Erstes Kapitel

Als vor zehn Jahren Johann Veraguth Roßhalde gekauft und bezogen hatte,

war sie ein verwahrloster alter Herrensitz mit zugewachsenen

Gartenwegen, vermoosten Bänken, brüchigen Treppenstufen und

undurchdringlich verwildertem Park gewesen, und es standen damals auf

dem wohl acht Morgen großen Grundstück keine anderen Gebäude als das

schöne, etwas verkommene Herrenhaus mit dem Stall und ein kleines

tempelartiges Lusthäuschen im Park, dessen Portal schief in verbogenen

Angeln hing und an dessen einst mit blauer Seide tapezierten Wänden Moos

und Schimmel wuchs.

Sofort nach dem Kauf des Gutes hatte der neue Besitzer das baufällige

Tempelchen niedergerissen und nur die zehn alten Steinstufen stehen

lassen, die von der Schwelle dieses Liebeswinkels an den Rand des

Weihers hinabführten. An Stelle des Parkhäuschens wurde damals Veraguths

Atelier erbaut, und sieben Jahre lang hatte er hier gemalt und den

größeren Teil seiner Tage zugebracht, seine Wohnung aber drüben im

Herrenhaus gehabt, bis die zunehmenden Zerwürfnisse in seiner Familie

ihn dazu gebracht hatten, seinen älteren Sohn zu entfernen und auf

auswärtige Schulen zu schicken, das Herrenhaus der Frau und Dienerschaft

zu überlassen und für seinen eigenen Bedarf zwei Zimmer an das Atelier

anzubauen, wo er nun seither wie ein Junggeselle wohnte. Es war schade

um das schöne herrschaftliche Haus; Frau Veraguth brauchte mit dem

siebenjährigen Pierre nur das obere Geschoß, sie empfing wohl Besuche

und Gäste, aber niemals größere Gesellschaft, und so stand eine Reihe

von Räumen jahraus jahrein leer.

Der kleine Pierre war nicht nur der Liebling beider Eltern und das

einzige Band zwischen Vater und Mutter, das eine Art von Verkehr

zwischen Herrenhaus und Atelierhaus aufrechterhielt; er war eigentlich

auch der einzige Herr und Besitzer der Roßhalde. Herr Veraguth bewohnte

ausschließlich sein Atelier und die Gegend um den Waldsee sowie den

ehemaligen Wildpark, seine Frau herrschte drüben im Haus, ihr gehörte

der Rasenplan, der Lindengarten und der Kastaniengarten, und jedes

sprach im Gebiete des anderen nur selten und gastweise vor, von den

Mahlzeiten abgesehen, die der Maler meistens im Herrenhause einnahm. Der

kleine Pierre war der einzige, der diese Trennung des Lebens und Teilung

der Gebiete nicht anerkannte und kaum von ihr wußte. Er lief im alten

wie im neuen Hause gleich sorglos aus und ein, er war im Atelier und in

des Vaters Bibliothek ebenso heimisch wie im Korridor und Bildersaal

drüben oder in den Zimmern der Mutter, ihm gehörten die Erdbeeren im

Kastaniengarten, die Blumen im Lindengarten, die Fische im Waldsee, die

Badehütte, die Gondel. Er fühlte sich als Herr und als Schützling bei

den Mädchen der Mutter wie bei Papas Diener Robert, er war der Sohn der

Hausfrau für die Besuche und Gäste der Mutter, und war der Sohn des

Malers für die Herren, die zuweilen in Papas Atelier kamen und

französisch sprachen, und Bildnisse des Knaben, Gemälde und

Photographien, hingen im Schlafzimmer des Vaters wie im alten Hause in

den hellfarbig tapezierten Stuben der Mutter. Pierre hatte es sehr gut,

es ging ihm sogar besser als solchen Kindern, deren Eltern in gutem

Einvernehmen leben; es herrschte kein Programm über seine Erziehung, und

wenn ihm je einmal auf mütterlichem Gebiete der Boden heiß wurde, so bot

die Gegend um den Waldsee ihm eine sichere Zuflucht.

Er war längst zu Bette und seit elf Uhr war im Herrenhaus das letzte

helle Fenster erloschen. Da kam, spät nach Mitternacht, Johann Veraguth

allein zu Fuße aus der Stadt zurück, wo er mit Bekannten den Abend im

Wirtshaus zugebracht hatte. Beim Gang durch die laue, wolkige

Frühsommernacht war die Atmosphäre von Wein und Rauch, von erhitztem

Gelächter und verwegenen Witzen von ihm abgefallen, er atmete bewußt die

leicht gespannte, feuchtwarme Nachtluft und schritt aufmerksam auf der

Straße zwischen schon hochstehenden, dunkeln Getreidefeldern der

Roßhalde entgegen, deren hohe Wipfelmassen groß und still im bleichen

nächtlichen Himmel standen.

Er ging am Eingang des Gutes vorbei, ohne einzutreten, sah einen

Augenblick nach dem Herrenhaus hinüber, dessen lichte Fassade edel und

lockend vor der schwarzen Baumfinsternis schimmerte, und betrachtete das

schöne Bild minutenlang mit dem Genuß und mit der Fremdheit eines

vorüberkommenden Wanderers; dann ging er noch ein paar hundert Schritte

die hohe Hecke entlang bis zu der Stelle, wo er sich einen Durchschlupf

und heimlichen Waldweg zum Atelier bereitet hatte. Mit wachen Sinnen

schritt der kräftige, kleine Mann durch den finsteren, waldig

verwilderten Park seiner Wohnstätte zu, die plötzlich vor ihm lag, da,

wo die Wipfelfinsternis über dem See auseinandergezogen erschien und im

weiten Rund der matte graue Himmel sichtbar wurde.

Der kleine See stand fast schwarz in vollkommener Stille, nur wie eine

unendlich dünne Haut oder ein feiner Staub lag das schwache Licht über

dem Wasser. Veraguth sah auf die Uhr, es war bald eins. Er schloß eine

Seitentür des kleinen Gebäudes auf, die in seinen Wohnraum führte. Hier

zündete er eine Kerze an und legte rasch die Kleider ab, trat nackt ins

Freie hinaus und stieg langsam die breiten flachen Steinstufen hinab in

das Wasser, das vor seinen Knien in kleinen, weichen Ringen flüchtig

aufblinkte. Er tauchte unter, schwamm eine kleine Strecke weit in den

See, fühlte plötzlich die Müdigkeit nach einem ungewohnt verbrachten

Abend, kehrte um und trat triefend ins Haus. Er warf einen zottigen

Bademantel um, strich das Wasser aus seinen kurz geschorenen Haaren und

ging barfuß über einige Stufen zum Atelier hinauf, einem ungeheuren fast

leeren Raum, wo er alsbald mit einigen ungeduldigen Bewegungen alle

elektrischen Lichter andrehte.

Hastig lief er zu einer Staffelei, wo eine kleine Leinwand stand, seine

Arbeit der letzten Tage. Mit auf die Knie gestützten Händen stellte er

sich gebückt vor dem Bilde auf und starrte mit weit aufgerissenen Augen

auf die Fläche, deren frische Farben das grelle Licht spiegelten. So

verharrte er zwei, drei Minuten, schweigend und starrend, daß die Arbeit

bis zum letzten Pinselstrich ihm wieder lebendig in den Augen stand; es

war seit Jahren seine Gewohnheit, vor Arbeitstagen keine andere

Vorstellung mit ins Bett und in den Schlaf zu nehmen, als die des

Bildes, an dem er malte. Er löschte die Lichter, griff nach der Kerze

und ging zum Schlafzimmer, an dessen Türe eine kleine Schreibtafel und

Kreide angehängt war. „Sieben Uhr wecken, Kaffee neun Uhr“ schrieb er

mit starken römischen Buchstaben darauf; schloß die Türe hinter sich und

legte sich ins Bett. Mit offenen Augen lag er noch eine kurze Weile

bewegungslos und zwang mit Anstrengung das Bild seiner Arbeit vor seine

Sinne. Damit gesättigt schloß er die klaren grauen Augen, seufzte leise

auf und fiel rasch in den Schlaf.

Am Morgen weckte ihn Robert zur bestimmten Zeit, er erhob sich sofort,

wusch sich in einem kleinen Nebenraum im fließenden kalten Wasser,

schlüpfte in einen groben, stark verwaschenen Anzug von grauem Leinen

und ging ins Atelier hinüber, dessen mächtige Rolladen der Diener schon

aufgezogen hatte. Auf einem kleinen Tischchen stand ein Teller voll

Obst, eine Wasserkaraffe und ein Stück Roggenbrot, das er nachdenklich

in die Hand nahm und anbiß, während er sich vor die Staffelei stellte

und sein Bild betrachtete. Er aß im Auf- und Abschreiten ein paar Bissen

Brot, fischte ein paar Kirschen aus dem Glasteller, sah einige Briefe

und Zeitungen daliegen, die er nicht beachtete, und saß gleich darauf

gebannt im Feldstuhl vor der Arbeit.

Das kleine Bild in Breitformat stellte eine Morgenfrühe dar, wie sie der

Maler vor einigen Wochen auf einer Reise gesehen und in mehreren Skizzen

notiert hatte. Er war in einem kleinen Landwirtshause am Oberrhein

abgestiegen, hatte den Kollegen, den er am Ort besuchen wollte, nicht

angetroffen, einen unerfreulichen Regenabend in der qualmigen Wirtsstube

und eine schlechte Nacht in einem kalkig-modrig riechenden feuchten

Gastzimmerchen verbracht. Noch vor Sonnenaufgang aus seichtem Schlummer

heiß und übellaunig erwacht, hatte er die Haustüre noch verschlossen

gefunden, war durch ein Fenster der Wirtsstube ins Freie gestiegen,

hatte nebenan am Rheinufer einen Kahn losgemacht und war in den schwach

strömenden, noch dämmerigen Fluß hinausgerudert. Eben als er umkehren

wollte, sah er vom jenseitigen Ufer her einen Ruderer sich

entgegenkommen, das schwach zuckende kalte Licht des milchig

regnerischen Tagesanbruchs umfloß den dunkeln Umriß und ließ das

Fischerboot übermäßig groß erscheinen. Von dem Anblick und dem

eigentümlichen Licht plötzlich getroffen und innerlichst gefesselt,

hatte er halt gemacht und den Mann näherkommen lassen, der bei einem

schwimmenden Netzzeichen anhielt und eine Reuse aus dem kühlen Wasser

emporzog. Zwei breite mattsilbrige Fische kamen zum Vorschein,

naßglänzend schimmerten sie einen Augenblick über dem grauen Strome und

fielen mit einem schnalzenden Klang in des Fischers Boot. Veraguth hatte

alsbald den Mann warten heißen, das notdürftigste Malzeug geholt und

eine Skizze in Wasserfarben gemacht, war einen Tag am Ort geblieben,

zeichnend und lesend, und hatte andern Tages in der Frühe nochmals

draußen gemalt, war weiter gereist und hatte sich seither immer wieder

in Gedanken von dem Bilde beschäftigt und gequält gesehen, bis es Form

gewann, und nun saß er seit Tagen daran und war nahezu fertig geworden.

Ihm, der am liebsten bei voller Sonne oder auch im warmen, gebrochenen

Wald- und Parklicht malte, hatte die flutende Silberkühle des Bildes

viel zu schaffen gemacht, aber sie hatte ihm einen neuen Klang gegeben,

gestern war die Lösung vollends geglückt und nun fühlte er, daß er vor

einer guten, ungewöhnlichen Arbeit saß, bei der es nicht im Festhalten

und löblichen Abschildern sein Bewenden hatte, sondern wo ein Augenblick

aus dem gleichgültigen rätselhaften Sein und Geschehen der Natur die

gläserne Oberfläche durchbrach und den wilden großen Atem der

Wirklichkeit spüren ließ.

Mit aufmerksamen Augen hing der Maler an dem Bilde und wog die Töne auf

der Palette, die seiner gewohnten kaum mehr glich und fast alle roten

und gelben Farben verloren hatte. Das Wasser und die Luft war fertig, es

rann ein fröstelnd kaltes, unwilliges Licht über die Fläche,

schattenhaft schwammen Gebüsche und Pfähle des Ufers in der feuchten,

fahlen Dämmerung, unwirklich und aufgelöst stand der grobe Kahn im

Wasser, auch das Gesicht des Fischers war ohne Wesen und Sprache, nur

seine ruhig nach den Fischen greifende Hand war voll unerbittlicher

Wirklichkeit. Das eine von den Tieren sprang glitzernd über den Rand des

Bootes, das andere lag flach und still, und sein geöffnetes rundes Maul

und erschrocken starres Auge war voll vom Weh der Kreatur. Das Ganze war

kalt und beinahe bis zur Grausamkeit traurig, aber still und

unangreifbar und ohne eine andere Symbolik als jene einfache, ohne die

kein Kunstwerk sein kann und die uns die bedrückende Unbegreiflichkeit

der ganzen Natur nicht nur fühlen, sondern mit einem gewissen süßen

Erstaunen lieben läßt.

Als der Maler wohl zwei Stunden an der Arbeit gesessen hatte, klopfte

der Diener und trat auf den zerstreuten Anruf seines Herrn mit dem

Frühstück herein. Er trug leise die Kannen, Tasse und Teller auf, rückte

einen Stuhl zurecht, wartete eine Weile schweigend und mahnte dann

vorsichtig: „Es ist eingeschenkt, Herr Veraguth.“

„Ich komme,“ rief der Maler und rieb einen Pinselstrich, den er soeben

am Schwanz des springenden Fisches gemacht hatte, mit dem Daumen wieder

weg. „Ist warmes Wasser da?“

Er wusch seine Hände und setzte sich zum Kaffee.

„Sie könnten mir eine Pfeife stopfen, Robert,“ sagte er munter. „Die

kleine ohne Deckel, sie muß im Schlafzimmer liegen.“

Der Diener lief. Veraguth trank mit Inbrunst den starken Kaffee und

fühlte die leise Ahnung von Schwindel und Zusammenbruch, die ihn

neuerdings nach angestrengter Arbeit zuweilen anflog, zergehen wie

Morgennebel.

Er nahm dem Diener die Pfeife ab, ließ sich Feuer geben und sog mit Gier

den aromatischen Rauch ein, der die Wirkung des Kaffees verstärkte und

verfeinerte. Er deutete auf sein Bild und sagte: „Sie haben als Junge

geangelt, Robert, nicht wahr?“

„Wohl, Herr Veraguth.“

„Sehen Sie sich einmal den Fisch dort an, nicht den in der Luft, den

andern unten mit dem offenen Maul. Ist das Maul richtig?“

„Es ist schon richtig,“ sagte Robert mißtrauisch. „Aber das wissen Sie

besser als ich,“ fügte er mit einem Ton von Vorwurf hinzu, als fühle er

einen Spott in der Frage.

„Nein, Verehrter, das stimmt nicht. Der Mensch erlebt das, was ihm

zukommt, nur in der ersten Jugend in der ganzen Schärfe und Frische, so

bis zum dreizehnten, vierzehnten Jahr, und von dem zehrt er sein Leben

lang. Ich habe als Junge nie mit Fischen zu tun gehabt, darum frage ich.

Also, ist die Schnauze recht so?“

„Sie ist gut, da fehlt nichts,“ urteilte Robert geschmeichelt.

Veraguth war schon wieder aufgestanden und prüfte seine Palette. Robert

sah ihn an. Er kannte diese beginnende Konzentriertheit des Blickes, die

ihn beinahe glasig erscheinen ließ, und wußte, daß jetzt er und der

Kaffee, die kleine Unterhaltung von vorhin und alles das in dem Manne

untersinke, und wenn er in einigen Minuten ihn anriefe, würde er wie aus

einem tiefen Schlaf erwachen. Aber das war gefährlich. Robert räumte ab,

da sah er die Post unberührt liegen.

„Herr Veraguth!“ rief er halblaut.

Der Maler war noch erreichbar. Feindselig fragend blickte er über die

Schulter zurück, genau wie ein Ermüdeter, der dem Einschlummern nahe war

und nochmals angerufen wird.

„Es sind Briefe da.“

Damit ging Robert hinaus. Veraguth drückte nervös ein Häufchen

Kobaltblau auf die Palette, warf die Tube auf den kleinen

blechbeschlagenen Maltisch, begann zu mischen, fühlte sich aber durch

die Mahnung des Dieners gestört, so daß er ärgerlich die Palette

weglegte und die Briefe an sich nahm.

Es waren die üblichen Geschäftssachen, die Aufforderung, sich an einer

Ausstellung zu beteiligen, die Bitte einer Zeitungsredaktion um

Mitteilung von Daten aus seinem Leben, eine Rechnung – aber da fuhr der

Anblick einer wohlbekannten Handschrift ihm wie ein süßer Schauder in

die Seele, er nahm den Brief an sich und las mit Genuß seinen eigenen

Namen und jedes Wort der Adresse, wohlig in die Beobachtung der freien,

eigenwillig charaktervollen Schriftzüge vertieft. Dann bemühte er sich,

den Poststempel zu lesen. Die Briefmarke war italienisch, es konnte nur

Neapel oder Genua sein, und dann war also der Freund schon in Europa,

schon ganz nahe, und konnte in wenigen Tagen hier sein.

Mit Rührung öffnete er den Brief und sah mit Befriedigung die kleinen

schnurgeraden Zeilen in ihrer strengen Ordnung stehen. Wenn er sich

recht besann, so waren seit fünf, sechs Jahren diese seltenen Briefe des

ausländischen Freundes die einzigen reinen Freuden gewesen, die er

gehabt hatte, die einzigen außer der Arbeit und außer den Stunden des

Umgangs mit dem kleinen Pierre. Und wie jedesmal, so befiel ihn auch

jetzt mitten in der frohen Erwartung ein unklares, peinliches Gefühl von

Beschämung, indem die Verarmung und Lieblosigkeit seines Lebens ihm ins

Bewußtsein trat. Langsam las er:

Neapel, 2. Juni nachts.

Lieber Johann!

Wie gewöhnlich sind ein Mundvoll Chianti mit fetten Makkaroni und das

Gebrüll einiger Hausierer vor der Schenke die ersten Zeichen der

europäischen Kultur, der ich mich wieder nähere. Hier in Neapel ist seit

fünf Jahren nichts verändert, weit weniger als in Singapore oder

Schanghai, und ich nehme es als ein gutes Zeichen dafür, daß ich auch

daheim alles in Ordnung finden soll. Übermorgen kommen wir nach Genua,

da holt mein Neffe mich ab und ich fahre mit ihm zu den Verwandten, wo

mich diesmal keine überwallenden Sympathien erwarten, denn ich habe in

den letzten vier Jahren, ehrlich gerechnet, keine zehn Taler verdient.

Ich rechne für die ersten Ansprüche der Familie vier, fünf Tage, dann

Geschäftliches in Holland, sagen wir wieder fünf, sechs Tage, so daß ich

etwa am 16. oder so zu Dir kommen könnte. Das wirst Du telegraphisch

erfahren. Ich möchte mindestens zehn oder vierzehn Tage bei Dir bleiben,

weißt Du, und Dich in der Arbeit stören. Du bist schauderhaft berühmt

geworden und wenn das, was Du vor etwa zwanzig Jahren über Erfolg und

Berühmtheiten zu sagen pflegtest, nur halbwegs richtig war, mußt Du

inzwischen bedeutend verkalkt und vertrottelt sein. Ich will Dir auch

Bilder abkaufen, und meine obige Klage über die schlechten Geschäfte ist

ein Versuch, auf Deine Preise zu drücken.

Man wird älter, Johann. Es war meine zwölfte Fahrt durchs Rote Meer, und

zum erstenmal habe ich unter der Hitze gelitten. Wir hatten 46 Grad.

Herrgott, Alter, noch vierzehn Tage! Es wird Dich einige Dutzend

Flaschen Mosel kosten. Es sind mehr als vier Jahre seit dem letztenmal.

Brieflich bin ich zwischen dem 9. und 14. in Antwerpen, Hotel de

l’Europe, zu erreichen. Falls Du irgendwo, wo ich durchreise, Bilder

ausgestellt hast, laß mich’s wissen!

Dein Otto.

Vergnügt überlas er den kurzen Brief mit den gesunden, strammen

Buchstaben und temperamentvollen Satzzeichen noch einmal, suchte aus der

Lade des kleinen Schreibtisches in der Ecke einen Kalender heraus und

nickte, darin lesend, mit Befriedigung vor sich hin. Es würden noch bis

zur Mitte des Monats über zwanzig Bilder von ihm in Brüssel ausgestellt

sein, das traf sich glücklich. So würde der Freund, dessen scharfen

Blick er ein wenig fürchtete und dem die Zerrüttung seines Lebens in den

letzten Jahren nicht verborgen bleiben konnte, wenigstens einen ersten

Eindruck von ihm haben, auf den er stolz sein konnte. Das erleichterte

alles. Er stellte sich Otto vor, wie er in seiner ein wenig massiven

Überseeereleganz durch den Brüsseler Saal ging und seine Bilder

betrachtete, seine besten Bilder, und für einen Augenblick freute er

sich herzlich, daß er sie zu jener Ausstellung hergegeben hatte, obwohl

nur wenige davon noch verkäuflich waren. Und er schrieb sofort ein

Billett nach Antwerpen.

„Er weiß noch alles,“ dachte er dankbar, „es stimmt, wir haben das

letztemal fast nur Mosel getrunken, und einen Abend haben wir sogar

richtig gezecht.“

Er dachte nach und fand, es sei gewiß kein Moselwein mehr im Keller, den

er selbst sehr selten besuchte, und er beschloß, noch heute eine Sendung

zu bestellen.

Nun setzte er sich aufs neue vor die Arbeit, fand sich aber zerstreut

und innerlich unruhig und kam nicht wieder zur reinen Konzentration, bei

welcher die guten Einfälle ungerufen dastehen. So stellte er die Pinsel

in einen Becher, steckte den Brief seines Freundes zu sich und

schlenderte mit unentschlossenen Schritten ins Freie hinaus. Der See

blitzte ihm mit heftiger Spiegelung entgegen, es war ein wolkenloser

Sommertag aufgegangen und der durchsonnte Park hallte von vielen

Vogelstimmen wider.

Er sah auf die Uhr. Pierres Morgenlektionen mußten vorüber sein. Und er

strich ziellos durch den Park, blickte zerstreut die braunen, mit

Sonnenflecken bedeckten Wege entlang, horchte nach dem Hause hinüber,

ging an Pierres Spielplatz mit der Schaukel und dem Sandhaufen vorbei.

Schließlich kam er in die Nähe des Küchengartens und schaute mit

flüchtigem Interesse in die hohen Kronen der Roßkastanien hinauf, auf

deren schattentiefen Blättermassen die letzten freudig hellen

Blütenkerzen standen. Bienen schwärmten mit wellig leisem Geläute um die

vielen halboffenen Rosenknospen der Gartenhecke, durch das dunkle Laub

der Bäume her tat die frohe kleine Turmuhr des Herrschaftshauses ein

paar Schläge. Sie schlug falsch, und Veraguth dachte wieder an Pierre,

dessen höchster Wunsch und Ehrgeiz es war, später einmal, wenn er größer

wäre, das alte Schlagwerk wieder in Ordnung zu bringen.

Da hörte er jenseits der Hecke Stimmen und Schritte, die in der sonnigen

Gartenluft mit Bienensummen und Vogelrufen, mit dem träge hinziehenden

Duft der Buschnelkenrabatte und der Bohnenblüten gedämpft und zart

zusammenklangen. Es war seine Frau mit Pierre, und er blieb stehen und

lauschte aufmerksam hinüber.

„Sie sind noch nicht reif, du mußt noch ein paar Tage warten,“ hörte er

die Mutter sagen.

Ein lachendes Gezwitscher der Knabenstimme gab Antwort, und die

friedevolle grüne Gartenwelt und das sanft tönende verwehte

Kindergespräch in der erwartungsvollen Sommerstille klang dem Manne

einen flüchtig zarten Augenblick lang wie aus dem fernen Garten der

eigenen Kindheit herüber. Er trat an die Hecke und spähte zwischen den

Ranken hindurch in den Garten, wo seine Frau im Morgenkleid auf dem

sonnigen Wege stand, eine Blumenschere in der Hand und einen braunen

leichten Korb am Arm. Sie war kaum zwanzig Schritte von der Hecke

entfernt.

Der Maler betrachtete sie einen Augenblick. Die große Gestalt mit dem

ernsthaften und enttäuschten Frauengesicht bückte sich über die Blumen,

der große schlaffe Strohhut beschattete das ganze Gesicht.

„Wie heißen die Blumen da?“ fragte Pierre. In seinen braunen Haaren

spielte das Licht, die nackten Beine standen mager und sonnenbraun in

der Helle, und wenn er sich bückte, sah man im weiten Ausschnitt seiner

Bluse unter dem braungebrannten Nacken die weiße Haut des Rückens

hervorschimmern.

„Buschnelken,“ sagte die Mutter.

„Ja, das weiß ich,“ fuhr Pierre fort, „aber ich muß wissen, wie die

Bienen zu ihnen sagen. In der Bienensprache müssen sie doch auch einen

Namen haben.“

„Gewiß, aber den kann man nicht wissen, den wissen nur die Bienen

selber. Vielleicht heißen sie sie Honigblumen.“

Pierre dachte nach.

„Das ist nichts,“ entschied er dann. „Im Klee finden sie gerade soviel

Honig, und in den Kapuzinern auch, und sie können doch nicht für alle

Blumen den gleichen Namen haben.“

Aufmerksam sah der Knabe einer Biene zu, die einen Nelkenkelch umflog,

mit surrenden Flügeln davor in der Luft stillhielt und dann begierig in

die rosige Höhlung eindrang.

„Honigblumen!“ dachte er geringschätzig und schwieg. Er hatte es längst

erfahren, daß man gerade die hübschesten und interessantesten Dinge

nicht wissen und erklären kann.

Veraguth stand hinter der Hecke und hörte zu, er betrachtete das ruhige,

ernsthafte Gesicht seiner Frau und das schöne, frühreif zarte seines

Lieblings, und sein Herz versteinerte sich bei dem Gedanken an die

Sommer, in denen sein erster Sohn noch solch ein Kind gewesen war. Den

hatte er verloren, und die Mutter auch. Aber diesen Kleinen wollte er

nicht verlieren, ihn nicht. Er wollte ihn als Dieb hinterm Zaun

belauschen, er wollte ihn locken und an sich ziehen, und wenn auch

dieser Knabe sich von ihm abwenden würde, dann wollte er nicht mehr

leben.

Leise zog er sich über den grasigen Weg zurück und ging unter den Bäumen

davon.

„Das Bummeln ist nichts für mich,“ dachte er ärgerlich und machte sich

hart. Er ging an seine Arbeit zurück und fand denn auch, die Unlust

überwindend und einer jahrelang gepflegten Übung gehorchend, die

gespannte Arbeitsstimmung wieder, die sich keine Nebenwege erlaubt und

alle Kräfte nur auf das augenblicklich Gewollte richtet.

Er war drüben zu Tische erwartet und kleidete sich gegen Mittag

sorgfältig um. Rasiert, gebürstet und im blauen Sommeranzug sah er zwar

nicht jünger, doch frischer und elastischer aus als im verwahrlosten

Atelierkleid. Er griff nach dem Strohhut und wollte eben die Türe

öffnen, als sie ihm entgegen sich auftat und Pierre hereinkam.

Veraguth bückte sich zu dem Knabenkopf hinab und küßte ihn auf die

Stirn.

„Wie geht’s, Pierre? War der Lehrer brav?“

„O ja, er ist nur so langweilig. Wenn er eine Geschichte erzählt, ist es

gar nicht zum Lustigsein, sondern auch bloß eine Lektion, und am Schluß

kommt immer, daß gute Kinder sich soundso benehmen müssen. – Hast du

gemalt, Papa?“

„Ja, an den Fischen, weißt du. Das ist bald fertig, und morgen darfst du

es sehen.“

Er nahm des Knaben Hand und ging mit ihm hinaus. Nichts in der Welt tat

ihm so wohl und rührte alle versunkene Güte und hilflose Zartheit so in

ihm auf wie das Gefühl, neben dem Jungen zu gehen, den Schritt seinen

kleinen Schritten anzupassen und die leichte, zutrauliche Kinderhand in

seiner zu fühlen.

Als sie den Park verließen und unter den dünnen Hängebirken hin über die

Wiese gingen, blickte der Kleine sich um und fragte: „Papa, haben denn

die Schmetterlinge vor dir Angst?“

„Warum? Ich glaube nicht. Neulich ist einer ganz lange auf meinem Finger

gesessen.“

„Ja, aber jetzt sind keine da. Wenn ich manchmal ganz allein zu dir

hinübergehe und ich komme dann hier vorbei, dann sind immer viele, viele

Schmetterlinge auf dem Weg, und sie heißen Bläulinge, das weiß ich, und

sie kennen mich und haben mich lieb, sie fliegen immer ganz nah um mich

herum. Kann man denn Schmetterlinge nicht füttern?“

„Doch, das kann man, wir wollen es nächstens einmal versuchen. Man tut

einen Tropfen Honig auf die Hand und streckt sie ganz ruhig aus, bis die

Falter kommen und davon trinken.“

„Fein, Papa, das probieren wir. Nicht wahr, du sagst es der Mama, daß

sie mir ein bißchen Honig geben muß? Dann weiß sie, daß ich ihn wirklich

brauche und daß es keine Dummheit ist.“

Pierre lief voran durch das offene Haustor und den breiten Korridor, in

dessen kühler Dämmerung der von draußen geblendete Vater noch den

Hutständer suchte und nach der Speisezimmertüre tastete, als der Knabe

längst drinnen war und die Mutter mit seinem Anliegen bestürmte.

Der Maler kam herein und gab seiner Frau die Hand. Sie war etwas größer

als er, eine kräftige Gestalt, gesund, aber ohne Jugend, und sie hatte

zwar aufgehört, ihren Mann zu lieben, sah aber noch heute den Verlust

seiner Zärtlichkeit als ein traurig unbegreifliches, unverschuldetes

Unglück an.

„Wir können gleich essen,“ sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme, „Pierre,

geh und wasch dir die Hände!“

„Hier ist eine Neuigkeit,“ fing der Maler an und gab ihr den Brief

seines Freundes. „Otto kommt schon bald und ich hoffe, er bleibt eine

gute Weile da. Es ist dir doch recht?“

„Herr Burkhardt kann die beiden Zimmer unten haben, da ist er ungestört

und kann nach Belieben ein und aus gehen.“

„Ja, das ist gut.“

Rosshalde · 第 4 / 42 题