79. Fall.

~Erstickungstod. Sinken Einer Lunge.~

Der sehr interessante Fall erfordert eine etwas ausführlichere

Mittheilung. In der Nacht vom 12ten bis 13ten November starb ohne

erhebliche vorangegangene Krankheit das am 10ten _ej._ früh 2 Uhr

geborne, also ~zwei Tage alte~ Kind der verehelichten _H._, welches

sie zu sich in's Bett genommen hatte. Um 7 Uhr Abends hatte eine

Zeugin das Kind, ein Mädchen, noch lebend aus dem Bette der Mutter

genommen, wobei sie dasselbe so heiser fand, dass es »keine Stimme zum

Schreien hatte«. Die Mutter gab an, dass sie es Nachts wieder zu sich

in's Bett genommen, und zwar, um es rascher zu erwärmen, es in ihren

Arm und ganz dicht an den Körper gelegt habe. Um 5 Uhr früh fand sie

das Kind todt. Die gerichtliche Obduction hat folgende wesentliche

Ergebnisse geliefert. Das Kind, reif geboren, hatte die gewöhnliche

Leichenfarbe, und am Unterleibe war anfangende Verwesung bereits

sichtbar. Die Augen prominirten nicht, und die Zunge lag ~hinter~ den

Kiefern, also nicht eingeklemmt, eine neue Bestätigung meiner frühern

Beobachtungen und meiner Behauptung von der Unzuverlässigkeit dieses

Zeichens beim Erstickungstode[22]. Beide Lippen waren schwarzblau,

hart zu schneiden, und zeigten eine geringe Sugillation. Anderweitige

äussere Verletzungen waren nicht wahrzunehmen. Das Zwerchfell stand

hoch, zwischen der 4ten und 5ten Rippe. Ausser einer starken Anfüllung

der _V. cava_ bot die Bauchhöhle nichts Auffallendes dar. In der

Brust füllten beide Lungen die Brusthöhle aus. Ihre Farbe war eine

hellbräunlich-rothe, und durchweg ziemlich dieselbe. Sie wogen mit

dem Herzen nicht weniger als ~acht~ Loth. Der _Liquor Pericardii_

war blutig. Bei genauer Besichtigung der Lungen zeigten sich nunmehr

jene hirsekorngrossen, den Petechien ganz ähnlichen, schwarzblauen

Sugillationen in der Pleura, mit denen auch das, in seinen Kranzadern

strotzende (zwei Loth schwere) Herz auf seiner ~ganzen~ Oberfläche

besetzt war, wie ich sie früher bei erstickten kleinen Kindern entdeckt

habe, und deren sich die Leser der ersten Centurie erinnern[23]. Im

vorliegenden Falle waren diese Petechial-Sugillationen so zahlreich,

wie ich sie nie früher gesehen. -- Die Lungen, mit dem Herzen noch

verbunden, schwammen zwar, zeigten jedoch eine Neigung zum Sinken. Vom

Herzen getrennt, ~schwamm die linke Lunge vollständig, bis in ihre

kleinsten Stückchen, während die rechte Lunge vollständig untersank~,

und, wie sich später ergab, nur Ein bohnengrosses Stück derselben

sich auf dem Wasser schwimmend erhielt. Einschnitte in beide Lungen

hatten schon vorher zischendes Geräusch, und eine grosse und ganz

ungewöhnliche Menge eines dunkeln, schäumenden Blutes ergeben. Die

unter Wasser gedrückten eingeschnittenen Partieen liessen aus der

linken Lunge perlende Luftbläschen emporsteigen, aus der rechten nicht.

Die Luftröhre war leer, und ihre Schleimhaut leicht injicirt. Das

Herz hatte in ~beiden~ Hälften, vorzugsweise aber allerdings in der

rechten, dunkles und ~geronnenes~ Blut. Im Kopfe fand sich nur in den

Gefässen der _pia mater_ und in den _Sinus_ eine sichtliche Hyperämie.

Das Gutachten konnte nicht zweifelhaft sein. Der Erstickungstod lag,

bei Abwesenheit jeder andern Todesart, klar vor, und es war um so mehr

anzunehmen, dass er auf die, von der Mutter angegebene Weise wirklich

erfolgt war, als der behandelnde Arzt das Kind »als von Hause aus mit

einer gewissen Brustschwäche behaftet«, als ferner die Zeugin _G._,

wie bemerkt, es am Abend vor dem Tode so ungewöhnlich heiser gefunden

hatte, und als endlich der Sectionsbefund an den Lippen darauf hinwies,

dass hier ein Druck stattgefunden haben musste, und zwar gewiss durch

die Brust der säugenden Mutter, an welcher das Kind liegend und

saugend den Tod durch Luftmangel gestorben war, wie dies in vielen

andern Fällen ebenmässig vorgekommen ist. Aber für die Lehre von der

Athemprobe ist der Fall, wenn auch keinesweges neu und unerhört,

dennoch gewiss denkwürdig.

Gerichtliche Leichen-Oeffnungen. Zweites Hundert. · 第 93 / 161 题