MORTENSGAARD. Ja, sehn Sie, Herr Pastor --. Vermutlich sind Sie mit den
Verhältnissen nicht so vertraut wie ich. Aber wenn Sie nun also zur
freisinnigen Richtung übergegangen sind, -- und wenn Sie -- wie Fräulein
West sagte, -- an der Bewegung teilnehmen wollen, -- so tun Sie das doch
gewiß mit dem Wunsche, der Richtung und der Bewegung so viel wie möglich
zu nützen.
ROSMER. Gewiß, das wünsch ich durchaus.
MORTENSGAARD. Schön. Aber nun sag ich Ihnen nur dies eine: treten Sie
frei und offen mit dieser Mitteilung über Ihren Abfall von der Kirche
hervor, so binden Sie sich sofort selbst die Hände.
ROSMER. Glauben Sie?
MORTENSGAARD. Ja, Sie können überzeugt sein, viel richten Sie dann hier
in der Gegend nicht aus. Und zudem, -- Freidenker haben wir schon genug
auf Lager, Herr Pastor. Ich möchte sagen, -- wir haben schon viel zu
viel von dieser Art Zeitgenossen. Was die Partei braucht, das ist das
christliche Element, -- etwas, wovor alle Respekt haben müssen. Daran
aber mangelt es uns ganz empfindlich. Darum ist es das ratsamste, Sie
behalten sorgfältig alles für sich, was die Öffentlichkeit nichts
angeht... Das ist meine Ansicht von der Sache.
ROSMER. Ah so. Wenn ich also offen meinen Abfall bekenne, so wagen Sies
nicht, sich mit mir einzulassen?
MORTENSGAARD (schüttelt den Kopf). Ich tät es sehr ungern, Herr Pastor.
In der letzten Zeit hab ichs mir zum Grundsatz gemacht, nie eine Sache
oder Person zu unterstützen, die den christlichen Dingen zu Leibe will.
ROSMER. Sind Sie denn selbst in der letzten Zeit zur Kirche
zurückgekehrt?
MORTENSGAARD. Das ist eine Sache für sich.
ROSMER. Aha, so also verhält es sich. Jetzt versteh ich Sie.
MORTENSGAARD. Herr Pastor, -- Sie dürfen nicht vergessen, daß ich -- vor
allem ich, -- keine freie Hand habe.
ROSMER. Was bindet Sie denn?
MORTENSGAARD. Mich bindet der Umstand, daß ich ein Gebrandmarkter bin.
ROSMER. Ah, -- ja so.
MORTENSGAARD. Ein Gebrandmarkter, Herr Pastor. Sie namentlich dürfen das
nicht vergessen. Denn Sie vor allem waren es, der mir das Brandmal
aufdrückte.
ROSMER. Hätt ich damals gestanden, wo ich nun steh, ich hätt Ihr
Vergehen mit behutsamern Händen angefaßt.
MORTENSGAARD. Das glaub ich auch. Aber nun ist es zu spät. Sie haben
mich ein für allemal gebrandmarkt. Gebrandmarkt für mein ganzes Leben.
Nun, es ist Ihnen wohl nicht ganz klar, was so etwas zu bedeuten hat.
Aber, Herr Pastor, vielleicht bekommen Sie diesen stechenden Schmerz nun
selber zu fühlen.
ROSMER. Ich!
MORTENSGAARD. Ja. Denn Sie werden doch nicht glauben, daß Rektor Kroll
und sein Anhang für ein Verbrechen wie das Ihrige Verzeihung kennen? Und
das »Kreisblatt« soll, wie es heißt, nun sehr blutig werden. 'S kann
leicht kommen, daß auch Sie ein Gebrandmarkter werden.
ROSMER. Ich fühle mich, was das Persönliche betrifft, vollständig
unverwundbar, Herr Mortensgaard. Mein Lebenswandel bietet keine
Angriffspunkte.
MORTENSGAARD (mit ruhigem Lächeln). Das ist ein großes Wort, Herr
Pastor.
ROSMER. Mag sein; aber ich habe das Recht, es auszusprechen.
MORTENSGAARD. Auch wenn Sie Ihren Lebenswandel so gründlich prüfen, wie
Sie einst den meinen prüften?
ROSMER. Sie sagen das in einem so eigentümlichen Ton. Worauf spielen Sie
an? Auf etwas bestimmtes?
MORTENSGAARD. Ja, auf =eine= bestimmte Sache. Nur auf eine einzige. Aber
die dürfte schlimm genug werden, wenn boshafte Gegner Kenntnis davon
erhalten.
ROSMER. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, was es ist?
MORTENSGAARD. Können der Herr Pastor es nicht selbst erraten?
ROSMER. Nein; durchaus nicht. Ganz und garnicht.
MORTENSGAARD. Ja ja; dann muß ich wohl mit der Sprache heraus ... In
meinem Besitz befindet sich ein seltsamer Brief, der hier auf
Rosmersholm geschrieben ist.
ROSMER. Fräulein Wests Brief, meinen Sie? Ist der so seltsam?
MORTENSGAARD. Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber hier vom Hofe hab
ich mal einen andern Brief erhalten.
ROSMER. Ebenfalls von Fräulein West?
MORTENSGAARD. Nein, Herr Pastor.
ROSMER. Nun, von wem denn? Von wem?
MORTENSGAARD. Von Ihrer seligen Gattin.
ROSMER. Von meiner Frau! =Sie= haben von meiner Frau einen Brief
erhalten!
MORTENSGAARD. Jawohl.
ROSMER. Wann?
MORTENSGAARD. Es war in der letzten Lebenszeit Ihrer seligen Gattin. Es
mag jetzt etwa anderthalb Jahr her sein. Eben diesen Brief nenn ich
seltsam.
ROSMER. Sie wissen doch, daß meine Frau zu der Zeit geisteskrank war.
MORTENSGAARD. Ich weiß, daß viele das glaubten. Aber ich meine, dem
Briefe konnte man so etwas nicht anmerken. Wenn ich den Brief seltsam
nenne, so mein ich etwas andres damit.
ROSMER. Über was in aller Welt hat meine arme Frau Ihnen nur schreiben
können?
MORTENSGAARD. Ich hab den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefähr damit,
daß sie in großer Furcht und Angst lebe. Denn hier in der Gegend gebe es
so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen wären nur
darauf bedacht, Ihnen Ärger und Schaden zu bereiten.
ROSMER. Mir?
MORTENSGAARD. Ja, so behauptet sie. Und dann kommt das seltsamste. Soll
ich es sagen, Herr Pastor?
ROSMER. Ja, gewiß! Alles. Ohne jeden Rückhalt.
MORTENSGAARD. Ihre selige Gattin bittet und beschwört mich, großmütig zu
sein. Sie wisse, sagt sie, daß es der Herr Pastor gewesen, der meine
Absetzung durchgesetzt habe. Und dann bittet sie flehentlich, ich möchte
mich nicht rächen.
ROSMER. Wie dachte sie es sich denn, daß Sie sich rächen könnten?
MORTENSGAARD. In dem Briefe heißt es: wenn mir Gerüchte über ein
sündiges Treiben auf Rosmersholm zu Ohren kommen sollten, so möchte ich
alledem nicht trauen; denn bloß schlechte Menschen sprengten solche
Gerüchte aus, um Sie unglücklich zu machen.
ROSMER. Steht das in dem Briefe!
MORTENSGAARD. Der Herr Pastor können ihn gelegentlich selbst lesen.
ROSMER. Aber ich begreife nicht --! Und auf =was= liefen, -- nach ihrer
Einbildung, -- die bösen Gerüchte hinaus?
MORTENSGAARD. Zunächst darauf, daß der Herr Pastor von dem Glauben
seiner Kindheit abgefallen sei. Das leugnete Ihre selige Gattin =damals=
auf das bestimmteste. Und dann -- hm --
ROSMER. Dann?
MORTENSGAARD. Ja dann schreibt sie, -- in etwas konfuser Weise, -- von
einem sündhaften Verhältnis auf Rosmersholm wisse sie nichts. Ihr sei
niemals unrecht geschehen. Wenn derartige Gerüchte umliefen, so bitte
sie mich dringend, im »Leuchtturm« keine Notiz davon zu nehmen.
ROSMER. Wird kein Name genannt?
MORTENSGAARD. Nein.
ROSMER. Wer brachte Ihnen den Brief?
MORTENSGAARD. Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu verraten. Er
wurde mir eines Abends in der Dämmrung gebracht.
ROSMER. Hätten Sie sich sofort erkundigt, würden Sie erfahren haben, daß
meine arme unglückliche Frau nicht ganz zurechnungsfähig war.
MORTENSGAARD. Ich erkundigte mich, Herr Pastor. Aber ich muß bekennen,
einen =solchen= Eindruck erhielt ich nicht.
ROSMER. Nicht?... Aber warum klären Sie mich denn eigentlich jetzt über
diesen alten konfusen Brief auf?
MORTENSGAARD. Um Ihnen den Rat zu geben, sehr vorsichtig zu sein, Herr
Pastor.
ROSMER. In meinem Lebenswandel, meinen Sie?
MORTENSGAARD. Ja. Sie müssen bedenken, von jetzt an sind Sie verdächtig.
ROSMER. Ich verdächtig! Sie halten also daran fest, ich hätte etwas zu
verheimlichen?
MORTENSGAARD. Ich wüßte nicht, warum ein freisinniger Mann sich scheuen
sollte, sein Leben so vollständig wie möglich auszuleben. Aber, wie
gesagt, sei'n Sie von jetzt an vorsichtig. Sollte mal über den Herrn
Pastor etwas unter die Leute kommen, das gegen die herrschenden
Vorurteile verstieße, so können Sie überzeugt sein, die ganze freie
Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie
wohl, Herr Pastor.
ROSMER. Leben Sie wohl.
MORTENSGAARD. Und nun begeb ich mich direkt in die Druckerei und bringe
die große Neuigkeit in den »Leuchtturm«.
ROSMER. Bringen Sie alles hinein.
MORTENSGAARD. Ich bringe alles das hinein, was das liebe Publikum zu
wissen braucht.
(Er grüsst und geht. ROSMER bleibt in der Tür stehen, während er die
Treppe hinunter geht. Man hört, wie, die Haustür geschlossen wird.)
ROSMER (in der Tür, ruft gedämpft). Rebekka! Re--. Hm. (Laut.) Frau
Hilseth, -- ist Fräulein West nicht unten?
FRAU HILSETH (antwortet unten im Vorzimmer). Nein, Herr Pastor, hier ist
sie nicht.
(Im Hintergrunde werden die Portieren beiseite geschoben. REBEKKA
wird in der Türöffnung sichtbar.)
REBEKKA. Rosmer!
ROSMER (wendet sich). Was! Du warst in meinem Schlafzimmer! Liebste, was
hast du da gemacht?
REBEKKA (geht zu ihm). Ich habe gehorcht.
ROSMER. Aber, Rebekka, wie konntest du das!
REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das über mein
Hauskleid --
ROSMER. Ah, du warst auch darin, als Kroll --?
REBEKKA. Ja. Ich wollte wissen, was er im Schilde führte.
ROSMER. Ich hätt es dir erzählt.
REBEKKA. Du hättest mir wohl kaum alles erzählt. Und gewiß nicht mit
seinen eignen Worten.
ROSMER. Hast du denn alles gehört?
REBEKKA. Das meiste, denk ich. Als Mortensgaard kam, mußt ich einen
Augenblick hinunter.