Dass

ein mässiger Genuss gesunden Fleisches für Nerven und Herzthätigkeit

„verderblich“ sei, ist geradezu aberwitzig, und nicht minder grundlos

ist die Behauptung, dass erst der Fleischgenuss zum Missbrauch von

Gewürzen und Spirituosen verleite; denn der Missbrauch von Gewürzen

ist am grössten bei Gemüsen, Mehlspeisen und Gebäck, nicht bei reinen

Fleischspeisen, den meisten Branntwein konsumiren die kartoffelessenden

Irländer und die kohlessenden Polen und Russen, und die Naturvölker

stürzen mit gleicher Gier auf das importirte Feuerwasser, mögen sie an

Pflanzenkost oder gemischte Kost gewöhnt sein. Wenn die Vegetarianer

sich darauf beschränken wollten, den Genuss rohen Fleisches als

gesundheitsgefährlich zu bekämpfen und auf Verbesserung der das

Schlachtvieh betreffenden Gesetze und Einrichtungen hinzuwirken,

so wären sie ebenso sehr im Recht, wie sie jetzt über das Ziel

hinausschiessen, wenn sie allen Fleischgenuss als gesundheitsgefährlich

bekämpfen. Selbst bei dem früheren Fehlen aller Vorsichtsmassregeln

war doch der Procentsatz der Geschädigten so unerheblich, dass er

gar nicht in Betracht kommen konnte gegen den Nachtheil, welchen die

gänzliche Enthaltung vom Fleischgenuss der Leistungsfähigkeit des

Volkes zugefügt haben würde. Es muss demnach der Versuch des Beweises,

dass die Pflanzenkost bei gleichem Nährwerth geringere Nachtheile als

die Fleischkost im Gefolge habe und darum vorzuziehen sei, in beiden

Theilen als missglückt gelten.

Aber wenn die Pflanzenkost nicht rationell heissen kann in Bezug auf

den einzelnen, der sie geniesst, so könnte sie darum doch rationell

sein in Bezug auf die Völker, welche sie annehmen, und dies in solchem

Masse, dass selbst die Nachtheile, die sie für den einzelnen hat,

dagegen zurücktreten müssen. In der That behaupten die Vegetarianer,

dass allgemeiner Uebergang zur Pflanzenkost den Speiseluxus beseitigen

und dadurch einen Hauptgrund zur neidischen Unzufriedenheit der

ärmeren Klassen aus der Welt schaffen würde. Nun ist zuzugeben, dass

nichts so sehr den Neid der Armen erregt, als die Fleischtöpfe der

Wohlhabenderen, die ihnen unerschwinglich sind, d. h. dass die sociale

Frage noch weit mehr Fleischfrage als Brodfrage ist; allein dies

spricht gerade gegen den Vegetarianismus, und beweist, dass derselbe

die letzten Triebfedern des Völkerlebens verkennt. Die Sehnsucht

nach den Fleischtöpfen wird in den Massen niemals erlöschen, auch

wenn alle gebildeten Stände behufs Lösung der socialen Frage zu

Vegetarianern würden, und eben darum ist die sociale Frage, insofern

sie „Fleischfrage“ ist, auf diesem Wege nicht zu lösen. Anderseits

würde schon heute jeder Deutsche täglich Fleisch essen können, also aus

diesem Grunde die Reichen nicht mehr zu beneiden brauchen, wenn er es

nicht vorzöge, das dazu für ihn und seine Familie mehr als ausreichende

Geld für sich allein auf Schnaps, Bier und Cigarren zu verwenden. Wenn

der Vegetarianismus seine Agitation gegen diese gesundheitsschädlichen

und socialgefährlichen Genussmittel richten wollte, so wäre mit einem

Erfolg auf diesem Felde die sociale Frage, soweit sie „Fleischfrage“

ist, von selbst mitgelöst. Uebrigens ist es ein Irrthum, dass der

Speiseluxus bloss an Fleischspeisen gebunden ist; er kann sich in der

vegetarianischen Küche ebensogut entfalten, und würde sich ohne Zweifel

in derselben zu gleichen Uebertreibungen verirren, sobald es nur erst

eine grössere Anzahl sehr reicher Vegetarianer gäbe.

Eine andere Frage ist die, wie sich die Ernährung der Menschheit in

einer Zukunft gestalten wird, in welcher alle Erdtheile so dicht

bevölkert sein werden wie jetzt Europa. Diese Fragen haben nicht

wir zu lösen, die wir heute ebensowenig im Stande wären, ohne

Getreideeinfuhr zu leben als ohne Vieheinfuhr. Sollte einmal alles

Schlachtvieh von der Erde verschwinden und jede Wiese zum Acker

werden, von dessen Früchten sich die Menschen unmittelbar ernähren

müssen, dann wird die Menschheit jener fernen Zukunft sicherlich

einen Charakter energieloser Mittelmässigkeit zeigen, ebenso wie es

heute die vorwiegend vegetarianischen Völker thun. Denn es scheint,

dass die Pflanzenkost zahmer, sanfter, geduldiger, indolenter,

unfähiger zu hervorragenden körperlichen und geistigen Leistungen,

unfähiger zur Initiative, zu energischen Entschliessungen, kurz,

passiver, willenloser, quietistischer und geistloser macht, und

dass es nur die passiven Tugenden und das vegetative Traumleben

(Somnambulismus u. dergl.) sind, welche durch dieselben begünstigt

werden. Für die vegetativen und reproduktiven Aufgaben des Lebens,

wie sie bei Landleuten und beim weiblichen Geschlecht überwiegen, mag

Pflanzenkost ausreichen, nicht aber für die gesteigerten Anforderungen

an gesteigerte Produktivität, wie das moderne Kulturleben der Städte,

insbesondere der Grossstädte, sie an die arbeitenden Männer stellt.

Mit dem Fleischgenuss seiner kulturtragenden Minderheit hört ein Volk

auf, eine aktive Rolle in der Geschichte zu spielen und verzichtet

auf die thätige Mitarbeit am Kulturprocess, welche einen durch blosse

Pflanzenkost nicht zu erzielenden Ueberschuss an geistiger Energie über

die Bedürfnisse des vegetativen Lebens hinaus erfordert. Nur solche

religiöse und philosophische Weltanschauungen können ohne Widerspruch

mit sich selbst den Vegetarianismus als wesentlichen Bestandtheil in

sich aufnehmen, welche keine Entwickelung, keinen Fortschritt, keinen

realen Weltprocess, kurz keine aktiven sittlichen Kulturaufgaben

der Menschheit anerkennen, sondern in einem entwickelungslosen

Traumidealismus und dem davon unabtrennbaren passiven Quietismus

befangen sind.

Die reine Pflanzenkost ist nach alledem ebensowenig rationell wie

naturgemäss; sie ist vielmehr ebenso kulturwidrig wie naturwidrig.

Es bleibt nur noch die letzte Begründung des Vegetarianismus

durch Humanitätsrücksichten zu erörtern. Nun kann es aber keine

angebliche Humanitätsrücksicht geben, welche im Stande wäre, etwas

zu rechtfertigen, das zugleich naturwidrig und kulturfeindlich ist;

wäre wirklich jede Abweichung von reiner Pflanzenkost so inhuman,

wie die Vegetarianer behaupten, so müsste man diese Inhumanität

ruhig mit in den Kauf nehmen, um nicht gegen die sittliche Pflicht

der Menschheit zur Erfüllung ihrer Kulturaufgabe zu verstossen, und

könnte die Verantwortung für solche Inhumanität getrost der Vorsehung

anheimgeben, welche unsere Natur so eingerichtet hätte, dass wir nur

auf inhumanem Wege unsere Mission erfüllen könnten. In der That tritt

aber bei dem Streit um die Humanität eine Verschiebung der Frage ein,

welche von den Vegetarianern in der Regel geflissentlich verdunkelt

wird. Die Behauptung, dass es inhuman sei, Milch, Butter, Käse und

Eier zu geniessen, würde in den heutigen Ansichten unseres Volkes kein

Verständniss finden; deshalb beschränken sich die Vegetarianer auf die

Behauptung, dass das Tödten von Thieren zum Zweck des Fleischgenusses

inhuman sei. Die Humanitätsrücksicht dient also nur zur Begründung

jenes Vegetarianismus der laxeren Observanz, welcher nicht die

Nahrungsmittel animalischer Herkunft, sondern nur den Fleischgenuss als

solchen bekämpft.

Nun ist es zweifellos, dass man mit einer richtigen Mischung aus

Pflanzenkost und Milch, Butter, Käse und Eiern vortrefflich bestehen

und allen Anforderungen des Lebens genügen kann; eine solche Kost ist

aber eben keine Pflanzenkost, sondern eine gemischte Kost, also eine

zwar naturgemässe und rationelle, aber eben nicht vegetarianische

Diät. Wäre die Behauptung der Vegetarianer, dass reine Pflanzenkost

die allein naturgemässe und rationelle Diät ist, richtig, so müsste

die gemischte Kost, gleichviel ob ihre animalischen Bestandtheile von

lebenden oder todten Thieren stammen, naturwidrig und irrationell

sein; ist sie das aber nicht, so ist eben damit jene Behauptung des

Vegetarianismus preisgegeben. Wenn die Fleischkost nun insoweit

verwerflich ist, als sie das Tödten lebender Geschöpfe zum Verspeisen

herbeiführt, nicht aber sofern die Produkte lebender Thiere umfasst,

dann ist damit zugestanden, dass nicht die animalische oder

vegetabilische Herkunft der Nahrungsmittel als solche, sondern die

näheren Umstände ihrer Erlangung, nicht die Angemessenheit an unsere

Organisation und Lebenszwecke, sondern Rücksichten, die auf einem

ganz anderen Gebiet liegen, für die Entscheidung massgebend sind. Da

die Bedenken gegen das Fleisch als gelegentlichen Krankheitsträger

schon oben erledigt sind, so müssten diese Vegetarianer der laxeren

Observanz zugeben, dass die Erweiterung ihrer Tafelgenüsse durch Braten

und Fisch ihnen sehr erwünscht sein müsste, wenn nur ein Engel ihnen

diese Speisen vom Himmel brächte mit der Versicherung, dass sie nicht

von getödteten Thieren entnommen, sondern durch ein Wunder geschaffen

seien. Dies ist also ein principiell anderer Standpunkt, und es ist

inconsequent, beide miteinander verknüpfen zu wollen; die Vertreter

dieses Standpunkts sollten ihn als Antikannibalismus streng vom

Vegetarianismus unterscheiden.

Das Humanitätsargument stellt nämlich das Verzehren von getödteten

Thieren dem Verzehren von getödteten Menschen, d. h. dem Kannibalismus,

gleich, insofern auch die Thiere als unsere Brüder im Reiche des Lebens

zu betrachten seien. Dieses Argument beweist schon darum nichts, weil

es zu viel beweist. Es ist eine oberflächliche und unwissenschaftliche

Volksmeinung, dass ein Eidotter eine homogene Flüssigkeit und nicht

ebensogut ein lebendes und empfindendes Individuum wie etwa ein

Spanferkel sei; es ist ein Vorurtheil, dass nur die Thiere unsere

Brüder im Reiche des Lebens und der Empfindung seien, die Pflanze aber

nicht. Es ist reine Willkür, die Grenzlinie, jenseits deren wir das

Lebendige zum Verzehren tödten dürfen, zwischen Thier und Pflanzenreich

zu ziehen; ein anderer könnte mit gleichem Recht oder Unrecht diese

Grenze zwischen Wirbelthieren und Wirbellosen, ein dritter zwischen

Warmblütern und Kaltblütern, ein vierter zwischen den Affen und den

übrigen Säugetieren, ein fünfter zwischen den anthropoiden und den

übrigen Affen ziehen. Dies alles ist grundlose Willkür der subjektiven

Meinung und aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt gleich unhaltbar; aus

letzterem giebt es nur zwei in sich consequente Standpunkte, zwischen

denen man zu wählen hat.

Entweder nämlich muss man die Grenze zwischen der organischen und

anorganischen, der lebendigen und leblosen Natur ziehen, oder aber

zwischen der Species, zu welcher wir gehören, und allen übrigen

Specien. Im ersteren Falle verzichtet man auf alle organisirten, d.

h. lebendigen und lebensfähigen Nährstoffe (wozu alle Blätter, Keime

und Samen gehören) und auf alle organischen Nährstoffe, die nur durch

Tödtung von lebenden Pflanzen oder Pflanzentheilen zu erlangen sind,

und beschränkt sich auf solche organische Nährstoffe, welche nicht

mehr lebensfähige natürliche Sekrete von Pflanzen oder Reste von schon

abgestorbenen Pflanzen sind, oder auf noch zu erfindende künstliche

Nährstoffe, die von der synthetischen Chemie aus unorganischen

Stoffen im Laboratorium zu bereiten sind. Im letzteren Falle dagegen

beschränkt man den Kannibalismus, wie die Natur selbst es im ganzen

Thierreich thut, auf die Individuen der eigenen Species; denn jedes

Thier frisst ungescheut Thiere anderer Art, scheut aber mit seltenen

(teleologisch besonders zu begründenden) Ausnahmen vor dem Verzehren

von seinesgleichen zurück. Im ersteren Falle verabscheut man das

Verzehren von zerstückelten Leichen als Kannibalismus, gleichviel ob

die getödteten Brüder aus dem Reiche des Lebens Thiere, Pilze oder

Pflanzen sind, und respektirt die Heiligkeit und Unantastbarkeit des

Lebens in jeder Gestalt; im letzteren Falle erkennt man die grossen

Gradverschiedenheiten der Verwandtschaft mit anderen Lebewesen an

und zieht die Grenze für den Kannibalismus da, wo die Natur sie uns

durch den eigenen Instinkt und die Analogien des gesammten Thierreichs

vorgezeichnet hat. Die Wahl in dieser Alternative scheint mir nicht

schwer; will man seine Kost nicht auf vermodertes Laub und abgestorbene

Pilze beschränken, so muss man sich nothgedrungen für die andere Seite

der Alternative entscheiden, verliert dann aber auch das Recht, von der

Inhumanität des Fleischgenusses zu reden.

Moderne Probleme · 第 1 / 21 段