4. Die Zeitfolge der Verwesung der innern Organe

ist ein Moment, das ich seit Jahren genau verfolgt habe, weil die

chronologischen Wirkungen des Fäulnissprocesses nicht nur an sich und

wissenschaftlich interessant sind, sondern auch in den mannigfachsten

Beziehungen zur gerichtlich-medicinischen Würdigung schwierigerer Fälle

stehen. Ich will deshalb im Folgenden meine jahrelang fortgesetzten

betreffenden Beobachtungen mittheilen, wobei ich ausdrücklich bemerke,

dass ich, um möglichst allgemein gültige Erfahrungsnormen aufzustellen,

aus meinen Notizen alle solche ausscheide, die sich auf Specialfälle,

wie namentlich auf durch Verletzungen beschädigte oder zerstörte Organe

beziehen.

1) Das am frühsten durch die Verwesung alterirte innere Organ ist die

~Luftröhre~ mit Einschluss des Kehlkopfes. Bei noch ganz frischen,

oder bei solchen Leichen, bei denen sich äusserlich am Unterleibe nur

erst einzelne grüne Flecke zu zeigen beginnen, die noch inselartig

getrennt von einander stehen, zeigt sich die Schleimhaut der _Trachea_

in ihrem ganzen Verlaufe noch todtenbleich, vorausgesetzt natürlich,

dass der Mensch nicht an Erstickung oder Laryngitis starb. Sobald aber

die Verwesung nur irgend weiter vorgeschritten ist, und meist schon bei

solchen Leichen, die im Uebrigen äusserlich noch frisch erscheinen,

bei denen aber schon der ganze Unterleib eine zusammenhängende grüne

Oberfläche darbietet, findet man, während ~alle~ übrigen innern

Organe noch keine Spur des Angegriffenseins von Verwesung zeigen,

bereits die Schleimhaut der Luftröhre verfärbt, und zwar schmutzig

kirschroth, eine Farbe, die sich dann mehr und mehr, je mehr der

allgemeine Zersetzungsprocess in der Leiche vorschreitet, zur

dunkel-braunrothen umwandelt. Ich habe zu viele Hunderte von Leichen

aus allen Lebensaltern -- und diese machen hier keinen Unterschied --

auf diesen Umstand hin sorgfältig untersucht, und niemals eine einzige

Ausnahme gefunden, um nicht die Behauptung aufstellen zu dürfen,

dass man geeigneten Falles aus diesem frühen Verwesen des genannten

Organs Schlüsse ziehen dürfe. Dies geschah vor einiger Zeit in einem

Falle, der der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen zum

Superarbitrium vorlag. Die Obducenten hatten in einem Falle von sehr

zweifelhafter Erstickung unter Anderm übersehen, die innere Fläche der

Luftröhre, sowie deren etwanigen Inhalt zu untersuchen. Die Deputation

konnte deshalb natürlich den Ausspruch derselben nicht für hinreichend

gerechtfertigt erklären, und machte ihre Gründe im Superarbitrium

geltend. Die betreffende Staatsanwaltschaft fand sich in Folge

desselben veranlasst, eine nachträgliche Erklärung der Obducenten, wie

über einige andere übersehene Punkte, so namentlich und vorzugsweise

über den eben genannten einzufordern, und dieselben gaben nunmehr aus

dem Gedächtnisse und nachdem eine längere Zeit nach der Obduction

verflossen war, zu Protokoll: dass die Luftröhre und der Kehlkopf leer,

und deren Schleimhaut blass gefunden worden seien. Nun aber ergab das

Obductions-Protokoll, dass die Leiche zur Zeit der Section bereits in

hohem Grade verwest, die Epidermis an vielen Stellen schon abgelöst

gewesen war u. s. w., und wir mussten im nachträglich eingeforderten

Obergutachten, auf Grund der hier mitgeteilten Erfahrungen, mit

Bestimmtheit erklären, dass hier ein Gedächtniss-Irrthum der Obducenten

obwalten müsse, indem ~niemals~ bei schon sehr verwesten Leichen die

Luftröhre noch unangegriffen von der Fäulniss gefunden würde, vielmehr

dies Organ dasjenige sei, das gerade am frühesten die Wirkungen

derselben zeige. Der Fall blieb sonach unentschieden, und zeigt, dass

die hier angeregte Frage keine müssige, sondern eine von entschieden

praktischer Wichtigkeit ist. -- Wie sehr dies frühe Verwesen der

Luftröhre die Beurtheilung des zweifelhaften Erstickungstodes im

Allgemeinen, namentlich des Ertrinkungstodes, erschwert, habe ich schon

früher gezeigt[28].

2) Sehr früh folgt auf die Verwesung der Luftröhre die des ~Gehirns~

bei Neugebornen und kleinen Kindern, etwa im ersten und zweiten

Lebensjahre, das bei noch ziemlich frischen Leichen sehr oft schon

so weich und weissbreiigt gefunden wird, dass man von einer genauern

Untersuchung desselben abstehen muss. Bei nur irgend schon weiter

putrefacirten Leichen kleiner Kinder aber findet man das Gehirn bereits

vollkommen verwest und aufgelöst, und es fliesst dasselbe bei der

Oeffnung des Kopfes als rosenröthlicher dünner Brei aus.

3) Länger als die Luftröhre, und als das Gehirn bei Kindern, widersteht

der ~Magen~, der aber, im Verhältniss zu den übrigen Organen, sehr

früh von der Verwesung ergriffen wird. Die ersten Spuren derselben

zeigen sich in inselartigen, schmutzig rothen, nicht umschriebenen,

ganz unregelmässigen, kleinern oder grössern Flecken im _fundus_, in

welchen man gewöhnlich einzelne blaurothe Venenstränge sieht, die die

röthlichen Flecke durchziehen. Bei zweifelhaften Vergiftungen ist es

besonders wichtig, diese Alteration zu kennen und zu beachten, um sich

dadurch nicht zu einem voreiligen Urtheil verleiten zu lassen. Je mehr

die Verwesung vorschreitet, desto mehr fliessen jene Flecke zusammen,

bis der ganze Magen die geschilderte Beschaffenheit angenommen hat.

Eine Ablösung der Schleimhaut von der _muscularis_, wie sie nach

Vergiftungen durch corrosive Gifte vorkommt, als blosses Product der

Fäulniss, ~habe ich niemals gesehen~.

4) Später als der Magen erliegen die ~Därme~, zuerst die dünnen,

der Verwesung, die sich auch ganz auf dieselbe, soeben beim Magen

beschriebene Weise verhält und vorschreitet. Wenn die Fäulniss des

Leichnams im Allgemeinen schon den höchsten Grad erreicht hat, wie z.

B. bei Leichen, die Monate lang im Wasser gelegen haben, dann sind

Magen und Darmkanal schwarzgrün, breiigt, und ihre Gewebe nicht mehr zu

erkennen.

5) Chronologisch folgt in der Mehrzahl der Fälle die ~Milz~, wenn

gleich unter Umständen, die mir unbekannt sind, dies Organ auch oft

schon früher als Magen und Darmkanal die ersten Spuren der Verwesung

zeigt. Die Milz wird dann weich, matschig, lässt sich leicht

zerdrücken, und wenn sie weiter in Putrefaction vorgeschritten, so wird

sie stahlblau-grün, und so weich, dass man mit dem Messerstiel sie

abschaben kann.

6) ~Netze und Gekröse~. Je fetter dieselben, desto leichter unterliegen

sie zwar der Fäulniss, doch widerstehen sie im Allgemeinen etwas

länger als die bisher aufgezählten Organe. Die Verwesung ist leicht in

ihnen an der schmutzigen Färbung zu erkennen, und kann zu bedenklichen

Verwechselungen keinen Anlass geben.

7) Erst nach allen diesen Eingeweiden beginnt die ~Leber~ zu verwesen,

die oft noch mehrere Wochen nach dem Tode fest und frisch und wie

gewöhnlich gefärbt ist. Die Verwesung beginnt auf ihrer convexen

Fläche. Die Leber verfärbt sich hier, wird schillernd grün, welche

Farbe vorschreitend später das ganze Organ zeigt, dann wird sie grau

und endlich fast schwarz. Mit dem Vorschreiten der Putrefaction

erweicht sich das Parenchym.

8) Länger noch als die Leber widersteht das ~Gehirn bei Erwachsenen~.

Die ersten Spuren der Verwesung zeigen sich auch im Gehirn, und zwar

meistentheils zuerst auf seiner Grundfläche, in einer hellgrünen

Färbung, die sich später mehr und mehr ausbreitet, und von der

Cortical- in die Mark-Substanz fortsetzt und verfolgen lässt. Die

auffallende Erscheinung des so frühen Verwesens des Gehirns bei kleinen

Kindern und des verhältnissmässig späten bei Erwachsenen erklärt sich

wohl aus der weichen und _resp._ festen Consistenz des Organs in beiden

Lebensaltern. Ehe vollends das Gehirn des Erwachsenen sich ganz in

jenen röthlichen Brei auflöst, den man so früh im kindlichen verwesten

Gehirn beobachtet, müssen mehrere Monate nach dem Tode verflossen

sein. Jedoch reichen schon 14 Tage bis 3 Wochen hin, um das Organ

so zu erweichen, dass eine genauere anatomische Untersuchung nicht

mehr möglich ist, was namentlich bei spät aufgefundenen Leichen von

Menschen, die muthmaasslich ertrunken oder erhängt waren, oder wo sonst

der Befund im Gehirn von Erheblichkeit sein musste, sehr störend ist.

9) Es folgen nunmehr in der Zeitfolge der Verwesung die spät faulenden

Organe, und unter ihnen zunächst das ~Herz~. Dieser straffe, derbe

Hohlmuskel widersteht sehr lange, und man wird es noch ganz frisch

finden, wenn Magen, Därme, Netze u. s. w. schon bedeutend in Verwesung

vorgeschritten sind. Allmählig erweicht sich dann das Herz, namentlich

zuerst die Trabekeln, dann aber auch die Wände, es wird matschig,

grünlich, zuletzt endlich graugrün, wie alle Organe.

10) Etwa in derselben Zeit mit dem Herzen, zuweilen schon früher,

beginnen die ~Lungen~ die Wirkung des Zersetzungsprocesses zu

zeigen. Bei Leichnamen, die äusserlich schon die höchsten Grade von

Putrefaction zeigen, wie Ablösung der Oberhaut, dunkelgrüne Färbung,

entschiedensten specifischen Geruch u. s. w., findet man sehr häufig

mit allen spät faulenden Eingeweiden auch die Lungen noch ganz wohl

erhalten. Bekanntlich bildet diese unbestreitbare Thatsache ein

wichtiges Argument gegen die Einwürfe der Theoretiker (_Henke_) in

Betreff der Beweiskraft der Athemprobe, namentlich des hydrostatischen

Experimentes. Denn wenn Lungen eines Neugebornen, dessen Leiche noch

frisch ist, oder selbst nur erst die frühsten Spuren der Verwesung,

wie grünliche Bauchdecken, zeigt, sich auf der Wasserfläche schwimmend

erhalten, so kann wohl vom Schreibtisch her, aber nicht nach den

Erfahrungen am Secirtisch, angenommen werden, dass sie möglicherweise

wegen Fäulniss schwimmen, denn niemals faulen die Lungen so früh. --

Die ersten Spuren der Verwesung in den Lungen zeigen sich in hirsekorn-

bis bohnengrossen Fäulnissblasen, die durch Gasansammlung unter der

_Pleura_ entstehen, und wirklich so leicht kenntlich sind, dass schon

darin ein ganz einfaches diagnostisches Zeichen der Fäulniss erkannt

werden muss, und auch in dieser Beziehung ein Schwimmen der Lungen

wegen Fäulniss unschwer als solches zu erkennen ist. Diese Blasen

stehen Anfangs einzeln; später bilden sich mehr und mehr, so dass man

dann ganze Lappen, namentlich auch vorzugsweise die untere Basis beider

untern Lungenlappen, dicht mit denselben besäet findet. Im weitern

Verlauf des Verwesungsprocesses werden die Lungen weich, dunkel,

zuletzt breiig und fast schwarz.

11) Erst nach den Lungen und dem Herzen werden die harten, festen

~Nieren~ von der Fäulniss ergriffen, die man niemals, so wenig wie

Eines der hier als spät faulend bezeichneten Organe, in einer frischen

oder nur halbverwesten Leiche putrid ergriffen finden wird. Noch

länger hält sich

12) die ~Harnblase~, die, gleichviel ob leer oder gefüllt, erst zu

faulen beginnt, wenn alle oben genannten Organe bereits in Verwesung

vorgeschritten sind.

13) Die ~Speiseröhre~ fault noch später, und hält sonach keinesweges in

Beziehung auf den Zersetzungsprocess gleichen Schritt mit dem übrigen

Theil des Darmkanals.

Gerichtliche Leichen-Oeffnungen. Zweites Hundert. · 第 115 / 161 题