Veraguth stand vor seinem großen Bilde mit den drei Figuren und malte am
Gewand der Frau, einem dünnen, blaugrünen Kleide, an dessen
Halsausschnitt ein kleiner Goldschmuck verloren und traurig glänzte und
allein das liebe Licht auffing, das auf dem beschatteten Gesicht keine
Stätte fand und an dem kühlen, blauen Gewande fremd und freudlos
niederglitt ... dasselbe Licht, das nebenan im hellen, offenen Haar des
schönen Kindes froh und innig spielte.
Es klopfte an der Türe und der Maler trat unwillig und gereizt zurück.
Als es nach einer kleinen Wartezeit nochmals pochte, ging er mit
heftigen Schritten zur Tür und öffnete einen schmalen Spalt.
Da stand Albert, der in der ganzen Ferienzeit das Atelierhaus nie
betreten hatte. Er hielt den Strohhut in der Hand und blickte etwas
unsicher in das nervöse Gesicht des Vaters.
Dieser ließ ihn eintreten.
„Guten Tag, Albert. Du kommst wohl, um dir meine Bilder anzusehen? Es
ist wenig da.“
„O, ich will gar nicht stören. Ich wollte nur schnell fragen ...“
Aber Veraguth hatte die Türe geschlossen und war an der Staffelei
vorüber zu einem graugestrichenen Lattengerüste gegangen, wo auf
schmalen, mit Rollen versehenen Böden seine Bilder standen. Er zog das
Bild mit den Fischen hervor.
Albert trat verlegen neben seinen Vater und beide blickten auf die
silbrig schimmernde Leinwand.
„Machst du dir eigentlich etwas aus der Malerei?“ fragte Veraguth
leichthin. „Oder freut dich nur die Musik?“
„O, ich habe Bilder sehr gern, und das hier ist wunderschön.“
„Gefällt es dir? Das freut mich. Ich lasse dir eine Photographie davon
machen. Und wie fühlst du dich denn wieder auf Roßhalde?“
„Danke, Papa, sehr gut. Aber ich wollte dich wirklich nicht stören, ich
kam nur wegen einer Kleinigkeit – –“
Der Maler hörte nicht. Er sah seinem Sohn zerstreut ins Gesicht, mit dem
langsam zugreifenden, etwas überanstrengten Blick, den er stets bei der
Arbeit hatte.
„Wie denkt ihr jungen Leute heutzutage eigentlich über die Kunst? Ich
meine, gilt da Nietzsche, oder liest man noch Taine – er war gescheit
aber langweilig, dieser Taine – oder habt ihr neue Ideen?“
„Taine kenne ich noch nicht. Über das hast du ja gewiß viel mehr
nachgedacht als ich.“
„Früher, ja, da war die Kunst und die Kultur und das Apollinische und
Dionysische und all das Zeug mir furchtbar wichtig. Aber heut bin ich
froh, wenn ich ein gutes Bild zusammenbringe, es sind keine Probleme
mehr dabei, jedenfalls keine philosophischen. Und wenn ich sagen müßte,
warum ich eigentlich ein Künstler bin und alle die Leinwand vollmale, so
würde ich sagen: ich male, weil ich keinen Schweif zum Wedeln habe.“
Erstaunt sah Albert seinen Vater an, der seit langem kein solches
Gespräch mehr mit ihm geführt hatte.
„Keinen Schweif? Wie meinst du das?“
„Sehr einfach. Hunde und Katzen und andere begabte Tiere haben einen
Schwanz, und nicht nur für das, was sie denken und fühlen und leiden,
sondern für jede Laune und Schwingung ihres Wesens und für jede feine
Wallung ihres Lebensgefühls hat ihr Schwanz mit tausend Schnörkeln eine
wunderbar vollkommene Arabeskensprache. Die haben wir nicht, und da die
Lebhafteren unter uns doch eben auch so etwas brauchen, so machen sie
sich eben Pinsel und Klaviere und Geigen ...“
Er brach ab, als interessiere ihn die Unterhaltung plötzlich nimmer,
oder als nehme er erst jetzt wahr, daß er allein rede und bei Albert
kein rechtes Echo finde.
„Also ich danke für den Besuch,“ sagte er unvermittelt.
Er war wieder vor seine Arbeit getreten, hatte die Palette an sich
genommen und starrte suchend auf den Fleck, wo der letzte Pinselstrich
saß.
„Verzeih, Papa, ich möchte dich etwas fragen –“
Veraguth wandte sich um, mit schon entfremdeten Blicken und außer
Zusammenhang mit den Dingen, die außerhalb seiner Arbeit lagen.
„Ja?“
„Ich möchte Pierre auf einen Ausflug im Wagen mitnehmen. Mama hat es
erlaubt, aber sie sagte, ich solle auch bei dir noch fragen.“
„Wohin wollt ihr denn fahren?“
„Ein paar Stunden weit über Land, vielleicht nach Pegolzheim.“
„So ... Wer kutschiert denn?“
„Ich natürlich, Papa.“
„Meinetwegen, nimm Pierre mit! Aber im Einspänner, mit dem Braunen. Und
daß er nicht zuviel Haber kriegt!“
„Ach, ich wäre viel lieber zweispännig gefahren!“
„Tut mir leid. Allein magst du fahren, wie du willst; aber wenn der
Kleine dabei ist, nur mit dem Braunen.“
Etwas enttäuscht zog Albert sich zurück. Zu andern Zeiten hätte er
getrotzt oder weiter gebeten, aber er sah, der Maler war schon wieder
ganz bei seiner Arbeit, und hier im Atelier und in der Atmosphäre seiner
Bilder imponierte ihm trotz aller inneren Gegenwehr der Vater doch
jedesmal so sehr, daß er ihm gegenüber, dessen Autorität er sonst nicht
anerkannte, sich erbärmlich knabenhaft und schwach fühlte.
Der Maler war alsbald wieder mitten in seiner Arbeit, die Unterbrechung
war vergessen und die Außenwelt verweht. Mit streng konzentriertem Blick
verglich er die Fläche der Leinwand mit dem lebendigen Bilde in seinem
Innern. Er fühlte die Musik des Lichtes, wie sein tönender Strom sich
verteilte und wiederfand, wie es an Widerständen ermüdete, wie es
aufgetrunken ward und unbesiegbar auf jeder empfänglichen Fläche neu
triumphierte, wie es in den Farben mit wählerischer, doch unfehlbarer
Laune in peinlichster Empfindlichkeit spielte, in tausend Brechungen
unzerstört und in tausend spielerischen Irrgängen untrüglich seinem
eingeborenen Gesetze treu. Und er kostete in tiefen Zügen die herbe Luft
der Kunst, die strenge Freude des Schöpfers, der sich selber bis zur
Grenze der Vernichtung hergeben muß, der das heilige Glück der Freiheit
nur im eisernen Bändigen jeder Willkür finden und die Augenblicke der
Erfüllung nur im asketischen Gehorsam gegen das Wahrhaftigkeitsgefühl
erleben kann.
Es war seltsam und betrübend, doch nicht seltsamer und trauriger als
alles Menschengeschick: dieser beherrschte Künstler, dem nur aus
tiefster Wahrhaftigkeit und aus unerbittlich klarer Konzentration zu
arbeiten möglich schien, dieser selbe Mann, in dessen Werkstatt keine
Laune und keine Unsicherheit Raum gewann, er war in seinem Leben ein
Dilettant und gescheiterter Glücksucher gewesen, und er, der keine
mißglückte Tafel oder Leinwand aus den Händen gab, litt tief unter der
dunkeln Last ungezählter mißglückter Tage und Jahre, mißglückter Liebes-
und Lebensversuche.
Ihm kam es nicht zum Bewußtsein. Er hatte seit langem das Bedürfnis
verloren, sein Leben klar vor sich auszubreiten. Er hatte gelitten und
sich gegen das Leid gewehrt, in Empörung und in Resignation, und er
hatte damit geendet, die Dinge ihren Weg gehen zu lassen und sich nur
seine Arbeit zu erhalten. Und es war seiner zähen Natur gelungen, seine
Künstlerschaft beinahe um das reicher und tiefer und glühender zu
machen, was sein Leben an Reichtum, Tiefe und Wärme verlor. Einsam und
geharnischt saß er nun wie ein Verzauberter, eingesponnen in seinen
Künstlerwillen und rücksichtslosen Fleiß, und sein Wesen war gesund und
eigenwillig genug, die Armut dieses Daseins nicht zu sehen und nicht
anerkennen zu wollen.
So war es bis vor kurzem gewesen, bis der Freundesbesuch ihn
aufgerüttelt hatte. Seither umgab den Einsamen eine beängstigende Ahnung
von Gefahr und Schicksalsnähe, er fühlte Kämpfe und Prüfungen auf sich
warten, in denen nicht seine Kunst und nicht sein Fleiß ihn retten
konnten. Sein beschädigtes Menschentum witterte Sturm und fand keine
Wurzeln und Kräfte in sich, ihn auszuhalten. Und nur langsam wollte
seine vereinsamte Seele sich an den Gedanken gewöhnen, es müsse nun
nächstens der Kelch verschuldeten Leides bis zur Hefe ausgetrunken
werden.
Im Kampf wider diese drohenden Ahnungen und in der Scheu vor klaren
Gedanken oder gar Entschlüssen zog sich des Malers ganze Natur, als sei
es vielleicht zum letzten Male, nochmals in einer ungeheuren Anstrengung
zusammen wie ein verfolgtes Tier zum rettenden Sprunge, und so schuf
Johann Veraguth in diesen Tagen der inneren Beängstigung mit einem
verzweifelten Zusammenraffen eines seiner größten und schönsten Werke,
das spielende Kind zwischen den gebeugten leidvollen Gestalten der
Eltern. Vom selben Boden getragen, von derselben Luft umflossen und vom
selben Licht beschienen hauchten die Figuren des Mannes und Weibes Tod
und bitterste Kühle aus, indessen goldig und frohlockend in ihrer Mitte
das Kind selig wie im eigenen Lichte leuchtete. Und wenn später, seinem
eigenen bescheidenen Urteil entgegen, einige Bewunderer den Maler
dennoch zu den wirklich Großen rechneten, so taten sie es vor allem
dieses Bildes wegen, das so schmerzlich voll von Seele war, obwohl es
nichts zu sein begehrte als ein vollkommenes Stück Handwerk.
In diesen Stunden wußte Veraguth nichts von Schwäche und Angst, nichts
von Leid und Schuld und verfehltem Leben. Er war nicht froh noch
traurig, von seinem Werk gebannt und aufgesogen atmete er die kalte Luft
schöpferischer Einsamkeit und begehrte nichts von der Welt, die ihm
versunken und vergessen war. Rasch und sicher, mit vor Anstrengung
vorquellenden Augen, setzte er in kleinen, schneidigen Drückern die
Farbe hin, trieb einen Schatten tiefer zurück, löste ein schwebendes
Blatt, eine spielende Locke freier und weicher im Lichte auf. Dabei
dachte er nicht im mindesten an das, was sein Bild ausdrückte. Das war
erledigt, das war eine Idee, ein Einfall gewesen; jetzt ging es nicht um
Bedeutungen, Gefühle und Gedanken, sondern um reine Wirklichkeit. Er
hatte sogar den Ausdruck der Gesichter wieder abgeschwächt und nahezu
ausgelöscht, es lag ihm nichts am Dichten und Erzählen, und die um ein
Knie gebauschte Mantelfalte war ihm so wichtig und heilig wie die
gesenkte Stirn und der geschlossene Mund. Auf dem Bilde sollte nichts zu
sehen sein als drei Menschen in vollkommenster Gegenständlichkeit, jeder
durch Raum und Luft den andern verbunden, jeder dennoch umflossen von
der Einzigkeit, die jedes tiefgeschaute Gebilde aus der nebensächlichen
Welt der Beziehungen losreißt und den Beschauer mit schauerndem
Erstaunen über die schicksalhafte Notwendigkeit jeder Erscheinung
erfüllt. So blicken uns aus Bildern toter Meister fremde
Menschengestalten, deren Namen wir nicht wissen und nicht zu wissen
begehren, überlebendig und rätselhaft wie Sinnbilder alles Seins
entgegen.
Das Bild war weit gefördert und nahezu fertig. Das Vollenden der süßen
Kindergestalt hatte er sich zum Schlusse aufbehalten, daran dachte er
morgen oder übermorgen zu gehen.
Die Mittagszeit war überschritten, als der Maler Hunger verspürte und
auf die Uhr sah. Er wusch sich eilig, kleidete sich um und ging ins
Herrschaftshaus hinüber, wo er seine Frau ganz allein am Tische wartend
fand.
„Wo sind die Buben?“ fragte er verwundert.
„Sie sind ausgefahren. War Albert denn nicht bei dir?“
Nun erst fiel ihm Alberts Besuch wieder ein. Zerstreut und etwas
befangen begann er zu essen. Frau Adele beobachtete ihn, wie er
unachtsam und müde die Speisen zerschnitt. Sie hatte ihn eigentlich
nicht mehr zu Tische erwartet und es überraschte sie seinem
überanstrengten Gesichte gegenüber eine Art von Mitleid. Sie schwieg und
legte ihm vor, schenkte ihm Wein ins Glas, und er, eine unbestimmte
Freundlichkeit erfühlend, nahm sich zusammen, ihr etwas Angenehmes zu
sagen.
„Will Albert eigentlich Musiker werden?“ fragte er. „Ich glaube, er hat
viel Talent.“
„Ja, er ist begabt. Aber ich weiß nicht, ob er zum Künstler passen
würde. Zu wünschen scheint er es nicht. Er hat bis jetzt noch zu keinem
Beruf besondere Lust und sein Ideal wäre eine Art von Gentleman, der
gleichzeitig Sport und Studien, Geselligkeit und Kunst betriebe. Leben
wird er davon schwerlich können, das werde ich ihm mit der Zeit
klarmachen müssen. Einstweilen ist er ja fleißig und hat gute Manieren,
da mag ich ihn nicht unnütz stören und unruhig machen. Wenn er seine
Maturität gemacht hat, will er ohnehin zuerst Soldat werden. Später
sieht man weiter.“
Der Maler schwieg. Er schälte eine Banane und roch befriedigt an der
reifen, nahrhaft und mehlig duftenden Frucht.
„Wenn es dich nicht stört, möchte ich noch den Kaffee hier nehmen,“
sagte er schließlich.
Sein Ton war von schonender Freundlichkeit und etwas müde, als behage es
ihm, hier auszuruhen und es ein wenig gut zu haben.
„Ich lasse ihn sofort bringen. – Du hast viel gearbeitet?“
Das war ihr entschlüpft, beinahe ohne daß sie es wußte. Sie wollte
eigentlich nichts damit sagen; sie wollte nur, da es eben eine seltne
gute Stunde war, ein wenig Aufmerksamkeit zeigen, und das fiel nicht
leicht, da die Gewohnheit fehlte.
„Ja, ich habe ein paar Stunden gemalt,“ sagte ihr Mann trocken.
Es störte ihn, daß sie das fragte. Es war zwischen ihnen Sitte geworden,
daß von seiner Arbeit nie geredet werde, und viele von seinen neueren
Bildern hatte sie überhaupt nie gesehen.
Sie fühlte, daß der helle Augenblick verrinne, und sie tat nichts, ihn
zu halten. Und er, der schon die Hand nach seinem Etui ausgestreckt
hatte, um sich die Erlaubnis zu einer Zigarette zu erbitten, ließ die
Hand wieder sinken und hatte die Lust dazu verloren.
Doch trank er ohne Eile seinen Kaffee, tat noch eine Frage nach Pierre,
dankte mit Höflichkeit und blieb noch einige Minuten im Zimmer, ein
kleines Bild betrachtend, das er seiner Frau vor manchen Jahren
geschenkt hatte.
„Es hält sich gut,“ sagte er, halb zu sich selbst, „und sieht noch ganz
hübsch aus. Nur die gelben Blumen sind eigentlich entbehrlich, sie
ziehen zuviel Helligkeit da herüber.“
Frau Veraguth sagte nichts; es waren zufällig gerade die äußerst duftig
und fein gemalten gelben Blumen, die sie an dem Bilde vor allem gern
hatte.
Er wandte sich um und lächelte leicht.
„Auf Wiedersehen! Und langweile dich nicht zu sehr, bis die Jungen
zurückkommen.“
Damit ging er hinaus und die Treppe hinab. Unten sprang der Hund an ihm
in die Höhe. Er nahm seine Tatzen in die linke Hand zusammen,
streichelte ihn mit der rechten und sah ihm in die eifrigen Augen. Dann
rief er durchs Küchenfenster nach einem Stück Zucker, gab es dem Hunde,
warf einen Blick auf den sonnigen Rasenplatz und ging langsam ins
Atelier hinüber. Es war heute hübsch hier draußen, und eine herrliche
Luft; aber er hatte keine Zeit, er mußte arbeiten.
Im stillen, aufgelösten Licht der hohen Werkstatt stand sein Bild. Auf
einer grünen Fläche mit wenigen kleinen Wiesenblumen saßen die drei
Figuren: der Mann gebückt und in ein hoffnungsloses Grübeln vergraben,
die Frau ergeben wartend in enttäuschter Freudlosigkeit, das Kind hell
und arglos in den Blumen spielend, und über ihnen allen ein intensives,
wogendes Licht, das triumphierend im Raume flutete und in jedem
Blumenkelch mit derselben unbekümmerten Innigkeit aufstrahlte wie im
lichten Haar des Knaben und in dem kleinen Goldschmuck am Halse der
betrübten Frau.