Tafel X und XI

Bei der Bearbeitung der von den Hrn. Sarasin in Celébes gesammelten

Säugethiere beobachtete Hr. A. B. Meyer (s. oben S. 17) im Gesichte der

von ihm aufgestellten neuen Fledermausart Nyctinomus sarasinorum Haare

von sehr eigenthümlicher, einem Senflöffelchen vergleichbarer Form,

die, wie eine sogleich vorgenommene Prüfung des im Museum vorhandenen

Materials ergab, bei den Arten der Gruppe Molossi ziemlich allgemein

verbreitet sind.

Die anfänglich gehegte Vermuthung, dass diese Haare überhaupt noch

nicht bekannt geworden seien, bestätigte sich bei genauerer

Durchforschung der Literatur allerdings nicht. Abgesehen von einigen

Angaben älterer Autoren, aus denen hervorgeht, dass sie etwas von der

Form der Haare erkannt haben, und die im Verlaufe der Darstellung

einzeln Berücksichtigung finden werden, erwähnt Dobson [82] 1876 bei

der Beschreibung des Molossus abrasus Temm. diese Haare als „short

spoon-shaped hairs“ ohne jeden anderen erläuternden Zusatz. Da er die

Beobachtung nicht weiter verfolgt hat und die kurze Notiz auch im Texte

seines umfangreichen Werkes ganz versteckt ist, so ist es erklärlich,

dass sie in die Lehrbücher und andere zusammenfassende Werke, soweit

meine Kenntniss reicht, keinen Eingang gefunden hat [83].

Es wird daher gerechtfertigt sein, diese eigenthümliche Form von

Säugethierhaaren durch eingehendere, von Abbildungen begleitete

Schilderung weiteren Kreisen bekannt zu machen.

Ich bemerke vorweg, dass ich ausserhalb der Gruppe Molossi solche Haare

nicht beobachtet habe. Nachdem ich mich hier mit ihnen vertraut

gemacht, wurde das gesammte in Spiritus aufbewahrte Chiropterenmaterial

des Dresdener Museums, worin alle Abtheilungen der Ordnung vertreten

sind, ohne Erfolg durchgesehen.

Von den Molossi standen mir zur Verfügung Cheiromeles torquatus Horsf.,

vier Arten von Molossus und vierzehn von Nyctinomus, die theils dem

Bestande des Dresdener Museums angehören, theils von Herrn Prof.

Lampert, dem Director des Königlichen Naturalien-Cabinets in Stuttgart,

für die Zwecke dieser Untersuchung in entgegenkommendster Weise

hergeliehen waren.

Die Untersuchung führte ich derart aus, dass jedes einzelne Exemplar

zunächst unter dem Zeiss’schen binocularen Präparirmicroscope, das sich

für diesen Zweck als sehr geeignet erwies, auf das Vorkommen und die

topographische Anordnung der fraglichen Haare genau geprüft wurde.

Sodann wurden von den Haaren einer jeden Art eine Anzahl

microscopischer Präparate angefertigt.

Um Wiederholungen möglichst zu vermeiden, werde ich bei der Darstellung

der Befunde dagegen so vorgehen, dass ich zuerst die allgemeinen

Eigenschaften dieser Haare schildere, wie sie sich aus der Vergleichung

der Einzelbeobachtungen ergeben, und dann erst das besondere Verhalten

bei den einzelnen Arten beschreibe.

Am Haarkleide der Säugethiere kann man allgemein unterscheiden das

eigentliche Körperhaar, das die gleichmässige Bedeckung für den

grössten Theil des Leibes bildet, und die von ihm nach Form und Grösse

mehr oder weniger abweichenden, besonderen Zwecken angepassten Haare,

die sich nur an bestimmten Stellen, namentlich, als sogenannte

Spürhaare, im Gesichte, vorfinden. Die Haare, die den eigentlichen

Gegenstand dieser Mittheilung bilden, gehören zwar in die zweite

Gruppe, doch wird es ihre Charakterisirung erleichtern, wenn wir vorher

einen Blick auch auf das gewöhnliche Körperhaar werfen.

Durch seine Beschaffenheit, die schon öfter die Aufmerksamkeit der

Forscher [84] auf sich gezogen hat, nehmen die Fledermäuse unter den

Säugethieren eine Sonderstellung ein. „Die Haare der Fledermäuse sind

abgeplattet und deutlich charakterisirt durch den Mangel an Mark im

grössten Theile des Schaftes, durch die stark vorspringenden

Cuticularschuppen und besonders durch die eigenthümliche Spiraltour, in

welcher die Schuppen gestellt sind“ (Waldeyer [85]). Die eigenthümliche

Ausbildung der Cuticula ist zwar nicht bei allen Chiropteren gleich

ausgeprägt, namentlich unter den Frugivoren tritt sie zurück (Koch

[86], Marchi [87]) und andererseits findet sie sich gelegentlich in

ähnlicher Weise auch bei Angehörigen anderer Säugethiergruppen (vgl.

Gegenbaur, Vergl. Anat. I. 1898, p. 147, Fig. 59), aber als

Ordnungscharakter bleibt sie doch für die Chiropteren bezeichnend.

Einen guten Überblick über die dadurch bedingten, oft sehr zierlichen

und complicirten Formen der Körperhaare in den verschiedenen

Abtheilungen der Ordnung gewährt die Arbeit von Marchi [88].

Von der uns beschäftigenden Unterfamilie Molossi besitzt das Haar der

zahlreichen Arten der beiden Gattungen Molossus und Nyctinomus durchweg

den typischen Fledermauscharakter, abweichend verhält sich dagegen die

dritte Gattung Cheiromeles mit der einzigen Art torquatus.

Die Arten der beiden erstgenannten Gattungen stimmen wieder unter

einander im allgemeinen soweit überein, dass es für die Zwecke der

vorliegenden Abhandlung genügt, das Verhalten einer Art zu

berücksichtigen, und zwar mag als Beispiel die neue Species Nyctinomus

astrolabiensis A.B.M. dienen.

In einer von der Brust genommenen Probe (Fig. 30, Taf. X) erscheinen

die einzelnen Haare im ganzen fein, wenn auch in den einzelnen

Abschnitten ihrer Länge verschieden dick, ziemlich kurz (c 4 mm),

marklos und jederseits am Rand einer feinen Säge ähnlich gezähnt. Bei

passender Einstellung des Microscops erkennt man indessen, dass sich

von der anscheinend freien Spitze einer jeden Zacke über die Oberfläche

des Haares eine feine, selbst wieder gezackte Linie herüberzieht. Die

Deutung der Beobachtung ist leicht. Die Cuticularschuppen sind in

trichter- oder manschettenartigen Segmenten angeordnet, von denen jedes

höher gelegene mit seiner verengerten Basis in den erweiterten

Endabschnitt des vorhergehenden hineingesteckt ist. Stellt man daher

genau auf den Rand des Haares ein, sodass hier der trennende Raum

zwischen zwei Trichterstücken scharf hervortritt, die Oberfläche des

Haares aber undeutlich wird, so muss der Eindruck entstehen, als sei

der Schaft mit zwei gegenüberstehenden Zeilen stark vorspringender

isolirter Schuppen besetzt. Die trichterförmigen Segmente sind zur

Längsaxe des Haares meist etwas schräg abgestutzt, so dass die Zacken

an der einen Seite des Haares gegen die an der andern ein wenig

verschoben erscheinen. Die Schuppen sind also hier nicht in einer

eigentlichen fortlaufenden Spirallinie, sondern in etwas schräg am

Schafte stehenden Wirteln angeordnet. Nach Dobson [89] gilt dies ausser

für die Molossi allgemein für die Emballonuridae und Phyllostomidae,

während für die Vespertilionidae, Nycteridae und Rhinolophidae ein

anderer Typus — einfache Spirale mit dachziegelartiger Deckung der

einzelnen Schuppen — bezeichnend wäre.

Das einzelne Haar zeigt nicht durch seine ganze Länge den gleichen Bau.

Innerhalb der Haut ist der Schaft glatt, auch der freie Theil zeigt am

Grund eine verschieden lange Strecke weit keine oder undeutliche und

wenige, darauf im grössten Theile seiner Länge sehr deutliche und

regelmässige Zacken. Im letzten Drittel etwa der Schaftlänge werden die

Segmente der Cuticula viel kürzer, und die freien Enden der Schuppen

stehen weniger stark ab, so dass dieser Theil des Haares viel glatter

als der untere erscheint. Die Dicke des Haares ist im unteren, stark

gezähnten Theil am geringsten (circa 0,009 mm) und ziemlich

gleichmässig, doch entsteht, da das Haar im ganzen etwas abgeplattet

ist, infolge Drehung des Schaftes öfter der Anschein, als nehme die

Dicke wiederholt zu und ab. Im oberen glatteren Abschnitte wächst sie

aber in der That ziemlich rasch etwa auf das Doppelte an, worauf die

Zuspitzung dieses Theils zum freien Ende des Haares ohne Änderung

seiner Structur ganz allmählich erfolgt. Kolenati, der wohl zuerst auf

diese Verschiedenheiten der Structur des einzelnen Haares aufmerksam

gemacht und sie als regelmässig wiederkehrend bei vielen Arten

nachgewiesen hat, bezeichnet den untern Abschnitt, der die für die Art

charakteristische Ausbildung am deutlichsten zeigt, als das

„charakteristische Haardrittel“ [90]. Bei den hier behandelten Haaren

beträgt dieser Abschnitt aber immer weit mehr, über die Hälfte bis 3–4

Fünftel, und ungefähr dasselbe Verhältniss liegt übrigens auch in der

von Kolenati [91] gegebenen Abbildung des Haares von Rhinolophus

hippocrepis (Hermann) [gleich Rhin. hipposideros (Bchst.)] vor.

Am einzelnen Haar erscheint unter dem Microscope der untere

„charakteristische“ Abschnitt fast farblos, im oberen findet sich

körniges Pigment gewöhnlich in segmentweiser, durch farbstoffreie

Strecken unterbrochener Anhäufung.

Das Haarkleid ist am ganzen Körper gleichartig, Haare vom Rücken bieten

die gleichen Verhältnisse wie die vom Bauch. Ein Unterschied von

Stichel- und Wollhaar ist nicht zu bemerken, ebensowenig eine Anordnung

in Gruppen.

Die functionelle Bedeutung der Eigenthümlichkeiten des Fledermaushaares

hat Kolenati wohl richtig beurtheilt: „Da alle Haare gleich sind, somit

das die Körperwärme zusammenhaltende Wollhaar nicht vorhanden ist, so

muss das Haar an der Basis, hiermit in der Nähe des Körpers die

erwärmte Luftschichte abschliessen und sich vermöge der an jener Stelle

vorragenden Spiralen stauen, in der breiteren Stelle des Haares dagegen

dicht aneinander anschliessen“ [92].

Gewissermaassen einen negativen Beweis für die Richtigkeit dieser

Anschauung bietet der oben erwähnte Cheiromeles torquatus Horsf., der

sich durch die Beschaffenheit seines Körperhaares wie in vielen anderen

Beziehungen von den Molossus- und Nyctinomus-Arten wesentlich

unterscheidet.

Das Thier besitzt eine sehr dicke und derbe Haut, die zunächst völlig

nackt erscheint, erst bei genauerer Prüfung erkennt man, dass sie

grössten Theils von einem spärlichen, kurzen Flaum überzogen ist.

Untersucht man eine Probe des letzteren, etwa von der Brust (Fig. 21,

Taf. X), so findet man, dass er aus längeren und kürzeren Haaren

besteht, die im übrigen gleichen Bau zeigen. Es scheinen um ein

grösseres Haar von circa 1,2 mm Länge einige kürzere und einige ganz

kleine herumzustehen. Eine genauere Prüfung, ob hier eine gesetzmässige

Gruppirung im Sinne de Meijeres [93] vorliegt, wurde nicht vorgenommen.

Diese Haare sind spindelförmig, mit der dicksten Stelle nahe dem Grunde

des freien Schafttheiles, ohne wahrnehmbares Mark und besitzen sehr

wenig hervortretende Cuticularschuppen (Fig. 21 e), die das Haar bei

geringer Vergrösserung nur fein quergestreift erscheinen lassen. — Das

eigentümliche Verhalten des Cheiromeles-Haares erklärt sich offenbar

daraus, dass bei diesem Thiere dem mächtig entwickelten Integumente die

Aufgabe des Wärmeschutzes zugefallen ist, was zu einer Reduction des

nun überflüssigen Haarkleides geführt hat, die sich nicht nur auf

dessen Menge im ganzen, sondern auch auf die dem Zwecke des

Wärmeschutzes angepasste feinere Structur des einzelnen Haares

erstreckt hat.

Bei den Molossus- und Nyctinomus-Arten ändert sich die Beschaffenheit

des Haarkleides, wenn wir von der Flughaut und dem Schwanze, die zum

grössten Theile nackt sind, absehen, an zwei Stellen in schon für die

Betrachtung mit freiem Auge merkbarer Weise, am Gesicht und an den

Füssen. Eine kurze Schilderung der äusseren Formverhältnisse dieser

Theile wird das Verständniss der folgenden Ausführungen, in denen öfter

auf die topographischen Beziehungen Rücksicht zu nehmen ist,

erleichtern und möge daher hier zunächst Platz finden.

Dem Kopf ist in den Gattungen Molossus und Nyctinomus durchgehends der

Besitz sehr breiter Ohren eigenthümlich, die, seitlich weit

herabreichend und in der Medianlinie sich dicht berührend oder häufig

sogar verwachsend, für das Gesicht nach oben und rückwärts eine scharfe

Begrenzung bilden (vgl. die Figuren auf Tafel XI). Die Schnauze ist

breit, kurz und frontal von oben vorn nach unten hinten schräg

abgestutzt (Taf. X, Fig. 3), so dass die, häufig von einem verdickten

und mit kleinen Vorsprüngen besetzten Rand eingefassten, Nasenlöcher

ihren vordersten Punkt einnehmen. Die Oberlippe ist sehr dick und bei

vielen Arten mit senkrecht zum Mundspalte stehenden tiefen Falten

versehen, über die Unterlippe greift sie etwas über. Was die Behaarung

anbelangt, so nimmt man mit freiem Auge nur wahr, dass manche Stellen

nahezu nackt sind, während an anderen die Haare im Gegensatze zu denen

am Körper theilweise eine besondere Anordnung, wie in Büscheln und

Reihen erkennen lassen, bisweilen auch sich durch grössere Länge

auszeichnen.

Die Füsse, die von der Flughaut vollständig freigelassen werden, sind

kurz, breit und platt, die Zehen ziemlich gleich lang, aber die erste

und fünfte sind breiter als die anderen und besitzen je längs der

Aussenseite eine umgrenzte verdickte Stelle, eine Art Schwiele.

Auffallend ist die starke Behaarung der Füsse, wodurch die Molossi, wie

zuerst Geoffroy Saint-Hilaire [94] hervorgehoben hat, unter den

Chiropteren ganz vereinzelt dastehen. Die Haare sind theils sehr lang,

gekrümmt und stehen auf der Dorsalseite der Nagelglieder, sodass sie

über die Zehenenden frei herüberragen, theils sind sie sehr kurz und

überziehen dicht die beiden schwielenartigen Felder an den Aussenseiten

der ersten und fünften Zehe. Soviel erkennt man hier mit blossem Auge.

Die genauere Prüfung der an Kopf und Füssen vorkommenden Haare ergiebt,

dass man sie füglich in zwei Gruppen scheiden kann, zwischen denen es

allerdings auch Übergangsformen giebt.

Die Haare der ersten Gruppe besitzen die gewohnte spindlig-fadenförmige

Gestalt, sie gleichen dem Körperhaare durch die immer noch ziemlich

stark vorspringenden Cuticularschuppen, die auch die charakteristische

Anordnung in trichterförmigen Segmenten besitzen, unterscheiden sich

aber von ihm durch meist bedeutendere Dicke, oft auch Länge, sowie

stärkere Pigmentirung. Im einzelnen treten diese Haare nicht nur bei

verschiedenen Arten, sondern z. Th. auch bei derselben je nach dem

Standort in mancherlei Formen auf, die alle anzuführen, ausserhalb des

Rahmens dieser Arbeit liegt. Es muss auch hier genügen, ein paar

Beispiele herauszugreifen. Fig. 12 und 18 auf Taf. X geben Haare vom

Gesichte von Nyctinomus bivittatus Hgl. wieder, die unter sich in der

Dicke und der Zähnelung der Cuticula ziemlich übereinstimmen. Von dem

eigentümlichen Aufsatz auf der Spitze, den das eine aufweist, wird

weiter unten noch die Rede sein. Ein Haar von der Oberlippe von

Nyctinomus astrolabiensis (Fig. 19) ist dagegen schmächtiger und

glatter, es gleicht einigermaassen dem Körperhaare von Cheiromeles

(Fig. 21 a).

Die zweite Gruppe umfasst sodann die eigentümlich ausgebildeten, in den

ausgeprägten Fällen dem Körperhaare ganz unähnlichen Haare, die den

eigentlichen Gegenstand dieser Mittheilung bilden. Sie finden sich

sowohl am Gesichte wie an den Füssen, und, mit einer geringfügigen

Ausnahme bei Cheiromeles, ist ihr Vorkommen auch auf diese Stellen

beschränkt.

Ihre Anordnung im Gesicht ist bei den einzelnen Arten sehr verschieden

und wird weiter unten für jede Species besonders geschildert werden.

Vorläufig sei bemerkt, dass sie sich allgemein finden auf dem Felde

zwischen der Nase und dem äusseren Rande der Oberlippe sowie auf den

seitlichen Theilen der letzteren, besonders auf den Kämmen der

senkrechten Falten, wo solche vorhanden sind. Nur bei manchen Arten

kommen sie vor in dem Theile des Gesichts oberhalb der Nase bis gegen

den Grund der Ohrmuscheln hin und ferner auf dem Unterkiefer.

Weit einförmiger ist das Verhalten an den Füssen. Hier bedecken sie die

oben erwähnten Schwielen an den freien Seiten der beiden äusseren

Zehen, und die Ausdehnung dieser Felder ist bei den einzelnen Arten von

Nyctinomus und Molossus nur sehr wenig verschieden (Taf. XI Fig. 1 a u.

2 a). Abweichend verhält sich wiederum Cheiromeles, wie weiter unten

geschildert werden wird.

Eine allgemeine Anschauung von der Beschaffenheit dieser Haare gewinnt

man am leichtesten bei ihrer Musterung in situ unter dem binocularen

Microscope; die Figuren 28 und 29 auf Tafel X versuchen das Bild

wiederzugeben, das die charakteristischen Felder an der Schnauzenspitze

von Nyctinomus sarasinorum und Molossus rufus obscurus bei dieser Art

der Betrachtung gewähren.

Bei Nyctinomus sarasinorum erscheinen die Haare als kurze, circa 1 mm

hohe, derbe, dunkle Borsten, die an der Spitze nach einer Seite hin ein

annähernd halbkugliges Knöpfchen tragen, das gegenüber dem dunklen

Schafte fast weiss erscheint, nur in seiner mittleren Parthie etwas

dunkler gefärbt ist. Bewegt man das Object hin und her, so vermag man

schon jetzt mit völliger Sicherheit zu erkennen, dass die Knöpfchen an

der Unterseite ausgehöhlt sind, sodass sich der Vergleich des ganzen

Haares mit der Form eines Senflöffelchens unwillkürlich aufdrängt.

Jedes Haar steht in einer seichten, muldenartigen Vertiefung der Haut,

die etwas heller gefärbt ist als ihre Nachbarschaft und sich gegen

diese durch eine geringe wallartige Erhebung absetzt. Nicht alle Haare

sind gleichmässig ausgebildet, man beobachtet, namentlich in den

seitlichen Parthien des Gesichts, auch solche, bei denen das Knöpfchen

viel weniger ausgeprägt ist. So typische Formen wie an der Schnauze von

Nyctinomus sarasinorum findet man überhaupt nur noch bei wenigen Arten.

Über die Zahl und die gegenseitige Anordnung dieser Haare lässt sich

etwas allgemein Zutreffendes nicht sagen. Bei Nyctinomus sarasinorum

stehen sie nicht besonders dicht, zeigen aber eine gewisse Neigung,

Gruppen von zwei bis drei zu bilden. Bei anderen Arten habe ich

indessen nichts dergleichen bemerkt.

Dagegen ist ganz allgemein eine gewisse Regelmässigkeit in der

Orientirung dieser Haare nicht zu verkennen. Überall im Gesichte sind

sie nämlich vorwiegend so gestellt, dass die verbreiterte Endplatte

nach einem Punkt hingerichtet ist, der median zwischen den Nasenlöchern

liegt. In der Figur 28 auf Taf. X, wo der Pfeil am Rande die

Medianlinie und die Richtung nach der Nase zu anzeigt, tritt dies auch

deutlich hervor.

Auf dem Feld an der Schnauzenspitze des Molossus rufus obscurus (Fig.

29, Taf. X) stehen die Haare sehr viel dichter als bei Nyctinomus

sarasinorum, doch ist ihre Form im ganzen weniger typisch und bei

manchen nur schwach angedeutet. Dagegen gilt in Betreff der Orientirung

der einzelnen Haare wieder das für Nyctinomus sarasinorum Bemerkte.

Die Haare an den Füssen besitzen im allgemeinen noch weniger

ausgeprägte Form, orientirt sind sie in der Regel derart, dass die

Enden nach der proximalen Seite des Fusses und zugleich etwas nach dem

zunächst gelegenen freien Zehenrand hin gerichtet sind.

Wir gehen nun zur genaueren Betrachtung des einzelnen Haares über. Die

Haare, deren Gestalt am ausgeprägtesten ist, sind sehr kurz (Taf. X,

Fig. 4, 5, 7, 8). Ausnahmen machen einerseits die an der ersten Zehe

von Cheiromeles (Fig. 6), die die doppelte Länge und darüber erreichen;

andererseits finden sich bei Nyctinomus pumilus (Crtschm.) solche von

kaum der Hälfte der gewöhnlichen Länge. Im Vergleiche mit dem

Körperhaar ist der Schaft meist von beträchtlicher Dicke (0,08 mm und

mehr), gewöhnlich ist er ziemlich gerade, oft aber besitzt er auch eine

leichte Krümmung, und bei Nyctinomus sarasinorum bildet eine solche von

s-Form sogar die Regel. Sie ist besonders deutlich an den kürzeren

Haaren von wohl ausgeprägter Form, wodurch deren Ähnlichkeit mit einem

Senflöffelchen noch auffallender wird (Fig. 4 auf Taf. X, auch in dem

Habitusbilde Fig. 28 zu bemerken), findet sich aber auch an den

längeren weniger typischen (Fig. 3, Taf. X).

Das eigenthümlich gestaltete Endknöpfchen, das den Charakter des Haares

bestimmt, ist gegen den Schaft winklig abgesetzt, und zwar beträgt der

Winkel bei den typischen Formen ungefähr einen Rechten, während er bei

weniger typischen im allgemeinen um so stumpfer wird, je weniger die

Endplatte die charakteristische Form zeigt (Taf. X, Fig. 3, 15, 16).

Bei den Anfangsformen mit nur wenig verbreitertem Ende (Fig. 10), wie

wir sie neben den ausgeprägten im Gesicht und, bei den meisten Arten

vorwiegend, an den Füssen finden, ist es nur wenig gegen den Schaft

gekrümmt.

Meist ist mit der geringeren Ausbildung der Endplatte eine Zunahme der

Länge und Verminderung der Dicke des Schaftes verbunden (Fig. 3, Taf.

X), doch kommen solche Formen auch mit kurzem dünnem (Fig. 11) und mit

langem dickem Schafte (Fig. 14, 15) vor.

Für die topographische Vertheilung der verschiedenen Formen gilt

allgemein die Regel, dass sich die am besten entwickelten auf dem Felde

zwischen Nase und oberem Mundrande finden, während mit der Entfernung

von dieser Region die minder typischen an Zahl zunehmen. Die sehr

langen und dicken Borsten (Fig. 14, 15) stehen besonders oberhalb der

Nase gegen die Ohrmuscheln hin. Die Haare auf den senkrechten Wülsten

der Oberlippe besitzen meist ziemlich typische Form, während auch auf

dem Feld unterhalb der Nase, wenn es, wie bei Molossus rufus (Fig. 29

Taf. X) sehr dicht bestanden ist, die Haare an seiner Peripherie z. Th.

nur Anfangsformen von Spatelhaaren sind.

Das umgebogene Ende des Haares selbst stellt bei bester Entwicklung

nahezu ein Kugelsegment dar, das so ausgehöhlt ist, dass seine Wand im

Centrum am stärksten ist und sich nach der Peripherie zu allmählich

verdünnt, um in scharfem Rande zu enden. Bei einem etwas geringeren

Grade der Ausbildung ist die Endplatte mehr verkehrt eiförmig und

flacher ausgehöhlt.

Hier ist die einfache Bezeichnung „löffelförmig“, wie sie Dobson [95]

für die Haare an der Schnauze des Molossus abrasus Temm. gebraucht, am

Platze. Schliesslich schwindet auch die geringe Ausbuchtung, und es

bleibt nur die mehr oder weniger verbreiterte und gegen den Schaft

gekrümmte Endplatte, wodurch das Haar eine Gestalt gewinnt, die man am

passendsten vielleicht mit den bei microscopischer Präparation

gebräuchlichen Spateln vergleichen könnte. Bei manchen Haaren ist die

Verbreiterung und Krümmung des Endes so wenig ausgeprägt (Taf. X, Fig.

11 u. 17), dass man erst nach Kenntniss der typischen Formen durch

vergleichende Beobachtung auf sie als erste Andeutung solcher Bildung

aufmerksam wird.

Der Schaft der löffel- oder spatelförmigen Haare ist so glatt, wie etwa

der eines Menschenhaares. Bei stärkerer Vergrösserung treten nur feine

Querlinien auf der Oberfläche als Ausdruck der Cuticularstructur

hervor. Er ist an den Haaren vom Gesicht in der Regel dunkel, öfter, z.

B. bei Nyctinomus plicatus und sarasinorum fast schwarz. Gewöhnlich ist

in der Axe ein besonders dunkler ziemlich scharf begrenzter Strang zu

bemerken, den man für einen Markcylinder halten könnte. Doch zeigt die

genauere Untersuchung, besonders von Querschnitten, dass auch den

Spatelhaaren ein gesondertes Mark mangelt, jener Eindruck rührt daher,

dass das Pigment ganz überwiegend eine ziemlich genau kreisförmige

centrale Parthie des Schaftes erfüllt.

Die Endplatte muss schon infolge ihrer grösseren Dünne heller als der

Schaft erscheinen, sie ist aber auch absolut ärmer an Pigment, da sie

vorwiegend aus einer Fortsetzung der peripherischen pigmentlosen

Parthie des Schaftes besteht. Der dunkle centrale Strang des Schaftes

setzt sich gewöhnlich eine Strecke weit in die Endplatte hinein fort,

bisweilen entspricht dieser Stelle in der Concavität der Endplatte ein

kielartiger, distalwärts allmählich verstreichender Vorsprung. Die

Figur 5, Taf. X (von Nyctinomus plicatus), die den Haarlöffel in der

Ansicht schräg von unten darstellt, zeigt ihn sehr deutlich. Von diesem

dunklen Mittelstrang aus strahlt dann das Pigment nach der Peripherie

hin in immer feinerer Vertheilung aus. Je allmählicher letztere vor

sich geht, um so zierlicher ist das Bild, das die Endplatte unter

stärkerer Vergrösserung gewährt (Fig. 9 a, Taf. X). In dem mittleren

Strange bildet das Pigment grobe dichtgedrängte Schollen, die weiter

nach der Peripherie feiner werden und durch weitere Zwischenräume

getrennt sind, dann als Häufchen feiner brauner Körnchen erscheinen,

bis endlich in den Randparthieen der Platte solche Körnchen nur noch

ganz vereinzelt zu bemerken sind.

Oft hört die Pigmentirung aber auch ziemlich plötzlich und nahe dem

Grunde der Endplatte auf, wie an dem Haare von Nyctinomus limbatus

(Fig. 8) und dem von N. bivittatus (Fig. 7) zu sehen ist.

An Haaren mit nur wenig verbreitertem Ende ist dies in der Regel

durchweg ziemlich dunkel, nur die äusserste Randzone erscheint etwas

heller (Fig. 10, 11 auf Taf. X).

Die Spatelhaare an den Füssen sind abweichend von denen im Gesichte

meist fast ohne Pigment und lassen daher auch keinen Unterschied in der

Färbung von Schaft und Endplatte wahrnehmen.

Manche von den Borsten (Fig. 11, 17), die wir als erste Andeutungen von

Spatelhaaren erkannten, bilden offenbar eine Vermittlung zwischen den

auf den ersten Blick ganz isolirt stehenden Haaren von ausgeprägter

Löffelform und denen, die oben als erste Gruppe der vom Körperhaar

abweichenden beschrieben wurden. Für diese Auffassung ist auch

bemerkenswerth, dass bei solchen gewissermaassen rudimentären Formen

die Cuticularschuppung stärker als an den echten Spatelhaaren

hervortritt (Fig. 17).

In anderer Richtung deuten auf eine innere Verwandtschaft der

Spatelhaare mit den gewöhnlichen des Körpers die eigenthümlichen

Formen, zu deren Beschreibung ich nun übergehe.

Bei einigen Arten von Nyctinomus bemerkte ich unter dem Binoculare

neben Spatelhaaren von bekannter Form solche, deren Endplatte in einen

feinen fadenförmigen Fortsatz auszulaufen schien. Prüfung bei stärkerer

Vergrösserung ergab, dass dieser fadenförmige Anhang, der sich an die

Endplatte in der Mitte ihres distalen freien Randes ansetzt, in seiner

Structur dem Körperhaare sehr ähnlich ist (Taf. X, Fig. 1, 2, 2 a, 13).

Er ist pigmentlos und besitzt stark vorspringende, in Trichtersegmenten

geordnete Cuticularschuppen. Der Anhang zeigt ziemlich regelmässig eine

bestimmte Gliederung. An der Übergangstelle in die Endplatte (Fig. 13)

verjüngt er sich etwas, darauf folgt ein kurzes cylindrisches Stück,

dann wieder eine meist tiefe Einschnürung und hierauf das Endglied, das

etwa viermal so lang ist wie das erste und vom dickeren Grunde ganz

allmählich in eine feine Spitze ausläuft (Fig. 2).

Diese eigentümliche Form hat ein Seitenstück unter den modificirten

Haaren unserer ersten Gruppe. Figur 12, 12 a giebt ein solches Präparat

wieder. Das Haar, das sonst ganz den früher beschriebenen (Fig. 18)

gleicht, trägt an der Spitze einen Aufsatz von ganz derselben Form und

Beschaffenheit wie an den eben geschilderten Spatelhaaren.

Als ich, noch im Anfange der Untersuchung, den Anhang an den

Spatelhaaren bemerkte, lag die Frage nahe, ob er nicht regelmässig

vorkomme und, wo er fehle, erst nachträglich verloren gegangen sei.

Indessen musste diese Frage nach eingehender Prüfung verneint werden.

Der Ansatz haftet an der Platte ziemlich fest und ist auch in sich

gegen Zerrung und Biegung widerstandsfähig, am leichtesten erfolgt die

Zerreissung an der eingeschnürten Stelle, aber auch erst bei einer

bestimmten Gewalteinwirkung (wie am Präparate der Fig. 13, Taf. X

geschehen). Es wäre also schwer denkbar, dass ihn bei der Mehrzahl der

Exemplare alle und bei den übrigen die meisten Haare verloren haben

sollten. Auch ergab die genaue Untersuchung der isolirten Spatelhaare,

dass die Endplatten immer einen vollkommen unversehrten Rand besassen.

Man muss daher wohl annehmen, dass die Bildung nur manchen Spatelhaaren

und vielleicht nur bei bestimmten Species zukommt.

Vergegenwärtigen wir uns die Entwicklung dieser Haare, so ist klar,

dass die die Papille überkleidende epitheliale Matrix hier zuerst eine

Zeit lang ein Gebilde producirt, das einem Körperhaare gleicht, und

dass dann mit einem Mal in der Production eine Änderung eintritt,

sodass das Erzeugniss ein Spatelhaar wird.

Einen analogen Vorgang können wir vielleicht aus der

Entwicklungsgeschichte der Feder heranziehen. Dieselbe Papille und

Matrix, die eine Dune des jungen Vogels erzeugt hat, producirt später

auch eine bleibende Feder des ersten Gefieders, die daher die Dune auf

ihrer Spitze trägt (vergl. Gegenbaur, Vergl. Anat. Bd. 1, p. 139; Gadow

in Bronns Klassen und Ordnungen des Thierreichs, Vögel, I. Anatomischer

Theil. Leipzig 1891, p. 524 u. 525). So spielt sich der Vorgang aber

nur bei der Bildung des ersten Gefieders ab, später entwickeln sich

nach der Mauser die Ersatzfedern direct ohne vorhergehende Erzeugung

einer Dune.

Auch in unserem Falle scheint mir der Gedanke nicht ohne weiteres

abzuweisen, ob es vielleicht nur die zum ersten Male gebildeten Haare

sind, die einen solchen Anhang besitzen. Zur Entscheidung dieser Frage

wäre es nöthig, von den einzelnen Arten Reihen verschiedener

Alterstufen zu untersuchen, die mir nicht zur Verfügung standen.

Bei einigen Arten der Gattung Nyctinomus kommen im Gesicht Haare, die

in der Form irgendwelche Ähnlichkeit mit Spatelhaaren besitzen,

überhaupt nicht vor. Immer aber finden sich dann an den Stellen, die

bei anderen Arten welche tragen, Borsten oder Stacheln, die sich durch

Dicke, Länge und histiologische Structur von den anderen im Gesichte

vorkommenden längeren und steiferen Haaren deutlich unterscheiden. Ihr

Schaft ist glatt wie bei den Spatelhaaren, dunkel pigmentirt, meist mit

deutlichem axialem Strange (Fig. 24). Ich glaube daher, dass diese

Borsten auch im morphologischen Sinn als Vertreter der bei den anderen

Arten vorkommenden Spatelhaare zu betrachten sind.

Besonderes Interesse bietet in dieser Hinsicht Cheiromeles torquatus.

Typische Spatelhaare finden sich hier nur an den Füssen und zwar

abweichend von Molossus und Nyctinomus ausschliesslich auf einem am

Aussenrande der ersten, nach Art eines Daumens frei beweglichen Zehe,

gelegenen Felde, das die Figuren 11 b–d, Taf. XI in verschiedenen

Ansichten wiedergeben. Die hier vorhandenen Spatelhaare sind, wie schon

erwähnt, die längsten von ziemlich typischer Form, die ich überhaupt

beobachtet habe. Von den Spatelhaaren an den Füssen der Molossus- und

Nyctinomus-Arten unterscheiden sie sich ausser durch die viel

ausgeprägtere Form und die grössere Länge auch durch bedeutend dunklere

Färbung, die freilich immer noch heller ist als bei den Spatelhaaren im

Gesicht.

Im Gesichte besitzt Cheiromeles unterhalb der Nasenlöcher eine dichte

Gruppe kurzer, steifer und dicker Borsten, die im ganzen etwas

abgeplattet sind (Taf. X, Fig. 22, 23). Kurz vor dem Ende verjüngt sich

der Schaft ein wenig, während das Ende selbst wieder eine breitere,

quer abgeschnittene Platte vorstellt, die etwas gegen den Schaft

gekrümmt ist. Offenbar sind diese Haare als modificirte Spatelhaare

aufzufassen.

An den seitlichen Theilen des Gesichts, wo die Molossus- und

Nyctinomus-Arten Spatelhaare besitzen, finden sich bei Cheiromeles nur

dicke Borsten verschiedener Länge. An manchen der kürzeren von ihnen

ist das Ende gegen den Schaft etwas abgesetzt und gekrümmt, wodurch sie

sich den Borsten unterhalb der Nase anschliessen (Fig. 25). So zeigt

uns denn Cheiromeles nebeneinander eine Reihe von Übergängen von

typischen Spatelhaaren zu den Borsten und Stacheln gewöhnlicher Form,

die wir im Gesicht einiger Arten ausschliesslich antreffen.

Eine Eigenthümlichkeit dieser Borsten bei N. brasiliensis und africanus

mag noch Erwähnung finden. Sie scheinen vielfach, unter

Lupenvergrösserung betrachtet, weissliche Knöpfchen zu tragen, sodass

man sie für Spatelhaare halten könnte. Thatsächlich rührt die

Erscheinung daher, dass die Borsten am Ende eine kurze Strecke

pinselartig sehr fein aufgefasert sind (Taf. X, Fig. 27) und die

zwischen den Fasern festsitzende Luft das Licht diffus reflectirt.

Zwischen Borsten mit intactem und aufgefasertem Ende findet man

Übergänge; in Fig. 26, Taf. X ist z. B. eine Borste abgebildet, bei der

eine geringe Verbreiterung und dellenartige Einziehung des Endes die

bevorstehende Aufsplitterung anzeigt. Es handelt sich hier also

jedenfalls nicht etwa um ein durch Abbrechen des Schaftes verursachtes

Kunstprodukt, und auch für die Annahme, dass die Zerfaserung erst post

mortem durch Maceration im Spiritus aufgetreten sei, scheint mir kein

Grund vorzuliegen. Ähnliche, wenn auch nicht so regelmässige,

Zersplitterungen der Spitze beobachtet man auch sonst gelegentlich an

menschlichen und thierischen Haaren (vergl. Waldeyer, Atlas 112 u. 175,

1884; Fig. 38 u. 139).

Was die Frage nach der functionellen Bedeutung der löffel- und

spatelförmigen Haare und der ihnen entsprechenden Borsten und Stacheln

anlangt, so würde es sich in erster Linie darum handeln, ob sie nur als

eine besondere Form der gewöhnlichen Haare oder als „Tasthaare“ im

engeren Sinne betrachtet werden müssen. Da eine Untersuchung auf

nervöse Endapparate an unserem Materiale von vornherein ausgeschlossen

war, musste ich mich darauf beschränken, aus der Structur des

Haarbalges vielleicht einigen Anhalt zur Beurtheilung zu gewinnen. Am

geeignetsten wäre zu dem Zwecke das Exemplar von Nyctinomus sarasinorum

gewesen, das sich, wie alles von den Hrn. Sarasin gesammelte Material,

durch vortrefflichen Erhaltungszustand auszeichnete. Da es aber der

Typus und bis jetzt das einzige vorhandene Exemplar der Art ist, so

mochte ich es nicht beschädigen, und entnahm daher Hautstücke von der

Oberlippe und den Feldern an den Zehen eines Exemplars von Nyctinomus

plicatus, wo allerdings die Conservirung sehr viel zu wünschen liess.

Die Haarbälge sind recht derb und massig, besonders mit Rücksicht auf

die geringe Grösse der Haare, und ihre dichte Anhäufung ist es

wesentlich, wodurch die schwielige Verdickung an den Zehen bedingt

wird. Doch konnte ich von einer cavernösen Structur der Balgwandung,

wie sie für „Tasthaare“ als charakteristisch gilt und letztere auch als

„Sinushaare“ bezeichnen lässt, an Durchschnitten hier nichts

wahrnehmen. Da ich indessen bei der Kürze der verfügbaren Zeit erst

wenige Präparate anfertigen konnte und da die Gewebe durch jahrelanges

Liegen in dünnem Spiritus sehr gelitten hatten, will ich ein

abschliessendes Urtheil hiermit keineswegs ausgesprochen haben.

Auch die Angaben über die Lebensgewohnheiten der Molossiden, die bisher

vorliegen, sind zu dürftig, um über die besondere Leistung dieser Haare

mehr als Vermuthungen zu gestatten.

Die Haare im Gesichte mögen, wenn sie doch als Tasthaare zu betrachten

sein sollten, im Dienste des allgemeinen, bei den Fledermäusen so hoch

entwickelten Hautsinnes stehen, man könnte aber vielleicht auch daran

denken, dass ihnen eine Funktion bei der Nahrungsaufnahme zufällt. Nach

Dobson (Catal. 1878, 403) wäre die grosse Dehnbarkeit der oft mit

tiefen Falten versehenen Lippen der Molossiden von günstiger Wirkung

beim Verschlingen der vorzüglich aus „grossen rundleibigen Käfern“

bestehenden Beute. Dabei könnten die vornehmlich auf der Oberlippe

befindlichen Haare wohl eine Rolle spielen.

Die Zehen benutzen die Fledermäuse allgemein, um den Pelz zu ordnen und

von Parasiten zu säubern, wobei die Spatelhaare an den Füssen, ob ihnen

nun eine specielle nervöse Funktion zukommt oder nicht, ganz dienlich

sein könnten. Von Interesse ist in der Beziehung folgende Angabe

Osburns [96] über Nyctinomus brasiliensis: „First one and then another

wakes up, and withdrawing one leg and leaving himself suspended by the

other alone, adroitly uses the foot at liberty as a comb [97], with a

rapid effective movement dressing the fur of the under part and

head[97]. The foot is then cleaned quickly with the teeth or tongue,

and restored to its first use. Then the other leg does duty. Perhaps

the hairs with which the foot is set may aid to this end[97]. I often

have seen them do this in confinement; and probably the numerous

Bat-flies with which they are infested may be the cause of extra

dressing. It is impossible to imagine a more perfect or effective comb

than the little foot thus used makes ..“. Aus den Angaben Osburns ist

allerdings nicht zu entnehmen, ob er die kurzen Haare an den

Aussenseiten der Zehen bemerkt hat oder ob nur die langen gekrümmten

Haare auf den Nagelgliedern aller Zehen gemeint sind, die Dobson

(Catal. 1878, 403) „prehensile hairs“ nennt, ohne aber diese sonderbare

Bezeichnung näher zu begründen [98]. — Merkwürdig bliebe dann freilich

die besonders mächtige Entwicklung der Spatelhaare an der grossen Zehe

des Cheiromeles, der doch nur ein sehr rudimentäres Haarkleid besitzt.

— Hier sei auch darauf hingewiesen, dass die Molossiden unter den

Fledermäusen am meisten geschickt sind, sich auf ebener Erde laufend

fortzubewegen, wobei natürlich die Hintergliedmaassen die Hauptarbeit

zu leisten haben (vgl. Dobson, Catal. 1878, 403; Schneider, Nouv. Mém.

Soc. Helv. XXIV, 1871, S.A. 8–9).

Bei alle dem wird man sich bezüglich der Function der Spatelhaare auch

gegenwärtig bei der Ansicht bescheiden müssen, die Horsfield (Zool.

Res. 1824, VIII. Cheiromeles, 6. S.) aussprach, als er zum ersten Male

die Felder an den Füssen von Cheiromeles und Nyctinomus plicatus

beschrieb: „It is doubtless of importance in the economy of the animal,

but its use remains to be determined.“

Für eine solche Untersuchung käme zunächst der europäische Vertreter

der Molossiden, Nyctinomus cestonii, in Betracht, der u. a. in Italien

und Griechenland heimisch ist. Doch ist das Thier dort selten und

gehört überdies zu den Arten, denen im Gesichte Spatelhaare fehlen.

Dagegen finden sich Arten mit typischen Haaren gemein und in Menge in

manchen tropischen Gegenden (vgl. die Bemerkung A. B. Meyers oben S.

18), und da ja neuerdings immer häufiger auch in feineren anatomischen

Untersuchungen geübte und entsprechend ausgerüstete Forscher dorthin

kommen, so bietet sich wohl einmal Gelegenheit, die wahre Bedeutung der

eigenthümlichen Gebilde aufzuklären.

Im Anschluss an die Schilderung der löffelförmigen Haare der Molossiden

ist es vielleicht angezeigt, einen Blick auf die bisher überhaupt

beschriebenen Formen von Säugethierhaaren zu werfen. Eine daraufhin

vorgenommene Durchsicht der Literatur lieferte mir ein ziemlich

dürftiges Ergebniss. Zwar darin stimmen alle Autoren überein, dass die

Mannigfaltigkeit ausserordentlich gross ist, was die Massenentwicklung

und die feinere Structur des einzelnen Haares anlangt, aber die

Grundform, die mit ganz verschwindenden Ausnahmen überall wiederkehrt,

ist immer dieselbe spindlig-fadenförmige.

Als merklich abweichend verdienen vor allem die Grannenhaare von

Ornithorhynchus Erwähnung. Maurer [99] beschreibt sie folgendermaassen:

„Der Schaft beginnt in der Tiefe zugespitzt, er verbreitert sich dann

rasch, so dass sein Querschnitt die Form eines langen Ovals mit leicht

bogenförmig gekrümmter Längsachse zeigt.

„Nach oben gegen die Talgdrüse zu wird der Schaft etwas dünner und

rundlich, und so tritt er aus der Balgöffnung hervor. Er setzt sich in

einen langen drehrunden Abschnitt fort, der sich endlich zu einem

lanzettförmigen Plättchen verbreitert. Dasselbe endet in einer

abgestutzten Spitze.“

Da mit dieser Schilderung die Abbildung in Waldeyers Atlas (Tat. VIII,

Fig. 100) nicht übereinstimmt, untersuchte ich selbst diese Haare und

fand Maurers Darstellung bestätigt. Die Abbildung bei Waldeyer giebt,

wie mir scheint, nicht ein „ganzes Grannenhaar“ wieder, wie es in der

Figurenerklärung heisst (Waldeyer, Atlas, 189), sondern nur den oberen

Theil eines solchen. Man müsste sich das untere dünne Stück reichlich

doppelt so lang denken wie die breite Endplatte, um eine zutreffende

Vorstellung von der Gesammtform dieses merkwürdigen Haares zu erhalten.

Die feinere Structur der einzelnen Theile finde ich vollkommen in

Übereinstimmung mit den Beschreibungen und Abbildungen Waldeyers

(Atlas, 190; Taf. VIII, Fig. 101–103).

Ähnliche Haare wie die eben beschriebenen des Schnabelthiers finden

sich nach Maurer [100] auch bei Perameles gunni Gr.

Ausser diesen habe ich keine von dem allgemeinen „faden-spindligen“

[101] Grundtypus wesentlich abweichenden Haarformen erwähnt gefunden,

und die löffelförmigen Haare der Molossi sind ihnen als ein weiterer

interessanter und bis jetzt isolirt dastehender Befund dieser Art

anzureihen.

Die Liste auffallend gestalteter Haare wird sich möglicherweise am

ehesten bereichern lassen, wenn man mehr, als es bisher im allgemeinen

geschehen zu sein scheint, sich nicht auf die Untersuchung des

gewöhnlichen Körperhaares beschränken, sondern grundsätzlich bei jeder

Thierart alle Stellen des Körpers einer genauen Prüfung unterwerfen

wird, an denen der Charakter der Behaarung modificirt erscheint. Hätte

Marchi dies beachtet, so würden ihm, der eine ganze Reihe von

Molossiden-Arten sehr gründlich auf die Beschaffenheit des Körperhaares

untersucht hat [102], die löffelförmigen Haare gewiss nicht entgangen

sein.

Es soll nunmehr das Verhalten der löffelförmigen und der ihnen

gleichwertigen Haare bei jeder der untersuchten Arten, besonders mit

Rücksicht auf die topographische Vertheilung, kurz beschrieben werden.

Wo von derselben Art mehrere Exemplare vorlagen, liessen sich öfter

gewisse individuelle Schwankungen in der Zahl und wohl auch in der

Formentwicklung dieser Haare wahrnehmen, dagegen fand ich die

Verbreitung und Anordnung immer durchaus übereinstimmend, so dass sich

für jede einzelne Art eine für alle Exemplare zutreffende Schilderung

geben lässt. Auch das Geschlecht ist in dieser Hinsicht ohne Einfluss.

Die Anordnung der Arten folgt im allgemeinen der in Dobsons Catalogue

1878, mit einigen im Interesse der bequemeren Darstellung gebotenen

Abweichungen. Es empfahl sich mit dem Genus Nyctinomus zu beginnen und

mit Cheiromeles zu schliessen. Von den Nyctinomus-Arten sind zunächst

die behandelt, die im Gesicht echte Spatelhaare besitzen, dann erst

jene, denen sie dort fehlen. Die drei Dobson noch nicht bekannten Arten

(sarasinorum, astrolabiensis und loriae) habe ich den nächstverwandten

angereiht.

Für das Verständniss der Beschreibungen seien folgende Bemerkungen

vorausgeschickt. Die Haare sind gemeinhin als „Spatelhaare“ bezeichnet,

und es werden im allgemeinen drei Grade der Ausbildung unterschieden:

typische Formen, entsprechend den Figuren 4, 5, 7, 8 auf Tafel X,

mittlere (Fig. 9, 16, 3) und wenig ausgeprägte (Fig. 10, auch 14 und

15). Die absolute Länge der Haare ist, wie früher schon bemerkt, immer

sehr gering. Als gewöhnliches Durchschnittsmaass ist circa 1 mm

anzusehen, unter „sehr langen“ Haaren sind solche von etwa 2–2,5 mm

Länge (Fig. 1, 6, 14, 15) verstanden, unter „kurzen“ solche unter 1 mm

(Fig. 2 a).

Die Figuren auf Tafel XI sollen in der Mehrzahl dazu dienen, eine

Anschauung von einigen typischen Anordnungen der Spatelhaare im

Gesichte verschiedener Molossiden-Arten zu geben. Es ist zu dem Zwecke

der Kopf fast durchweg in der Ansicht von vorn und etwas von unten

gezeichnet, sodass das Gebiet der Schnauze, der Ober- und Unterlippe

möglichst vollständig vor Augen liegt. In die Umrisszeichnung aller

dieser Theile sind dann unter Controlle mittelst des Binoculars die

Spatelhaare oder die ihnen entsprechenden Borsten nach Zahl und

Anordnung möglichst genau eingetragen und durch Punkte oder durch

Striche mit verdickten Enden angedeutet. Andere als Spatelhaare oder

ihre Vertreter sind dabei nicht berücksichtigt.

Bei jeder Art werde ich, soweit sie mir bekannt geworden sind, auch die

Angaben früherer Autoren, die sich auf das Vorkommen dieser Haare

beziehen, anführen, in der Synonymie folge ich dabei der Autorität von

Dobsons Catalogue 1878.

Exemplare, die aus der Sammlung des Königlichen Naturalien-Cabinets in

Stuttgart hergeliehen waren, sind als solche gekennzeichnet, die

anderen, bei denen nichts bemerkt ist, gehören dem Dresdener Museum.

Säugethiere vom Celebes- und Philippinen-Archipel · 第 149 / 190 题