ROSMER (nach kurzem Schweigen). Wo reisest du hin, Rebekka?
REBEKKA. Nach dem Norden, mit dem Dampfer.
ROSMER. Nach dem Norden? Was willst du dort?
REBEKKA. Von da bin ich ja hergekommen.
ROSMER. Aber jetzt hast du da nichts mehr zu schaffen.
REBEKKA. Hier unten auch nicht.
ROSMER Was gedenkst du denn anzufangen?
REBEKKA. Das weiß ich noch nicht. Ich will nur sehen, der Sache ein Ende
zu machen.
ROSMER. Ein Ende zu machen?
REBEKKA. Rosmersholm hat mich gebrochen.
ROSMER (wird aufmerksam). Das behauptest du?
REBEKKA. Geknickt und gebrochen ... Als ich hierher kam, hatt ich einen
so frischen und mutigen Willen. Jetzt hab ich mich unter ein fremdes
Gesetz gebeugt ... Von nun an, das fühl ich, hab ich zu nichts, zu gar
nichts mehr Mut.
ROSMER. Warum denn nicht? Und was ist das für ein Gesetz, unter das
du --?
REBEKKA. Rosmer, davon wollen wir heut lieber nicht sprechen ... Wie
steht es jetzt mit dir und dem Rektor?
ROSMER. Wir haben Frieden geschlossen.
REBEKKA. Ah so. Damit also hat die Sache geendet.
ROSMER. Er ließ all unsre alten Freunde zu sich kommen. Sie haben mich
überzeugt, daß ich für eine solche Mission, -- die Geister der Menschen
zu adeln, -- ganz und gar nicht geschaffen bin ... Und übrigens,
Rebekka, ist das auch an und für sich etwas so Hoffnungloses ... Ich
befasse mich nicht damit.
REBEKKA. Ja ja, -- das wird wohl das beste sein.
ROSMER. Das sagst du jetzt! Ist das =jetzt= deine Ansicht?
REBEKKA. Ja, zu dieser Ansicht bin ich gekommen. In den letzten paar
Tagen.
ROSMER. Rebekka, du lügst!
REBEKKA. Ich lüge --!
ROSMER. Ja, du lügst. Du hast nie an mich geglaubt. Niemals hast du
geglaubt, ich sei der Mann, diese Sache siegreich durchzukämpfen.
REBEKKA. Ich glaubte, wir beide zusammen würden sie zum Siege führen.
ROSMER. Das ist nicht wahr. Du glaubtest selber etwas großes im Leben
vollbringen zu können. Und mich glaubtest du als Werkzeug für deine
Absichten, deine Zwecke gebrauchen zu können. Dazu war ich geeignet.
=Das= hast du geglaubt!
REBEKKA. Nun hör mich an, Rosmer.
ROSMER (setzt sich traurig aufs Sofa). Ach laß mich! Jetzt seh ich der
ganzen Sache auf den Grund. Ich war wie ein Handschuh in deinen Händen.
REBEKKA. Rosmer, hör mich an. Sprechen wir uns hierüber aus. Es ist das
letzte Mal. (Sie setzt sich auf einen Stuhl neben dem Sofa.) Ich hatte
die Absicht, dir über all das zu schreiben, -- nach meiner Rückkehr in
die Finnmark. Aber es ist wohl das beste, ich sag es dir jetzt gleich.
ROSMER. Hast du mir noch ein Geständnis zu machen?
REBEKKA. Ja, das größte!
ROSMER. Das größte?
REBEKKA. Das, was du nie geahnt hast. Was allem andern Licht und
Schatten gibt.
ROSMER (schüttelt den Kopf). Ich versteh dich gar nicht.
REBEKKA. Es ist wahr, ich hab einmal meine Netze ausgeworfen, um hier
auf Rosmersholm Einlaß zu erhalten. Denn ich glaubte, hier würd ich wohl
mein Glück machen. Du begreifst -- auf die ein oder andre Weise.
ROSMER. Und was du erreichen wolltest, hast du erreicht.
REBEKKA. Ich glaube, damals hätt ich alles erreicht. Denn da hatt ich
noch meinen ungebändigten freigebornen Willen. Rücksichten kannt ich
nicht. Menschliche Verhältnisse schreckten mich nicht... Aber dann
begann das, was meinen Willen gebrochen und mich Zeit meines Lebens so
jämmerlich feig gemacht hat.
ROSMER. Was begann? Rede so, daß ich dich verstehn kann.
REBEKKA. Da kam es über mich -- dies wilde unbezwingliche Verlangen --!
O Rosmer --!
ROSMER. Verlangen? Du hattest --! Wonach?
REBEKKA. Nach dir.
ROSMER (will aufspringen). Was sagst du!
REBEKKA (hält ihn zurück). Bleib sitzen, Liebster. Hör weiter.
ROSMER. Und du willst behaupten -- du hättest mich geliebt -- in der
Weise!
REBEKKA. Damals glaubt ich, es müßte Liebe genannt werden. Und ich hielt
es auch für Liebe. Aber es war keine. Es war so, wie ich sagte. Ein
wildes unbezwingliches Verlangen.
ROSMER (mit Mühe). Rebekka, -- bist du es selbst, -- bist du es wirklich
selbst, von der du dies alles erzählst!
REBEKKA. Ja, was meinst du denn, Rosmer!
ROSMER. Also darum, -- von dieser Leidenschaft gestachelt, -- hast du
=gehandelt=, wie dus nennst.
REBEKKA. Es kam über mich wie ein Sturm am Meere. Wie einer jener
Orkane, wie wir sie zur Winterzeit da oben im Norden haben. Er packt
einen, -- und reißt einen mit fort, -- so weit er will. An Widerstand
kein Gedanke.
ROSMER. Und dieser Sturm fegte die unglückliche Beate hinab in den
Mühlbach.
REBEKKA. Ja, denn zu der Zeit wars zwischen Beate und mir ein Kampf auf
Leben und Tod, -- wie wenn auf einem Wrack zwei Schiffbrüchige
miteinander ringen.
ROSMER. Und du warst ja die stärkste auf Rosmersholm. Stärker als Beate
und ich zusammen.
REBEKKA. Dich kannt ich genügend, um zu wissen: kein Weg führte zu dir,
solange du unfrei warst in deinen Verhältnissen -- und in deinem Denken.
ROSMER. Aber ich begreife dich nicht, Rebekka. Du, -- du selbst, -- dein
ganzes Verhalten -- alles ist mir ein unlösbares Rätsel. Jetzt bin ich
ja frei, -- in meinem Denken und in meinen Verhältnissen. Du stehst nun
nah an dem Ziel, das du dir von Anfang an gesetzt hattest. Und
dennoch --!
REBEKKA. Nie war ich dem Ziel ferner als jetzt.
ROSMER. -- und dennoch, sag ich, -- als ich dich gestern fragte, -- dich
bat: werde mein Weib, -- da schriest du wie erschreckt auf: mein Weib
könntest du niemals werden!
REBEKKA. Rosmer, da schrie ich in Verzweiflung auf.
ROSMER. Warum?
REBEKKA. Weil Rosmersholm mich gelähmt hat. Meinem kraftvollen Willen
sind hier die Schwungfedern beschnitten. Und gebrochen! Für mich ist die
Zeit dahin, wo ich den Mut hatte, alles, alles zu wagen. Rosmer, ich
habe die Kraft zum Handeln verloren.
ROSMER. Sage mir, wie das gekommen ist.
REBEKKA. Durch mein Zusammenleben mit dir.
ROSMER. Aber wie? Wie denn?
REBEKKA. Als ich hier allein mit dir war, -- und als du wieder du selbst
geworden --
ROSMER. Ja, ja?