Sanga[35]-Rasse nur in Abessinien und den Galla-Ländern vorkommt. Das
grosse centralafrikanische Verbreitungsgebiet dieser Rasse erlangt
daher besonderes Interesse, welches durch die von allen Reisenden
beobachtete auffallende Aehnlichkeit erhöht wird, welche zwischen den
Vieh züchtenden Watussi-Stämmen und den Abessiniern besteht.
[35] Siehe z. B. G. Vasey, A Monograph of the Genus Bos pag.
120.
Was die Hornentwicklung der echten abessinischen Sanga anbetrifft,
welche ich des Vergleiches wegen anführe, so zeigt ein von Salt dem
»Museum of the Surgeons« geschenktes Gehörn folgende Maasse:
An der Aussenseite gemessen } 118,0 cm
Hornlänge }
Abstand der Spitzen von einander 101,0 cm
Hornumfang 38,0 cm.
Thiere mit besonders grossen Hörnern sollen speciell die südlich von
Endesta wohnenden Galla züchten und Salt berichtet über ein Gehörn,
welches bei 120 cm Länge 53 cm Umfang an der Basis besass. -- Jerom
Lobo erwähnt sogar eines Sanga-Hornes, welches 11 Liter fasste.
In Anbetracht der ganz eigenartigen, bei keiner anderen Rinderrasse
wiederzufindenden Hornentwicklung des Sanga-Rindes kann es füglich
nicht Wunder nehmen, wenn dieselbe von manchen Reisenden als die
Folge eines Krankheitsprozesses angesehen wurde. -- So behauptete z.
B. Bruce (citirt nach Vasey) die grossen Hörner seien die Folge einer
durch die Weiden und das Klima bedingten, mit dem Tode des Thieres
endigenden Krankheit. Nach dem Genannten treiben die Eingeborenen,
welche die grossen Hörner sehr schätzen, jene Thiere, welche die
ersten Symptome des Leidens zeigen, auf die besten und ruhigsten
Weideplätze. Nichtsdestoweniger magerten dieselben allmählich derart
ab, dass sie »kaum mehr Fleisch genug um ihre Knochen zu bedecken«
besässen und schliesslich nicht mehr im Stande seien, den Kopf mit
seinen gewichtigen Hörnern zu erheben, wonach sie endlich der Tod von
ihren Leiden erlöse.
Dem früher bereits genannten Reisenden Salt, der die ersten Sanga
in den Galla-Ländern sah, gebührt das Verdienst, die Unrichtigkeit
dieser Behauptung festgestellt und bewiesen zu haben, dass die
mächtige Hornentwicklung auf einem vollkommen normalen Vorgang beruhe
und dieser Rasse eben eigenthümlich sei.
Immerhin wäre es eine äusserst interessante Aufgabe, an Ort und
Stelle nach den Ursachen zu forschen, welche diese eigenartige,
die Thiere entschieden häufig benachtheiligende Hornentwicklung
veranlassen konnten, besonders, da wir sie als Folge künstlicher,
von Seiten des Menschen ausgeübter Zuchtwahl nicht unbedingt ansehen
dürfen, weil wir aus den Angaben Stanley's und Keller's wissen, dass
die Hirten ihren Thieren in manchen Gegenden, wie in Nkole häufig die
Hörner abbrennen oder stutzen, um ihnen ein leichteres Eindringen
in die Dickichte zu ermöglichen. In den von Dr. Baumann besuchten
Gebieten geschieht dies allerdings nirgends.
•Der Schädel des Watussi-Rindes• erscheint in Folge der stark
entwickelten, allmählich in die mächtigen Hornzapfen übergehenden
Stirne nach unten zu verschmälert. Zwischen dem stärker entwickelten
Stirntheile und dem sich verschmälernden, schwächer entwickelten
Gesichtstheile des Schädels besteht ein auffallender Unterschied. Von
der Seite aus betrachtet (im Profil) erscheint der Schädel in Folge
der gewölbten Stirnpartien schwach geramst.
Wenn wir mit den bei Betrachtung des Kopfes zu allererst in die
Augen fallenden gewaltigen drehrunden Hornzapfen beginnen, welche dem
Kopfe das charakteristische Aussehen verleihen, so wäre zu erwähnen,
dass dieselben ohne eigentliche Stiele, vielmehr durch allmähliche
Verjüngung der seitlich oberen Stirnpartien entstehen. -- Tiefe,
mächtig ausgeprägte Längsfurchen und zahlreiche Knochenwärzchen
bedecken die Oberfläche der knöchernen Hornzapfen. Dennoch kommt es
nicht zur Ausbildung jenes aus dichtgestellten Wärzchen bestehenden
Kranzes an der Basis der Hörner, wie dies z. B. beim Bos primigenius
(Thür) und seinen Abkömmlingen der Fall zu sein pflegt.
Die den knöchernen Hornzapfen entsprechenden, einen Meter Länge
und darüber messenden Hornscheiden sind ebenfalls drehrund und
mit Ausnahme der etwas dunkleren Spitze hornfarbig. -- An dem
vorliegenden Schädel zeigt die Hornsubstanz eine eigenthümlich
faserige Beschaffenheit, ist rauh und besitzt die Neigung sich
auszufransen. Diese Hornbeschaffenheit kommt nach Dr. Baumann's
Beobachtungen der ganzen Watussi-Rasse normaler Weise zu.
Der obere Rand des Stirnwulstes verläuft nicht etwa mehr weniger
horizontal, oder aber dachförmig, wie bei den europäischen
Rinderrassen, sondern halbmondförmig; derartig, dass die horizontal
gemessene Zwischenhornlinie mit diesem oberen Rande des Stirnwulstes
ein Segment bildet.
Der =Stirnwulst= selbst, am vorliegenden Schädel 6 cm hoch, zeigt
stets eine überaus starke Entwicklung.
Die =Stirnplatte= ist schwach nach aussen vorgewölbt, weist jedoch
sonst keine wesentlicheren Unebenheiten auf. Namentlich fehlt hier
die für viele Rinderrassen so charakteristische Aushöhlung im unteren
Theile der Stirnplatte zwischen den Augenhöhlen. Desgleichen findet
sich auch nicht die leiseste Andeutung eines Stirnbeinkammes. Die
convergirend verlaufenden Supraorbitalrinnen sind oberhalb der oberen
Augenlinie tief eingegraben; von da an beginnen sie seichter zu
werden und reichen, nur mehr schwach kenntlich, bis zum Thränenbein.
-- Mit der Hinterhauptfläche bildet die Stirnbeinfläche nahezu einen
rechten Winkel.
Die =Thränenbeine= sind ziemlich breit und zeichnen sich durch den
fast in einer Geraden verlaufenden Rand aus. Die untere mediane
Spitze der Thränenbeine befindet sich nahezu in der Mitte der
Nasenbeinlänge. An jenem Punkte, in welchem das Thränenbein,
Stirnbein und Nasenbein zusammenstossen, findet sich eine kleine
Knochenlücke. Der Bau der Thränenbeine ähnelt somit ganz entschieden
dem der europäischen Brachyceros-Rassen.
[Illustration: Schädel des Watussi-Rindes (Seitenansicht).]
Die an ihrem Ursprunge breiten =Nasenbeine= verjüngen sich allmählich
und endigen mit je zwei ganz kurzen Spitzen. Die auf diese Weise
am vorderen Rande der Nasenbeine entstehende Bucht ist daher
nur sehr seicht. Im Gegensatze zu anderen Rinderrassen weist der
laterale Rand beider, nur eine flache Rinne bildender Nasenbeine,
etwa in der halben Länge eines jeden eine starke Einbuchtung auf.
-- Am =Wangenbeine= fällt die starke Entwicklung des ziemlich
deutlichen, eine dreiseitige Pyramide bildenden Wangenhöckers auf.
-- Die =Nasenäste= der =Zwischenkiefer= sind, was das Verhältniss
ihrer Entwicklung zu den übrigen Schädelknochen (namentlich zur
Gesammtkopflänge) anbelangt, ähnlich geartet wie bei den typischen
Rassen der europäischen Brachyceros-Gruppe; sie sind nämlich äusserst
kurz und reichen nicht nur bis an die Nasenbeine heran, sondern
endigen im vorliegenden Falle sogar 2,1 cm unterhalb des seitlichen
Nasenbeinrandes.
Die =Augenhöhlen= sind seitlich gestellt und ziemlich seicht; nie
röhrenförmig. Die schmalen oberen Augenbögen liegen tiefer als der
zwischen ihnen befindliche mittlere Theil des Stirnbeines. Legt man
etwa in der Mitte der Augenbogengegend ein Stäbchen quer (senkrecht)
zur Medianlinie des Schädels, so kommen die Augenbögen =unter= der
so gebildeten Horizontalen zu liegen, d. h. wir finden in diesem
Theile des Schädels ein ähnliches Verhältniss wieder, wie es für Bos
primigenius und dessen reinblütigen Nachkommen, dem Steppenvieh, so
charakteristisch ist.
[Illustration: Schädel des Watussi-Rindes (Vorderansicht).]
Die =Schläfengrube=, am vorliegenden Schädel 5,5 cm tief, ist
verhältnissmässig schmal. -- Die =Hinterhauptfläche= ist ganz ähnlich
wie bei den echten Primigenius-Rassen Europas verhältnissmässig
niedrig; sie beträgt in Prozenten der Hinterhauptsenge ausgedrückt
nur 106,8 pCt.
Der Unterkiefer, welcher ebenfalls grosse Bedeutung für die Lösung
der Frage nach der Rassenzugehörigkeit gehabt hätte, stand leider
nicht zur Verfügung, da er beim Transport zur Küste in Verlust
gerathen war.
Für die Bestimmung und Beurtheilung der Rinderrassen ist bekanntlich
eine eingehende Betrachtung des =Zahnbaues= von grosser Wichtigkeit.
Dieselbe ergiebt, dass wir es beim Watussi-Rinde mit einer sehr
einfachen Bauart des Schmelzgerüstes und der Marken der Zähne zu
thun haben. Der Verlauf der Buchten und die Form der Marken ist
verhältnissmässig wenig komplicirt und erinnert merkwürdigerweise
in manchen Stücken sehr an jene der Brachyceros-Gruppe. Wie dort so
findet man auch hier die an der Medianseite der Oberkieferbackzähne
befindliche grosse Schmelzfalte nur schwach entwickelt und von
sehr einfachem Verlaufe. Am dritten (d. i. letzten) Molar-Zahn des
Oberkiefers des vorliegenden Stierschädels ist diese Falte sogar
vollkommen verschwunden. Dort, wo sich dieselbe sonst von der
Medianseite des Zahnes ablöst, findet sich eine schmale, ziemlich
tief nach dem Inneren des Zahnes zu sich erstreckende Bucht; in Folge
dieser Einschnürung erscheint der ganze Zahn deutlich in eine vordere
und hintere Hälfte getheilt.
Als besonders auffallend wäre hier ferner zu erwähnen, dass, wenn man
afrikanische Rinderrassen zum Vergleiche herbeizieht, der Zahnbau
des Watussi-Rindes am vollkommensten mit dem des schwachgehörnten
oder ganz hornlosen Somali-Rindes übereinstimmt. Diese nicht zu
übersehende Aehnlichkeit des Zahnbaues zwischen diesen beiden
afrikanischen Rinderrassen ist deshalb so bemerkenswerth, weil
dieselben sonst hinsichtlich des Körperbaues etc. so ungeheuer von
einander verschieden sind.[36]
[36] Die von mir zu diesen Vergleichen benutzten Schädel der
Somali-Rinderrasse entstammen der schönen Sammlung des
Herrn Prof. Dr. Keller, Zürich, für dessen liebenswürdiges
Entgegenkommen ich nochmals herzlichen Dank sage.
Aus den mitgetheilten charakteristischen osteologischen Verhältnissen
ist mit Bestimmtheit zu ersehen, dass das Watussi-Rind dem
abessinischen Sanga-Rinde nahe verwandt ist. Sehr auffallend ist
hierbei die Thatsache, dass in inniger Mischung am Schädel solche
Formen auftreten, welche für unsere europäischen grosshörnigen zur
Primigenius-Gruppe gehörigen Rinderrassen charakteristisch sind
neben anderen, welche wieder nur bei typischen Brachyceros-Rassen
vorkommen. Während z. B. der Schädeltheil des Kopfskelettes fast
vollkommen die Merkmale echter Primigenius-Rassen besitzt, finden wir
am Gesichtstheile derselben und ferner an den Zähnen diejenigen der
Brachyceros-Gruppe auftreten.
Nach den Erfahrungen Baumann's, Stanley's und anderer ist der
=wirthschaftliche Nutzen= dieser Rinderrasse kein besonders grosser.
Das Fleisch des Watussi-Rindes schmeckt nach Baumann schlechter
als das des ostafrikanischen Zebus und soll ein eigenthümliches,
offenbar durch grobfaserigen Bau und Armuth an intermuskulärem
Bindegewebe bedingtes, als »schlüpfrig« bezeichnetes Gefühl beim
Kauen hervorrufen.
Hinsichtlich der Milchleistung lauten die Erfahrungen ebenfalls sehr
ungünstig. Nach Baumann's Beobachtungen beträgt der durchschnittliche
tägliche Milchertrag einer Kuh höchstens einen Liter; desgleichen
erwähnt auch Stanley, dass die Thiere namentlich in Anbetracht ihrer
Grösse und der guten Weideverhältnisse nur recht wenig Milch liefern.
Die Milch des Watussi-Rindes gilt jedoch für wohlschmeckender als
jene der ebenfalls nicht viel besser melkenden ostafrikanischen
Zebus.
Wie bei den meisten im halbwilden Zustande lebenden Rindern hält es
auch bei dieser Rasse schwer, die Kühe zu melken, da dieselben unter
gewöhnlichen Umständen die Milch zurückzuhalten pflegen. Nach Stanley
pflegten Kavalli's Leute die Kühe in der Weise zu melken, dass sie
den Thieren vorher die Hinterbeine zusammenbanden und das Kalb nach
dem Kopfe der Mutter brachten.
Was die wirthschaftliche Leistung anbelangt, so hat es den Anschein,
als ob fast alle mittelafrikanischen Rinderrassen mehr oder
weniger ungünstig in dieser Beziehung sich verhielten. So erwähnt
auch Schweinfurth[37] gelegentlich der Beschreibung des lang-
und schlankhörnigen Buckelrindes der Dinkastämme, welches höchst
wahrscheinlich ebenfalls in näheren Beziehungen zum Sangarinde
stehen dürfte, die geradezu »miserablen« Milcherträge dieser
Rasse, von denen die besten Kühe weniger Milch liefern, als bei
uns mittelmässige Ziegen und ferner, dass zur Herstellung eines
Pfundes Butter ganz erstaunliche Quantitäten von Milch nothwendig
sind. Als ebenso interessant wie auch beachtungswerth erscheint
hierbei die von Schweinfurth gemachte Bemerkung, wonach die trotz
aller angewandten Sorgfalt und Pflege seitens der Dinka nicht zu
verkennende Degeneration dieser Rasse theils eine Folge mangelnder
Kreuzung, theils aber auch dessen sei, dass den Rindern niemals
Kochsalz gereicht wird. Die von ihm selbst gemachte Erfahrung,
nach welcher durch Kochsalzgaben den Thieren förmlich neues Leben
und frische Kräfte eingeflösst und er hierdurch Kühe milchend und
in gutem Ernährungszustande erhielt, sprechen wohl zu Gunsten der
letzten Ansicht.
[37] Im Herzen von Afrika, pag. 47-50; Leipzig, 1878.
Als ein weiterer, für den Züchter höchst beachtenswerther
Umstand muss endlich die relativ geringe Widerstandsfähigkeit des
Watussi-Rindes gegenüber Schädlichkeiten klimatischer, wie auch
anderer Natur hervorgehoben werden. Nimmt man das Watussi-Rind von
seinen üppigen Hochweiden, so beginnt es zu kümmern und geht bald zu
Grunde. In dieser Beziehung ist z. B. nach den Erfahrungen Baumann's,
der Heerden sowohl des Watussi-Rindes, als auch des gewöhnlichen,
kurzhörnigen ostafrikanischen Zeburindes auf seinen Reisen mit sich
führte, letzteres ganz unvergleichlich widerstandsfähiger.
Dieser Umstand macht es erklärlich, dass überall dort, wo die
Watussi-Stämme in engere Berührung mit Stämmen treten, welche das
kleinere ostafrikanische Zebu züchten, dieselben theils freiwillig,
theils unfreiwillig -- wegen der die eigne Rasse in heftigerem Maasse
heimsuchenden Seuchen -- zu ersterem übergehen. Unterstützt wird
dieser Prozess des Verschwindens der Watussi-Rasse noch dadurch, dass
bei Kreuzungen diese sonst so charakteristische Rasse nur schwache
Durchschlagskraft besitzen soll.
So erklärt sich denn ziemlich einfach die Thatsache, warum die
nördlich vom Victoria-Nyansa und bis zum Ostufer des Albert-Nyansa
wohnenden Watussi-Stämme nicht mehr die echte alte Rasse
besitzen, sondern ein Kreuzungsrind, innerhalb dessen nur ab und
zu grosshörnige Individuen als Produkte atavistischer Vorgänge
auftreten.
Wissen wir doch nach Baumann bestimmt, dass z. B. die vor wenigen
Decennien erst in die Umgebung von Tabora gezogenen Watussi bei ihrer
Ankunft ihre typische Rasse mit sich führten, während sie heute
bereits aus den eben angeführten Gründen fast ausschliesslich im
Besitze der gewöhnlichen ostafrikanischen Zebu sich befinden.
Was die =Verbreitung des Watussi-Rindes= anbelangt, so findet sich
dasselbe überall in den sogenannten Wahuma-Staaten. Es reicht im
Süden bis Ujiji und wird auf den Hochplateaus von Urundi, Ruanda,
Ussui, Karagwe und Mpororo gehalten. Stuhlmann fand es am Süd- und
Westufer des Albert-Edward-Sees; auch am Westufer des Albert-Sees
ist es verbreitet. Von Uganda aus macht sich das Vordringen der
grossbuckeligen ostafrikanischen Zebu-Rasse bemerkbar, welche in
den Ländern des Zwischenseengebietes, also vor allem in Unyoro,
immer mehr an Boden gewinnt und zur Entstehung verschiedener
Kreuzungsprodukte mit dem Watussi-Rinde Veranlassung giebt. Unter
diesen treten, wie schon erwähnt, grosshörnige Exemplare als
Produkte atavistischer Vorgänge nur vereinzelt auf. Das allmähliche
Verschwinden dieser weniger widerstandsfähigen Rasse ist daher nicht
unwahrscheinlich.
Nach Aussage aller Reisenden ist das Watussi-Rind, das dem
abessinischen Sanga so nahesteht, für die hamitischen Wahuma-Stämme
charakteristisch, deren Abkunft ebenfalls aus den Gallaländern
hergeleitet wird. Die Herkunft der Hamiten überhaupt ist jedoch
aus sprachlichen und anthropologischen Gründen unbedingt aus Asien
herzuleiten.
Wenn wir nun auch bezüglich dieser Frage unsere Zuflucht zur
vergleichenden Beobachtung des afrikanischen und speciell des
Sanga-Watussi-Rindes und der indischen Zeburassen nehmen, so ergiebt
sich die Thatsache, dass eines der edelsten indischen Zeburinder,
nämlich die sogenannte Götterrasse, einen Schädelbau besitzt,
der in aller und jeder Beziehung mit dem des Watussi-Sanga-Rindes
übereinstimmt. Die Hörner sind ebenfalls mächtig, wennschon sie nicht
ganz jene ungewöhnlichen Dimensionen erreichen, wie bei so vielen
Individuen der letztgenannten afrikanischen Rasse. So z. B. messen
die Hörner einer solchen Götterkuh, deren Schädel mir durch die
Freundlichkeit des Herrn Professor C. Keller zur Verfügung stand,
immerhin 50 cm in der Länge und 24 cm im Umfange an der Basis. --
Die Art des charakteristischen Schädelbaues im Allgemeinen und im
Speciellen und selbst der Hörner zeigten in jeder Beziehung die
allergrösste, an Uebereinstimmung grenzende Aehnlichkeit mit dem des
Watussi-Rindes, so dass trotz des als einzigen Unterschied zwischen
beiden Rassen hervorzuhebenden etwas komplizirteren Zahnbaues
beim indischen Zebu, die relativ nahe Verwandtschaft dieser Rinder
unverkennbar ist.
Hieraus kann zwar nicht gefolgert werden, dass die Sanga-Rasse von
jener erwähnten Varietät des indischen Zebus abstamme, sondern es
ergiebt sich nur die Wahrscheinlichkeit, dass beide aus einer und
derselben, früher verbreitet gewesenen Spielart ihren Ursprung
nahmen und sich dann eventuell in Folge ähnlicher Daseinsbedingungen
und sonstiger Umstände, trotz der sonst den Zebus im Allgemeinen
zukommenden hochentwickelten Veränderungsfähigkeit, in ähnlicher
Weise weiter entwickelten.
Wir wissen, dass das Wildrind, von welchem sämmtliche asiatischen
Zeburassen abstammen, der Banteng, Bos soudaicus ist. Da in
afrikanischer Erde bis zum heutigen Tage überhaupt keine fossilen
Reste von Buckelrindern gefunden wurden (denn die in Algier
aufgefundenen fossilen Rinderreste gehören dem Ur, Bos primigenius
an, der mit der Gruppe der Höckerrinder in gar keinem Zusammenhange
steht), so müssen wir uns zu der Annahme bequemen, dass die eben
geschilderte Watussi-Rasse, sowie die afrikanischen Buckelochsen
im Allgemeinen, ebenfalls vom asiatischen Banteng abstammen und von
Asien aus erst nach Afrika gelangten.
Auch bezüglich dieser Frage sehen wir also völlige Uebereinstimmung
herrschen zwischen den Folgerungen anthropologischer Forschung und
den Resultaten der vergleichenden Hausthierkunde; beide weisen mit
Bestimmtheit auf Asien hin als der ursprünglichen Heimath sowohl
der hamitischen Hirtenvölker Centralafrika's, als auch der von ihnen
gezüchteten Rinderrasse.
VI. Untersuchung von acht Schädeln.
Von •Prof. Dr. Zuckerkandl•.
Mit 2 Tafeln (Tafel XXVI und XXVII).
Von den acht Schädeln sind fünf, No. 1-5 der Tabelle recent,
No. 6 und 7 sind es nicht. Von den zwei Irakucranien konnte für
anthropologische Zwecke nur der des Kindes verwerthet werden, da
jener des Mannes in Folge von frühzeitiger Synostose der Pfeilnaht
seine ursprüngliche Form eingebüsst hat.
Von den =vier Watussi= zeigen drei (No. 1-3) so ziemlich die gleiche
Form; sie sind klein (siehe die Capacität), extrem dolichocephal
und prognath, zwei auffallend chamaecephal, der dritte orthocephal,
alle drei platyrrhin. Die Stirne ist niedrig und fliehend, ein Torus
frontalis ziemlich gut ausgebildet. Der Nasenrücken ist schmal
vorspringend und mit einer deutlichen sattelförmigen Vertiefung
versehen, nur beim Kinde breit und flach. Der Zwischenkiefer zeigt
eine schräge Lagerung. Der Unterkiefer, jener des Kindes ausgenommen,
ist äusserst kräftig entwickelt, der aufsteigende Fortsatz von
auffallender Breite, der Uebergang beider Aeste ineinander fast
rechtwinklig. Die Prognathie der Unterkiefer gelangt in einer
Vorbiegung des Alveolarfortsatzes im Bereiche der Schneide- und
Eckzähne deutlich zum Ausdruck.
Die Profillinie des Gesichtes ist winkelig geknickt; es schneiden
sich nämlich in der Mundregion die Profillinien des Ober- und
des Unterkiefers unter einem stumpfen Winkel, dessen Knie nach
vorne gerichtet ist. Die Mahlzähne sind kräftig und hinsichtlich
der Zahl ihrer Höcker variant. Der vierte Watussischädel
unterscheidet sich von den übrigen; er ist wohl auch dolichocephal,
prognath, und chamaecephal, aber durch ungewöhnliche Grösse und
Stärke ausgezeichnet. An dem durch besondere Länge auffallenden
Gesichte tritt die Prognathie weniger hervor als an den anderen
Watussischädeln.
[Illustration: TAFEL XXVI. Watussi-Schädel.]
[Illustration: TAFEL XXVII. Massai-Schädel.]
Die zwei =Massaicranien= (No. 5 und 6 der Tabelle) sind nicht gleich
geformt. No. 5 stimmt seiner ganzen Architektur nach mit den drei
ersten Watussischädeln überein. Das Cranium ist extrem dolicho-
und chamaecephal, prognath, platyrrhin und chamäkonch. Seine Stirne
ist niedrig und fliehend, der Torus frontalis gut ausgebildet, der
Nasenrücken vorspringend und mit einer sattelförmigen Einschnürung
versehen. Der Zwischenkiefer ist schräg gelagert und zu beiden Seiten
der Spina nasalis inferior vertieft, der Unterkiefer sehr kräftig
gebaut, sein aufsteigender Fortsatz ausnehmend breit, der Uebergang
in den horizontalen Ast rechtwinklig. Der Aveolarfortsatz des
Unterkiefers zeigt keine Prognathie, möglicherweise aus dem Grunde,
weil die Alveolen der fehlenden Mittelschneidezähne verödet sind.
Dem anderen =Massaischädel= (No. 6 der Tabelle, Tafel XXVII) fehlt
der Unterkiefer. Er ist dolicho-orthocephal, prognath, mesorrhin
und hypsikonch. Die Prognathie fällt viel weniger auf, auch ist der
Zwischenkiefer nicht schräg gelagert. Die Stirne ist gewölbt und
senkrecht ansteigend, der Nasenrücken mässig vorspringend. Capacität
beider Massaischädel gering.
Der Schädel des =Irakukindes= ist dolicho-orthocephal prognath,
hyperplatyrrhin und hypsikonch. Die Stirne erscheint gut gewölbt,
der Nasenrücken plattgedrückt, steil abfallend, der Zwischenkiefer
schräg.
=Resumé.= Die geringe Anzahl der Cranien gestattet es nicht, sichere
Schlüsse zu ziehen; ich beschränke mich deshalb auf nachstehende
Bemerkungen: der Form nach stimmen die drei Watussischädel (1-3) und
der Massaischädel No. 5 überein. Die Frage, ob diese vier Cranien
dem Negerschädel an die Seite gestellt werden dürften, ist negativ
zu beantworten. Watussischädel No. 4 und Massaischädel No. 5 weichen
hinsichtlich ihrer Form von den vorigen wesentlich ab. Sie geben
Typen wieder, wie solche auch bei uns angetroffen werden. Am meisten
negerartig ist der Schädel des Irakukindes.
Hauptmaasse und Indices
(nach der Frankfurter Verständigung).