ist ein Moment, das ich seit Jahren genau verfolgt habe, weil die
chronologischen Wirkungen des Fäulnissprocesses nicht nur an sich und
wissenschaftlich interessant sind, sondern auch in den mannigfachsten
Beziehungen zur gerichtlich-medicinischen Würdigung schwierigerer Fälle
stehen. Ich will deshalb im Folgenden meine jahrelang fortgesetzten
betreffenden Beobachtungen mittheilen, wobei ich ausdrücklich bemerke,
dass ich, um möglichst allgemein gültige Erfahrungsnormen aufzustellen,
aus meinen Notizen alle solche ausscheide, die sich auf Specialfälle,
wie namentlich auf durch Verletzungen beschädigte oder zerstörte Organe
beziehen.
1) Das am frühsten durch die Verwesung alterirte innere Organ ist die
~Luftröhre~ mit Einschluss des Kehlkopfes. Bei noch ganz frischen,
oder bei solchen Leichen, bei denen sich äusserlich am Unterleibe nur
erst einzelne grüne Flecke zu zeigen beginnen, die noch inselartig
getrennt von einander stehen, zeigt sich die Schleimhaut der _Trachea_
in ihrem ganzen Verlaufe noch todtenbleich, vorausgesetzt natürlich,
dass der Mensch nicht an Erstickung oder Laryngitis starb. Sobald aber
die Verwesung nur irgend weiter vorgeschritten ist, und meist schon bei
solchen Leichen, die im Uebrigen äusserlich noch frisch erscheinen,
bei denen aber schon der ganze Unterleib eine zusammenhängende grüne
Oberfläche darbietet, findet man, während ~alle~ übrigen innern
Organe noch keine Spur des Angegriffenseins von Verwesung zeigen,
bereits die Schleimhaut der Luftröhre verfärbt, und zwar schmutzig
kirschroth, eine Farbe, die sich dann mehr und mehr, je mehr der
allgemeine Zersetzungsprocess in der Leiche vorschreitet, zur
dunkel-braunrothen umwandelt. Ich habe zu viele Hunderte von Leichen
aus allen Lebensaltern -- und diese machen hier keinen Unterschied --
auf diesen Umstand hin sorgfältig untersucht, und niemals eine einzige
Ausnahme gefunden, um nicht die Behauptung aufstellen zu dürfen,
dass man geeigneten Falles aus diesem frühen Verwesen des genannten
Organs Schlüsse ziehen dürfe. Dies geschah vor einiger Zeit in einem
Falle, der der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen zum
Superarbitrium vorlag. Die Obducenten hatten in einem Falle von sehr
zweifelhafter Erstickung unter Anderm übersehen, die innere Fläche der
Luftröhre, sowie deren etwanigen Inhalt zu untersuchen. Die Deputation
konnte deshalb natürlich den Ausspruch derselben nicht für hinreichend
gerechtfertigt erklären, und machte ihre Gründe im Superarbitrium
geltend. Die betreffende Staatsanwaltschaft fand sich in Folge
desselben veranlasst, eine nachträgliche Erklärung der Obducenten, wie
über einige andere übersehene Punkte, so namentlich und vorzugsweise
über den eben genannten einzufordern, und dieselben gaben nunmehr aus
dem Gedächtnisse und nachdem eine längere Zeit nach der Obduction
verflossen war, zu Protokoll: dass die Luftröhre und der Kehlkopf leer,
und deren Schleimhaut blass gefunden worden seien. Nun aber ergab das
Obductions-Protokoll, dass die Leiche zur Zeit der Section bereits in
hohem Grade verwest, die Epidermis an vielen Stellen schon abgelöst
gewesen war u. s. w., und wir mussten im nachträglich eingeforderten
Obergutachten, auf Grund der hier mitgeteilten Erfahrungen, mit
Bestimmtheit erklären, dass hier ein Gedächtniss-Irrthum der Obducenten
obwalten müsse, indem ~niemals~ bei schon sehr verwesten Leichen die
Luftröhre noch unangegriffen von der Fäulniss gefunden würde, vielmehr
dies Organ dasjenige sei, das gerade am frühesten die Wirkungen
derselben zeige. Der Fall blieb sonach unentschieden, und zeigt, dass
die hier angeregte Frage keine müssige, sondern eine von entschieden
praktischer Wichtigkeit ist. -- Wie sehr dies frühe Verwesen der
Luftröhre die Beurtheilung des zweifelhaften Erstickungstodes im
Allgemeinen, namentlich des Ertrinkungstodes, erschwert, habe ich schon
früher gezeigt[28].
2) Sehr früh folgt auf die Verwesung der Luftröhre die des ~Gehirns~
bei Neugebornen und kleinen Kindern, etwa im ersten und zweiten
Lebensjahre, das bei noch ziemlich frischen Leichen sehr oft schon
so weich und weissbreiigt gefunden wird, dass man von einer genauern
Untersuchung desselben abstehen muss. Bei nur irgend schon weiter
putrefacirten Leichen kleiner Kinder aber findet man das Gehirn bereits
vollkommen verwest und aufgelöst, und es fliesst dasselbe bei der
Oeffnung des Kopfes als rosenröthlicher dünner Brei aus.
3) Länger als die Luftröhre, und als das Gehirn bei Kindern, widersteht
der ~Magen~, der aber, im Verhältniss zu den übrigen Organen, sehr
früh von der Verwesung ergriffen wird. Die ersten Spuren derselben
zeigen sich in inselartigen, schmutzig rothen, nicht umschriebenen,
ganz unregelmässigen, kleinern oder grössern Flecken im _fundus_, in
welchen man gewöhnlich einzelne blaurothe Venenstränge sieht, die die
röthlichen Flecke durchziehen. Bei zweifelhaften Vergiftungen ist es
besonders wichtig, diese Alteration zu kennen und zu beachten, um sich
dadurch nicht zu einem voreiligen Urtheil verleiten zu lassen. Je mehr
die Verwesung vorschreitet, desto mehr fliessen jene Flecke zusammen,
bis der ganze Magen die geschilderte Beschaffenheit angenommen hat.
Eine Ablösung der Schleimhaut von der _muscularis_, wie sie nach
Vergiftungen durch corrosive Gifte vorkommt, als blosses Product der
Fäulniss, ~habe ich niemals gesehen~.
4) Später als der Magen erliegen die ~Därme~, zuerst die dünnen,
der Verwesung, die sich auch ganz auf dieselbe, soeben beim Magen
beschriebene Weise verhält und vorschreitet. Wenn die Fäulniss des
Leichnams im Allgemeinen schon den höchsten Grad erreicht hat, wie z.
B. bei Leichen, die Monate lang im Wasser gelegen haben, dann sind
Magen und Darmkanal schwarzgrün, breiigt, und ihre Gewebe nicht mehr zu
erkennen.
5) Chronologisch folgt in der Mehrzahl der Fälle die ~Milz~, wenn
gleich unter Umständen, die mir unbekannt sind, dies Organ auch oft
schon früher als Magen und Darmkanal die ersten Spuren der Verwesung
zeigt. Die Milz wird dann weich, matschig, lässt sich leicht
zerdrücken, und wenn sie weiter in Putrefaction vorgeschritten, so wird
sie stahlblau-grün, und so weich, dass man mit dem Messerstiel sie
abschaben kann.
6) ~Netze und Gekröse~. Je fetter dieselben, desto leichter unterliegen
sie zwar der Fäulniss, doch widerstehen sie im Allgemeinen etwas
länger als die bisher aufgezählten Organe. Die Verwesung ist leicht in
ihnen an der schmutzigen Färbung zu erkennen, und kann zu bedenklichen
Verwechselungen keinen Anlass geben.
7) Erst nach allen diesen Eingeweiden beginnt die ~Leber~ zu verwesen,
die oft noch mehrere Wochen nach dem Tode fest und frisch und wie
gewöhnlich gefärbt ist. Die Verwesung beginnt auf ihrer convexen
Fläche. Die Leber verfärbt sich hier, wird schillernd grün, welche
Farbe vorschreitend später das ganze Organ zeigt, dann wird sie grau
und endlich fast schwarz. Mit dem Vorschreiten der Putrefaction
erweicht sich das Parenchym.
8) Länger noch als die Leber widersteht das ~Gehirn bei Erwachsenen~.
Die ersten Spuren der Verwesung zeigen sich auch im Gehirn, und zwar
meistentheils zuerst auf seiner Grundfläche, in einer hellgrünen
Färbung, die sich später mehr und mehr ausbreitet, und von der
Cortical- in die Mark-Substanz fortsetzt und verfolgen lässt. Die
auffallende Erscheinung des so frühen Verwesens des Gehirns bei kleinen
Kindern und des verhältnissmässig späten bei Erwachsenen erklärt sich
wohl aus der weichen und _resp._ festen Consistenz des Organs in beiden
Lebensaltern. Ehe vollends das Gehirn des Erwachsenen sich ganz in
jenen röthlichen Brei auflöst, den man so früh im kindlichen verwesten
Gehirn beobachtet, müssen mehrere Monate nach dem Tode verflossen
sein. Jedoch reichen schon 14 Tage bis 3 Wochen hin, um das Organ
so zu erweichen, dass eine genauere anatomische Untersuchung nicht
mehr möglich ist, was namentlich bei spät aufgefundenen Leichen von
Menschen, die muthmaasslich ertrunken oder erhängt waren, oder wo sonst
der Befund im Gehirn von Erheblichkeit sein musste, sehr störend ist.
9) Es folgen nunmehr in der Zeitfolge der Verwesung die spät faulenden
Organe, und unter ihnen zunächst das ~Herz~. Dieser straffe, derbe
Hohlmuskel widersteht sehr lange, und man wird es noch ganz frisch
finden, wenn Magen, Därme, Netze u. s. w. schon bedeutend in Verwesung
vorgeschritten sind. Allmählig erweicht sich dann das Herz, namentlich
zuerst die Trabekeln, dann aber auch die Wände, es wird matschig,
grünlich, zuletzt endlich graugrün, wie alle Organe.
10) Etwa in derselben Zeit mit dem Herzen, zuweilen schon früher,
beginnen die ~Lungen~ die Wirkung des Zersetzungsprocesses zu
zeigen. Bei Leichnamen, die äusserlich schon die höchsten Grade von
Putrefaction zeigen, wie Ablösung der Oberhaut, dunkelgrüne Färbung,
entschiedensten specifischen Geruch u. s. w., findet man sehr häufig
mit allen spät faulenden Eingeweiden auch die Lungen noch ganz wohl
erhalten. Bekanntlich bildet diese unbestreitbare Thatsache ein
wichtiges Argument gegen die Einwürfe der Theoretiker (_Henke_) in
Betreff der Beweiskraft der Athemprobe, namentlich des hydrostatischen
Experimentes. Denn wenn Lungen eines Neugebornen, dessen Leiche noch
frisch ist, oder selbst nur erst die frühsten Spuren der Verwesung,
wie grünliche Bauchdecken, zeigt, sich auf der Wasserfläche schwimmend
erhalten, so kann wohl vom Schreibtisch her, aber nicht nach den
Erfahrungen am Secirtisch, angenommen werden, dass sie möglicherweise
wegen Fäulniss schwimmen, denn niemals faulen die Lungen so früh. --
Die ersten Spuren der Verwesung in den Lungen zeigen sich in hirsekorn-
bis bohnengrossen Fäulnissblasen, die durch Gasansammlung unter der
_Pleura_ entstehen, und wirklich so leicht kenntlich sind, dass schon
darin ein ganz einfaches diagnostisches Zeichen der Fäulniss erkannt
werden muss, und auch in dieser Beziehung ein Schwimmen der Lungen
wegen Fäulniss unschwer als solches zu erkennen ist. Diese Blasen
stehen Anfangs einzeln; später bilden sich mehr und mehr, so dass man
dann ganze Lappen, namentlich auch vorzugsweise die untere Basis beider
untern Lungenlappen, dicht mit denselben besäet findet. Im weitern
Verlauf des Verwesungsprocesses werden die Lungen weich, dunkel,
zuletzt breiig und fast schwarz.
11) Erst nach den Lungen und dem Herzen werden die harten, festen
~Nieren~ von der Fäulniss ergriffen, die man niemals, so wenig wie
Eines der hier als spät faulend bezeichneten Organe, in einer frischen
oder nur halbverwesten Leiche putrid ergriffen finden wird. Noch
länger hält sich
12) die ~Harnblase~, die, gleichviel ob leer oder gefüllt, erst zu
faulen beginnt, wenn alle oben genannten Organe bereits in Verwesung
vorgeschritten sind.
13) Die ~Speiseröhre~ fault noch später, und hält sonach keinesweges in
Beziehung auf den Zersetzungsprocess gleichen Schritt mit dem übrigen
Theil des Darmkanals.