1. Was ist ein Leichnam?

Gewiss anscheinend eine sonderbare Frage, auf die ein Kind die Antwort

geben wird: ein (menschlicher) Leichnam ist der todte Körper eines

Menschen. Und dennoch ist mir ein Fall vorgekommen, in welchem das

einzuschlagende Strafverfahren von der Frage abhängig ward: was ist

ein Leichnam? und über welche Frage die Polizei-Obrigkeit und die

Staatsanwaltschaft ganz verschiedener Meinung waren. Der §. 186. des

Strafgesetzbuches bestimmt: »wer ohne Vorwissen der Behörde einen

~Leichnam~ beerdigt, oder bei Seite schafft, wird mit Geldbusse bis

zu zweihundert Thalern oder mit Gefängniss bis zu sechs Monaten

bestraft. Die Strafe ist Gefängniss bis zu zwei Jahren, wenn eine

Mutter den ~Leichnam ihres unehelichen neugebornen Kindes~ ohne

Vorwissen der Behörde beerdigt oder bei Seite schafft.« Nun war eine

erst fünfmonatliche, folglich gewiss nicht lebensfähige Leibesfrucht im

Rinnstein gefunden worden, deren Mutter entdeckt wurde. Das war doch

wohl ein »Leichnam«, und deshalb wollte die Polizei-Obrigkeit aus §.

186. strafen. Die Staatsanwaltschaft aber wollte auf den Antrag nicht

eingehen, weil »was nicht gelebt hat und nicht leben konnte, auch kein

Leichnam geworden sein kann«. Dass ich, als Arzt, diese Rechtsdeduction

dahin gestellt sein lassend, mich dafür entschied, dass die Frucht, die

~gelebt, wenn auch nicht geathmet hatte~, als Leichnam anzuerkennen

sei, braucht nicht erwähnt zu werden. Durch zufällige Mittheilung habe

ich erfahren, dass in der Provinz Preussen in einem ganz gleichen Falle

unlängst ganz dieselbe Frage: was ist ein Leichnam? als juristische

Streitfrage gleichfalls aufgeworfen worden ist!

Gerichtliche Leichen-Oeffnungen. Zweites Hundert. · 第 112 / 161 题