Achtes Kapitel

Veraguth stand vor seinem großen Bilde mit den drei Figuren und malte am

Gewand der Frau, einem dünnen, blaugrünen Kleide, an dessen

Halsausschnitt ein kleiner Goldschmuck verloren und traurig glänzte und

allein das liebe Licht auffing, das auf dem beschatteten Gesicht keine

Stätte fand und an dem kühlen, blauen Gewande fremd und freudlos

niederglitt ... dasselbe Licht, das nebenan im hellen, offenen Haar des

schönen Kindes froh und innig spielte.

Es klopfte an der Türe und der Maler trat unwillig und gereizt zurück.

Als es nach einer kleinen Wartezeit nochmals pochte, ging er mit

heftigen Schritten zur Tür und öffnete einen schmalen Spalt.

Da stand Albert, der in der ganzen Ferienzeit das Atelierhaus nie

betreten hatte. Er hielt den Strohhut in der Hand und blickte etwas

unsicher in das nervöse Gesicht des Vaters.

Dieser ließ ihn eintreten.

„Guten Tag, Albert. Du kommst wohl, um dir meine Bilder anzusehen? Es

ist wenig da.“

„O, ich will gar nicht stören. Ich wollte nur schnell fragen ...“

Aber Veraguth hatte die Türe geschlossen und war an der Staffelei

vorüber zu einem graugestrichenen Lattengerüste gegangen, wo auf

schmalen, mit Rollen versehenen Böden seine Bilder standen. Er zog das

Bild mit den Fischen hervor.

Albert trat verlegen neben seinen Vater und beide blickten auf die

silbrig schimmernde Leinwand.

„Machst du dir eigentlich etwas aus der Malerei?“ fragte Veraguth

leichthin. „Oder freut dich nur die Musik?“

„O, ich habe Bilder sehr gern, und das hier ist wunderschön.“

„Gefällt es dir? Das freut mich. Ich lasse dir eine Photographie davon

machen. Und wie fühlst du dich denn wieder auf Roßhalde?“

„Danke, Papa, sehr gut. Aber ich wollte dich wirklich nicht stören, ich

kam nur wegen einer Kleinigkeit – –“

Der Maler hörte nicht. Er sah seinem Sohn zerstreut ins Gesicht, mit dem

langsam zugreifenden, etwas überanstrengten Blick, den er stets bei der

Arbeit hatte.

„Wie denkt ihr jungen Leute heutzutage eigentlich über die Kunst? Ich

meine, gilt da Nietzsche, oder liest man noch Taine – er war gescheit

aber langweilig, dieser Taine – oder habt ihr neue Ideen?“

„Taine kenne ich noch nicht. Über das hast du ja gewiß viel mehr

nachgedacht als ich.“

„Früher, ja, da war die Kunst und die Kultur und das Apollinische und

Dionysische und all das Zeug mir furchtbar wichtig. Aber heut bin ich

froh, wenn ich ein gutes Bild zusammenbringe, es sind keine Probleme

mehr dabei, jedenfalls keine philosophischen. Und wenn ich sagen müßte,

warum ich eigentlich ein Künstler bin und alle die Leinwand vollmale, so

würde ich sagen: ich male, weil ich keinen Schweif zum Wedeln habe.“

Erstaunt sah Albert seinen Vater an, der seit langem kein solches

Gespräch mehr mit ihm geführt hatte.

„Keinen Schweif? Wie meinst du das?“

„Sehr einfach. Hunde und Katzen und andere begabte Tiere haben einen

Schwanz, und nicht nur für das, was sie denken und fühlen und leiden,

sondern für jede Laune und Schwingung ihres Wesens und für jede feine

Wallung ihres Lebensgefühls hat ihr Schwanz mit tausend Schnörkeln eine

wunderbar vollkommene Arabeskensprache. Die haben wir nicht, und da die

Lebhafteren unter uns doch eben auch so etwas brauchen, so machen sie

sich eben Pinsel und Klaviere und Geigen ...“

Er brach ab, als interessiere ihn die Unterhaltung plötzlich nimmer,

oder als nehme er erst jetzt wahr, daß er allein rede und bei Albert

kein rechtes Echo finde.

„Also ich danke für den Besuch,“ sagte er unvermittelt.

Er war wieder vor seine Arbeit getreten, hatte die Palette an sich

genommen und starrte suchend auf den Fleck, wo der letzte Pinselstrich

saß.

„Verzeih, Papa, ich möchte dich etwas fragen –“

Veraguth wandte sich um, mit schon entfremdeten Blicken und außer

Zusammenhang mit den Dingen, die außerhalb seiner Arbeit lagen.

„Ja?“

„Ich möchte Pierre auf einen Ausflug im Wagen mitnehmen. Mama hat es

erlaubt, aber sie sagte, ich solle auch bei dir noch fragen.“

„Wohin wollt ihr denn fahren?“

„Ein paar Stunden weit über Land, vielleicht nach Pegolzheim.“

„So ... Wer kutschiert denn?“

„Ich natürlich, Papa.“

„Meinetwegen, nimm Pierre mit! Aber im Einspänner, mit dem Braunen. Und

daß er nicht zuviel Haber kriegt!“

„Ach, ich wäre viel lieber zweispännig gefahren!“

„Tut mir leid. Allein magst du fahren, wie du willst; aber wenn der

Kleine dabei ist, nur mit dem Braunen.“

Etwas enttäuscht zog Albert sich zurück. Zu andern Zeiten hätte er

getrotzt oder weiter gebeten, aber er sah, der Maler war schon wieder

ganz bei seiner Arbeit, und hier im Atelier und in der Atmosphäre seiner

Bilder imponierte ihm trotz aller inneren Gegenwehr der Vater doch

jedesmal so sehr, daß er ihm gegenüber, dessen Autorität er sonst nicht

anerkannte, sich erbärmlich knabenhaft und schwach fühlte.

Der Maler war alsbald wieder mitten in seiner Arbeit, die Unterbrechung

war vergessen und die Außenwelt verweht. Mit streng konzentriertem Blick

verglich er die Fläche der Leinwand mit dem lebendigen Bilde in seinem

Innern. Er fühlte die Musik des Lichtes, wie sein tönender Strom sich

verteilte und wiederfand, wie es an Widerständen ermüdete, wie es

aufgetrunken ward und unbesiegbar auf jeder empfänglichen Fläche neu

triumphierte, wie es in den Farben mit wählerischer, doch unfehlbarer

Laune in peinlichster Empfindlichkeit spielte, in tausend Brechungen

unzerstört und in tausend spielerischen Irrgängen untrüglich seinem

eingeborenen Gesetze treu. Und er kostete in tiefen Zügen die herbe Luft

der Kunst, die strenge Freude des Schöpfers, der sich selber bis zur

Grenze der Vernichtung hergeben muß, der das heilige Glück der Freiheit

nur im eisernen Bändigen jeder Willkür finden und die Augenblicke der

Erfüllung nur im asketischen Gehorsam gegen das Wahrhaftigkeitsgefühl

erleben kann.

Es war seltsam und betrübend, doch nicht seltsamer und trauriger als

alles Menschengeschick: dieser beherrschte Künstler, dem nur aus

tiefster Wahrhaftigkeit und aus unerbittlich klarer Konzentration zu

arbeiten möglich schien, dieser selbe Mann, in dessen Werkstatt keine

Laune und keine Unsicherheit Raum gewann, er war in seinem Leben ein

Dilettant und gescheiterter Glücksucher gewesen, und er, der keine

mißglückte Tafel oder Leinwand aus den Händen gab, litt tief unter der

dunkeln Last ungezählter mißglückter Tage und Jahre, mißglückter Liebes-

und Lebensversuche.

Ihm kam es nicht zum Bewußtsein. Er hatte seit langem das Bedürfnis

verloren, sein Leben klar vor sich auszubreiten. Er hatte gelitten und

sich gegen das Leid gewehrt, in Empörung und in Resignation, und er

hatte damit geendet, die Dinge ihren Weg gehen zu lassen und sich nur

seine Arbeit zu erhalten. Und es war seiner zähen Natur gelungen, seine

Künstlerschaft beinahe um das reicher und tiefer und glühender zu

machen, was sein Leben an Reichtum, Tiefe und Wärme verlor. Einsam und

geharnischt saß er nun wie ein Verzauberter, eingesponnen in seinen

Künstlerwillen und rücksichtslosen Fleiß, und sein Wesen war gesund und

eigenwillig genug, die Armut dieses Daseins nicht zu sehen und nicht

anerkennen zu wollen.

So war es bis vor kurzem gewesen, bis der Freundesbesuch ihn

aufgerüttelt hatte. Seither umgab den Einsamen eine beängstigende Ahnung

von Gefahr und Schicksalsnähe, er fühlte Kämpfe und Prüfungen auf sich

warten, in denen nicht seine Kunst und nicht sein Fleiß ihn retten

konnten. Sein beschädigtes Menschentum witterte Sturm und fand keine

Wurzeln und Kräfte in sich, ihn auszuhalten. Und nur langsam wollte

seine vereinsamte Seele sich an den Gedanken gewöhnen, es müsse nun

nächstens der Kelch verschuldeten Leides bis zur Hefe ausgetrunken

werden.

Im Kampf wider diese drohenden Ahnungen und in der Scheu vor klaren

Gedanken oder gar Entschlüssen zog sich des Malers ganze Natur, als sei

es vielleicht zum letzten Male, nochmals in einer ungeheuren Anstrengung

zusammen wie ein verfolgtes Tier zum rettenden Sprunge, und so schuf

Johann Veraguth in diesen Tagen der inneren Beängstigung mit einem

verzweifelten Zusammenraffen eines seiner größten und schönsten Werke,

das spielende Kind zwischen den gebeugten leidvollen Gestalten der

Eltern. Vom selben Boden getragen, von derselben Luft umflossen und vom

selben Licht beschienen hauchten die Figuren des Mannes und Weibes Tod

und bitterste Kühle aus, indessen goldig und frohlockend in ihrer Mitte

das Kind selig wie im eigenen Lichte leuchtete. Und wenn später, seinem

eigenen bescheidenen Urteil entgegen, einige Bewunderer den Maler

dennoch zu den wirklich Großen rechneten, so taten sie es vor allem

dieses Bildes wegen, das so schmerzlich voll von Seele war, obwohl es

nichts zu sein begehrte als ein vollkommenes Stück Handwerk.

In diesen Stunden wußte Veraguth nichts von Schwäche und Angst, nichts

von Leid und Schuld und verfehltem Leben. Er war nicht froh noch

traurig, von seinem Werk gebannt und aufgesogen atmete er die kalte Luft

schöpferischer Einsamkeit und begehrte nichts von der Welt, die ihm

versunken und vergessen war. Rasch und sicher, mit vor Anstrengung

vorquellenden Augen, setzte er in kleinen, schneidigen Drückern die

Farbe hin, trieb einen Schatten tiefer zurück, löste ein schwebendes

Blatt, eine spielende Locke freier und weicher im Lichte auf. Dabei

dachte er nicht im mindesten an das, was sein Bild ausdrückte. Das war

erledigt, das war eine Idee, ein Einfall gewesen; jetzt ging es nicht um

Bedeutungen, Gefühle und Gedanken, sondern um reine Wirklichkeit. Er

hatte sogar den Ausdruck der Gesichter wieder abgeschwächt und nahezu

ausgelöscht, es lag ihm nichts am Dichten und Erzählen, und die um ein

Knie gebauschte Mantelfalte war ihm so wichtig und heilig wie die

gesenkte Stirn und der geschlossene Mund. Auf dem Bilde sollte nichts zu

sehen sein als drei Menschen in vollkommenster Gegenständlichkeit, jeder

durch Raum und Luft den andern verbunden, jeder dennoch umflossen von

der Einzigkeit, die jedes tiefgeschaute Gebilde aus der nebensächlichen

Welt der Beziehungen losreißt und den Beschauer mit schauerndem

Erstaunen über die schicksalhafte Notwendigkeit jeder Erscheinung

erfüllt. So blicken uns aus Bildern toter Meister fremde

Menschengestalten, deren Namen wir nicht wissen und nicht zu wissen

begehren, überlebendig und rätselhaft wie Sinnbilder alles Seins

entgegen.

Das Bild war weit gefördert und nahezu fertig. Das Vollenden der süßen

Kindergestalt hatte er sich zum Schlusse aufbehalten, daran dachte er

morgen oder übermorgen zu gehen.

Die Mittagszeit war überschritten, als der Maler Hunger verspürte und

auf die Uhr sah. Er wusch sich eilig, kleidete sich um und ging ins

Herrschaftshaus hinüber, wo er seine Frau ganz allein am Tische wartend

fand.

„Wo sind die Buben?“ fragte er verwundert.

„Sie sind ausgefahren. War Albert denn nicht bei dir?“

Nun erst fiel ihm Alberts Besuch wieder ein. Zerstreut und etwas

befangen begann er zu essen. Frau Adele beobachtete ihn, wie er

unachtsam und müde die Speisen zerschnitt. Sie hatte ihn eigentlich

nicht mehr zu Tische erwartet und es überraschte sie seinem

überanstrengten Gesichte gegenüber eine Art von Mitleid. Sie schwieg und

legte ihm vor, schenkte ihm Wein ins Glas, und er, eine unbestimmte

Freundlichkeit erfühlend, nahm sich zusammen, ihr etwas Angenehmes zu

sagen.

„Will Albert eigentlich Musiker werden?“ fragte er. „Ich glaube, er hat

viel Talent.“

„Ja, er ist begabt. Aber ich weiß nicht, ob er zum Künstler passen

würde. Zu wünschen scheint er es nicht. Er hat bis jetzt noch zu keinem

Beruf besondere Lust und sein Ideal wäre eine Art von Gentleman, der

gleichzeitig Sport und Studien, Geselligkeit und Kunst betriebe. Leben

wird er davon schwerlich können, das werde ich ihm mit der Zeit

klarmachen müssen. Einstweilen ist er ja fleißig und hat gute Manieren,

da mag ich ihn nicht unnütz stören und unruhig machen. Wenn er seine

Maturität gemacht hat, will er ohnehin zuerst Soldat werden. Später

sieht man weiter.“

Der Maler schwieg. Er schälte eine Banane und roch befriedigt an der

reifen, nahrhaft und mehlig duftenden Frucht.

„Wenn es dich nicht stört, möchte ich noch den Kaffee hier nehmen,“

sagte er schließlich.

Sein Ton war von schonender Freundlichkeit und etwas müde, als behage es

ihm, hier auszuruhen und es ein wenig gut zu haben.

„Ich lasse ihn sofort bringen. – Du hast viel gearbeitet?“

Das war ihr entschlüpft, beinahe ohne daß sie es wußte. Sie wollte

eigentlich nichts damit sagen; sie wollte nur, da es eben eine seltne

gute Stunde war, ein wenig Aufmerksamkeit zeigen, und das fiel nicht

leicht, da die Gewohnheit fehlte.

„Ja, ich habe ein paar Stunden gemalt,“ sagte ihr Mann trocken.

Es störte ihn, daß sie das fragte. Es war zwischen ihnen Sitte geworden,

daß von seiner Arbeit nie geredet werde, und viele von seinen neueren

Bildern hatte sie überhaupt nie gesehen.

Sie fühlte, daß der helle Augenblick verrinne, und sie tat nichts, ihn

zu halten. Und er, der schon die Hand nach seinem Etui ausgestreckt

hatte, um sich die Erlaubnis zu einer Zigarette zu erbitten, ließ die

Hand wieder sinken und hatte die Lust dazu verloren.

Doch trank er ohne Eile seinen Kaffee, tat noch eine Frage nach Pierre,

dankte mit Höflichkeit und blieb noch einige Minuten im Zimmer, ein

kleines Bild betrachtend, das er seiner Frau vor manchen Jahren

geschenkt hatte.

„Es hält sich gut,“ sagte er, halb zu sich selbst, „und sieht noch ganz

hübsch aus. Nur die gelben Blumen sind eigentlich entbehrlich, sie

ziehen zuviel Helligkeit da herüber.“

Frau Veraguth sagte nichts; es waren zufällig gerade die äußerst duftig

und fein gemalten gelben Blumen, die sie an dem Bilde vor allem gern

hatte.

Er wandte sich um und lächelte leicht.

„Auf Wiedersehen! Und langweile dich nicht zu sehr, bis die Jungen

zurückkommen.“

Damit ging er hinaus und die Treppe hinab. Unten sprang der Hund an ihm

in die Höhe. Er nahm seine Tatzen in die linke Hand zusammen,

streichelte ihn mit der rechten und sah ihm in die eifrigen Augen. Dann

rief er durchs Küchenfenster nach einem Stück Zucker, gab es dem Hunde,

warf einen Blick auf den sonnigen Rasenplatz und ging langsam ins

Atelier hinüber. Es war heute hübsch hier draußen, und eine herrliche

Luft; aber er hatte keine Zeit, er mußte arbeiten.

Im stillen, aufgelösten Licht der hohen Werkstatt stand sein Bild. Auf

einer grünen Fläche mit wenigen kleinen Wiesenblumen saßen die drei

Figuren: der Mann gebückt und in ein hoffnungsloses Grübeln vergraben,

die Frau ergeben wartend in enttäuschter Freudlosigkeit, das Kind hell

und arglos in den Blumen spielend, und über ihnen allen ein intensives,

wogendes Licht, das triumphierend im Raume flutete und in jedem

Blumenkelch mit derselben unbekümmerten Innigkeit aufstrahlte wie im

lichten Haar des Knaben und in dem kleinen Goldschmuck am Halse der

betrübten Frau.

Rosshalde · 第 13 / 42 题