REBEKKA. Ja, Herr Rektor, ich will nicht leugnen, daß --

KROLL. Liebes Fräulein West, dagegen ist nichts einzuwenden. So weit Sie

persönlich in Frage kommen.

REBEKKA. Das scheint mir auch. Ich muß doch wissen, was in der Welt

vorgeht. Mich auf dem Laufenden halten --

KROLL. Na, jedenfalls kann ich von Ihnen, einer Dame, nicht verlangen,

daß Sie entschieden Partei ergreifen in dem Bürgerkampf --

Bürger=krieg=, möcht ich fast sagen --, der hier unter uns tobt ... Sie

haben also gelesen, wie diese Herrn vom »Volke« sich erlaubt haben, mich

zu behandeln? Was für infamer Beschimpfungen sie sich gegen mich

erdreistet haben?

REBEKKA. Jawohl. Aber mir scheint, Sie haben auch sehr kräftig um sich

gebissen.

KROLL. Das hab ich. Das Zeugnis darf ich mir geben. Denn nun hab ich

Blut geleckt. Und sie sollens zu fühlen kriegen, daß ich nicht der Mann

bin, der gutwillig den Buckel hinhält ... (Bricht ab.) Aber nein, --

lassen wir diesen Gegenstand heut abend ... 's ist zu traurig und

aufregend.

REBEKKA. Sie haben recht, lieber Rektor; reden wir nicht mehr davon.

KROLL. Sagen Sie mir lieber, wies Ihnen eigentlich geht hier auf

Rosmersholm, jetzt, wo Sie allein sind? Nachdem unsre arme Beate --?

REBEKKA. Danke; mir gehts hier ganz gut. Freilich, eine große Leere hat

sie ja in mancher Beziehung zurückgelassen. Und Trauer und Sehnsucht

natürlich auch. Aber sonst --

KROLL. Gedenken Sie hier zu bleiben? Ich meine, für immer.

REBEKKA. Ach, lieber Rektor, darüber hab ich wirklich noch gar nicht

nachgedacht. Ich hab mich so sehr an Rosmersholm gewöhnt, daß es mir

beinah ist, als gehört ich ebenfalls hierher.

KROLL. Aber selbstverständlich gehören =Sie= ebenfalls hierher.

REBEKKA. Und solang Herr Rosmer findet, daß ich ihm irgendwie nützlich

und angenehm sein könne, -- ja, so lange bleib ich wahrscheinlich hier.

KROLL (sieht sie bewegt an). Wissen Sie auch, daß etwas großes darin

liegt, wenn eine Frau so ihre ganze Jugend dahingehn läßt, um sich für

andre aufzuopfern?

REBEKKA. Ach, wofür hätt ich denn sonst hier leben sollen?

KROLL. Erst diese unermüdliche Hingebung für Ihren gelähmten

unleidlichen Pflegevater --

REBEKKA. Glauben Sie ja nicht, Doktor West sei da oben in der Finnmark

so unleidlich gewesen. Es waren diese schrecklichen Seereisen, die ihn

knickten. Aber als wir später hierher zogen, -- ja, da kamen freilich

ein paar schwere Jahre, eh er ausgelitten hatte.

KROLL. Die Jahre, die dann folgten -- waren die nicht noch schwerer für

Sie?

REBEKKA. Aber wie können Sie nur so reden! Ich, die Beate so innig

zugetan war --! Und sie, die Ärmste, die so sehr der Pflege und Schonung

bedurfte.

KROLL. Haben Sie Dank, daß Sie ihrer mit solcher Nachsicht gedenken.

REBEKKA (etwas näher rückend). Lieber Rektor, Sie sagen das so schön und

herzlich, daß ich überzeugt bin, Sie hegen keinerlei Verstimmung gegen

mich.

KROLL. Verstimmung? Was meinen Sie damit?

REBEKKA. Nun, es war doch ganz natürlich, wenn es Sie etwas peinlich

berührte, mich, die Fremde, hier auf Rosmersholm schalten und walten zu

sehn.

KROLL. Aber wie in aller Welt --!

REBEKKA. Also Sie hegen keine solche Empfindung gegen mich. (Reicht ihm

die Hand.) Dank, lieber Rektor! Haben Sie herzlichen Dank!

KROLL. Aber wie in aller Welt sind Sie nur auf einen solchen Gedanken

gekommen?

REBEKKA. Da Sie so selten zu uns kamen, begann ich etwas ängstlich zu

werden.

KROLL. Da sind Sie aber wirklich ganz gehörig auf dem Holzweg gewesen,

Fräulein West. Und zudem, -- in der Sache selbst hat sich hier ja gar

nichts geändert! Sie, -- Sie allein, -- leiteten den ganzen Haushalt ja

schon in den letzten unglücklichen Lebensjahren der armen Beate.

REBEKKA. Nun, es war wohl mehr eine Art Regentschaft im Namen der

Hausfrau.

KROLL. Wie dem auch sei --. Wissen Sie was, Fräulein West, -- ich für

meine Person würde wirklich nichts dagegen haben, wenn Sie --. Aber 's

ist wohl nicht erlaubt, so was zu sagen.

REBEKKA. Was denn?

KROLL. Wenn es sich so fügte, daß .. daß Sie den leeren Platz einnehmen

würden --

REBEKKA. Herr Rektor, ich habe den Platz, den ich mir wünsche.

Rosmersholm: Schauspiel in vier Aufzügen · 第 14 / 57 题