Die Herren Sarasin erbeuteten 16 (oder mehr) Babirusa-Schädel in
Celébes, die Hr. Dr. Stehlin in Basel zur speciellen Bearbeitung
übernommen hat. Ich benutze aber diese Gelegenheit, indem ich zugleich
auf meine früheren Auseinandersetzungen über Babirusa alfurus (Abh.
Ber. 1896/7 Nr. 6 S. 15–25 Taf. IX) verweise, folgende Bemerkungen über
inzwischen erhaltenes Schädelmaterial zu machen:
Der (l. c. p. 17) von mir erwähnte angebliche Babirusa-Schädel aus dem
Museum Godeffroy in Hamburg von den Salomo Inseln ist nunmehr im
Leipziger Museum für Völkerkunde aufgefunden worden, und meine
Vermuthung, dass es nur ein Sus-Schädel mit abnorm gewachsenen unteren
Hauern sei, hat sich als richtig erwiesen (er figurirt im Leipziger
Museum jedoch noch als Babirusa-Schädel). Die oberen Hauer sind
frühzeitig entfernt worden, so dass sich die unteren unbeschränkt
entwickeln konnten, allein sie sind in dieser Entwicklung noch nicht
weit vorgeschritten, und die oberflächliche Ähnlichkeit mit einem
Babirusa-Schädel, wenn man überhaupt von einer solchen reden kann, ist
nur im Stand einen Laien zu täuschen. Übrigens sehe ich nachträglich,
dass Finsch dies bereits 1888 (Ethn. Erf. I, 148) richtig gestellt hat.
Einen kreisförmigen Schweinezahn bildete schon E. Rousseau: Anat. comp.
du syst. dent. Paris 1839 T. 20 f. 2 ab.
Hinsichtlich der Frage der oberen Eckzähne bei der adulten Sau bemerkte
ich l. c. p. 25: „Ob die Normalformel für den weiblichen Babirusa
bezüglich der Eckzähne 0/1 oder 1/1 zu lauten habe, lässt sich erst
sagen, wenn mehr authentische weibliche Schädel in den Sammlungen sein
werden, um zu erkennen, ob 0/1 oder 1/1 die Ausnahme ist.“ Das Museum
erhielt von der Insel Lembeh bei Nord Celébes einen adulten weiblichen
Schädel (B 3452) von 286 mm Länge, der beiderseits einen mehr oder
weniger horizontal nach vorn und auswärts gerichteten, links 11, rechts
9 mm aus der Alveole hervorragenden, ziemlich spitzen, oberen Eckzahn
hat. Die Alveolarkrämpe (aileron), in der er wurzelt, ist nicht stärker
ausgebildet als bei dem l. c. Taf. IX, 3 von mir abgebildeten Exemplar
ohne oberen Eckzahn. Die Eckzähne des Unterkiefers ragen links 11,
rechts 12 mm aus der Alveole hervor. Weibliche Schädel sind selten in
Museen. Hr. Dr. Stehlin theilte mir mit, dass ihm unter c 80 Schädeln,
die er an verschiedenen Orten gesehen, nur 5 weibliche vorgekommen
seien. Sie werden ihrer Unscheinbarkeit wegen eben an Ort und Stelle
nicht aufbewahrt, während die auffallenden Eckzähne des Männchens jeden
Laien zum Sammeln anregen. Das von mir l. c. p. 24 erwähnte Leidener
semiadulte Exemplar ist nach Dr. Stehlins Ansicht völlig adult und
zeigt auch rechts eine Spur des oberen Eckzahnes in Form eines
Rudimentes; der linke ist zugespitzt. Ein dritter junger weiblicher
Schädel in Leiden, von 177 mm Länge, habe auch keine Spur eines oberen
Eckzahnes, so wenig wie das von mir erwähnte. Die Herren Sarasin hätten
aber auch einen alten weiblichen Schädel mitgebracht mit oberem
Eckzahne beiderseits von nicht ganz 1 cm Länge, ziemlich stumpf, mit
einem auf eine sehr mässige Kante reducirten Alveolarvorsprung.
Ich bin an der Hand dieser Daten jetzt mehr geneigt, c 1/1 für die Norm
und c 0/1 für abnorm anzusehen. Bei seiner Gracilität kann der Zahn
unter Umständen früh ausbrechen oder ist überhaupt deciduös und sein
Fehlen daher, wie in dem von mir l. c. p. 24 beschriebenen Falle,
möglicherweise besser so zu erklären, als durch die Annahme, dass er
nie vorhanden gewesen sei; denn sein Nichtvorhandensein bei jungen
Schädeln mit Milchgebiss oder Resten davon beweist nicht, dass er nicht
schon vorhanden gewesen sein konnte.
In Bezug auf die Zahnformel des adulten Ebers meinte ich l. c. p. 22,
dass es noch sicher gestellt werden müsste, ob in allen Fällen im
definitiven Gebisse 3 Praemolaren auftreten. Das Dresdner Museum
erhielt inzwischen ebenfalls von der Insel Lembeh bei Nord Celébes
einen jungen männlichen Schädel (B 3453) von 249 mm Länge, der in
dieser Beziehung lehrreich ist: m 3 überall noch nicht durchgebrochen;
im Unterkiefer jederseits 3 Praemolaren, p 3 (der vorderste) aber
beiderseits deciduös; Eckzähne c 22 mm aus der Alveole hervorragend,
ihre Wurzeln reichen aber bereits bis ans hintere Ende von m 2; im
Oberkiefer beiderseits nur 2 Praemolaren, p 3 ist schon ausgefallen,
die Alveolenreste sind jedoch noch vorhanden, und man erkennt hier
deutlich den Grund des Ausfallens: die Wurzeln der Hauer, die c 27 mm
aus der Alveole hervorragen, reichen bis an die vordere Wurzel von p 2
und sind über den alveolaren Löchern der ausgefallenen p 3 sichtbar,
sie haben zweifellos das Ausfallen von p 3 mechanisch bewirkt; p 2 dex.
bietet noch die Anomalie, dass er quer steht, die Längsaxe der Krone
ist nicht von vorn nach hinten gerichtet, sondern von aussen nach
innen; der Grund davon liegt zu Tage, indem ein Praemolar des
Milchgebisses zwischen den Alveolen von p 3 und p 2 stehen geblieben
ist und noch so fest sitzt, dass man ihn nicht bewegen kann; p 2 war
nicht im Stand ihn hinauszudrängen und hat sich daher quer stellen
müssen. Legt man die Zahnreihen beider Kiefer aufeinander, so passen
sie rechts normal, links aber findet sich zwischen p 2 und p 1 sup.
eine Lücke, da p 2 nicht längs, sondern quer steht.
Dieser Befund von 3 Praemolaren im Unterkiefer und der sichere Beweis,
dass auch p 3 im Oberkiefer vorhanden gewesen ist, lässt mich, zusammen
mit dem Umstande, dass Hr. Dr. Stehlin mir mittheilt, er habe Spuren
von p 3 oder die Zähne selbst öfters angetroffen, nunmehr annehmen,
dass das Vorhandensein von p 3 im Dauergebiss als die Norm zu gelten
habe, wenn dieser Zahn auch meistens früh ausfällt; im Oberkiefer
treibt ihn die Wurzel des Eckzahns mechanisch heraus, im Unterkiefer
ist dies bei dem vorliegenden Schädel (B 3453) nicht der Fall, die
Wurzel verläuft im basalen Theile des Knochens und berührt die Knochen
von p 3 nicht.
Endlich bemerke ich über einen auch neuerdings erhaltenen alten
männlichen Schädel (B 3556) von 302 mm Länge aus dem Gorontaloschen (wo
der Babirusa tualangio heisst), dass ihm p 2 sup. sin. fehlt und dass
dessen Alveole vollkommen verstrichen ist; in Folge davon hat sich p 2
inf. sin. abnorm entwickelt, er überragt mit seiner Spitze die
Kaufläche von p 2 um 6 mm, während diese bei p 2 inf. dex. unter der
von p 1 bleibt, und stösst fast an den Rand des Oberkiefers; p 2 inf.
sin. steht mit seiner Basis auch höher als p 1, was wohl ebenfalls eine
Folge des fehlenden Antagonisten ist; denn dass die Wurzel des unteren
Hauers die Basis in die Höhe getrieben haben sollte, ist nicht
anzunehmen, weil der Zwischenraum zwischen ihrer Alveole und dem
Kieferrande zu gross ist. In diesem Fall hat aber auch die Wurzel des
oberen Hauers p 2 sup. sin. nicht etwa ausgetrieben, denn ihre Alveole
berührt dessen Basis nicht. Wenn schon, wie wir oben und l. c. p. 22
sahen, p 3 Wechselfällen in höherem Maass ausgesetzt ist, so scheint
sich doch auch p 2 mehr oder weniger, wenn auch seltener, anomal zu
entwickeln, und steht auch dies wohl in Correlation zu dem
aussergewöhnlichen Wachsthume des Eckzahnes.
Bei einem schon länger im Museum aufbewahrten adulten Schädel von Buru
(Nr. 1993), von 284 mm Länge, liegt p 2 sup. sin. nicht hinter p 2
inf., wie normal, sondern sie stehen übereinander und in Folge dessen
haben sich die Spitzen gegenseitig platt geschliffen.
Was die Verbreitung des Babirusa anlangt (l. c. p. 15), so erfuhr ich
inzwischen, dass er bei Tolitoli (Nordküste von Celébes) ganz
ausserordentlich häufig vorkomme.