widerstehen; aber sie wussten nicht minder, wie wenig der Senat

geneigt war, den Buergern Marschbefehl nach dem Euphrat oder dem Nil

zu erteilen. So ging es in diesen entlegenen Landschaften zu wie in

der Schulstube, wenn der Lehrer fern und schlaff ist; und Roms Regiment

brachte die Voelker zugleich um die Segnungen der Freiheit und um

die der Ordnung. Fuer die Roemer selbst aber war diese Lage der Dinge

insofern bedenklich, als sie die Nord- und Ostgrenze gewissermassen

preisgab. Ohne dass Rom unmittelbar und rasch es zu verhindern

vermochte, konnten hier, gestuetzt auf die ausserhalb des Bereiches der

roemischen Hegemonie gelegenen Binnenlandschaften und im Gegensatz gegen

die schwachen roemischen Klientelstaaten, Reiche sich bilden von einer

fuer Rom gefaehrlichen und frueher oder spaeter mit ihm rivalisierenden

Machtentwicklung. Allerdings schirmte hiergegen einigermassen der

ueberall zerspaltene und nirgends einer grossartigen staatlichen

Entwicklung guenstige Zustand der angrenzenden Nationen; aber dennoch

erkennt man namentlich in der Geschichte des Ostens sehr deutlich, dass

in dieser Zeit die Phalanx des Seleukos nicht mehr und die Legionen des

Augustus noch nicht am Euphrat standen. Diesem Zustand der Halbheit ein

Ende zu machen war hohe Zeit. Das einzig moegliche Ende aber war die

Verwandlung der Klientelstaaten in roemische Aemter, was um so eher

geschehen konnte, als ja die roemische Provinzialverfassung wesentlich

nur die militaerische Gewalt in der Hand des roemischen Vogts

zusammenfasste und Verwaltung und Gerichte in der Hauptsache den

Gemeinden blieben oder doch bleiben sollten, also, was von der alten

politischen Selbstaendigkeit ueberhaupt noch lebensfaehig war, sich

in der Form der Gemeindefreiheit bewahren liess. Zu verkennen war die

Notwendigkeit dieser administrativen Reform nicht wohl; es fragte sich

nur, ob der Senat dieselbe verzoegern und verkuemmern, oder ob er

den Mut und die Macht haben werde, das Notwendige klar einzusehen und

energisch durchzufuehren. Blicken wir zunaechst auf Afrika. Die von den

Roemern in Libyen gegruendete Ordnung der Dinge ruhte wesentlich auf

dem Gleichgewicht des Nomadenreiches Massinissas und der Stadt Karthago.

Waehrend jenes unter Massinissas durchgreifendem und klugem Regiment

sich erweiterte, befestigte und zivilisierte, ward auch Karthago durch

die blossen Folgen des Friedensstandes wenigstens an Reichtum und

Volkszahl wieder, was es auf der Hoehe seiner politischen Macht gewesen

war. Die Roemer sahen mit uebelverhehlter, neidischer Furcht die, wie

es schien, unverwuestliche Bluete der alten Nebenbuhlerin; hatten sie

bisher den bestaendig fortgesetzten Uebergriffen Massinissas gegenueber

derselben jeden ernstlichen Schutz verweigert, so fingen sie jetzt

an, offen zu Gunsten des Nachbarn zu intervenieren. Der seit mehr als

dreissig Jahren zwischen der Stadt und dem Koenig schwebende Streit

ueber den Besitz der Landschaft Emporia an der Kleinen Syrte, einer der

fruchtbarsten des karthagischen Gebiets, ward endlich (um 594 160) von

roemischen Kommissarien dahin entschieden, dass die Karthager die noch

in ihrem Besitz verbliebenen emporitanischen Staedte zu raeumen und als

Entschaedigung fuer die widerrechtliche Nutzung des Gebiets 500 Talente

(860000 Taler) an den Koenig zu zahlen haetten. Die Folge war, dass

Massinissa sofort sich eines anderen karthagischen Bezirks an der

Westgrenze des karthagischen Gebiets, der Stadt Tusca und der grossen

Felder am Bagradas, bemaechtigte; den Karthagern blieb nichts uebrig,

als abermals in Rom einen hoffnungslosen Prozess anhaengig zu machen.

Nach langem und ohne Zweifel absichtlichem Zoegern erschien in Afrika

eine zweite Kommission (597 157); als aber die Karthager auf einen,

ohne genaue vorgaengige Untersuchung der Rechtsfrage von derselben

zu faellenden Schiedsspruch nicht unbedingt kompromittieren wollten,

sondern auf eingehender Eroerterung der Rechtsfrage bestanden, kehrten

die Kommissare ohne weiteres wieder zurueck nach Rom. Die Rechtsfrage

zwischen Karthago und Massinissa blieb also unerledigt; aber die Sendung

fuehrte eine wichtigere Entscheidung herbei. Das Haupt dieser Kommission

war der alte Marcus Cato gewesen, damals vielleicht der einflussreichste

Mann im Senat und als Veteran aus dem Hannibalischen Kriege noch von dem

vollen Poenerhass und der vollen Poenerfurcht durchdrungen. Betroffen

und missguenstig hatte dieser mit eigenen Augen den bluehenden Zustand

der Erbfeinde Roms, die ueppige Landschaft und die wogenden Gassen,

die gewaltigen Waffenvorraete in den Zeughaeusern und das reiche

Flottenmaterial geschaut; schon sah er im Geiste einen zweiten Hannibal

all diese Hilfsmittel gegen Rom verwenden. In seiner ehrlichen und

mannhaften, aber durchaus bornierten Weise kam er zu dem Ergebnis,

dass Rom nicht eher sicher sein werde, als bis Karthago vom Erdboden

verschwunden sei, und entwickelte nach seiner Heimkehr diese Ansicht

sofort im Senat. Dort widersetzten die freier blickenden Maenner der

Aristokratie, namentlich Scipio Nasica, sich dieser kuemmerlichen

Politik mit grossem Ernst und entwickelten die Blindheit der Besorgnisse

vor einer Kaufstadt, deren phoenikische Bewohner mehr und mehr der

kriegerischen Kuenste und Gedanken sich entwoehnten, und die vollkommene

Vertraeglichkeit der Existenz dieser reichen Handelsstadt mit der

politischen Suprematie Roms. Selbst die Umwandlung Karthagos in eine

roemische Provinzialstadt waere ausfuehrbar, ja, verglichen mit

dem gegenwaertigen Zustand, den Phoenikern selbst vielleicht nicht

unwillkommen gewesen. Indes Cato wollte eben nicht die Unterwerfung,

sondern den Untergang der verhassten Stadt. Seine Politik fand, wie es

scheint, Bundesgenossen teils an den Staatsmaennern, die geneigt waren,

die ueberseeischen Gebiete in unmittelbare Abhaengigkeit von Rom zu

bringen, teils und vor allem an dem maechtigen Einfluss der roemischen

Bankiers und Grosshaendler, denen nach der Vernichtung der reichen Geld-

und Handelsstadt die Erbschaft derselben zufallen musste. Die Majoritaet

beschloss, bei der ersten passenden Gelegenheit - eine solche abzuwarten

forderte die Ruecksicht auf die oeffentliche Meinung - den Krieg mit

Karthago oder vielmehr die Zerstoerung der Stadt zu bewirken.

Die gewuenschte Veranlassung fand sich rasch. Die erbitternden

Rechtsverletzungen von Seiten Massinissas und der Roemer brachten in

Karthago den Hasdrubal und den Karthalo an das Regiment, die Fuehrer

der Patriotenpartei, welche, aehnlich der achaeischen, zwar nicht daran

dachte, gegen die roemische Suprematie sich aufzulehnen, aber wenigstens

die den Karthagern vertragsmaessig zustehenden Rechte gegen Massinissa,

wenn noetig mit den Waffen, zu verteidigen entschlossen war. Die

Patrioten liessen vierzig der entschiedensten Anhaenger Massinissas aus

der Stadt verbannen und das Volk schwoeren, ihnen unter keiner Bedingung

je die Rueckkehr zu gestatten; zugleich bildeten sie zur Abwehr gegen

die von Massinissa zu erwartenden Angriffe aus den freien Numidiern

ein starkes Heer unter Arkobarzanes, dem Enkel des Syphax (um 600 154).

Massinissa indes war klug genug, jetzt nicht zu ruesten, sondern sich

wegen des streitigen Gebiets am Bagradas unbedingt dem Schiedsspruch

der Roemer zu unterwerfen; und so konnte man roemischerseits mit einigem

Schein behaupten, dass die karthagischen Ruestungen gegen die Roemer

gerichtet sein muessten, und auf sofortige Entlassung des Heeres und

Vernichtung der Flottenvorraete dringen. Der karthagische Rat

wollte einwilligen, allein die Menge verhinderte die Ausfuehrung des

Beschlusses, und die roemischen Boten, die diesen Bescheid nach Karthago

ueberbracht hatten, schwebten in Lebensgefahr. Massinissa sandte

seinen Sohn Gulussa nach Rom, um ueber die fortdauernden Vorbereitungen

Karthagos fuer den Land- und den Seekrieg Bericht zu erstatten und

die Kriegserklaerung zu beschleunigen. Nachdem noch einmal eine

Gesandtschaft von zehn Maennern es bestaetigt hatte, dass in Karthago in

der Tat geruestet werde (602 152), verwarf der Senat zwar die unbedingte

Kriegserklaerung, die Cato begehrte, beschloss aber in geheimer Sitzung,

dass der Krieg erklaert sein solle, wenn die Karthager sich nicht dazu

verstehen wuerden, ihr Heer zu entlassen und ihr Flottenmaterial zu

verbrennen. Inzwischen hatte in Afrika der Kampf bereits begonnen.

Massinissa hatte die von den Karthagern verbannten Leute unter

Geleitschaft seines Sohnes Gulussa nach der Stadt zurueckgesandt. Da die

Karthager diesen die Tore schlossen, auch von den abziehenden Numidiern

einige erschlugen, setzte Massinissa seine Truppen in Bewegung, und

auch die karthagische Patriotenpartei machte sich kampffertig.

Indes Hasdrubal, der an die Spitze ihrer Armee trat, war einer der

gewoehnlichen Heerverderber, wie die Karthager sie zu Feldherren

zu nehmen pflegten; im Feldherrnpurpur einherstolzierend wie ein

Theaterkoenig und seines stattlichen Bauches auch im Lager pflegend, war

der eitle und schwerfaellige Mann wenig geeignet, den Helfer zu

machen in einer Bedraengnis, die vielleicht selbst Hamilkars Geist und

Hannibals Arm nicht mehr haetten abwenden koennen. Vor den Augen des

Scipio Aemilianus, der, damals Kriegstribun in der spanischen Armee,

an Massinissa gesandt worden war, um seinem Feldherrn afrikanische

Elefanten zuzufuehren, und der bei dieser Gelegenheit von einem Berge

herab "wie Zeus vom Ida" der Schlacht zuschaute, lieferten die Karthager

und die Numidier sich ein grosses Treffen, in welchem jene, obwohl

durch 6000, von unzufriedenen Hauptleuten Massinissas ihnen zugefuehrte

numidische Reiter verstaerkt und an Zahl dem Feinde ueberlegen, dennoch

den kuerzeren zogen. Nach dieser Niederlage erboten sich die Karthager

gegen Massinissa zu Gebietsabtretungen und Geldzahlungen, und Scipio

versuchte auf ihr Anhalten, einen Vertrag zustande zu bringen; allein

an der Weigerung der karthagischen Patrioten, die Ueberlaeufer

auszuliefern, scheiterte das Friedensgeschaeft. Hasdrubal aber, eng

eingeschlossen von den Truppen des Gegners, wurde genoetigt, alles

zu bewilligen, was dieser forderte: Auslieferung der Ueberlaeufer,

Rueckkehr der Verbannten, Abgabe der Waffen, Abzug unter dem Joch,

Zahlung von jaehrlich 100 Talenten (155000 Talern) fuer die naechsten

fuenfzig Jahre; und selbst dieser Vertrag wurde von den Numidiern nicht

gehalten, sondern der entwaffnete Rest des karthagischen Heeres auf der

Heimkehr von ihnen zusammengehauen. Die Roemer, die sich wohl gehuetet

hatten, den Krieg selbst durch zeitige Dazwischenkunft zu verhindern,

hatten jetzt, was sie wuenschten: einen brauchbaren Kriegsgrund - denn

die Bestimmungen des Vertrags, nicht gegen roemische Bundesgenossen noch

ausserhalb der eigenen Grenzen Krieg zu fuehren, waren jetzt allerdings

von den Karthagern uebertreten worden - und einen bereits im voraus

geschlagenen Gegner. Schon wurden die italischen Kontingente nach Rom

gemahnt und die Schiffe zusammenberufen; jeden Augenblick konnte die

Kriegserklaerung da sein. Die Karthager boten alles auf, den drohenden

Schlag abzuwenden. Die Fuehrer der Patriotenpartei, Hasdrubal und

Karthalo, wurden zum Tode verurteilt und eine Gesandtschaft nach Rom

geschickt, um auf sie die Verantwortung zu waelzen. Allein, zugleich

trafen Boten von Utica, der zweiten Stadt der libyschen Phoeniker, dort

ein, welche Vollmacht hatten, ihre Gemeinde den Roemern voellig zu eigen

zu geben - mit dieser zuvorkommenden Unterwuerfigkeit verglichen, schien

es fast Trotz, dass die Karthager sich begnuegt hatten, die Hinrichtung

ihrer angesehensten Maenner unverlangt anzuordnen. Der Senat erklaerte,

dass die Entschuldigung der Karthager unzureichend befunden sei; auf

die Frage, was denn genuegen werde, hiess es, das sei den Karthagern ja

bekannt. Freilich konnte man es wissen, was die Roemer wollten; allein

es schien doch wieder unmoeglich zu glauben, dass nun wirklich fuer die

liebe Heimatstadt die letzte Stunde gekommen sei. Noch einmal gingen

karthagische Sendboten, diesmal ihrer dreissig und mit unbeschraenkter

Vollmacht, nach Rom. Als sie ankamen, war bereits der Krieg erklaert

(Anfang 605 149) und das doppelte Konsularheer eingeschifft; doch

versuchten sie noch jetzt, den Sturm durch vollstaendige Unterwerfung

zu beschwoeren. Der Senat beschied sie, dass Rom bereit sei, der

karthagischen Gemeinde ihr Gebiet, ihre staedtische Freiheit und ihr

Landrecht, ihr Gemeinde- und Privatvermoegen zu garantieren, wofern

sie den soeben nach Sizilien abgegangenen Konsuln binnen Monatsfrist in

Lilybaeon 300 Geiseln aus den Kindern der regierenden Familien stellen

und die weiteren Befehle erfuellen wuerden, die ihnen die Konsuln

nach ihrer Instruktion wuerden zugehen lassen. Man hat den Bescheid

zweideutig genannt; sehr verkehrt, wie schon damals klarblickende

Maenner selbst unter den Karthagern hervorhoben. Dass alles, was man nur

begehren konnte, garantiert ward mit einziger Ausnahme der Stadt, und

dass keine Rede davon war, die Einschiffung der Truppen nach Afrika

zu sistieren, zeigte sehr deutlich, was man beabsichtigte; der Senat

verfuhr mit furchtbarer Haerte, aber den Anschein der Nachgiebigkeit gab

er sich nicht. Indes man wollte in Karthago nicht sehen; es fand sich

kein Staatsmann, der die haltlose staedtische Menge entweder zum vollen

Widerstand oder zur vollen Resignation zu bewegen vermocht haette.

Als man zugleich das entsetzliche Kriegsdekret und die ertraegliche

Geiselforderung vernahm, fuegte man zunaechst sich dieser und hoffte

weiter, weil man den Mut nicht hatte es auszudenken, was es heisse,

sich der Willkuer eines Todfeindes im voraus zu unterwerfen. Die Konsuln

sandten die Geiseln von Lilybaeon zurueck nach Rom und beschieden die

karthagischen Boten, das weitere in Afrika zu vernehmen. Ohne Widerstand

geschah die Landung und wurden die geforderten Lebensmittel verabfolgt.

Als im Hauptquartier von Utica die gesamte Gerusia von Karthago

erschien, um die weiteren Befehle entgegenzunehmen, begehrten die

Konsuln zunaechst die Entwaffnung der Stadt. Auf die Frage der

Karthager, wer sie sodann auch nur gegen ihre eigenen Ausgewanderten,

gegen die auf 20000 Mann angeschwollene Armee des dem Todesurteil durch

die Flucht entronnenen Hasdrubal beschuetzen solle, ward ihnen erwidert,

dass dies die Sorge der Roemer sein werde. Gehorsam erschien demnach

der Rat der Stadt vor den Konsuln mit allem Flottenmaterial, allen

Kriegsvorraeten der oeffentlichen Zeughaeuser, allen im Privatbesitz

befindlichen Waffen - man zaehlte 3000 Wurfgeschuetze und 200000 volle

Ruestungen - und fragte an, ob noch weiteres begehrt werde. Da erhob

sich der Konsul Lucius Marcius Censorinus und eroeffnete dem Rat, dass

in Gemaessheit der vom Senat erlassenen Instruktion die bisherige Stadt

zerstoert werden muesse, den Bewohnern aber freistehe, sich wo sie sonst

wollten auf ihrem Gebiet, jedoch mindestens zwei deutsche Meilen vom

Meer entfernt, wiederum anzusiedeln. Dieser fuerchterliche Befehl

ruettelte in den Phoenikern die ganze, soll man sagen hochherzige oder

wahnwitzige Begeisterung auf, wie sie einst die Tyrier gegen Alexander

und spaeter die Juden gegen Vespasian bewiesen. Beispiellos wie die

Geduld war, mit der diese Nation Knechtschaft und Druck zu ertragen

vermochte, ebenso beispiellos war jetzt, wo es sich nicht um Staat

und Freiheit handelte, sondern um den eigenen, geliebten Boden der

Vaterstadt und die altgewohnte teure Meeresheimat, die rasende Empoerung

der kaufmaennischen und seefahrenden Bevoelkerung. Von Hoffnung und

Rettung konnte nicht die Rede sein; der politische Verstand gebot ohne

Frage auch jetzt sich zu fuegen - aber die Stimme der wenigen, welche

mahnten, das Unvermeidliche auf sich zu nehmen, verscholl wie der Ruf

des Faehrmanns im Orkan in dem brausenden Wutgeheul der Menge, die in

ihrem wahnsinnigen Toben teils an den Beamten der Stadt sich vergriff,

welche zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten, teils

die unschuldigen Traeger der Botschaft, so viele von ihnen ueberhaupt

heimzukehren gewagt hatten, die Schreckenskunde entgelten liess, teils

die zufaellig in der Stadt verweilenden Italiker zerriss, um wenigstens

an diesen die Rache vorwegzunehmen fuer die Vernichtung der Heimat. Man

beschloss nicht sich zu wehren; wehrlos wie man war, verstand sich dies

von selbst. Die Tore wurden geschlossen, auf die von Wurfgeschossen

entbloessten Mauerzinnen Steine geschafft, der Oberbefehl an Hasdrubal,

den Tochtersohn Massinissas, uebertragen, die Sklaven saemtlich frei

erklaert. Das Emigrantenheer unter dem fluechtigen Hasdrubal, das

mit Ausnahme der von den Roemern besetzten Staedte an der Ostkueste,

Hadrumetum, Klein-Leptis, Thapsus und Achulla und der Stadt Utica,

das ganze karthagische Gebiet innehatte und fuer die Verteidigung eine

unschaetzbare Stuetze bot, ward ersucht, der Gemeinde seinen Beistand in

dieser hoechsten Not nicht zu versagen. Zugleich versuchte man, in echt

phoenikischer Weise die grenzenloseste Erbitterung unter dem Mantel der

Demut versteckend, den Feind zu taeuschen. Es ging eine Botschaft an

die Konsuln, um dreissigtaegigen Waffenstillstand zur Absendung einer

Gesandtschaft nach Rom zu erbitten. Die Karthager wussten wohl, dass die

Feldherrn diese einmal schon abgeschlagene Bitte weder gewaehren

wollten noch konnten; allein die Konsuln wurden dadurch bestaerkt in

der natuerlichen Voraussetzung, dass nach dem ersten Ausbruch der

Verzweiflung die gaenzlich wehrlose Stadt sich fuegen werde, und

verschoben deshalb den Angriff. Die kostbare Zwischenzeit ward benutzt,

um Wurfgeschuetze und Ruestungen herzustellen; Tag und Nacht ward ohne

Unterschied des Alters und Geschlechts an Maschinen und Waffen

gezimmert und gehaemmert; um Balken und Metall zu erlangen, wurden die

oeffentlichen Gebaeude niedergerissen; um die fuer die Wurfgeschuetze

unentbehrlichen Sehnen herzustellen, schoren die Frauen sich das Haar;

in unglaublich kurzer Zeit waren die Mauern und die Maenner wieder

bewehrt. Dass dies alles geschehen konnte, ohne dass die wenige Meilen

entfernten Konsuln etwas davon erfuhren, ist nicht der am wenigsten

wunderbare Zug in dieser wunderbaren, von einem wahrhaft genialen, ja

daemonischen Volkshass getragenen Bewegung. Als endlich die Konsuln, des

Wartens muede, aus dem Lager bei Utica aufbrachen und bloss mit Leitern

die nackten Mauern ersteigen zu koennen meinten, fanden sie mit Staunen

und Schrecken die Zinnen aufs neue mit Katapulten gekroent und die

grosse volkreiche Stadt, welche man gleich einem offenen Flecken zu

besetzen gehofft hatte, faehig und bereit, sich bis auf den letzten Mann

zu verteidigen. Karthago war sehr fest durch die Natur seiner Lage 3 wie

durch die Kunst seiner gar oft auf den Schutz ihrer Mauern angewiesenen

Bewohner. In den weiten Tunesischen Golf, den westlich Kap Farina,

oestlich Kap Bon begrenzen, springt in der Richtung von Westen nach

Osten eine Landspitze vor, die an drei Seiten vom Meer umflossen ist und

nur gegen Westen mit dem Festland zusammenhaengt. Diese Landspitze, an

der schmalsten Stelle nur etwa eine halbe deutsche Meile breit und im

ganzen flach, erweitert sich wieder gegen den Golf und endigt hier in

den beiden Hoehen von Dschebel-Khawi und Sidi bu Said, zwischen denen

die Flaeche von El Mersa sich ausdehnt. Auf dem suedlichen, mit der

Hoehe von Sidi bu Said abschliessenden Teil derselben lag die Stadt

Karthago. Der ziemlich steile Abfall jener Hoehe gegen den Golf und

dessen zahlreiche Klippen und Untiefen gaben an der Golfseite der Stadt

natuerliche Festigkeit, und es genuegte hier eine einfache Umwallung.

Dagegen auf die Mauer an der West- oder Landseite, wo die Natur keinen

Schutz bot, war alles verwendet, was die damalige Befestigungskunst

vermochte. Sie bestand, wie die kuerzlich aufgedeckten, mit der

Beschreibung des Polybios genau uebereinstimmenden Ueberreste

gezeigt haben, aus einer Aussenmauer von 6« Fuss Dicke und an diese

hinterwaerts, wahrscheinlich in ihrer ganzen Ausdehnung, angelehnten

ungeheuren Kasematten, welche durch einen 6 Fuss breiten bedeckten

Gang von der Aussenmauer getrennt waren und, die jede reichlich 3 Fuss

breiten Vorder- und Hintermauern nicht gerechnet, eine Tiefe von 11

Fuss hatten 4. Dieser ungeheure, durchaus aus maechtigen Quadern

zusammengefuegte Wall erhob sich in zwei Stockwerken, die Zinnen und die

maechtigen vier Stockwerke hohen Tuerme ungerechnet, zu einer Hoehe von

45 Fuss 5 und gewaehrte in dem untern Stockwerke der Kasematten Stallung

und Futtermagazine fuer 300 Elefanten, in dem oberen Pferdestaelle,

Magazin- und Kasernenraeume 6. Der Burghuegel, die Byrsa (syrisch birtha

= Burg), ein verhaeltnismaessig bedeutender Fels von 188 Fuss Hoehe und

an der Unterflaeche einem Umfang von reichlich 2000 Doppelschritten

7, griff in diese Mauer an ihrem suedlichen Ende ein, aehnlich wie die

Felswand des Kapitols in den roemischen Stadtwall. Die obere Flaeche

desselben trug den gewaltigen, auf einem Unterbau von sechzig Stufen

ruhenden Tempel des Heilgottes. Die Suedseite der Stadt bespuelte teils

der seichte Tunesische See im Suedwesten, den eine von der karthagischen

Halbinsel suedwaerts auslaufende schmale und niedrige Landzunge 8 fast

gaenzlich von dem Golfe schied, teils im Suedosten der offene Golf. An

dieser letzten Stelle befand sich der Doppelhafen der Stadt, ein Werk

von Menschenhand: der aeussere oder der Handelshafen, ein laengliches,

die schmale Seite dem Meere zuwendendes Viereck, von dessen nur 70 Fuss

breiter Muendung nach beiden Seiten breite Kais am Wasser sich hinzogen,

und der innere kreisrunde Kriegshafen, der Kothon 9, mit der das

Admiralhaus tragenden Insel in der Mitte, in den man durch den aeusseren

gelangte. Zwischen beiden ging die Stadtmauer durch, die, von der Byrsa

ostwaerts sich wendend, die Landzunge und den Aussenhafen aus-, dagegen

den Kriegshafen einschloss, so dass die Einfahrt in den letzteren gleich

einem Tor verschliessbar gedacht werden muss. Unweit des Kriegshafens

lag der Marktplatz, der durch drei enge Strassen mit der nach der

Stadtseite offenen Burg verbunden war. Noerdlich von und ausserhalb der

eigentlichen Stadt hatte der ziemlich betraechtliche, schon zu jener

Zeit grossenteils mit Landhaeusern und wohlbewaesserten Gaerten

gefuellte Raum der heutigen El Mersa, damals Magalia genannt,

eine eigene, an die Stadtmauer sich anlehnende Umwallung. Auf der

gegenueberliegenden Spitze der Halbinsel, dem Dschebel-Khawi bei dem

heutigen Dorfe Qamart, lag die Graeberstadt. Diese drei, die Alt-,

die Vor- und die Graeberstadt, fuellten zusammen die ganze Breite

der Landspitze an ihrer dem Golf zugewandten Seite aus und waren nur

zugaenglich auf den beiden Hauptstrassen nach Utica und Tunes ueber jene

schmale Landzunge, die zwar nicht mit einer Mauer geschlossen war,

aber doch fuer die unter dem Schutze der Hauptstadt und wieder zu deren

Schutz sich aufstellenden Heere die vorteilhafteste Stellung darbot.

------------------------------------------- 3 Der Zug der Kueste ist

im Laufe der Jahrhunderte so veraendert worden, dass man an der

alten Staette die ehemaligen Lokalverhaeltnisse nur unvollkommen

wiedererkennt. Den Namen der Stadt bewahrt das Kap Kartadschena, auch

von dem dort befindlichen Heiligengrab Ras Sidi bu Said genannt, die in

den Golf hineinragende oestliche Spitze der Halbinsel und ihr hoechster

393 Fuss ueber dem Meere gelegener Punkt. 4 Die von C. E. Beule

Römische Geschichte — Buch 4 · 第 2 / 52 段