Treiben Einhalt zu tun; wie denn zum Beispiel im Jahre 639 (115) alle
musikalischen Instrumente mit Ausnahme der in Latium einheimischen
einfachen Floete von den Zensoren untersagt wurden. Aber Rom war kein
Sparta; das schlaffe Regiment signalisierte mehr die Uebelstaende durch
solche Verbote, als dass es durch scharfe und folgerichtige Anwendung
ihnen abzuhelfen auch nur versucht haette. Werfen wir schliesslich
einen Blick zurueck auf das Gesamtbild, das die Literatur und die Kunst
Italiens von dem Tode des Ennius bis auf den Anfang der ciceronischen
Zeit vor uns entfaltet, so begegnen wir auch hier in Vergleich mit der
vorhergehenden Epoche dem entschiedensten Sinken der Produktivitaet. Die
hoeheren Gattungen der Literatur sind abgestorben oder im Verkuemmern,
so das Epos, das Trauerspiel, die Geschichte. Was gedeiht, sind
die untergeordneten Arten, die Uebersetzung und die Nachbildung des
Intrigenstuecks, die Posse, die poetische und prosaische Broschuere;
in diesem letzten, von der vollen Windsbraut der Revolution durchrasten
Gebiet der Literatur begegnen wir den beiden groessten literarischen
Talenten dieser Epoche, dem Gaius Gracchus und dem Gaius Lucilius, die
beide ueber eine Menge mehr oder minder mittelmaessiger Schriftsteller
emporragen, wie in einer aehnlichen Epoche der franzoesischen Literatur
ueber eine Unzahl anspruchsvoller Nullitaeten Courier und Beranger.
Ebenso ist in den bildenden und zeichnenden Kuensten die immer schwache
Produktivitaet jetzt voellig null. Dagegen gedeiht der rezeptive Kunst-
und Literaturgenuss; wie die Epigonen dieser Zeit auf dem politischen
Gebiet die ihren Vaetern angefallenen Erbschaften einziehen und
ausnutzen, so finden wir sie auch hier als fleissige Schauspielbesucher,
als Literaturfreunde, als Kunstkenner und mehr noch als Sammler. Die
achtungswerteste Seite dieser Taetigkeit ist die gelehrte Forschung,
die vor allem in der Rechtswissenschaft und in der Sprach- und
Sachphilologie eigene geistige Anstrengung offenbart. Mit der
Begruendung dieser Wissenschaften, welche recht eigentlich in die
gegenwaertige Epoche faellt, und zugleich mit den ersten geringen
Anfaengen der Nachdichtung der alexandrinischen Treibhauspoesie kuendigt
bereits die Epoche des roemischen Alexandrinismus sich an. Alles, was
diese Epoche geschaffen hat, ist glatter, fehlerfreier, systematischer
als die Schoepfungen des sechsten Jahrhunderts; nicht ganz mit Unrecht
sahen die Literaten und Literaturfreunde dieser Zeit auf ihre
Vorgaenger wie auf stuemperhafte Anfaenger herab. Aber wenn sie die
Mangelhaftigkeit jener Anfaengerarbeiten belaechelten oder beschalten,
so mochten doch auch eben die geistreichsten von ihnen sich es gestehen,
dass die Jugendzeit der Nation vorueber war, und vielleicht diesen
oder jenen doch wieder im stillen Grunde des Herzens die Sehnsucht
beschleichen, den lieblichen Irrtum der Jugend abermals zu irren.