KROLL. Was die Arbeit angeht, allerdings; aber nicht in Bezug auf --

REBEKKA (ihn ernst unterbrechend). Schämen Sie sich, Herr Rektor. Wie

können Sie über so etwas scherzen?

KROLL. Ach ja, unser guter Johannes ist vermutlich der Ansicht, vom

Ehestande hab er schon mehr als genug zu kosten bekommen. Aber

trotzdem --

REBEKKA. Wissen Sie was, -- ich könnte fast über Sie lachen.

KROLL. Aber trotzdem --. Sagen Sie mal, Fräulein West --. Wenns

gestattet ist, danach zu fragen --. Wie alt sind Sie eigentlich?

REBEKKA. Zu meiner Schande muss ich Ihnen gestehn, Herr Rektor, ich hab

schon volle neunundzwanzig hinter mir. Ich geh nun ins dreißigste.

KROLL. Sehr schön. Und Rosmer, -- wie alt ist er? Warten Sie mal. Er ist

fünf Jahr jünger als ich. Na, ist also gut und gern dreiundvierzig. Mir

scheint, 's würde ausgezeichnet passen.

REBEKKA (aufstehend). Jawohl, jawohl. Ganz ausgezeichnet ... Trinken Sie

Tee mit uns heut abend?

KROLL. Danke sehr, gewiß. Heut abend gedenk ich hier zu bleiben. Ich hab

etwas zu besprechen mit unserm guten Freunde. -- Und übrigens, Fräulein

West, -- damit Sie sich nicht wieder närrische Gedanken in den Kopf

setzen: in Zukunft komm ich wieder recht oft zu euch heraus, -- so wie

in frühern Tagen.

REBEKKA. Ach ja; bitte, tun Sie das. (Schüttelt ihm die Hände). Dank,

besten Dank! Im Grunde sind Sie doch ein ganz lieber netter Mensch.

KROLL (brummt). So, wirklich? Bei mir zu Hause hat das noch niemand

behauptet.

(ROSMER kommt durch die Tür rechts.)

REBEKKA. Herr Rosmer, -- sehn Sie, wer da ist!

ROSMER. Frau Hilseth sagte mirs schon.

(KROLL ist aufgestanden.)

ROSMER (mild und gedämpft, drückt ihm die Hände). Herzlich willkommen in

meinem Hause, lieber Kroll! (Legt ihm die Hände auf die Schultern und

blickt ihm in die Augen.) Du lieber alter Freund! Ich wußt es ja, früher

oder später müßt es zwischen uns wieder werden wie in alten Zeiten.

KROLL. Aber mein bester Johannes, hast du auch in der verrückten

Einbildung gelebt, es wäre was im Wege!

REBEKKA (zu ROSMER). Ja, denken Sie, -- es war nur Einbildung. Ist das

nicht schön?

ROSMER. War es das wirklich, Kroll? Aber warum zogst du dich denn

vollständig von uns zurück?

KROLL (ernst und gedämpft). Weil ich hier nicht umhergehn wollte wie

eine leibhaftige Erinnrung an deine Unglücksjahre, -- und an sie, die --

im Mühlbach endete.

ROSMER. Das war sehr schön von dir gemeint. Du bist ja immer so

rücksichtsvoll. Aber es war ganz unnötig, deshalb fortzubleiben. --

Komm, Lieber; setzen wir uns aufs Sofa. (Sie setzen sich.) Nein, sei

versichert, der Gedanke an Beate hat gar nichts peinliches für mich. Wir

sprechen täglich von ihr. Es ist uns, als gehörte sie noch zum Hause.

KROLL. Wirklich?

REBEKKA (die Lampe anzündend). Ja, so ist es, Herr Rektor.

ROSMER. Das ist ja so natürlich. Wir hatten sie beide von Herzen lieb.

Und Rebek -- Fräulein West und ich, wir haben beide das Bewußtsein, daß

wir für die arme Kranke alles getan, was in unsrer Macht stand. Wir

haben uns nichts vorzuwerfen ... An Beate zu denken, hat deshalb nun

gleichsam etwas mildbesänftigendes für mich.

KROLL. Ihr lieben prächtigen Menschen! Von jetzt an komm ich täglich zu

euch heraus.

REBEKKA (sich in einen Lehnstuhl setzend). Na, wir wollen mal sehn, ob

Sie Wort halten.

ROSMER (etwas zögernd). Du, Kroll, -- ich gäbe viel darum, wäre unser

Verkehr niemals unterbrochen worden. So lange wir uns kennen, -- von

meiner ersten Studentenzeit an bist du immer mein natürlicher Berater

gewesen.

KROLL. Ach ja; und darauf bin ich außerordentlich stolz. Hast du jetzt

vielleicht etwas besondres --?

ROSMER. Da ist mancherlei, worüber ich gern frei und offen mit dir

sprechen möchte.

REBEKKA. Ja, nicht wahr, Herr Rosmer? Ich denke mir, das müßt Ihnen eine

Erleichterung sein -- so zwischen alten Freunden --

KROLL. O, glaube mir, ich hab dir noch weit mehr mitzuteilen. Du weißt

ja, ich bin jetzt aktiver Politiker geworden.

ROSMER. Ja ich weiß. Wie ging das eigentlich zu?

KROLL. Du, ich mußte. Mußte wirklich, so unangenehm es mir auch war. Es

geht unmöglich mehr an, noch länger als bloßer Zuschauer müßig am Markte

zu stehn. Jetzt, wo die Radikalen bedauerlicherweise die Macht in die

Hände bekommen haben, -- jetzt ist es hohe Zeit --. Darum hab ich denn

auch unsern kleinen Freundeskreis in der Stadt veranlaßt, sich fester

zusammenzuschließen. Ich sage dir, es ist hohe Zeit!

REBEKKA (mit einem leichten Lächeln). Ist es nun eigentlich nicht schon

etwas spät?

KROLL. Unzweifelhaft wärs besser gewesen, wir hätten den Strom schon

früher aufgehalten. Aber wer konnte voraussehn, was kommen würde? Ich

jedenfalls nicht. (Steht auf und geht mit grossen Schritten im Zimmer

umher.) Aber nun sind mir die Augen aufgegangen. Denn der Geist der

Empörung hat sich sogar schon in die Schule hineingeschlichen.

ROSMER. In die Schule? Doch nicht in deine Schule?

KROLL. Jawohl, in meine Schule. In meine eigne Schule. Wie findest du

das! Ich bin dahinter gekommen, daß die Knaben der obersten Klasse, --

d. h. ein Teil davon, -- schon vor länger als einem halben Jahr einen

geheimen Verein gebildet und auf Mortensgaards Zeitung abonniert haben!

REBEKKA. Ah, auf den »Leuchtturm«.

KROLL. Nicht wahr, eine gesunde geistige Nahrung für zukünftige Beamte?

Aber das traurigste an der Sache ist, daß grade alle begabten Schüler

sich zusammengerottet und dies Komplott gegen mich geschmiedet haben.

Nur die Faulpelze und Dummköpfe haben sich fern gehalten.

REBEKKA. Geht Ihnen denn die Sache sehr nahe, Herr Rektor?

KROLL. Na ob! Mich so in meiner Berufstätigkeit gehemmt und bekämpft zu

sehn! (Leiser.) Und doch möcht ich fast sagen: die Schülerverschwörung

könnte noch hingehn. Aber nun kommt das allerschlimmste. (Sieht sich

um.) Da horcht doch niemand an den Türen?

REBEKKA. Ach nein, niemand.

KROLL. Nun, so wißt denn, die Zwietracht und Empörung sind sogar in mein

eignes Haus eingedrungen. In mein eignes ruhiges Heim. Haben den Frieden

meines Familienlebens zerstört.

ROSMER (aufstehend). Was sagst du! In deinem eignen Hause --?

REBEKKA (sich dem Rektor nähernd). Aber, lieber Rektor, was ist denn

geschehn?

KROLL. Können Sie sich das vorstellen, daß meine eignen Kinder --! Kurz

und gut -- Lorenz ist der Rädelsführer des Schülerkomplotts. Und Hilda

hat eine rote Mappe gestickt, um darin den »Leuchtturm« aufzubewahren.

ROSMER. Das hätt ich mir nie träumen lassen, -- daß bei dir, -- in

deinem Hause --

KROLL. Ja, wer könnte sich auch so was je träumen lassen! In meinem

Hause, wo immer Zucht und Ordnung geherrscht, -- wo bisher nur ein

einziger einträchtiger Wille regiert hat --

REBEKKA. Was sagt Ihre Gattin zu alledem?

KROLL. Ja, sehn Sie, das ist nun das unglaublichste von allem. Sie, die

ihr ganzes Leben lang -- im grossen wie im kleinen -- meine Meinungen

geteilt und all meine Anschauungen gebilligt hat, -- sie ist tatsächlich

geneigt, sich in manchen Punkten auf die Seite der Kinder zu stellen!

Und dabei mißt sie =mir= die Schuld bei wegen des Geschehnen. Sie

behauptet, ich tyrannisiere die Jugend. Als ob es nicht unbedingt

notwendig wäre, sie --. Na, so also herrscht Unfrieden in meiner

Familie. Aber natürlich sprech ich so wenig wie möglich davon. Sowas

vertuscht man am besten. (Geht im Zimmer hin und her.) Ach ja; jaja. (Er

stellt sich mit den Händen auf dem Rücken ans Fenster und sieht hinaus.)

REBEKKA (hat sich ROSMER genähert und sagt leise und schnell, ohne vom

Rektor bemerkt zu werden). Tus!

ROSMER (ebenso). Heut abend nicht.

REBEKKA (wie vorhin). Ja grade! (Tritt an den Tisch und macht sich mit

der Lampe zu schaffen.)

KROLL (kommt nach vorn). Ja, mein lieber Rosmer, nun weißt du also, wie

der Zeitgeist seine Schatten auf mein Familienleben und meine

Berufstätigkeit geworfen hat. Und diesen verderblichen, alles

niederreißenden und auflösenden Zeitgeist sollt ich nicht bekämpfen mit

all den Waffen, deren ich habhaft werden kann! Ja, mein Lieber, ich werd

ihn bekämpfen, verlaß dich drauf. In Wort und Schrift.

ROSMER. Und hast du Hoffnung, auf diese Weise etwas zu erreichen?

KROLL. Jedenfalls will ich meiner staatsbürgerlichen Dienstpflicht

genügen. Und ich meine, es ist jedes patriotisch gesinnten und um die

gute Sache besorgten Mannes Pflicht und Schuldigkeit, dasselbe zu tun.

Siehst du, -- das ist der Hauptgrund, weshalb ich heut abend zu dir

gekommen bin.

ROSMER. Aber lieber Kroll, was meinst du --? Was soll ich --?

KROLL. Du sollst deinen alten Freunden zu Hülfe kommen. Tun, was wir

tun. Mit Hand anlegen, wo und wie du kannst.

REBEKKA. Aber Herr Rektor, Sie kennen doch Herrn Rosmers Abneigung gegen

all diese Dinge.

KROLL. Diese Abneigung muß er jetzt zu überwinden suchen ... Du hältst

nicht Schritt mit dem politischen Leben, Rosmer. Da sitzest du hier

einsam und mauerst dich ein mit deinen historischen Sammlungen. Du

lieber Gott, -- alle Achtung vor Stammbäumen und was da drum und dran

hängt. Aber zu solchen Beschäftigungen -- dazu ist die Zeit leider nicht

angetan. Du machst dir keine Vorstellung davon, welche Zustände im Lande

herrschen. Alle Begriffe stehn gewissermaßen auf dem Kopfe. 'S wird eine

Riesenarbeit werden, all die Irrlehren wieder auszurotten.

ROSMER. Das glaub ich auch. Aber zu solcher Arbeit bin ich nicht

geschaffen.

REBEKKA. Und dann glaub ich auch, Herr Rosmer sieht auf die Dinge im

Leben jetzt mit offnern Augen als früher.

KROLL (stutzt). Mit offnern Augen --?

REBEKKA. Ja; oder freiern. Weniger befangen.

KROLL. Was bedeutet das? Rosmer, -- du kannst doch unmöglich so schwach

sein, dich durch eine solche Zufälligkeit wie diesen augenblicklichen

Sieg der Massenhäuptlinge betören zu lassen?

ROSMER. Lieber Kroll, du weißt doch, wie wenig ich von Politik verstehe.

Aber das find ich allerdings, daß das Volk seit einigen Jahren in seinem

Denken mehr Selbständigkeit zeigt.

KROLL. Aha!... Und das betrachtest du so ohne weiters als einen Gewinn!

Im übrigen, lieber Freund, irrst du dich ganz gewaltig. Erkundige dich

nur, was für Ansichten unter den Radikalen hier auf dem Lande und in der

Stadt Kurs haben. 'S ist weiter nichts als die Weisheit, die der

»Leuchtturm« verkündet.

REBEKKA. Ja, Mortensgaard hat über viele hier in der Gegend eine große

Macht.

KROLL. Ja, denke dir! Ein Mann mit einer so schmutzigen Vergangenheit.

Ein wegen Unsittlichkeit fortgejagter Schulmeister --! Ein solcher

Mensch spielt sich als Volksführer auf! Und es geht! Geht wirklich!

Jetzt will er, hör ich, sein Blatt erweitern. Aus sichrer Quelle weiß

ich, daß er einen tüchtigen Hülfsredakteur sucht.

REBEKKA. Es wundert mich, daß Sie und Ihre Freunde ihm nichts

entgegenstellen.

KROLL. Grade das soll nun geschehen. Heut haben wir das »Kreisblatt«

gekauft. Die Geldfrage bot keine Schwierigkeiten. Aber -- (Wendet sich

zu ROSMER.) Ja, nun komm ich zu meinem eigentlichen Gegenstande. Die

Leitung, -- die journalistische Leitung -- siehst du, damit haperts. Sag

mal, Rosmer, -- solltest du dich der guten Sache wegen nicht veranlaßt

fühlen, die Leitung zu übernehmen?

ROSMER (fast erschreckt). Ich!

REBEKKA. Aber wie können Sie das nur für möglich halten?

KROLL. Daß du vor Volksversammlungen zurückschreckst und dich dem

Konfekt, das einem =dort= an den Kopf fliegt, nicht aussetzen willst,

find ich sehr begreiflich. Aber der weniger exponierte Posten eines

Redakteurs, oder vielmehr --

ROSMER. Nein nein, lieber Freund, mit einer solchen Bitte mußt du mir

nicht kommen.

KROLL. Ich selbst würde mich mit besonderm Vergnügen auch in =diesem=

Fache versuchen. Aber 's wäre mir gar nicht möglich, all die Arbeit zu

bewältigen. Ich bin nun schon mit einer solchen Unmasse von Geschäften

belastet --. Du dagegen, der keine amtliche Bürde mehr zu tragen hat --.

Natürlich werden wir andern dich nach besten Kräften unterstützen.

ROSMER. Ich kann nicht, Kroll. Ich tauge nicht dazu.

KROLL. Taugst nicht dazu? Dasselbe sagtest du, als dein Vater dir deine

Pfarrei verschaffte --

ROSMER. Und ich hatte recht. Deshalb entsagt ich meinem Berufe.

KROLL. O, werde nur ebenso tüchtig als Redakteur, wie dus als

Geistlicher warst, dann sind wir vollkommen zufrieden.

ROSMER. Lieber Kroll, -- ein für allemal, -- ich tus nicht.

KROLL. Nun, dann wirst du uns doch wenigstens deinen Namen borgen?

ROSMER. Meinen Namen?

KROLL. Ja; denn schon der Name Johannes Rosmer wird für das Blatt ein

großer Gewinn sein. Wir andern gelten ja für ausgeprägte Parteimänner.

Ich selbst soll sogar, hör ich, als ein ganz arger Fanatiker verschrien

sein. Deshalb können wir nicht darauf rechnen, dem Blatt unter eignem

Namen bei den verführten Massen mit Nachdruck Eingang zu verschaffen. Du

dagegen, -- du hast dich dem Kampf immer fern gehalten. Deine milde

lautere Denkungsart, -- deine vornehme Gesinnung, -- deine unantastbare

Ehrenhaftigkeit -- jedermann hier in der Gegend kennt und schätzt sie.

Und dann der Respekt, die Hochachtung, womit deine frühere priesterliche

Stellung dich noch umgibt. Endlich aber, Rosmer, die Ehrwürdigkeit

deines Familiennamens!

Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen · 第 15 / 57 题