BEWEHRUNG DER SAU.

Es scheint ziemlich allgemein angenommen zu werden, dass der weibliche

Babirusa obere und untere Eckzähne besitze, nur weitaus schwächere als

der männliche, geradeso wie dies bei den Geschlechtern der Sus-Arten

der Fall ist. Gray allerdings hatte (P. Z. S. 1852, 131) gesagt: „The

upper canines (in both sexes) coming out from the side of the jaw and

bent upwards from the base, and then arched backwards“, später aber ist

er anderer Ansicht geworden; 1868 (l. c. p. 42) und 1869 (Cat. Carn ...

Mamm. 348) schweigt er darüber, und 1873 (Hand-List Edentate ... Mamm.

p. 67) bemerkt er: „canines not developed in the females“. Dieses hatte

schon Dupperey (Voy. Coq. 1826, 125) bemerkt: „Les ... femelles, qui

n’avaient point de défenses ...“ Beides sollte sich wohl nur auf die

oberen Hauer beziehen. Owen (Odontogr. 1840–1845, 547), Schlegel

(Handl. I, 111 1857) und Nehring (Rohdes Schweinezucht 4. Aufl. 1891,

6) sprechen nicht vom weiblichen Gebisse. Wallace (Mal. Arch. D. A. I,

395 1869) sagt, dass das Weibchen die grossen Hauer nicht besitze,

vielleicht meinte er aber, dass es kleinere habe. Folgende Autoren

äussern sich positiv: Quoy & Gaimard (Voy. Astrol. I, 128 1830): „Les

canines de la femelle sont très-courtes et ne font seulement que percer

la peau“; sie bilden das auch sehr deutlich auf Pl. 23 nach dem Leben

ab. W. Vrolik (Rech. Babyr. N. Verh. 1. Kl. k. Ned. Inst. Wet. X, 212

1844) spricht davon, dass die Caninen des Weibchens nicht verlängert

seien. Blainville (Ostéogr. Onguligr. Sus 1847, 160), der eingehender

und mit Abbildungen über den Babirusa handelt [49]: „On avait dit que

la femelle manquait des défenses, mais elles sont seulement beaucoup

plus courtes, les supérieures dépassent à peine les trous de la lèvre

supérieure“. Er bildete auch (Pl. II) das Skelet des adulten Weibchens,

das von 1829–1832 im Jardin des Plantes gelebt und dort geworfen hatte,

ab; es ist von demselben Exemplare, das Quoy & Gaimard (l. c.) nach dem

Leben (aber z. Th. fehlerhaft) dargestellt hatten. [50] Fitzinger (SB

Ak. Wien L 1, 428 1864): „Eckzähne des Weibchens sehr kurz und auch die

oberen, welche kaum einige Linien über die Durchbohrung der Schnauze

hinausragen“. Die Angabe „einige Linien“ dürfte Fitzinger nur der Quoy

& Gaimardschen Beschreibung aus Eigenem hinzugethan haben. Dies formte

Brehm (Thierl. II, 743 1865) wiederum etwas um: „Beim Weibchen sind die

Eckzähne sehr kurz, und die oberen, welche ebenso wie bei dem Männchen

die Schnauze durchbohren, ragen kaum einige Linien über sie empor“, hat

aber in der 2. Auflage (III, 560 1877) aus den einigen Linien „einen

Centimeter“ gemacht, was der Herausgeber der 3. (III, 528 1891) dann

noch in „kaum einen Finger breit“ abänderte, so dass der Zahn von

Auflage zu Auflage ohne Grund gewachsen ist! Lydekker (Nat. Hist. II,

436 1894): „The female has small tusks“.

Zu obiger Umschau wurde ich veranlasst durch ein kürzlich erhaltenes

adultes, wenn auch nicht altes Babirusa Weibchen (B 2522, Skelet B

2523) von der Insel Lembeh, das keine Spur oberer Eckzähne hat, und

selbstverständlich ist demgemäss auch die Rüsseldecke nicht durchbohrt.

Der Oberkiefer trägt aber über der Stelle, wo die Alveole des oberen

Eckzahnes sich befinden müsste, einen ganz ansehnlichen Knochenkamm,

eine aufrechtstehende Krämpe. [51] Wenn auch die Grösse (Schädellänge

269 mm), der Befund der Schädelnähte und der Abschleifungsgrad der

Zähne beweisen, dass ein adultes Exemplar vorliegt, so öffnete ich doch

(rechts) den Knochen, um mich zu überzeugen, ob vielleicht eine Anlage

zu einem Eckzahn oder das Rudiment einer Alveole vorhanden sei. Dies

ist aber nicht der Fall. Tafel IX Figur 3 ist der Oberkiefer dieses

Weibchens in n. Gr. abgebildet.

Im Unterkiefer sind kurze Eckzähne vorhanden, die 10 und 12 mm aus der

Alveole hervorragen. Wir sahen oben, dass das Milchgebiss des Babirusa

auch nur untere Caninen aufweist. Es ist, als ob das Material zu der

ausserordentlichen Entwicklung des grossen oberen männlichen Hauers

aufgespart bleiben sollte. Owen (Odontogr. 1840–1845, 548) sagt über

das Babirusa Gebiss: „The molar series is speedily reduced to two

premolars and three true molars. The great activity of the vascular

matrix of the long tusks soon exhausts the conservative force of those

of the adjoining small premolars“. Dieselbe Tendenz, die die Molaren

reducirte, scheint auch die oberen Eckzähne des Milchgebisses zum

Schwunde gebracht zu haben, und scheint im Stande zu sein, dies auch

beim Weibchen bewirken zu können. Ich sage „zu können“, denn dass es

Weibchen mit oberen Eckzähnen giebt, beweist das von Quoy & Gaimard und

Blainville abgebildete Exemplar. Möglicherweise kommt ein oberer

Eckzahn ausnahmsweise auch beim Milchgebisse vor.

Das Leidener Museum besitzt (Cat. ost. IX, 164 1887) zwei weibliche

Babirusa Schädel, und Dr. Jentink hatte die Güte, sie in Bezug auf die

oberen Eckzähne für mich anzusehen. Er theilte mir mit, dass das junge

Exemplar keine Spur davon habe, das semiadulte links zwar einen 12 mm

langen, rechts jedoch keine Spur; die Haken der Unterkiefer seien 12

und 14 mm, die Schädel 220 und 270 mm lang. Es scheint demnach, da das

als semiadult bezeichnete Weibchen dieselbe Schädellänge aufweist wie

das Dresdner adulte, dass es rechts auch keinen Eckzahn mehr bekommen

haben würde, sonst müssten schon Spuren davon da sein.

Im Londoner Zoologischen Garten lebten u. a. zwei Babirusa Weibchen (P.

Z. S. 1883, 463), von denen Eines geworfen hat (l. c. 1884, 55). Dr.

Sclater schrieb mir freundlichst, auf meine Anfrage, „that our female

Babirussa had no tusks, nor any signs of them“. [52] Ich glaube, dass

dies nur auf die äussere Erscheinung Bezug haben soll; wie sich der

Schädel verhält, habe ich nicht eruiren können. Im Britischen Museum

befinden sich nach Herrn de Wintons mir gewordener gütiger Mittheilung,

zweifellose weibliche Schädel ohne Hauer, aber es sind keine alten.

Aus alledem geht hervor, dass es weibliche Babirusas giebt, die nie

obere Eckzähne bekommen, während sie bei anderen wohl, wenn auch

schwach entwickelt, auftreten. Bemerkenswerth ist das Leidener Exemplar

mit einem Eckzahne nur an einer Seite. [53] In dieser Beziehung

befindet sich also der weibliche Babirusa vielleicht in dem Stadium des

Überganges aus dem Besitz oberer Eckzähne in einen Zustand, in dem sie

ihm ganz fehlen, und man würde dann annehmen können, dass es in einer

ferneren Zukunft überhaupt keine weiblichen Individuen mit oberen

Eckzähnen mehr geben wird; die Differenzirung der Geschlechter schritte

demnach fort, wie auch nach der allgemein herrschenden Entwicklung

nicht anders zu erwarten ist. Ob aber die Normalformel für den

weiblichen Babirusa bezüglich der Eckzähne 0/1 oder 1/1 zu lauten habe,

lässt sich erst sagen, wenn mehr authentische weibliche Schädel in den

Sammlungen sein werden, um zu erkennen, ob 0/1 oder 1/1 die Ausnahme

ist. Jedenfalls zeigt unsere Unkenntniss in diesem untergeordneten

Punkte wieder, wie gewunden der Weg zur Wahrheit, und wie schwer es

ist, ohne ein grosses Material selbst so einfache Fragen zu

entscheiden.

Säugethiere vom Celebes- und Philippinen-Archipel · 第 25 / 190 题