Neuntes Kapitel

Der Maler hatte bis gegen den Abend weitergearbeitet. Nun saß er, die

Hände im Schoß und stumpf vor Ermüdung, eine Weile zusammengesunken im

Armstuhl, vollkommen leer und ausgepreßt, mit erschlafften Wangen und

etwas entzündeten Augenlidern, alt und fast leblos wie ein Bauer oder

Holzhauer nach der schwersten körperlichen Arbeit.

Am liebsten wäre er so sitzengeblieben und hätte sich ganz der Müdigkeit

und der Schlafsehnsucht überlassen. Seine herrische Zucht und Gewohnheit

verlangte es aber anders, und er raffte sich nach einer Viertelstunde

mit einem Ruck zusammen. Er stand auf, ohne mehr einen Blick nach dem

großen Bilde hin zu tun, ging zur Badestelle am Weiher, zog sich aus und

schwamm langsam um den See.

Es war ein milchig bleicher Abend, vom nächsten Feldwege her kam, durch

den Park gedämpft, das Geräusch knarrender Heuwagen und das

schwerfällige Rufen und Lachen müdgearbeiteter Knechte und Mägde

herübergeklungen. Fröstelnd stieg Veraguth ans Land, rieb sich

sorgfältig warm und trocken, ging in sein kleines Wohnzimmer und zündete

eine Zigarre an.

Er hatte diesen Abend Briefe schreiben wollen, nun rückte er unschlüssig

an der Tischlade, schob sie aber ärgerlich wieder zu und schellte nach

Robert.

Der Diener kam gelaufen.

„Sagen Sie, wann sind die jungen Leute mit dem Wagen zurückgekommen?“

„Noch nicht, Herr Veraguth.“

„Was, sie sind noch gar nicht zurück?“

„Nein, Herr Veraguth. Wenn Herr Albert nur den Braunen nicht zu sehr

strapaziert hat, er fährt gern ein wenig streng.“

Sein Herr gab keine Antwort. Er hatte sich gewünscht, noch ein halbes

Stündlein Pierre bei sich zu haben, den er längst heimgekehrt glaubte.

Nun war er über die Nachricht ärgerlich und etwas erschrocken.

Er lief ins Herrenhaus hinüber und klopfte am Zimmer seiner Frau. Sie

begrüßte ihn erstaunt, es war seit langem nicht geschehen, daß er sie

hier und um diese Zeit aufsuchte.

„Entschuldige,“ sagte er in unterdrückter Erregtheit, „aber wo ist

Pierre?“

Frau Adele sah ihren Mann verwundert an.

„Die Jungen sind mit dem Wagen fort, du weißt ja.“

Da sie seine Gereiztheit fühlte, fügte sie bei: „Du wirst doch nicht

ängstlich sein?“

Er zuckte ärgerlich die Achseln.

„Ach nein. Aber ich finde es rücksichtslos von Albert. Er sprach von ein

paar Stunden. Wenigstens hätte er uns telephonieren können.“

„Es ist ja noch früh. Sie werden gewiß zum Abendessen da sein.“

„Immer ist der Kleine weg, wenn ich ihn einmal ein bißchen haben

möchte!“

„Es hat keinen Sinn, daß du dich so ärgerst. Es ist doch der reine

Zufall. Pierre ist oft genug bei dir drüben.“

Er biß sich auf die Lippen und ging schweigend hinaus. Sie hatte recht,

es hatte keinen Sinn, sich aufzuregen, es hatte keinen Sinn, lebhaft zu

sein und etwas vom Augenblick zu verlangen! Es war besser, in geduldiger

Gelassenheit zu sitzen, wie sie es tat!

Zornig ging er zum Hof hinaus und auf die Landstraße. Nein, er wollte

das nicht lernen, er wollte seine Freude und wollte seinen Zorn haben!

Wie hatte diese Frau ihn schon gedämpft und still gemacht, wie war er

schon beherrscht und alt geworden, er, der früher gewohnt gewesen war,

frohe Tage lärmend in die tiefe Nacht hineinzuziehen und im Ärger die

Stühle zu zerschmettern! Aller Groll und alle Bitterkeit kam wieder in

ihm auf, und zugleich ein sehnliches Verlangen nach seinem Knaben,

dessen Blick und Stimme allein ihn froh machen konnten.

Mit großen Schritten lief er auf der abendlichen Straße dahin.

Wagenrollen wurde hörbar und er eilte gespannt entgegen. Es war nichts.

Ein Bauerngaul mit einem Karren voll Gemüse. Veraguth rief ihn an.

„Haben Sie nicht einen Einspänner überholt, mit zwei jungen Leuten auf

dem Bock?“

Der Bauer schüttelte den Kopf, ohne anzuhalten, und sein schweres Roß

trabte gleichmütig weiter in den sanften Abend hinein.

Im Weitergehen fühlte der Maler seinen Zorn erkalten und hinschwinden.

Seine Schritte wurden ruhiger, die Müdigkeit kam wohlig über ihn, und

während er bequem ausschritt, ruhten seine Augen dankbar in der stillen,

reichen Landschaft aus, die bleich und fein im dunstigen Spätlichte lag.

Er dachte kaum mehr an seine Söhne, als nach einer halben Stunde Gehens

ihm ihr Wagen entgegenkam. Er achtete erst darauf, als er schon nahe

war. Bei einem großen Birnbaum blieb Veraguth stehen, und als er Alberts

Gesicht erkennen konnte, trat er noch mehr zurück, um nicht gesehen und

abgerufen zu werden.

Albert war allein auf dem Bock. Pierre saß halb liegend in einer

Wagenecke, hatte den unbedeckten Kopf gesenkt und schien eingeschlafen.

Der Wagen rollte vorüber und der Maler sah ihm nach, er blieb am Rande

der staubigen Straße stehen, solange der Wagen noch zu sehen war. Dann

kehrte er um und ging den Weg zurück. Er hätte Pierre gerne noch

gesehen, doch war es für den Knaben bald Schlafenszeit, auch hatte

Veraguth keine Lust, sich heute nochmals bei seiner Frau zu zeigen.

So ging er am Park, am Hause und Hoftor vorbei und in die Stadt

hinunter, wo er in einem volkstümlichen Weinkeller sein Abendessen nahm

und in den Zeitungen blätterte.

Indessen waren seine Söhne längst zu Hause. Albert saß bei der Mutter

und erzählte. Pierre war sehr müde gewesen, hatte gar nichts mehr essen

mögen und lag nun schlafend in seinem hübschen kleinen Schlafzimmer. Und

als der Vater in der Nacht zurückkam und am Hause vorüberging, war

nirgends mehr ein Licht zu sehen. Die laue, sternlose Nacht umfing Park,

Haus und See mit schwarzer Stille und aus der regungslosen Luft fielen

feine, leise Regentropfen.

Veraguth machte in seiner Wohnstube Licht und setzte sich an den

Schreibtisch. Sein Verlangen nach Schlaf hatte sich wieder ganz

verloren. Er nahm ein Briefblatt und schrieb an Otto Burkhardt. Durch

die offenen Fenster kamen kleine Nachtfalter und Motten geflogen. Er

schrieb:

Mein Lieber!

Vermutlich erwartest Du jetzt gar keinen Brief von mir. Aber wenn ich

schon schreibe, erwartest Du wieder mehr, als ich geben kann. Du

erwartest, es sei jetzt Klarheit in mich gekommen und ich sähe die

schadhafte Maschinerie meines Lebens so sauber im Querschnitt, wie Du

sie zu sehen meinst. Damit ist es leider nichts. Ein Wetterleuchten ist

ja wohl in mir aufgegangen, seit wir darüber gesprochen haben, und es

starren mir in manchen Augenblicken recht peinliche Enthüllungen

entgegen; aber Tag ist es doch noch nicht geworden.

Was ich also später tun oder lassen werde, kann ich nicht sagen. Aber

wir reisen! Ich fahre mit Dir nach Indien, bitte, besorge mir einen

Schiffsplatz, sobald Du den Termin weißt. Vor dem Ende des Sommers geht

es nicht, aber im Herbst je eher je lieber.

Das Bild mit den Fischen, das Du hier sahest, möchte ich Dir schenken,

aber es wäre mir lieb, wenn es in Europa bliebe. Wohin soll ich es

schicken?

Hier ist alles wie immer. Albert spielt den Weltmann und wir behandeln

einander mit ungeheurer Achtung wie zwei Gesandte feindlicher Mächte.

Ehe wir reisen, erwarte ich Dich noch einmal auf Roßhalde. Ich muß Dir

ein Bild zeigen, das dieser Tage fertig wird. Das Ding ist gut und wäre

ein hübscher Schlußpunkt, falls mich draußen Eure Krokodile fräßen, was

mir übrigens unerwünscht wäre, trotz allem.

Ich muß zu Bett, obwohl ich keinen Schlaf habe. Ich war heute neun

Stunden vor der Staffelei.

Dein Johann.

Der Brief wurde adressiert und in den Vorraum gelegt, damit ihn Robert

morgens zur Post bringe.

Als der Maler vor dem Schlafengehen den Kopf aus dem Fenster steckte,

nahm er erst das Rauschen des Regens wahr, auf das er am Schreibtisch

nicht geachtet hatte. Es sank in weichen Strähnen aus der Finsternis

herab und er hörte noch lang vom Bett aus zu, wie es fiel und strömte

und von dem beschwerten Laub in kleinen klingenden Güssen zur dürstenden

Erde lief.

Rosshalde · 第 14 / 42 题