KROLL. Ja, setzen wir uns. (Sie setzen sich aufs Sofa.)

ROSMER (nach kurzem Schweigen). Findest du nicht, daß wir hier ein

angenehmes behagliches Leben führen?

KROLL. Ja, hier ist es jetzt angenehm und behaglich -- und friedlich.

Du, Rosmer, hast dir eine Häuslichkeit geschaffen. Und ich hab die meine

verloren.

ROSMER. Wie kannst du nur so reden, lieber Kroll? Die Wunde wird schon

wieder heilen.

KROLL. Nie. Niemals. Der Stachel bleibt. Wie es war, kann es nie wieder

werden.

ROSMER. Hör mich an, Kroll. Durch viele, viele Jahre haben wir beiden

uns nahe gestanden. Hältst du es für denkbar, daß unsre Freundschaft mal

Schiffbruch leiden könnte?

KROLL. Auf der ganzen Gotteswelt wüßt ich nichts, was uns entfremden

könnte. Wie kommst du darauf?

ROSMER. Weil du auf die Übereinstimmung in Meinungen und Ansichten ein

so entscheidendes Gewicht legst.

KROLL. Nun ja. Aber wir beiden sind ja so ungefähr einig. Jedenfalls in

den großen Haupt- und Kernfragen.

ROSMER (leise). Nein. Jetzt nicht mehr.

KROLL (will aufspringen). Was heißt das!

ROSMER (hält ihn zurück). Nein, bleib ruhig sitzen. Ich bitte dich,

Kroll.

KROLL. Was bedeutet das? Ich versteh dich nicht. Sprich deutlich!

ROSMER. Ein neuer Sommer hat mein Geistesleben befruchtet. Ich sehe

wieder mit den Augen der Jugend. Und darum steh ich jetzt dort --

KROLL. Wo, -- wo stehst du?

ROSMER. Dort, wo deine Kinder stehn.

KROLL. Du? Du! Das ist ja unmöglich! Wo behauptest du zu stehn?

ROSMER. Auf derselben Seite, wo Lorenz und Hilda stehn.

KROLL (lässt den Kopf sinken). Abtrünnig. Johannes Rosmer abtrünnig.

ROSMER. Ich wäre so froh, so von Herzen glücklich gewesen über das, was

du meine Abtrünnigkeit nennst. Aber ich litt furchtbar darunter. Denn

ich wußte, es würde dir bittres Leid verursachen.

KROLL. Rosmer, -- Rosmer! Das verwind ich niemals. (Sieht ihn traurig

an.) O, daß auch du mitwirken, mit Hand anlegen kannst bei dem Werke der

Zerstörung und Vernichtung in diesem unglücklichen Lande!

ROSMER. Es ist das Werk der Befreiung, an dem ich mitwirken will.

KROLL. Ach ja, ich weiß. So nennen es die Verführer und die Verführten.

Aber glaubst du denn, von dem Geiste, der jetzt unser ganzes soziales

Leben vergiftet, sei irgend welche Befreiung zu erwarten?

ROSMER. Ich schließe mich weder dem jetzt herrschenden Zeitgeist, noch

einer der streitenden Parteien an. Ich will versuchen, von allen Seiten

Menschen zu sammeln. Soviel wie möglich; und sie so fest vereinen, als

ich vermag. Ich will leben und all meine Lebenskräfte dem einen Zwecke

weihen, eine wahre Demokratie hier im Lande zu schaffen.

KROLL. Du bist also der Ansicht, wir hätten noch nicht Demokratie genug!

Ich für meine Person finde vielmehr, wir alle miteinander sind auf dem

besten Wege in den Schmutz zu geraten, worin sonst nur der Pöbel sich

wohl fühlt.

ROSMER. Eben deshalb kämpf ich für die wahre Aufgabe der Demokratie.

KROLL. Und diese Aufgabe wäre?

ROSMER. Alle Menschen hier im Lande zu Adelsmenschen zu machen.

KROLL. Alle --!

ROSMER. Jedenfalls so viele wie möglich.

KROLL. Durch welche Mittel?

ROSMER. Dadurch, daß die Geister befreit und die Triebe der Menschen

geläutert werden.

KROLL. Rosmer, du bist ein Träumer. Willst =du= die Geister befreien?

Willst =du= die menschlichen Triebe läutern?

ROSMER. Nein, mein Lieber, -- ich will nur versuchen, die Menschen

aufzurütteln. Handeln, ihre Aufgabe erfüllen, -- das müssen sie selber.

KROLL. Und du glaubst, das könnten sie?

ROSMER. Ja.

KROLL. Also durch eigne Kraft?

ROSMER. Ja, nur durch eigne Kraft. Eine andre gibt es nicht.

KROLL (steht auf). Ist das die Sprache eines Priesters!

ROSMER. Ich bin nicht mehr Geistlicher.

KROLL. Ja, aber -- der Glaube deiner Kindheit --?

ROSMER. Den hab ich nicht mehr.

KROLL. Hast du nicht mehr --!

ROSMER (steht auf). Den hab ich aufgegeben. Kroll, ich =mußte= ihn

aufgeben.

KROLL (erschüttert, beherrscht sich aber). Ja so. -- Ja ja ja. Das eine

ist die notwendige Folge des andern. -- War das vielleicht der Grund,

daß du den Kirchendienst verließest?

ROSMER. Ja. Als ich mir über mich selbst klar geworden, -- als ich die

volle Gewißheit erlangt hatte, daß es keine bloß vorübergehende

Anfechtung war, sondern etwas, wovon ich mich niemals mehr befreien

konnte noch wollte, -- da ging ich.

KROLL. So lange also hat es in dir gegärt. Und wir, -- deine Freunde

erfuhren nichts davon. Rosmer, Rosmer, -- wie konntest du uns diese

traurige Wahrheit verheimlichen!

ROSMER. Weil es, meiner Ansicht nach, eine Sache war, die nur mich

selbst anging. Auch wollt ich dir und den andern Freunden keinen

unnötigen Schmerz bereiten. Ich glaubte, ich könnte mein altes Leben

hier weiter leben: still, heiter und glücklich. Ich wollte studieren und

lesen, mich in all die Werke vertiefen, die mir bisher versiegelte

Bücher gewesen. Wollte mich mit meinem ganzen Wesen hineinversenken in

die große Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir offenbart worden.

KROLL. Abtrünnig. Jedes Wort bezeugt es. Aber warum trotzdem dies

Bekenntnis deines heimlichen Abfalls? Und warum grade jetzt?

ROSMER. Du selber, Kroll, hast mich dazu gezwungen.

KROLL. Ich? Ich hätte dich dazu gezwungen --!

ROSMER. Als ich von deinem heftigen Auftreten in den Versammlungen

hörte, -- als ich von all den lieblosen Reden erfuhr, die du dort

hieltest, -- von all deinen haßgeschwollnen Ausfällen gegen alle, die

auf der andern Seite stehn, -- von deinem höhnischen Verdammungsurteil

über die Gegner --. O, Kroll, daß du, du so werden konntest! Da war mir

meine Pflicht unabweisbar vorgeschrieben. Die Menschen werden schlecht

in diesem Kampfe. Fried und Freud und Versöhnung müssen wieder in die

Gemüter einkehren. Darum tret ich jetzt hervor und bekenne offen, wer

und was ich bin. Und dann will auch ich meine Kräfte erproben. Könntest

du, Kroll -- deinerseits -- dich uns nicht anschließen?

KROLL. Nie und nimmer paktiere ich mit den zerstörenden Mächten unsrer

Gesellschaft.

ROSMER. So laß uns wenigstens mit ritterlichen Waffen kämpfen, -- wenn

denn unbedingt gekämpft werden muß.

KROLL. Wer in den entscheidenden Lebensfragen nicht mit mir ist, den

kenn ich nicht. Dem schuld ich keine Rücksicht.

ROSMER. Gilt das auch mir?

KROLL. Du selber, Rosmer, hast mit mir gebrochen.

ROSMER. Bedeutet denn dies einen Bruch!

KROLL. Du fragst noch! Es ist ein Bruch mit allen, die dir bisher nahe

standen. Jetzt mußt du die Folgen tragen.

(REBEKKA kommt durch die Tür rechts, die sie weit öffnet.)

REBEKKA. So; nun ist er unterwegs zu seinem großen Opferfest. Und jetzt

können wir zu Tisch gehn. Haben Sie die Güte, Herr Rektor.

KROLL (nimmt seinen Hut). Gute Nacht, Fräulein West. Hier hab ich nichts

mehr zu suchen.

REBEKKA (gespannt). Was bedeutet das? (Schliesst die Tür und kommt

näher.) Haben Sie gesprochen --?

ROSMER. Nun weiß er es.

KROLL. Wir lassen dich nicht aus den Fingern, Rosmer. Wir werden dich

=zwingen=, zu uns zurückzukehren.

ROSMER. Ich kehre nie zurück.

KROLL. Das wollen wir sehn. Du gehörst nicht zu denen, die es ertragen,

einsam für sich zu stehen.

ROSMER. So ganz vereinsamt bin ich nicht ... Wir sind unser zwei, um die

Einsamkeit zu ertragen.

KROLL. Ah --! (Ein Verdacht zuckt in ihm auf.) Auch das! Beatens

Worte --!

ROSMER. Beatens Worte --?

KROLL (weist den Gedanken ab). Nein, nein, -- das war gemein --.

Verzeihe.

ROSMER. Was?... Was denn?

KROLL. Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir. Leb wohl! (Er geht nach der

Vorzimmertür.)

ROSMER (folgt ihm). Kroll! So dürfen wir nicht auseinandergehn. Morgen

komm ich zu dir.

KROLL (im Vorzimmer, wendet sich um). In =mein= Haus setzest du keinen

Fuß mehr!

(Er nimmt seinen Stock und geht.)

(ROSMER bleibt eine Weile in der offnen Tür stehen; dann schliesst

er sie und tritt an den Tisch.)

ROSMER. Das hat nichts zu bedeuten, Rebekka. Wir werden es schon

aushalten. Wir beiden treuen Freunde. Du und ich.

REBEKKA. Was meint er mit dem »Pfui«? Kannst du dir das vorstellen?

ROSMER. Meine Liebe, darum zerbrich dir den Kopf nicht. Er glaubte ja

selbst nicht daran. Aber morgen geh ich zu ihm. Gute Nacht!

REBEKKA. Auch heute gehst du schon so früh auf dein Zimmer? Nach einem

solchen Vorfall?

ROSMER. Heut wie alle Tage. Mir ist so leicht zu Mut, nun es vorüber

ist. Du siehst ja, -- ich bin ganz ruhig, liebe Rebekka. Nimm es

ebenfalls mit Ruhe hin. Gute Nacht!

REBEKKA. Gute Nacht, lieber Freund! Und schlaf wohl.

(ROSMER geht durch die Vorzimmertür hinaus; dann hört man ihn eine

Treppe hinaufgehen.)

(REBEKKA geht nach dem Ofen und zieht an einem neben diesem

befindlichen Klingelzug. Kurz darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.)

REBEKKA. Sie können wieder abdecken, Frau Hilseth. Der Pastor will

nichts mehr genießen, -- und der Rektor ist nach Haus gegangen.

FRAU HILSETH. Der Rektor ist fortgegangen! Was ist ihm denn über die

Leber gelaufen?

REBEKKA (nimmt ihre Häkelei). Er prophezeite, ein schweres Gewitter wär

im Anzug --

FRAU HILSETH. Das ist aber seltsam. Heut abend ist ja am ganzen Himmel

auch nicht 'n Flöckchen von einer Wolke zu sehn.

REBEKKA. Wenn er nur nicht dem weißen Rosse begegnet. Denn ich fürchte,

nächstens bekommen wir hier was zu hören von einem solchen Spuk.

FRAU HILSETH. Gott verzeih Ihn'n die Sünde, Fräulein! Führen Sie doch

nicht solch gottlose Reden.

Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen · 第 30 / 57 题