KROLL (zu FRAU HILSETH). Lassen Sie ihn nur herein.
(FRAU HILSETH geht.)
KROLL (nimmt seinen Hut). Ich räume das Feld -- das heißt vorläufig. Die
Hauptschlacht muß noch geschlagen werden.
ROSMER. So wahr ich lebe, Kroll, -- ich habe mit Mortensgaard nichts zu
schaffen.
KROLL. Ich glaub dir nicht mehr. In keiner Beziehung. Was es auch sein
mag -- von nun an glaub ich dir nichts mehr. Jetzt gilts: Krieg bis aufs
Messer. Wir wollen doch mal sehn, ob wir dich nicht unschädlich machen
können.
ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!
KROLL. Ich? Und das sagt so einer wie du! Denk an Beate!
ROSMER. Kommst du mir wieder damit!
KROLL. Nein. Das Geheimnis des Mühlbachs zu erforschen ist Sache deines
Gewissens, -- wenn du etwas derartiges noch hast.
(PETER MORTENSGAARD kommt ruhig und leise durch die Tür links. Er
ist ein kleiner schmächtiger Mann mit dünnem rötlichem Haar und
Bart.)
KROLL (mit einem hasserfüllten Blick). Aha, der »Leuchtturm« also --.
Auf Rosmersholm angezündet. (Knöpft seinen Rock zu.) Ja, da kann ich ja
nicht mehr im Zweifel sein, welchen Kurs ich zu steuern habe.
MORTENSGAARD (sanft). Der »Leuchtturm« bleibt immer angezündet, um dem
Herrn Rektor heimzuleuchten.
KROLL. Ja, Ihren guten Willen haben Sie schon lange bewiesen. Allerdings
gibts ein Gebot, das vorschreibt, wir sollen nicht falsches Zeugnis
geben wider unsern Nächsten --
MORTENSGAARD. In den zehn Geboten braucht mich der Herr Rektor nicht zu
unterrichten.
KROLL. Auch nicht im sechsten?
ROSMER. Kroll --!
MORTENSGAARD. Tritt =die= Notwendigkeit ein, so ist doch wohl der Herr
Pastor die kompetente Behörde.
KROLL (mit unterdrücktem Hohn). Der Pastor? Ja, in =diesem= Kapitel ist
Pastor Rosmer in erster Linie kompetent -- gar keine Frage ... Wünsche
segensreiche Verhandlung, meine Herren!
(Er geht und schlägt die Tür hinter sich ins Schloss.)
ROSMER (hält den Blick noch eine Weile auf die geschlossne Tür gerichtet
und sagt für sich). Wohlan, -- wenns denn gar nicht anders geht. (Wendet
sich.) Wollen Sie mir gefälligst sagen, Herr Mortensgaard, was Sie zu
mir führt?
MORTENSGAARD. Eigentlich galt mein Besuch Fräulein West. Ich wollte mich
für den freundlichen Brief bedanken, den ich gestern von ihr erhielt.
ROSMER. Ich weiß, sie hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sie gesprochen?
MORTENSGAARD. Ja, einen Augenblick. (Mit schwachem Lächeln.) Wie ich
höre, haben sich die Ansichten hier auf Rosmersholm in einigen Punkten
geändert.
ROSMER. Meine Ansichten haben sich in =vielen= Punkten geändert. Ich
kann wohl sagen -- in allem.
MORTENSGAARD. So sagte das Fräulein. Und deshalb meinte sie, ich sollte
hinaufgehn und mit dem Herrn Pastor mich ein wenig darüber unterhalten.
ROSMER. Worüber, Herr Mortensgaard?
MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre
Gesinnungen hegen, -- und sich der freisinnigen und fortschrittlichen
Sache angeschlossen haben?
ROSMER. Gewiß dürfen Sie das. Ich bitte sogar darum.
MORTENSGAARD. Dann wirds morgen früh drin stehn. Das ist eine große
wichtige Neuigkeit, daß Pastor Rosmer auf Rosmersholm glaubt, er könne
für die Sache des Lichts auch in =diesem= Sinne eintreten.
ROSMER. Ich versteh Sie nicht ganz.
MORTENSGAARD. Ich meine: unsre Partei erhält eine starke moralische
Stütze, so oft wir einen ernsten christlich gesinnten Anhänger gewinnen.
ROSMER (etwas verwundert). Sie wissen also nicht --? Hat Ihnen Fräulein
West =das= nicht gesagt?
MORTENSGAARD. Was, Herr Pastor? Das Fräulein hatte große Eile. Sie
sagte, ich möchte hinaufgehn und das übrige von Ihnen selbst hören.
ROSMER. Nun, so wissen Sie denn, daß ich mich vollständig frei gemacht
habe. Nach allen Seiten. Zu den Lehrsätzen der Kirche hab ich gar kein
Verhältnis mehr. Diese Dinge gehn mich in Zukunft absolut nichts mehr
an.
MORTENSGAARD (sieht ihn verblüfft an). Nein, -- wenn der Mond
herabgefallen wäre, ich könnte nicht verblüffter --! Der Herr Pastor
sagt sich los --!
ROSMER. Ja, ich steh nun, wo sie selbst seit langer Zeit stehn. Diese
Nachricht kann also der »Leuchtturm« morgen verbreiten.
MORTENSGAARD. Diese ebenfalls? Nein, lieber Herr Pastor --.
Entschuldigen Sie, -- aber diesen Teil der Sache wollen wir doch lieber
nicht berühren.
ROSMER. Diesen Teil .. nicht berühren?
MORTENSGAARD. Vorläufig noch nicht, mein ich.