Ueber diese physiologisch wichtige, neuerlichst angeregte Frage haben
zwei meiner fleissigen Herrn Zuhörer in meinem forensischen _Practicum_
mikroskopische Versuche angestellt, die ich um so lieber hier
mittheile, als sie die Thatsache, dass der Fötus schlucke, ausser allem
Zweifel setzen. Denn ein etwaniges blosses passives Hinunterfliessen
der im Fruchtwasser schwimmenden abgelösten Wollhaare kann, nach den
Versuchen und Beobachtungen über den Ertrinkungstod bei Thieren und
Menschen, meiner Ueberzeugung nach, nicht angenommen werden.
I. Herr _Stud. med. Lebius_ hat das Meconium von zwei von uns
obducirten Neugebornen mikroskopisch untersucht. In beiden Fällen
fanden sich, ausser den gewöhnlichen Gemengtheilen des Meconiums
(losgestossenem Darmepithelium, durch Gallenfarbstoff grünlich gefärbt,
Gallenfettcrystalle, welche theils in vollständig ausgebildeten
rhombischen Tafeln mit dem für das Cholesterin charakteristischem
einspringenden Winkel, theils in noch nicht auscrystallisirten Formen
zur Anschauung kamen, endlich Schleim und Fett in geringer Menge) --
~eine grosse Menge~ feiner Wollhaare, die sich von den Haaren der
Erwachsenen besonders dadurch unterschieden, dass sich an ihnen eine
Markröhre nicht erkennen liess, und die daher nur durch einfache
Contoure begränzt waren. Es muss noch bemerkt werden, dass das Meconium
in beiden Fällen, um es von jeder fremden Beimischung frei zu erhalten,
mit dem betreffenden Darmstücke entnommen, und erst behufs und bei der
Untersuchung aus dem Darm genommen wurde.
II. Der hiesige praktische Arzt Herr _Dr. Schulz_ hat ~zehn~ Fälle
untersucht, fünf von obducirten Leichen und fünf von lebenden
Kindern. 1) Leiche eines reifen, weiblichen Kindes. Meconium reich an
Wollhaaren. 2) Eben solche Leiche, obducirt an demselben Tage; das
Meconium mässig reich an Wollhaar. 3) Leiche eines reifen männlichen
Kindes; das Kindspech enthielt wenig _Lanugo_. 4) In dieser Leiche
eines reifen weiblichen Kindes zeigte sich nur sparsam Wollhaar im
Darmkoth. 5) Leiche eines reifen männlichen Kindes mit sehr wenig
Wollhaar im Meconium. 6) Das Meconium von einem 6 Stunden alten Kinde
enthielt mässig _Lanugo_. 7) Ein 38 Stunden altes Kind hatte reichliche
Wollhaare im Koth; ebenso 8) ein vor 10 Minuten geborenes Kind. 9)
Ein Knabe; in den ersten 24 Stunden nach der Geburt enthielt das
Kindspech wenig Wollhaar, in den zweiten 24 Stunden mehr. Am dritten
Tage war der schon helle Darmkoth noch reicher damit versehen; am
vierten fanden sich weniger, zum Theil bereits in Auflösung begriffene
Wollhaare. Am siebenten Tage, an welchem Rhabarbersaft angewandt worden
war, wenige und meist aufgelöste Wollhaare; am achten und neunten
Tage nur noch Spuren davon. 10) Bei einem weiblichen Neugebornen
wurden bis zum fünften Tage die Excremente untersucht. Sie enthielten
täglich Wollhaare, jedoch in den zwei letzten Tagen schon in Auflösung
begriffene.
Bei ~allen~ zwölf hier aufgezählten Kindern ohne Ausnahme also sind
mehr oder weniger Wollhaare im Meconium gefunden worden. Kann man
hiernach nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass man sie im
Darmkoth ~jedes~ Fötus und Neugebornen finden werde?
Anhang.