Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Es ist spät am Abend. Die mit einem
Schirm versehene Lampe steht angezündet auf dem Tische.
REBEKKA steht am Tische und packt verschiedene kleine Gegenstände in
eine Reisetasche. Ihr Mantel und ihr Hut sowie der gehäkelte
Wollshawl hängen über der Sofalehne. -- FRAU HILSETH kommt von
rechts.
FRAU HILSETH (spricht gedämpft und scheint zurückhaltend). Ja, Fräulein,
nu sind also die Sachen alle 'rausgetragen. Sie stehn im Küchengang.
REBEKKA. Gut. Und dem Kutscher haben Sie doch Bescheid gesagt?
FRAU HILSETH. Jawoll. Er fragt, wann er mit den Wagen hier sein soll.
REBEKKA. Ich denke, so gegen elf. Der Dampfer geht um Mitternacht ab.
FRAU HILSETH (etwas zögernd). Aber der Herr Pastor? Wenn der nu bis
dahin noch nicht zurück ist?
REBEKKA. Dann reis ich trotzdem. Sollt ich ihn nicht mehr sehn, können
Sie ihm sagen, ich würd ihm schreiben. Einen langen Brief. Sagen Sie
das.
FRAU HILSETH. Ja, das ist nu alles gut und schön -- das mit dem
Schreiben. Aber, armes Fräulein, -- meine Meinung ist nun die, Sie
sollten versuchen noch mal mit ihm zu reden.
REBEKKA. Vielleicht. Oder vielleicht doch lieber nicht.
FRAU HILSETH. Nein, -- daß ich sowas erleben muß, -- das hätt ich mein
Lebtag nicht gedacht!
REBEKKA. Was hatten Sie sich denn gedacht, Frau Hilseth?
FRAU HILSETH. Na, ich hatte mir Pastor Rosmer doch 'n bißchen reeller
vorgestellt.
REBEKKA. Reeller?
FRAU HILSETH. Ja ja, reeller; jawoll!
REBEKKA. Aber liebe Frau Hilseth, was meinen Sie damit?
FRAU HILSETH. Ich, Fräulein, meine, was recht und billig ist. Auf =die=
Art und Weise mußt er sich nicht los und ledig machen; auf die nicht.
REBEKKA (sieht sie an). Nun hören Sie mal, Frau Hilseth. Sagen Sie mir
offen und ehrlich, -- warum, meinen Sie, reis ich weg?
FRAU HILSETH. Herrgott, Fräulein, das ist ja doch wohl 'n Müssen! Ach
ja, ja, ja! Aber meine Meinung ist nun die, schön ist das nicht vom
Herrn Pastor. Der Mortensgaard, na der war ja entschuldigt. Nämlich sie
hatte ja noch ihren Mann am Leben. Also =die= beiden, die konnten sich
nicht heiraten, so gern sie auch mochten. Aber der Herr Pastor, sehn
Sie, der -- hm!
REBEKKA (mit schwachem Lächeln). Hätten Sie sich von Pastor Rosmer und
mir sowas denken können?
FRAU HILSETH. Mein Lebtag nicht. Ja, ich meine, -- bis heute nicht.
REBEKKA. Also von heut an --?
FRAU HILSETH. Na, -- nach all den Schlechtigkeiten, die, wie die Leute
sagen, vom Herrn Pastor in die Zeitungen stehn sollen --
REBEKKA. Aha!
FRAU HILSETH. Denn meine Meinung ist nun die: dem Mann, der zu dem
Mortensgaard seine Reljohn übertreten kann, dem ist weiß Gott alles
zuzutrauen.
REBEKKA. Ach ja, das mag schon sein. Aber ich? Was sagen Sie von mir?
FRAU HILSETH. Du lieber Gott, Fräulein, -- was wär denn gegen Ihnen groß
zu sagen! Für 'ne Alleinstehende, denk ich mir, ists nicht so leicht,
Stand zu halten... Wir sind ja doch alle Menschen, Fräulein West, --
alle mit 'nander.
REBEKKA. Sehr wahr, Frau Hilseth. Wir sind alle miteinander Menschen. --
Wonach horchen Sie?
FRAU HILSETH (leise). O Jesses, -- ich glaub, da kommt er grad!
REBEKKA (fährt zusammen). Also doch --! (Bestimmt.) Nun ja. Es sei.
(ROSMER kommt aus dem Vorzimmer.)
ROSMER (erblickt das Reisezeug, wendet sich an REBEKKA und fragt). Was
hat das zu bedeuten?
REBEKKA. Ich reise.
ROSMER. Auf der Stelle?
REBEKKA. Ja. (Zu FRAU HILSETH.) Also elf Uhr.