Ueber den Verfasser und den Zweck dieser Karte
war ich mir natürlich sofort im Klaren. Auch das
Gutachten der _vereideten_Sachverständigen_ lautet dahin,
_daß_sie_unbedingt_von_Lebius_selbst_geschrieben_
_ist._ Jedenfalls erwartete er ganz bestimmt, daß ich auf
diese Erpressung hin die 10 000 Mark zahlen werde.
Gab ich sie nicht, so waren mir nicht nur der jetzt
angedrohte, sondern noch weitere Racheartikel sicher und
auch noch anderes dazu, was mich in Besorgnis setzen
mußte. Aber ich ließ auch jetzt nichts von mir hören
und sah mit gutem Gewissen dem unvermeidlichen Artikel
entgegen, der am 11. September 1904 in Nummer 33
des Lebiusschen Blattes, der "Sachsenstimme" erschien
und die dreifache Ueberschrift hatte:
| "Mehr Licht über Karl May |
| 160 000 Mark Schriftstellereinkommen |
| Ein berühmter Dresdner Kolportageschriftsteller." |
Dieser Mann hatte meiner Frau und mir sein Wort
gegeben, nichts zu veröffentlichen. Er war sogar nur
unter diesem Versprechen bei uns hereingelassen worden,
und nun veröffentlichte er doch, und zwar in welcher
Weise und aus welchen Gründen! Er stellte alles auf
den Kopf; er drehte alles um! Er legte uns alles, was
ihm beliebte, in den Mund, und was wir wirklich gesagt
hatten, das verschwieg er, um sich nicht zu blamieren.
Dieser Aufsatz enthält über 70 moralische Unsauberkeiten,
Verdrehungen und direkte Unwahrheiten. Aber das war
nur der Anfang; die Fortsetzungen folgten baldigst nach.
Dieser Artikel in Nr. 33 der "Sachsenstimme" war so
gehalten, daß Lebius wieder umlenken konnte, falls ich
das Geld nun endlich noch gab. Und schon in Nr. 34
kam ein sehr deutlicher Wink, der mir sagte, was
geschehen werde, falls ich mich nicht zum Zahlen bewegen
lasse. Dieser Wink bestand in einer Münchmeyerschen
Annonce, die ganze Bände zu mir sprach. Der Besitzer
der Firma Münchmeyer hatte nämlich zu mir gesagt:
"Die Veröffentlichung der andern Romane tut Ihnen
noch gar nicht viel; aber sobald ich mit dem "Verlorenen
Sohn" fertig bin und ihn annonciere, sind Sie verloren!
Der wird so happig, daß es Ihnen dann unmöglich ist,
als Schriftsteller weiter zu existieren!" Und dieser
"Verlorene Sohn" wurde jetzt in Nr. 34 der "Sachsenstimme"
annonciert. Das war genau so, als ob mir mit
Riesenbuchstaben geschrieben worden wäre: "Nun aber endlich
Geld her, sonst geht es in diesem Tone weiter!" Der
gefährlichste Erpresser ist der, welcher es in dieser
raffinierten Weise anfängt, die noch deutlicher ist, als das
gesprochene Wort, aber von keinem Staatsanwalt verfolgt
werden kann. Ich gab aber trotzdem nichts. Da
kam in Nr. 44 ein zweites Elaborat, in Nr. 46 ein
drittes und in Nr. 47 ein viertes. In Nr. 46 wurde
mir die Verbindung des Herrn Lebius mit der Firma
Münchmeyer schon deutlicher gezeigt, denn es wurde da
gesagt, der Inhaber dieser Firma habe einen ganzen
Haufen alter Briefe von mir in der Hand und könne
also ganz genaue Auskunft über mich geben, wenn er
nur wolle. In Wahrheit aber besaß er nicht einen
einzigen alten Brief von mir, doch wußte ich nun genau,
daß Lebius die Ausführung des Münchmeyerschen Programms,
mich durch meine Vorstrafen "in den Zeitungen
vor ganz Deutschland kaput zu machen", übernommen
hatte. Ich war überzeugt, daß die Zahlung der 10 000
Mark ihn sofort zum Schweigen bringen würde, hätte
mich aber vor mir selbst geschämt, ihm auch nur einen
einzigen Pfennig zu geben.
Wie ich gedacht hatte, so geschah es: Schon die
Nr. 48 brachte die ohne alle Veranlassung frei aus der
Luft niederfallende Verkündigung: "Die vier Jahre, die
Herr Karl May in Waldheim verbüßte, waren nach
unserer Information die Folge eines Einbruchdiebstahls
in einem Uhrenladen." Ich habe aber niemals einen
Einbruch verübt. Man sieht, daß es nicht auf die Wahrheit
ankam, sondern nur auf das "Kaputmachen". Diese
Nr. 48 erschien am Weihnachtsheiligenabend. Da hingen
an den Fenstern der Dresdener Buchhandlungen Plakate
aus, auf denen die "Sachsenstimme" mit den großen
roten Buchstaben _"Die_Vorstrafen_Karl_Mays"_
angekündigt wurde. Einen schreienderen Beweis, daß es
sich nicht um eine literarische Tat, sondern nur um die
Ausführung ganz niedriger Absichten handelt, kann es
wohl kaum geben! Daher mag es hier genug sein des
grausamen Spiels. Es widerstrebt mir, die Heldentaten
des Herrn Lebius einzeln aufzuzählen. Ich will nur in
Summa sagen, daß er in dieser Weise fortfuhr, bis er
nach einiger Zeit aus Dresden verschwinden mußte. Ich
habe die Unwahrheiten, die er in seinen Dresdener
Artikeln über mich verbreitete, zusammengestellt, um sie
gerichtlich zu beweisen. Es sind ihrer trotz der Kürze der
Zeit nicht weniger als hundertzweiundvierzig. Mehr hat
bisher wohl noch kein Mensch geleistet! Ich betone aber
ausdrücklich, daß diese Aufstellung nicht etwa alles, sondern
nur eine Auswahl enthält. Ich könnte diese Ziffer trotz
ihrer Höhe gut verdoppeln. Ich habe lange dazu
geschwiegen, bis es nicht mehr zum Aushalten war. Da
mußte ich mich endlich wehren. Ich erstattete bei der
Staatsanwaltschaft Anzeige wegen Erpressung. Ich legte
seine Briefe bei. Auch die drohende Karte vom 7. September
1904. Die Sachverständigen erklärten, daß Lebius
sie unbedingt geschrieben habe. Die erwähnte Behörde
aber war der Ansicht, daß dies nicht zureiche, eine
Untersuchung zu eröffnen. Und Lebius gab sich bei seinen
Auskünften die größte Mühe, mich als einen Menschen
hinzustellen, dem man nicht glauben dürfe. Das Meisterstück
hat er dabei abgelegt, indem er der Königlichen
Staatsanwaltschaft in Dresden berichtete, daß der Wirt
des Hotels auf dem Berge Sinai in Dresden gewesen
sei und sich sehr schlecht über mich ausgesprochen habe.
Nun weiß aber Jedermann, daß es auf dem Berg Sinai
bis heutigen Tages noch nie ein Hotel gegeben hat! Ich
zeige damit wohl zur Genüge, was man von der
Erfindungsgabe des Herrn Lebius alles erwarten kann.
Ich erhob zweimal Privatklage gegen ihn. Die eine zog
ich während der Verhandlung aus reinem Ekel vor dem
Schmutz, in dem ich da waten sollte, zurück. Die andere
brachte ihm in der ersten Instanz eine Geldstrafe von
30 Mark; in der zweiten Instanz aber wurde er
freigesprochen, weil mein Anwalt krank geworden war und
einen Vertreter stellte, der die Sache führte, ohne
orientiert zu sein.
Das ist alles, was ich gegen die ebenso zahlreichen
wie unausgesetzten Angriffe des Herrn Lebius getan habe.
Gewiß wenig genug! Daß ich Berichterstattern Auskunft
gab, wenn sie kamen, mich zu fragen, versteht sich ganz
von selbst. Es kann mir niemand zumuten, diesen Herren
aus Angst vor Herrn Lebius die Unwahrheit zu sagen.
Dennoch behauptet er noch heute, daß nicht ich von ihm,
sondern er von mir verfolgt und angegriffen werde.
Selbst als er aus Dresden mit Hinterlassung einer
ganz bedeutenden Schuldenlast verschwunden war, hörten
seine Angriffe gegen mich nicht auf. Ich erwähne da
nur den Aufsatz in der österreichischen Lehrerzeitung, durch
den er ca. 40 000 Lehrer auf mich hetzte. Ich schwieg.
Ich schwieg selbst dann, als er in der Wilhelm Bruhnschen
"Wahrheit" in Berlin einen geradezu empörenden
Angriff gegen mich brachte, in dem er mich als "atavistischen
Verbrecher" brandmarkte, der wegen "fortgesetzter
Einbruchdiebstähle" fast ein Jahrzehnt im Gefängnis
und Zuchthaus gesessen habe! Er behauptete da, daß
ich eine schwere, chronische Krankheit durchgemacht habe,
die "offenbar kulturhemmend" gewirkt habe. Hiermit
hatte er begonnen, sein in Dresden unterbrochenes Werk
in Berlin gegen mich fortzusetzen. Leider war ich
gezwungen, ihn dort persönlich aufzusuchen, weil ich in dem
großen Münchmeyerprozeß eine Frage an ihn zu richten
hatte, die nicht zu umgehen war. Ich fuhr zu diesem
Zwecke mit meiner Frau nach Berlin. Wir entdeckten
seine Wohnung. Wir hörten, daß er ein neues Blatt
herausgab, der "Bund" genannt. Wir telefonierten
ihm. Er bestellte uns nach Café Bauer. Wir folgten
dieser seiner Weisung. Er kam mit seiner Frau und
deren Schwester. Er beantwortete meine Frage nicht.
Er leugnete alles. Ich sagte ihm, daß ich sein neues
Blatt sehen möchte. Das war ganz ehrlich und gut
gemeint, ohne alle böse Absicht. Er aber begehrte sofort
zornig auf und fragte drohend: "Haben Sie etwas vor?
Dann gehe ich auf der Stelle von neuem gegen Sie los!
Hier in Berlin gibt es über zwanzig Blätter wie die
"Dresdener Rundschau". Die stehen mir alle zu Gebote,
wenn ich Sie totmachen will! Hier dauert das gar
nicht lang!"
Ich antwortete, daß es mir gar nicht einfalle, wieder
in den alten Sumpf zu steigen. Meine Frau sagte zu
seiner Frau in ruhiger, freundlicher Weise, daß es die
schönste Aufgabe verheirateter Frauen sei, versöhnend zu
wirken und die Härten des Lebens zu mildern; dann
entfernten wir uns.
Das war am 2. oder 3. September. _Einen_Monat_
_später,_ am 1. Oktober, kam folgender Brief aus Berlin;
ich war verreist:
Geehrter Herr!
Obwohl völlig unbekannt, erlaube ich mir, bei
Ihnen einmal anzufragen, ob Sie mir nähere Mitteilungen
über einen Herrn Lebius, seinerzeit in Dresden,
machen könnten. Genannter Herr, ehemaliger
Sozialdemokrat, hat gegen mich als den seinerzeit
verantwortlich zeichnenden Redakteur des "Vorwärts"
die Privatbeleidigungsklage angestrengt. Es wird vor
Gericht meine Aufgabe sein müssen, Herr Lebius als
"Ehrenmann" zu kennzeichnen. Auf den Rat eines
Dresdener Kollegen wende ich mich vertrauensvoll an
Sie, ob Sie mir über diesen Herrn vielleicht einige
Auskunft geben könnten. Sollte dies der Fall sein,
so sehe ich Ihrer Freundlichkeit sehr verbunden
entgegen.
Mit größter Hochachtung
Carl Wermuth,
Redakteur des "Vorwärts".
Ich wiederhole, daß ich verreist war und also auf
dessen Wunsch, selbst wenn ich gewollt hätte, nicht
eingehen konnte. Am 5. April 1908, also
| ein volles halbes Jahr später, |
erhielt ich von der Redaktion des "Vorwärts" eine weitere
Zuschrift:
_"Zu_unserem_Bedauern_haben_Sie_es_bisher_
_unterlassen,_sich_ über die gegen Sie gerichteten
Angriffe des Lebius _zu_äußern_ resp. _uns_die_
_notwendigen_Beweismittel_ der ehrenabschneiderischen
Tätigkeit des Lebius in Bezug auf Ihre Person _zur_
_Verfügung_zu_stellen._ Wie ich von meinem Kollegen
Wermuth erfuhr, hat Ihre Frau mitgeteilt, daß
Sie sich zur Zeit auf Reisen befinden und _nicht_in_
_der_Lage_seien,_uns_mit_dem_gewünschten_
_Material_gegen_Lebius_zu_versehen._ Ich hoffe,
daß Sie inzwischen von der Reise zurückgekehrt sind
und nunmehr . . . ."
Hiermit ist wohl zur vollsten Genüge bewiesen, _daß_
_nicht_ich_Herrn_Lebius_verfolge,_sondern_er_mich._
Herr Lebius behauptet, daß ich mich damals, am Sedanstage,
an ihn gemacht habe, um dem "Vorwärts" beizustehen.
Hier beweise ich, daß ich damals von jener
Beleidigungsklage noch gar nichts gewußt habe, sondern
daß der "Vorwärts" es mir erst einen Monat später
mitteilte und dann aber nach wieder sechs Monaten
_noch_gar_keine_Antwort_bekommen_hat!_ Ich hatte
also Herrn Lebius volle sechs Monate geschont, wo es
mir doch durch die Sozialdemokratie so bequem und leicht
gemacht worden war, mich an ihm zu rächen. _Daß_ich_
_ihn_nicht_verfolge,_sondern_von_ihm_fort_und_
_fort_zur_Notwehr_gezwungen_werde,_ ist übrigens
auch schon dadurch erwiesen, daß ich es bis heut
umgangen habe, als Zeuge gegen ihn auszusagen. Mit
dieser Zeugenschaft für den "Vorwärts"-Redakteur hatte
es damals folgende Bewandtnis:
Lebius hatte den "Vorwärts" wegen Beleidigung
verklagt, und der "Vorwärts" hatte mich, natürlich ohne
erst viel zu fragen, als Zeugen angegeben. Das
Gewissen des Lebius sagte ihm, daß er von diesem Zeugen
wohl nicht viel freundliches zu erwarten habe. Ja, es
kam ihm sogar der Gedanke, daß ich von dieser Zeugenschaft
schon im Café Bauer gewußt habe. Das erzürnte
ihn. Er schickte seine Frau zu meiner Frau nach
Radebeul, um mir zu drohen. Meine Frau wünschte diese
Zusammenkunft in meinem Hause; aber darauf ging Frau
Lebius nicht ein. Die beiden Frauen trafen sich im
Restaurant unseres Bahnhofes. Dort wollte Frau Lebius
uns im Auftrage ihres Mannes vorschreiben, was und
wie ich als Zeuge auszusagen habe. Insonderheit sollte
ich vor Gericht erklären, daß er jene drohende Postkarte
vom 7. September in Dresden nicht geschrieben habe.
Tue ich das nicht, so müsse er den alten Kampf gegen
mich von Neuem beginnen. Meine Frau lehnte das ganz
entschieden ab, denn wir waren jetzt mehr als je überzeugt,
daß er der Verfasser sei. Seine Frau kehrte also
unverrichteter Sache nach Berlin zurück.
Als Lebius diesen Versuch mißlungen sah, beschloß
er, mich eidesunwürdig zu machen, und zwar durch eine
Broschüre, die noch vor dem Termin, an dem ich als Zeuge
aufzutreten hatte, herausgegeben werden mußte. Da aber
diese Broschüre, wenn sie wirken sollte, derart abzufassen
war, daß sie ganz unbedingt eine Bestrafung des
Verfassers nach sich zog, die Lebius von sich abwenden
wollte, so sah er sich nach einem Strohmanne um, der
ihn und Karl May noch nicht kannte und unerfahren,
vertrauensselig und bedürftig genug war, sich für einige
Hundert Mark _völlig_ungeahnt_ in die ganz sicher zu
erwartende _Gefängnisstrafe_stürzen_zu lassen._ Er
fand ihn in einem gewissen Herrn F. W. Kahl aus
Basel, zog ihn in sein Netz und umspann ihn derart mit
Selbstvergötterungs- und Lügenfäden, daß der junge,
völlig ehrliche Mann es fast für eine Ehre hielt, sich in
den Dienst eines so bedeutenden, geistig, sozial und auch
juristisch hervorragenden Mannes stellen zu dürfen.
Lebius ging, wie überhaupt und immer, auch hierbei
außerordentlich schlau und raffiniert zu Werke. Er
verschwieg anfänglich, daß es sich _nur_ um eine Broschüre
gegen _mich_ handle. Er machte dem jungen Manne
weis, daß er ein w i s s e n s ch a f t l i c h e s Werk über
berühmte resp. berüchtigte Männer schreiben solle. Er
nannte ihm die Namen derselben; darunter befand sich
auch der meinige. Aber als Kahl sich an das Werk
machte und täglich seine Instruktionen erhielt, lauteten
diese so, daß nach und nach alle diese "Berühmten und
Berüchtigten" verschwanden und nur Karl May allein
übrig blieb. Aus dem "wissenschaftlichen" Werke aber
sollte ein Pamphlet allerniedrigsten und allergefährlichsten
Ranges werden. Kahl erkannte das von Tag zu Tag
immer deutlicher. Er begann zu ahnen, daß er mit aller
Liebenswürdigkeit in das Verderben geführt werden solle.
Als er das Herrn Lebius zu verstehen gab, hielt dieser
es für geraten, ihm den ganzen Zweck der Broschüre
einzugestehen. Er gab folgendes zu:
| Lebius hat den Redakteur des "Vorwärts" |
| wegen Beleidigung verklagt. |
| Der "Vorwärts" hat Karl May als Zeugen |
| gegen Lebius angegeben. |
| Darum ist es für Lebius notwendig, Karl |
| May kaput zu machen. |
| Um das zu erreichen, gibt er die hier in |
| Arbeit liegende Broschüre heraus. |
| Der Termin, in dem Karl May als Zeuge |
| verhört wird, findet anfangs April statt. |
| Darum muß die Broschüre ganz unbedingt |
| bis zum 1. April fertig zum Versenden sein. |
| Wenn die Broschüre erst später fertig wird, |
| hat sie keinen Zweck; dann braucht man sie |
| überhaupt gar nicht erst zu schreiben. |
| Sie wird an die Zeitungen versandt, die |
| darüber berichten. Das soll auf die Richter |
| wirken. |
| Sie wird auch den Richtern direkt vorgelegt. |
| Sobald dies geschieht, ist May als Zeuge kaput. |
Als der ehrliche, junge Mann das hörte, wurden
seine Bedenken noch größer, als sie vorher gewesen waren.
Als er diese äußerste und seiner Besorgnis, gerichtlich
bestraft zu werden, Ausdruck gab, stellte Lebius ihm
folgendes vor:
| Wir Schriftsteller stehen überhaupt und stets |
| mit einem Fuße im Gefängnisse. |
| Bestraft zu sein ist für uns eine gute |
| Reklame. Auch ich bin schon oft vorbestraft. |
| Sie brauchen sich vor dem Gericht gar nicht |
| zu fürchten. Sie sind noch nicht vorbestraft, Sie |
| dürfen schwören. May aber darf nicht schwören. |
| May steht unter Polizeiaufsicht. Es ist ihm |
| verboten, in einer Stadt zu wohnen. Darum |
| wohnt er in Radebeul. |
| I ch b i n e i n g r o ß e s, f o r e n s i s ch e s |
| T a l e n t. W e n n i ch a n f a n g e z u s p r e ch e n, |
| s i n d d i e R i ch t e r a l l e m e i n! |
| W e n n m a n i n e i n e m P r o z e s s e st e ck t |
| u n d m a n s ch r e i b t e i n e s o l ch e B r o s ch ü r e, |
| d a s w i r k t u n g e h e u e r b e i d e n R i ch t e r n! |
| Die Frau May hat mich mit Tränen in den |
| Augen um Gnade für ihren Mann gebeten. |
| May muß durch die Broschüre totgemacht |
| werden. Alles übrige ist Beiwerk, u m d e n |
| w a h r e n Z w e ck z u v e r s ch l e i e r n! |
Die Folge von diesen und ähnlichen sonderbaren
Expektorationen war, daß Kahl beschloß, sich von dieser
Sache zurückzuziehen. Er verbot Lebius, etwas von ihm
zu drucken oder gar etwa seinen Namen für diese Broschüre
zu mißbrauchen. Er richtete ganz dasselbe Verbot
auch an den Verleger. Er glaubte, damit ganz sicher
aus diesem Sumpfe wieder herausgestiegen zu sein. Aber
er kannte Lebius und dessen Unverfrorenheit noch nicht.
Die Broschüre erschien, und zwar genau am ersten April.
Ihr Titel war:
| K a r l M a y, |
| ein Verderber der deutschen Jugend |
von
| F. W. Kahl-Basel. |
Kahl erfuhr erst durch eine Schweizer Zeitung, daß
die Broschüre doch noch erschienen sei, und zwar unter
seinem Namen. Er tat sofort die geeigneten Schritte.
Der von Lebius gefürchtete Termin, an dem ich als
Zeuge vernommen werden sollte, hat nicht stattgefunden.
Ob er den Herren Richtern die Broschüre dennoch vorgelegt
hat oder nicht, ist mir unbekannt. Aber an die
Zeitungen versandt hat er sie schleunigst, und zwar mit
Waschzetteln, Begleitworten usw., von deren verleumderischer
Natur man eine Ahnung bekommt, wenn man nur
folgende Zeilen liest, die er an die "Neue Züricher
Zeitung" schickte:
"Herr May hat sich an mir dadurch gerächt, daß
er durch Verleumdungen meine wirtschaftliche Stellung
untergrub und mich in den Bankrott trieb. Sobald ich
in einer andern Stadt festen Fuß gefaßt hatte, erschien
er wieder auf der Bildfläche, um dasselbe Manöver zu
wiederholen. Dabei liebt er es, bevor er zu einem neuen
Schlage gegen mich ausholt, mich jeweils in meiner
Wohnung aufzusuchen und mit tränenden Augen um Frieden
zu bitten."
Ueber den Inhalt dieser Broschüre habe ich hier
nicht zu sprechen. Ganz selbstverständlich waren meine
Vorstrafen aufgezählt und auch noch etwas mehr dazu.
Das schickte er in alle Welt hinaus, um mich nach
Münchmeyerschem Rezept "kaput" zu machen. Ich erlangte
eine einstweilige Verfügung gegen sie. Sie durfte
nicht weitergedruckt und weiterverarbeitet werden. Und
ich erhob Privatanklage wegen Beleidigung gegen ihn.
Diese Privatklage konnte nicht zur Verhandlung kommen,
weil mein Rechtsanwalt alle meine Beweise, und deren
waren weit über hundert, verloren hatte. Sie fanden
sich erst dann, als es zu spät war, bei ihm wieder. Ich
war also gezwungen, auf die Vergleichsvorschläge, welche
der Vorsitzende machte, einzugehen. Lebius nahm alle
seine Anwürfe gegen mich, materielle wie formelle, zurück,
drückte sein Bedauern aus, mich angegriffen zu haben,
und versprach, mich von nun an in Ruhe zu lassen. Das
tat er durch seine Unterschrift. Es war mir unmöglich,
einem solchen, vor Gericht gegebenen Versprechen nicht
zu glauben. Und doch war es eine Untreue und
Gewissenlosigkeit sondergleichen, daß er mir dieses
Versprechen gab, denn er konnte es mir nicht anders geben,
als _in_der_Absicht,_es_nicht_zu_halten._ Er hatte
sich nämlich mit meiner geschiedenen Frau in Verbindung
gesetzt. Sie fühlte, wie meist alle geschiedenen Frauen,
eine unverständige Schärfe gegen ihren geschiedenen Mann;
die trachtete er, für sich auszunutzen. Er suchte sie in
Weimar auf, wo sie wohnte. Sie lebte da ruhig und
zufrieden von einer Rente von 3000 Mark, die ich ihr
gab, obgleich ich ihr nichts zu geben brauchte, weil sie
die Alleinschuldige war. Auch hatte ich sie in jeder Weise
reichlich ausgestattet. Da kam dieser Mann zu ihr und
entlockte ihr alle ihre Selbsterbitterung, um daraus mit
Hilfe seiner eigenen Hinzufügungen und Verdrehungen
einen Strick für mich zu fertigen. Er versprach ihr
ebenso heilig und teuer, wie damals mir, daß nichts,
gar nichts veröffentlicht werde, ging aber sofort hin und
schrieb für seinen "Bund" vom 28. März 1909 einen
Aufsatz unter der Ueberschrift "Ein spiritistisches
Schreibmedium als Hauptzeuge der "Vorwärts"-Redaktion." Mit
diesen angeblichen Schreibmedium war meine jetzige Frau
gemeint.
Es ist ein geradezu unglaublicher Schmutz, der da
über mich und meine jetzige Frau ausgegossen wird, und
zwar mit raffinierter Benutzung und Bearbeitung der
Bitterstoffe, die im Gemüte geschiedener Frauen vorhanden
sind. Als das arme, unglückliche Weib das las, erschrak
sie. Er schwieg also nicht! Er hatte nicht Wort
gehalten! Sie eilte sofort zu ihm nach Berlin, um ihn zur
Rede zu stellen. Er behielt sie gleich dort. Er übergab
sie seinem Schwager Heinrich Medem, einem früher
gewesenen Rechtsanwalt und Notar, der vereint mit ihm
ihr Beistand wurde. Beide veranlaßten sie zunächst, auf
ihre 3000 Mark Rente zu verzichten, und zwangen sie
sodann, ihre Pretiosen zu versetzen, damit es "nach außen
einen besseren Eindruck mache". Das heißt doch wohl,
damit man denken möge, daß ich es sei, der diese Frau
in solche Armut und solches Elend gestürzt habe! Das
hat Lebius in seinem Briefe an die Kammersängerin vom
Scheidt, welcher den Gegenstand der vorliegenden Privatklage
bildet, wörtlich eingestanden, und der Vorsitzende
der ersten Instanz hat ihn gelobt, indem er öffentlich
sagte: "Das ist sehr edel von Ihnen!"
Lebius hat dieser Frau, als sie nun ohne alles
Einkommen war und vor dem Nichts stand, eine Rente für
das ganze Leben von monatlich 100 Mark versprochen,
er, der wegen zwei oder drei Mark vergeblich ausgepfändet
worden ist! Sie hat es ihm zunächst geglaubt;
er aber hat sehr wohl gewußt, daß dieses Versprechen
nicht rechtsverbindlich war. Nichts als Spiegelfechterei!
Sie borgte bei Bekannten 500 Mark, um leben zu
können. Von ihm aber bekam sie nach und nach nur
200 Mark, aber nicht etwa geschenkt, sondern nur
geliehen, denn als er merkte, daß sie von ihm weg und
wieder zu mir strebte, drohte er ihr, sie wegen dieser
200 Mark um 300 Mark zu verklagen.
Und was hatte sie davon, daß sie auf ihr ganzes
Einkommen verzichtete, daß sie aus ihren schönen,
wohlgeordneten Verhältnissen in die schmutzige Not und Sorge
sprang, daß sie sogar ihre Kleinodien verkaufte und versetzte?
Nichts, weiter gar nichts, als daß sie das Rachewerkzeug des
Herrn Lebius wurde, daß er sie abrichtete, so über mich zu
denken, zu sprechen und zu schreiben, wie es ihm beliebte,
und daß sie ihm und seinem Schwager Medem in jeder
Beziehung gänzlich in die Hand gegeben war. Denn als ich
infolge des obigen Artikels im "Bund" gezwungen war,
meine geschiedene Frau zu verklagen, machten Lebius und
Medem ihr die Schriftsätze ganz so, daß Lebius für seine
Angriffe gegen mich den ganzen Nutzen davon hatte und
sie dabei Dinge unterschreiben mußte, von deren Zweck
und Tragweite sie keine Ahnung besaß! Es kam vor,
daß sie unter Tränen sich sträubte, einen derartigen
Schriftsatz zu unterschreiben. Man zwang sie aber doch!
Bis sie endlich doch einsah, daß es unmöglich auf diesem
Wege und in dieser Weise weitergehen könne, wenn sie
nicht vollständig zu Grunde gehen wolle! Sie wendete
sich an mich und bat um Verzeihung. Mich erbarmte
das arme, verführte Weib. Ich nahm den Strafantrag
und den Beleidigungsprozeß gegen sie zurück. Und nun
erfuhr ich, in welch raffinierter Weise sie von Lebius
aus ihrer sicheren, ruhigen Position zu ihm hinübergelockt
worden war, um wirtschaftlich vernichtet und
moralisch ausgebeutet resp. gegen mich ausgespielt zu
werden. Er sagt in seinem Briefe, welcher den
Gegenstand des vorliegenden Strafverfahrens bildet:
| "Auf Anraten meines Rechtsanwaltes habe |
| ich allerdings im Hinblick auf meine gerichtliche |
| Einigung mit May verlangt, daß Frau Emma |
| erst einen Teil ihrer Schmucksachen versetzt, |
| weil das nach außen hin einen bessern Eindruck |
| macht." |
Also weil ich mich gerichtlich mit ihm geeinigt habe,
weil er mir seine Beleidigungen gerichtlich abgebeten hat
und weil er gerichtlich versprochen hat, mich nun für
immer in Ruhe zu lassen, also darum, _"im_Hinblick_
_darauf"_ mußte die Frau nun ihre Kleinodien versetzen,
damit man _mich_ als den Schurken bezeichne,
durch den sie in solches Elend getrieben worden sei! Wie
nennt man so ein Verhalten? Und nachdem er sie in
dieser Weise um ihr ganzes, früheres Einkommen und
um ihre Schmucksachen gebracht hat, schreibt er in diesem
seinem Briefe: "Ich habe auch durch meinen Syndikus
Herrn Geheimrat Ueberhorst Schritte vorbereiten lassen,
_um_wieder_zu_meinem_Gelde_zu_kommen!"_ Gibt
es hier überhaupt einen Ausdruck, durch den man
imstande wäre, die Lebiussche Denk- und Handlungsweise
erschöpfend zu charakterisieren?
Diese arme, von Lebius in fast jeder Beziehung vollständig
ausgezogene Frau ist nicht etwa die erste oder
einzige geschiedene Frau, deren er sich bemächtigte, um
seine Zwecke zu erreichen. Es ist vielmehr eine ganz
besondere taktische Gewohnheit von ihm, geschiedene
Frauen gegen ihre Männer auszuspielen. Das eklatanteste
Beispiel hiervon ist der Fall "Max Dittrich".
Indem ich ihn hier kurz erwähne, bitte ich um _ganz_
_besondere_Aufmerksamkeit,_ weil er für die
Beurteilung des Herrn Lebius _von_allergrößter_
_Wichtigkeit_ist._
Ich hatte bekanntlich, als dieser Herr seinen Besuch
bei mir machte, den Redakteur und Militärschriftsteller
Max Dittrich als Zeugen dazu geladen, aus Mißtrauen
und Vorsicht, um gegen etwaige spätere Lügen und
Schwindeleien des Herrn Lebius durch einen vollgültigen
Zeugen geschützt zu sein. Herr Dittrich war damals
vom Anfang bis zum Ende anwesend und hatte jedes
von mir gesprochene Wort gehört. Einen solchen Zeugen
zu haben, wurde Herr Lebius mit der Zeit immer
peinlicher, immer gefährlicher. Er beschloß darum, _ihn_
_eidesunwürdig_zu_machen,_ also ganz dasselbe, was
er auch bei mir getan hat _und_noch_heute_tut._ Es
ist das, wie sich später zeigen wird, _ein_persönlicher_
_Trick_ von ihm, den er _für_unfehlbar_ hält -- -- --
eidesunwürdig machen!
Er befolgt dabei den Grundsatz, den er uns während
seines Besuches bei uns vortrug: Jeder Mensch, jeder
Polizist und Richter, jeder Beamte hat Werg am Rocken,
hat eine Schuld auf sich, die er verheimlichen muß.
Man muß das _entdecken_ und _in_die_Zeitung_bringen;_
dann wird man Herrscher und als _"tüchtiger_Kerl"_
bekannt. So tat Herr Lebius auch hier. Die erste Frau
Max Dittrichs war gestorben; von der zweiten Frau
hatte er sich scheiden lassen; jetzt war er infolge eines
Schiffbruchs, bei dem er nur gefährlich verletzt dem
Tode entging, schwer nervenkrank geworden. Das gab
ein hochinteressantes Material, aus dem sich jedenfalls
etwas machen ließ! Herr Lebius ging also aus, um
nach dem "Werg am Rocken", nach der "heimlichen"
Schuld und Sünde zu suchen. Er forschte überall,
schriftlich, mündlich, persönlich. Er stellte sich überall ein,
wo er glaubte, etwas erfahren zu können. Er scheute
sich nicht, sogar zu Dittrichs Verwandten zu gehen. Er
schlich sich zu Dittrichs alter Schwägerin, zu Dittrichs
Neffen und Nichte, sogar zu Dittrichs zweiter Frau, die
wieder verheiratet war und in glücklicher, stiller Ehe
lebte. Er forschte sie aus, ohne daß sie ahnten, warum
und wozu. Sie antworteten vertrauensvoll und
unbefangen. Aber als er plötzlich zu ihrem Entsetzen die
Worte "Gericht" und "Eid" fallen ließ, da fühlten sie
die Krallen, in die sie geraten waren. Sie hatten nichts
Böses sagen können und baten, sie aus dem Spiele zu lassen.
Er versprach es ihnen. Besonders entsetzt über die Aussicht,
in diesen Lebiusschen Schmutz verwickelt zu werden,
war Dittrichs zweite Frau. Ihr jetziger Mann war ein
lieber, guter, aber in Beziehung auf die "Ehre" sehr
streng denkender, unerbittlicher Herr. Seine Frau in
_solcher_ Angelegenheit an Lebius' Seite, das wäre
unbedingt von den schwersten Folgen für ihn und sie
gewesen! Sie bat also Lebius, sie ja nicht mit darin zu
verwickeln, und er scheute sich nicht, es ihr hoch und
heilig zu versprechen. Dann aber ging er schleunigst hin
und brachte in Nummer 12 seiner "Sachsenstimme"
einen Bericht, dem ich nur einige Punkte entnehme, die
nicht einmal die schlimmsten sind, nämlich:
"Max Dittrich hatte von seiner ersten Frau keine
Kinder, wohl aber zwei von seiner Stieftochter, bevor
diese das 16. Lebensjahr erreichte."
"Seine Frau härmte sich über die Ausschweifungen
ihres Mannes zu Tode."
"Obgleich seine zweite Frau sehr tolerant war, trieb
Dittrich es schließlich so schlimm, daß eine Ehescheidung
unvermeidlich wurde."
"Mit der 16jährigen mit im Hause wohnenden
Nichte seiner Frau unterhielt er ein mehrjähriges
Verhältnis."
"Dann fing er ein Verhältnis mit einem jungen
Mädchen an."
"Seine Frau ließ ihn durch ein Detektivbureau
beobachten."
"Während des Ehescheidungsprozesses wohnte Dittrich
mit seiner Braut zusammen und hatte auch seine
Tochter bei sich."
"Jetzt ist er wegen schweren, syphilitischen
Nervenleidens Halbinvalide" usw.
Man kann sich den Schreck der Verwandten denken,
als sie das lasen und dann als Zeugen vor Gericht beordert
wurden, weil Max Dittrich ganz selbstverständlich
Herrn Lebius verklagte! Die Nichte mußte im Hause
vernommen werden; sie lag krank. Die geschiedene Frau
Dittrichs ging in ihrer Herzensangst zum Richter und
sagte ihm aufrichtig, daß diese entsetzliche Sache ein
absoluter Totschlag für das Glück ihrer jetzigen Ehe sei;
sie werde das wohl kaum überleben. Dieser vortreffliche
Herr hatte nicht nur das Gesetz im Kopfe, sondern dazu
auch ein menschliches Herz in der Brust und erledigte
die Vernehmung in entsprechender humaner Weise.
Selbst angenommen, daß die von Lebius angegebenen
Punkte alle auf Wahrheit beruhten, so liegt doch wohl
für jeden nur einigermaßen gebildeten und nicht verrohten
Menschen die Frage nahe, ob die Veröffentlichung solcher
Dinge _gesetzlich_ resp. _preßmoralisch_statthaft_ sei.
Ich bin überzeugt, daß jedermann, außer Lebius, diese
Frage mit einem "Nein!" beantworten wird. Das
würde zur Charakterisierung dieses Herrn jedenfalls
genügen, ist aber noch lange nicht alles, denn wenn man
Gelegenheit findet, die Akten Dittrich contra Lebius
aufzuschlagen, so sieht man am Schlusse derselben Herrn
Lebius in noch ganz anderer Weise beleuchtet. Er
gesteht da nämlich ein, daß seine Verleumdungen gegen
Max Dittrich
| nicht wahr gewesen seien, |
und erklärt sich bereit, die Kosten des Verfahrens zu
tragen! Ich glaube, mehr braucht man nicht zu wissen,
um diesen Herrn nun zu kennen.
Ob jemand aus dem Busch herausspringt und den
anderen ermordet, oder ob jemand aus den Spalten seines
Rowdyblattes heraus die Menschen niederknallt, so oft
es ihm beliebt, das wird von der Strafgesetzgebung der
Zukunft wohl ganz anders betrachtet und ganz anders
behandelt werden als heutigen Tages. Doch gibt es,
Gott sei Dank, auch jetzt schon geistige und menschheitsethische
Instanzen, welche den Totschlag einer Menschen_seele_
für wenigstens ebenso strafbar halten wie die
Ermordung eines Menschen_körpers._
Am 27. März 1905 hatte Lebius die oben aufgeführten
Anklagen in seiner "Sachsenstimme" gegen
Max Dittrich geschleudert, und am 18. November darauf
erklärte er in der zweiten Strafkammer des Königlichen
Landgerichtes Dresden zu Protokoll:
| "Ich erkläre, daß ich die gegen den |
| Privatkläger in der "Sachsenstimme" vom 27. März |
| 1905 erhobenen, beleidigenden Behauptungen |
| ! ! ! als unwahr ! ! ! |
| hiermit zurücknehme und mein Bedauern über |
| die gemachten Aeußerungen in der "Sachsenstimme" |
| ausdrücke und den Privatkläger deshalb |
| ! ! ! um Verzeihung bitte ! ! ! |
Als dann einige Jahre später Lebius in Berlin
Streit und Prozesse mit dem "Vorwärts" begann, gab
dieser den Militärschriftsteller Dittrich als Zeugen gegen
ihn an. Sofort griff Lebius zu seinem wohlbekannten
Trick, Zeugen durch die Presse unschädlich zu machen.
Er veröffentlichte genau dasselbe wieder, was er damals
über Dittrich veröffentlicht und dann vor dem Dresdener
Landgericht
| ! ! ! als unwahr ! ! ! |
mit der Bitte um Verzeihung zurückgenommen hatte.
Dittrich war demzufolge gezwungen, ihn wieder zu
verklagen und auf jene Zurücknahme und Bitte um
Verzeihung hinzuweisen. Was tat Lebius? Er erklärte in
seinem an das Königliche Amtsgericht Charlottenburg
gerichteten Schriftsatz vom 24. Dezember 1909, daß er
damals jene Abbitte und jenes Eingeständnis der
Unwahrheit seiner Behauptungen lediglich
| "aus Gründen wirtschaftlicher Natur" |
abgelegt habe. Seine Verhältnisse seien damals so
bedrängt gewesen, daß er nicht zu den Gerichtsterminen
nach Dresden habe reisen können. Er selbst also ist es,
der das folgende moralische Porträt von sich liefert:
| Lebius verleumdet den Militärschriftsteller |
| Dittrich 1905 in seinem Dresdener Blatte. |
| Lebius erklärt 1905 vor dem Dresdener |
| Landgericht, daß diese Verleumdungen erlogen |
| seien, und bittet um Verzeihung. |
| Lebius bringt 1909 in seinem Berliner Blatte |
| jene von ihm als Lügen bezeichneten |
| Verleumdungen als Wahrheiten wieder. |
| Lebius erklärt 1909 in seinem Schriftsatz an |
| das Amtsgericht Charlottenburg, daß er damals |
| das Landgericht Dresden angelogen habe. |
Und warum dieser Rattenkönig von Lügen vor Gericht!
Und wie ist es möglich, daß ein Mensch, der doch
Ehr- und Schamgefühl besitzen muß, sich vor Gericht als
Lügner erklären und dann auch diese Erklärung als Lüge
bezeichnen kann? Er selbst gibt uns die Antwort auf
diese Frage: Er befand sich in bedrängter Lage;
| ! ! ! er hatte kein Geld ! ! ! |
Also wenn Lebius kein Geld hat, so ist das ein für
ihn vollständig genügender Grund, _Richter_und_
_Gerichtsämter_zu_belügen_und_sich_als_einen_
_Charakter_hinzustellen,_dem_kein_vorsichtiger_
_Mensch_mehr_etwas_glauben_kann!_
Ich könnte stundenlang fortfahren, in dieser Weise
von Lebius zu erzählen. Für meine heutigen Zwecke aber
genügt das, was ich bis hierher sagte. Ich habe mir
die Unwahrheiten, welche Lebius über mich verbreitete,
notiert, nicht alle, sondern nur die augenfälligsten. Es
sind jetzt _über_fünfhundert,_ die ich ihm gerichtlich
beweisen kann. Er hat mir allein in den letzten drei
Wochen vier Beleidigungsklagen zugeschickt, obgleich ich
an diesen Beleidigungen ganz unbeteiligt bin. Das nennt
man Hinrichtung! Und dabei legt er, wie bereits
erwähnt, den größten Nachdruck immer darauf, daß ich
ihn verfolge, nicht aber er mich. Auf seine vielen und
fürchterlichen Artikel in den Jahren 1904 und 1905 habe
ich nur einmal bei der Staatsanwaltschaft und zweimal
beim Gericht Hilfe gesucht. Ich habe dann zu allen
seinen ferneren Angriffen geschwiegen, bis er mich durch
die angebliche Kahl-Broschüre zwang, mich zu verteidigen,
weil ich _"vor_den_Richtern_kaput_gemacht"_werden_
_sollte._ Und selbst da habe ich ihm verziehen, habe mich
mit ihm verglichen, habe gegen sein Versprechen, mich
fortan in Ruhe zu lassen, meinen Strafantrag zurückgezogen,
obgleich der betreffende Richter sagte, daß Lebius
_eine_schwere Strafe_ erleiden werde, falls es zur
Verhandlung komme. Siehe Gerichtsakten 20 B. 254 08/34,
gezeichnet Schenk, Nauwerk. Ich habe es ertragen, daß
Lebius trotz seines gerichtlichen Versprechens, mich künftig
in Ruhe zu lassen, meine geschiedene Frau gegen mich
verführte, ausbeutete, ihres Einkommens und ihrer
Schmucksachen beraubte _und_sie_fast_an_den_Bettelstab_
_brachte._ Sie wurde von ihm zu gerichtlichen
Schritten gegen mich verleitet, die man fast wahnsinnig
nennen muß. Und dabei hatte er den Mut, in der ersten
Instanz des vorliegenden Beleidigungsprozesses zu
behaupten,
| "daß er ihre Interessen vertreten habe und |
| also den Schutz des § 193 beanspruchen dürfe!" |
Niemals ist eine größere Unwahrheit ausgesprochen
worden als diese! Lebius hat durch die Verführung der
Frau Pollmer nur seine eigenen Privat- und Prozeßinteressen
verfolgt, _die_Interessen_dieser_armen_Frau_
_aber_geradezu_mit_Füßen_getreten._ Es ist unerhört,
daß er dafür auch noch den Schutz des § 193
verlangt!
Es ist wiederholt von ihm in den Zeitungen behauptet
worden, daß er ein Mensch sei, "der über Leichen
geht." Meine geschiedene Frau hat anstatt "Mensch"
sogar ein anderes, äußerst schlimmes Wort gebraucht,
ohne daß er es gewagt hat, sie darüber gerichtlich zu
belangen. Ob dieser Vorwurf wahr ist oder ob er zu
viel sagt, das könnte ich mit vielen Beispielen belegen;
ich will aber nur das eine bringen: Nach der in den
Blätterberichten völlig korrumpierten Charlottenburger
Verhandlung vom 12. April dieses Jahres brachte der
"Boston American" in Boston, Massachusetts, folgende
ihm aus Berlin zugegangene Depeschennotiz:
"Autor frommer Bücher, ein Bandit. Berlin --
-- -- Herr Charles May, der Millionär, Philanthrop,
Autor frommer Bücher und eine hervorragende Persönlichkeit
Deutschlands, wurde heute von einer Jury als der
Verüber vieler, schwerer Verbrechen in der Gebirgsgegend
des südlichen Sachsens, wo er vor 40 Jahren eine
Räuberbande anführte, gebrandmarkt. _May_brach_zusammen_
_und_wurde_unter_den_Schutz_seiner_Freunde_gestellt,_
_um_zu_verhindern,_daß_er_Selbstmord_begehe_
usw." Sich solche monströse Unwahrheiten aussinnen,
um mich "kaput zu machen", das ist doch wohl
über Leichen gegangen. Oder nicht? Doch hiermit genug
über diesen Herrn Lebius. Alles Andere gehört vor das
Gericht, nicht aber hierher. Um meine Leser klar sehen
zu lassen, ist nur noch zu konstatieren, daß der Münchmeyersche
Rechtsanwalt Dr. Gerlach auch sein Rechtsanwalt
ist und daß Beide einander gegenseitig die weitgehendste
Hilfe und Unterstützung leisten. Ich habe noch
zwei äußerst interessante Münchmeyersche Champions zu
erwähnen, die in Beziehung auf geistige Bedeutung zwar
weder an Gerlach noch an Lebius kommen, aber als
fromme, katholische Klosterbrüder mitten unter protestantischen
oder gar aus der Kirche ausgetretenen Kolportageinteressenten
doch einen frappierenden Eindruck machen.
Der Eine von Ihnen ist der Benediktinerpater Ansgar
Pöllmann in Beuron. Ich habe schon einmal einem
Benediktinerpater vor Gericht gegenübergestanden. Der
hieß Willibrord Beßler und bezeichnete sich als Professor.
Er veröffentlichte eine schwere Beleidigung im "Stern der
Jugend" gegen mich. Ich machte die Benediktinerabtei
Seckau in Steiermark als seinen Wohnsitz ausfindig, reiste
hin und ließ ihn vor das Kreisgericht Leoben zitieren.
Da stellte sich heraus, daß er gar nicht das Recht besaß,
einen Professortitel zu führen. Er leistete mir folgende
schriftliche Abbitte:
"Indem ich die mir in Schriftstücken beigelegten
Bezeichnungen "Professor" und "Jugendschriftsteller"
auf Wunsch näher dahin bestimme, daß ich Lehrer an
der Privat-Gymnasial-Lehranstalt der Abtei Seckau
und Korrespondent der Jugendzeitschrift "Stern der
Jugend" bin, erkläre ich hiermit der Wahrheit gemäß,
daß ich die in genannter Zeitschrift (1903 Nro. 25)
enthaltene Notiz über Krankheitserscheinungen des
Schriftstellers Karl May bedauere und die von ihm gerichtlich
inkriminierten Worte in aller Form zurücknehme.
Seckau, den 20. Oktober 1904.
Pater Willibrord Beßler
O.S.P." [sic]
Und jetzt nun wieder ein Benediktinerpater, den ich
gerichtlich belangen muß! Der Abt scheint hier wie dort
Ildefons Schober zu heißen. Ist es vielleicht derselbe?
Nicht in Seckau und nicht in Beuron, sondern anderwärts,
haben die Benediktiner mir meine "Reiseerzählungen"
ohne mein Wissen in Menge nachgedruckt, bis ich es ihnen
untersagte. Ich weiß nicht, wie es möglich ist, daß ein
Orden meine Werke ganz auf eigene Faust drucken und
verbreiten und mich doch so öffentlich beleidigen und
verfolgen resp. mich und meine selben Werke in Acht und
Bann erklären kann! Ich bemühe mich vergeblich, beides
logisch zusammen zu bringen. Denn daß ich diesen
Nachdruck unmöglich dulden konnte, versteht sich ganz von
selbst! Uebrigens ist dieser Beuroner Pater derselbe, der
mir "einen Strick drehen will, um mich damit aus dem
Tempel der deutschen Kunst hinauszupeitschen". Also, erst
druckt man meine Bücher nach, ohne mich zu fragen, und
dann peitscht man mich hinaus! In dieser Weise charakterisiert
Pater Pöllmann seinen eigenen Orden, der sich doch
wahrlich mehr als genug Verdienste um unsere Literatur
erworben hat, als daß er von einem seiner Angehörigen
in dieser Weise beleumundet werden sollte!
Pater Pöllmann hat in der katholischen Zeitschrift
"Ueber den Wassern" eine Reihe von Artikeln gegen mich
geschrieben, und ich habe hierauf in der Wiener "Freistatt"
geantwortet. Damit wären wir nun eigentlich mit
einander fertig, und das Publikum hätte zwischen ihm und
mir zu entscheiden. Aber während ich in meinen Antworten
ganz selbstverständlich so sachlich und höflich wie
möglich war, ist er in seinen Artikeln aus den Beleidigungen
fast nicht herausgekommen, so daß er sich zu einem
Gang vor das Gericht zu bequemen haben wird. Und
außerdem ist sein persönliches und literarisches Verhältnis
zu Herrn Lebius, dem Rechtsanwalt Gerlach und dem
Münchmeyerschen Programm, mich in den Zeitungen "kaput
zu machen", festzustellen. Er hat geleugnet, mit Lebius,
Gerlach u. s. w. in Beziehung zu stehen; es sind ihm
aber derartige Beziehungen ganz unschwer nachzuweisen.
Hierüber ist Klarheit zu schaffen. Denn daß er in dieses
"Kaputmachen" auf das Kräftigste mit eingegriffen hat,
kann nicht einmal er selbst in Abrede stellen. Seine
"Wasser"-Artikel werden sowohl im Lebius- als auch im
Pauline Münchmeyer-Prozeß auf das Eifrigste gegen
mich verwendet. Er ist sogar von Lebius als Zeuge oder
"Sachverständiger" benannt und wird als solcher in Berlin
auszusagen haben.
Herr Pater Pöllmann befolgt in Beziehung auf unsern
Beleidigungsprozeß eine Taktik, die ich nicht gutheißen
kann. Ich muß mich fragen, ob es in dieser seiner Taktik
liegt, das Leserpublikum irre zu führen. Zuerst erschienen
von Zeit zu Zeit gewisse, ironisch von oben herab
klingende Notizen darüber, daß ich es unterlassen habe,
meine Drohung, ihn zu verklagen, auszuführen. Und
nun sich herausstellt, daß ich dieses Versprechen doch
gehalten habe, wird in gewissen, mir feindlich gesinnten
Zeitungen fort und fort behauptet, daß meine Beleidigungsklage
bald hier bald dort zurückgewiesen worden sei und
ich sämtliche Kosten zu tragen habe. Das ist nicht
fair, vielleicht sogar unwürdig. Es handelt sich hier um
die Zuständigkeitsfrage, um weiter nichts. Als ich den
Strafantrag gegen Pater Pöllmann stellte, gehörte ich
in den Bezirk des Amtsgerichts Dresden. Inzwischen
wurde das Amtsgericht Kötzschenbroda eröffnet, dem ich
jetzt nun zuständig bin. Darum fragt es sich, ob die
Sache infolgedessen hier oder dort oder anderswo zu
verhandeln ist. Bis das entschieden ist, hat sie zu ruhen.
Wer es anders darstellt, kann nur entweder unwissend
oder böswillig sein. Von Kosten weiß ich kein
Wort.
Ganz ähnlich liegt es mit meiner Beleidigungsklage
gegen Pater Expeditus Schmidt in München. Sie wurde
in Dresden eingereicht und in Kötzschenbroda erstmalig
verhandelt. Auch hier sind Zuständigkeitsfragen erhoben
worden, doch nicht von mir. Mir kann es sehr gleichgültig
sein, an welchem Orte das Urteil gesprochen wird,
denn meine Sache ist gerecht. Ich habe nicht nötig,
spitzfindig zu erwägen, an welchem Orte, bei welchem Gerichte
und in welchem Falle ich meinen Prozeß gewinne oder
verliere. Ich habe mich nicht an solche Nebendinge
zu klammern, sondern an die Sache selbst und ihre
Wahrheit zu halten; das Uebrige überlasse ich den
Richtern.
Mir sind diese Schiebereien nicht hinderlich, sondern
förderlich gewesen. Sie haben mir Gelegenheit gegeben,
die Karten meiner Gegner kennen zu lernen. Vor allen
Dingen hat es sich herausgestellt, daß die beiden Pater
Schmidt und Pöllmann in naher Beziehung zu dem Namen
und der Sache Münchmeyer stehen. Ihr Anwalt steht
in Verbindung mit dem Münchmeyerschen und Lebiusschen
Rechtsanwalt. Ich werde die Beweise erbringen, und
dann wird sich der Zusammenhang mit dem Münchmeyerschen
Programm, mich "in allen Zeitungen vor ganz
Deutschland kaput zu machen", ganz von selbst ergeben.
Um einen kurzen Rundblick über den jetzigen Stand der
Dinge zu ermöglichen, schließe ich dieses Kapitel mit einem
Artikel, den das "Wiener Montags-Journal" am 17.
Oktober dieses Jahres brachte. Er lautet:
| Karl May als Schriftsteller. |
(Eine Genugtuung.)
Vor uns liegt eine stattliche Reihe von Bänden, die
Tätigkeit eines ungemein fruchtbaren und erfolgreichen
Schriftstellers. Zugleich aber auch seine Ehrenrettung.
Denn nicht oft noch ist die schriftstellerische Tätigkeit eines
Menschen der Grund für solch bodenlos gemeine und
hinterhältige Angriffe gewesen, wie sie Karl May zur
Zielscheibe hatten. Ehe wir in eine ausführliche Würdigung
der so reichen Phantasie eines deutschen Romanziers
eingehen, wollen wir dem Geschmähten selbst das Wort zu
einer Verteidigung geben, die jetzt, nach den erfolgreichen
Prozessen gegen seine hämischen und boshaften Widersacher,
zugleich eine Genugtuung ist. Herr May schreibt uns:
Die ganze sogenannte "Karl May-Hetze" ist auf
Unwahrheiten aufgebaut. Die erste dieser Unwahrheiten ist,
daß ich Jugendschriftsteller sei und meine Reiseerzählungen
für unerwachsene junge Leute geschrieben habe. Die meisten
dieser Erzählungen sind im "Deutschen Hausschatz"
erschienen, der doch gewiß niemals eine Knabenzeitung
gewesen ist. Und den später erschienenen Bänden sieht jedes
ehrliche Auge sofort an, daß sie nur von geistig erwachsenen
Leuten verstanden werden können. Hiermit fallen
alle Vorwürfe, die man mir als angeblichem "Jugendverderber"
macht, in sich selbst zusammen. Wenn die Jugend
meine Bücher trotzdem liest, und zwar sehr gerne, so
beweist das doch nicht, daß ich sie für sie bestimmt habe,
sondern daß die Jugendseele in ihnen findet, was ihr von
andern vorenthalten wird.
Eine zweite Unwahrheit ist die, daß ich in diesen
meinen Reiseerzählungen schwindle. Wer das behauptet,
ahnt gewiß nicht, welch ein schlimmes Zeugnis er seiner
eigenen Intelligenz erteilt. Reicht doch der Scharfblick
eines Tertianers aus, zu erkennen, daß alles, was ich
erzähle, nur mit den Wurzeln in das reale Leben greift,
im übrigen aber nach Regionen strebt, die nicht alltäglich
sind. Jeder Leser, der mich begreift, weiß, daß ich Länder
und Völker beschreibe, die bis heute fast nur in Märchen
existieren, für uns aber nach und nach in das Reich der
absoluten Wirklichkeit zu treten haben. Wenn ich das, was
anderen noch ein Märchen ist, als Wirklichkeit erschaue und
beschreibe, kann dies nur für unwissende oder übelwollende
Menschen ein Grund sein, zu behaupten, daß ich schwindle.
Früher ist es keinem Menschen eingefallen, in dieser
beleidigenden Weise über mich zu urteilen. Wer mich nicht
begriff, der sagte höchstens, daß meine Phantasie eine
sehr ausgiebige sei. Erst als die größte aller Unwahrheiten,
die es über mich gibt, verbreitet wurde, nämlich
die, daß ich "abgrundtief unsittliche Schundromane"
geschrieben habe, wagte man es, in einem solchen Tone mit
mir zu sprechen. Diese unwahre Behauptung ging von
einer Kolportagebuchhandlung aus, in deren Interesse es
lag, sie zu verbreiten, um durch meinen Namen möglichst
viel Geld zu verdienen. Sie fand in Herrn Cardauns,
dem damaligen Hauptredakteur der "Kölnischen Volkszeitung",
den Mann, der durch seine Veröffentlichungen für
diese Verbreitung mehr als reichlich sorgte und es sogar
unternahm, die sogenannten "Beweise" zu liefern, daß die
betreffenden Unsittlichkeiten aus keiner anderen als nur
aus meiner Feder stammen. Ganz selbstverständlich konnte
der wahre, unanfechtbare Beweis nur durch die Vorlegung
der von mir geschriebenen Originalmanuskripte geführt
werden. Jeder andere Beweis konnte nur durch absichtliche
Täuschung oder Selbstbetrug ermöglicht sein und
mußte sich schließlich zur Spiegelfechterei gestalten.
Welche Art des Beweises nun führte Herr Cardauns?
Er brachte Behauptung über Behauptung. Er führte eine
ganze Reihe von "inneren Gründen" an, hinter denen sich
der Mangel an wirklichen Gründen versteckte. Er sprach
von Beweisen, Belegen, untrüglichen Aktenstücken und
dergleichen. Das Wiener "Neuigkeits-Weltblatt" weist ihm
sogar die Behauptung nach, er besitze die Originalbelege
dafür, daß May unzweifelhaft schuldig sei. Jedermann
mußte hierauf annehmen, daß er meine Originalmanuskripte
in den Händen habe, und darum glaubte man ihm, zumal
die Blätter, in denen er seine Behauptungen aufstellte, mir
die Aufnahme meiner Entgegnungen beharrlich verweigerten.
Er machte mit seiner Selbsttäuschung Schule: andere
täuschten sich mit, bis sie mit der Zeit dann ganz von
selbst zur richtigen Einsicht kamen. Heute glauben nur
noch Wenige seinen Ausführungen. Andere akzeptieren
sie aus prozessualen und ähnlichen guten Gründen. Ob
Pater Expeditus Schmidt und Pater Ansgar Pöllmann,
meine beiden neuesten Gegner, wirklich an ihren Cardauns
glauben, das weiß ich nicht; ich kann da nur vermuten.
Was sie behaupten, gilt für mich noch lange nicht als
Beweis. Aber sie fußen in allem, was sie gegen mich
tun, auf altem Cardaun'schem Grund und Boden und
scheinen wirklich überzeugt zu sein, daß ich nächstens unter
ihren und den Anschuldigungen ihrer Verbündeten
zusammenbrechen werde.
Diese Verbündeten sind: die frühere Kolporteuse Frau
Pauline Münchmeyer, Herausgeberin des berüchtigten,
von der Polizei konfiszierten "Venustempels". Ferner
der Rechtsanwalt dieser Frau, Dr. Gerlach in Dresden,
der nun schon seit neun Jahren unausgesetzt gegen mich im
Felde liegt. Und endlich der wohlbekannte Herr Rudolf
Lebius in Charlottenburg, der aus der christlichen Kirche
ausgetretene Sozialist, dem ich 3000 bis 6000 Mark und
dann sogar 10 000 Mark geben sollte, dafür wolle er mich
in seinem Blatt loben und preisen. Ich gab ihm nichts.
Da ging er zu Münchmeyers über und war seitdem der
unermüdlichste meiner Gegner. Ich bemerke ausdrücklich,
daß auch er Herrn Advokaten Gerlach zum Anwalt hat.
Und wenn ich nun hinzufüge, daß dieser Münchmeyersche
Herr Gerlach zugleich auch Anwalt und Berater von Pater
Expeditus Schmidt und Pater Ansgar Pöllmann ist, so
ergibt sich folgendes drastische Hetzjagdbild: Ich bin
vollständig eingekreist. Rund um mich stehen Herr Cardauns,
Frau Kolporteuse Pauline Münchmeyer, Herr Advokat
Gerlach, Pater Schmidt, Herr Lebius und Pater Pöllmann.
Diese alle sind jederzeit schußbereit. Sie leugnen zwar
den gegenseitigen Verkehr, geben sich aber in ihren
Prozessen gegenseitig als Zeugen und Sachverständige an und
helfen einander bei Sammlung von Beweismaterial gegen
mich und bei der Anfertigung von Eingaben und Schriftsätzen
für das Gericht. Der Ueberragendste von ihnen
ist aber dieser Münchmeyersche Advokat, der alles und
alle dirigiert, sogar die beiden Patres. Der unschädlichste
und erfreulichste aber ist Herr Cardauns, der meines
Wissens niemals zu dem Eingeständnis gebracht werden
konnte, daß er meine Originalmanuskripte nicht besitze,
kürzlich aber in Bonn in meiner Gegenwart vor dem
beauftragten Richter als Zeuge zugeben mußte, daß er sie noch
nie gesehen habe.
Ob mich die Dame Münchmeyer mit Hilfe ihrer fünf
weltlichen und geistlichen Genossen zur Strecke bringen
wird, ist eine schon längst entschiedene Frage. Kein Kenner
der Verhältnisse stellt sie mehr auf. -- --
Radebeul-Dresden, Oktober 1910.
Karl May.
_________
IX.
Schluß.
_____
Wie meine "Reiseerzählungen" nur Skizzen sind, so ist
auch das vorliegende Werk nur Skizze. Es kann gar
nichts anderes sein, weil das, was ich erzähle, noch nicht
zu Ende ist und weil eine Menge mir auferzwungener
Prozesse wie drohende Revolver auf mich gerichtet sind.
Außerdem verhindern mich brutale Körperschmerzen, in
der Weise zu schreiben, wie ich möchte. Zehn Jahre lang
täglich viermal ganze Stöße von Briefen und Zeitungen
erhalten, die von Gift und Hohn und Schadenfreude
überfließen, das hält kein Simson und kein Herkules aus.
Geist und Seele sind stark geblieben. Es hat sich in mir
nicht das Geringste geändert. Mein Gottvertrauen und
meine Menschenliebe sind nicht ins Wanken gekommen.
Aber meinen Körper, den früher so unverwüstlich scheinenden,
hat es endlich doch gepackt. Er will zusammenbrechen.
Seit einem Jahre ist mir der natürliche Schlaf versagt.
Will ich einmal einige Stunden ruhen, so muß ich zu
künstlichen Mitteln, zu Schlafpulvern greifen, die nur
betäuben, nicht aber unschädlich wirken. Auch essen kann
ich nicht. Täglich nur einige Bissen, zu denen meine arme,
gute Frau mich zwingt. Dafür aber Schmerzen, unaufhörliche,
fürchterliche Nervenschmerzen, die des Nachts
mich emporzerren und am Tage mir die Feder hundertmal
aus der Hand reißen! Mir ist, als müsse ich ohne Unterlaß
brüllen, um Hilfe schreien. Ich kann nicht liegen, nicht
sitzen, nicht gehen und nicht stehen, und doch muß ich das
alles. Ich möchte am liebsten sterben, sterben, sterben,
und doch will ich das nicht und darf ich das nicht, weil
meine Zeit noch nicht zu Ende ist. Ich muß meine
Aufgabe lösen.
Meine Aufgabe? Ja, meine Aufgabe! Die habe
ich endlich, endlich erkannt. Sie ist genau dieselbe, wie
ich dachte, und aber doch eine ganz, ganz andere. Ich
sagte bereits: Das Karl May-Problem ist, wie das
Problem jedes andern Sterblichen, ein Menschheitsproblem
im Einzelnen. Aber während die meisten Menschen nur
dazu berufen sind, in ihrem kleinen, engen Kreise gewisse
Phasen des großen Problems darzustellen, gibt es noch
Andere, denen die schwere Aufgabe wird, ein Abbild
desselben zwar auch nur im Kleinen, aber doch nicht im
Einzelnen, sondern im Ganzen zu liefern. Die Vielen
stellen Menschheitsteile, diese Wenigen aber stellen
Menschheitsbilder dar. Die Vielen können ihren engen
Kreis sauber halten; sie sind Dutzendmenschen; sie können
sogar als Mustermenschen erscheinen. Den Wenigen aber
ist die Tugend und die Sünde, die Reinheit und der
Schmutz der ganzen Menschheit in gleichem Verhältnisse
wie dieser zugeteilt; sie können berühmte Feldherren oder
rohe Mörder, große Diplomaten oder berüchtigte
Schwindler, segensreiche Finanzgenies oder niedrige
Taschendiebe, niemals aber Mustermenschen werden.
Ihnen ist nicht das wohltuende Glück der unbewußten
Mittelmäßigkeit beschieden. Ist das Leben mächtiger als
sie, so werden sie zwischen Tugend und Laster, zwischen
Höhe und Tiefe, zwischen Jubel und Verzweiflung hin-
und hergezerrt, bis sie über den Wolken zerstäuben oder
in den Schluchten zerschellen. Sind sie stärker als das
Leben und sind sie im Glücke geboren, so werden sie in
stolzer Ruhe ihre leuchtenden Bahnen ziehen; kamen sie
aber unter den Augen der Niedrigkeit, der Armut und
der Not zur Welt, so werden sie zwar ihr Ziel erreichen,
weil sie es erreichen müssen, aber der Widerstand, den
sie zu überwinden haben, wird ein grausamer, ein
unerbittlicher sein, und ehe sie, da oben angekommen, ihren
Siegesruf erschallen lassen können, werden sie ermattet
zusammenbrechen, um die Augen für diese Welt zu
schließen.
Eigentlich sollte ein Jeder wissen, zu welcher von
diesen Menschenarten er gehört, oder er sollte sich doch
wenigstens verpflichtet fühlen, hierüber nachzudenken.
Das habe ich getan, und ich bin zu der Ueberzeugung
gekommen, daß ich kein billiges, ungestörtes Durchschnittsglück
zu beanspruchen hatte, sondern das Menschheitselend
in seinen tiefsten Tiefen kennen lernen mußte, um
mich ebenso beharrlich und ebenso mühevoll aus ihm
emporzuarbeiten, wie die Menschheit Ströme von Schweiß
und Blut und die Zeit von Jahrtausenden braucht, sich
aus dem ihrigen zu erheben. Ebenso bin ich überzeugt,
daß es mir beschieden war, dabei den hartnäckigen
Widerstand zu finden, der sich mir auch heute noch
entgegenstellt, und daß ich mich nicht über ihn beschweren
darf, weil ich ihn mir ebenso selbst bereitet habe, wie
die Menschheit schneller vorwärtskommen würde, wenn
sie endlich aufhören wollte, sich ihren eigenen Weg mit
Hindernissen zu belegen. Man sieht, daß ich keinen
anderen, als nur mich selbst anklage.
Habe ich in diesem Buche einmal zu hart oder scharf
gesprochen, bin ich unbillig oder unfügsam gewesen, so
war dies keineswegs beabsichtigt oder gewollt, sondern
die immer noch nicht ganz überwundene Anima ist es
gewesen, die es mir diktierte. So lange sich der Mensch
im Niedrigen bewegt, und das mußte ich in dieser meiner
Lebensbeschreibung doch mehr als reichlich tun, hat das
Niedrige Macht über ihn, und ich durfte nicht unwahr
sein; ich mußte so schreiben, wie das Milieu es mit sich
brachte. Nun ich aber zum Schlusse gelange und bessere,
reinere Luft zu atmen beginne, bin ich auch reiner und
freier in dem, was ich schreibe, und bekomme die Kraft
zurück, alles das, was mich verbittern will, zu
überwinden.
Und mich zu verbittern, war mehr als genugsam
Grund vorhanden. Ich spreche da nur von den
letztvergangenen zehn Jahren und den Begleiterscheinungen
des Münchmeyerprozesses. Dieser wurde von Seiten
meiner Gegner resp. ihres Rechtsanwalts Gerlach in
einer Weise geführt, die ich vorher für vollständig
unmöglich hielt. Ich ahnte nicht, in wie weitgehender
Weise das Gesetz in dieser Beziehung den Anwalt schützt.
Wenn es gilt, den Gegner in den Augen der Richter
herabzusetzen, darf er sich erlauben, was sich sonst
Niemand erlauben darf. Er steht unter dem Schutze des
Paragraphen 193, denn er handelt im Interesse seines
Klienten. Ich bringe eine Musterauswahl der Ausdrücke,
die ich mir vom Münchmeyerischen Advokaten Dr. Gerlach
gefallen lassen mußte, weil er sich ihrer in seiner
Eigenschaft als Anwalt bediente:
Er beschuldigte mich "frecher Anzapfungen", "unberechtigter
Forderungen", zahlreicher "Dreistigkeiten"
und "faulen Zaubers". Er nannte mich "raffiniert",
"frech", "dreist", "verleumderisch", "pathologisch zur
Unwahrheit reizend", "Lügner", "Lügenmay", Renommist",
"Münchhausen", "Aufschneider", "Betrüger", "Lump",
"Schwindler", "Allerweltsschwindler", "Einbrecher",
"Hochstabler" [sic], "Zuchthäusler" usw. usw. Ich frage:
Sind dergleichen Beschimpfungen, selbst wenn sie die
Wahrheit enthielten, im gewöhnlichen Leben erlaubt?
Würde ein wirklich gebildeter Mann mit Einem, der sich
ihrer schuldig macht, verkehren wollen? Nun, im Verkehr
vor Gericht sind sie gestattet, denn ich habe diesen
Anwalt auf sie hin wegen Beleidigung verklagt und bin
abgewiesen worden. Aber noch mehr: Er erhob auf
diese meine Klage hin Gegenklage gegen mich, und
diese wurde nicht zurückgewiesen. Der Richter ist hieran
völlig unschuldig; er kann nicht anders; das Gesetz
verlangt es so! Eines Tages, als die Zeugenaussagen für
die Münchmeyersche Partei nicht günstig ausgefallen
waren, sagte dieser Anwalt zum Richter: "Aber es ist
doch ganz unmöglich, daß ein vorbestrafter Mensch, wie
May, den Prozeß gewinnen kann!" "Das haben Sie
abzuwarten," antwortete ihm der Richter. Ich stand
dabei und mußte mir die Beleidigung gefallen lassen,
denn das Gesetz erlaubte sie ihm. Das ist nun fast zehn
Jahre lang so gegangen und geht noch heut in diesem
Tone und in dieser Weise fort. Ein sehr hoch stehender
Richter sagte, hierauf bezüglich, zu meinem Rechtsanwalt:
"Niemals in meiner ganzen, langen Praxis ist mir eine
Sache seelisch so nahe getreten, wie die von Karl May.
Was muß dieser arme, alte Mann gelitten haben! Er
hätte getrost hinzufügen können: "Was leidet er noch,
und was wird er noch weiter leiden!" Dieser Richter
kannte meine Vorstrafen genau; er hatte die hierüber
vorhandenen Akten studiert. Ich gewann trotzdem und
trotz aller gegnerischen Schmähungen den Prozeß in
sämtlichen Instanzen, gewiß ein laut sprechender Beweis,
daß der deutsche Richter sich durch anwaltliche Invektiven
nicht beeinflussen läßt; aber ruhig anzuhören hatte ich
sie doch und habe ich sie noch heut. Und sie wirken,
wenn nicht auf das Urteil, so doch ganz bestimmt nach
anderer Seite hin. Sie verrohen den Parteiverkehr und
greifen aus dem Verhandlungszimmer hinaus in das
öffentliche und hinein sogar in das private Leben. Man
wird alle die beleidigenden Ausdrücke über mich, die ich
oben angeführt habe, schon in den Zeitungen gelesen
haben und ihnen ebenso auch im Privatverkehr begegnet
sein. Das ist die notwendige Folge der Freiheiten, die
jeder übelwollende, rücksichtslose Rechtsanwalt sich nehmen
darf, wenn er einsieht, daß die Roheit ihn weiter führt
als die Humanität. Er schreibt diese Roheiten in seine
Schriftsätze und lanciert sie von da als beweiskräftiges
Aktenmaterial hinaus in die Zeitungen. Oder er schickt
sie zuerst in die Zeitungen und legt sie dann in gedruckter
Form dem Gericht als Beweise vor, ohne zu sagen, daß
sie von ihm stammen. Stehen einem derartigen Anwalte
einige gleichgesinnte, von ihm gewonnene Blätter oder
Blättchen zur Seite, so ist es ihm ein Leichtes, eine jede
Existenz, und stehe sie noch so fest, in kurzer Zeit zu
erschüttern oder wohl gar zu vernichten. "In den Zeitungen
von ganz Deutschland kaput machen," nennt man das.
Und das Gesetz begünstigt dieses Treiben!
Es liegt mir da noch ein anderes, hochinteressantes
Beispiel nahe, welches nichts weniger als empfehlend für
mich klingt. Ich bringe es aber trotzdem, weil ich, wenn
ich der Allgemeinheit nützen will, nicht fragen darf, ob
ich mir selbst etwa dadurch schade. Meine erste Frau
hatte die Frau eines Dresdener Schriftstellers beleidigt,
welcher von Münchmeyers aus wußte, daß ich vorbestraft
bin. Er rächte sich dadurch, daß er mich bei einem
deutschen Fürsten denunzierte und ihm mitteilte, daß seine
Verwandten meine Bücher läsen und mich auch persönlich
besuchten. Der Fürst antwortete durch Schweigen.
Da kam eine zweite Denunziation, und nun war der
Fürst gezwungen, sich nach Dresden zu wenden, um zu
erfahren, was mit meinen Vorstrafen sei. Er erhielt
die eingehendste Auskunft. Es wurde ein Beamter nach
Radebeul geschickt, um sich an Ort und Stelle zu
erkundigen. Er erfuhr, daß meine Ehe keine glückliche sei,
weshalb ich in meinen freien Stunden nicht zu Hause
bleibe, und daß ich in meinen Büchern über Länder
schreibe, in denen ich gar nicht gewesen sei; Alles, was
ich da berichte, sei nicht wahr. Infolge dessen steht in
den Dresdener Polizeiakten über mich verzeichnet, daß ich
einen unsoliden Lebenswandel führe und ein literarischer
Hochstabler [sic] sei. Das wurde dem Fürsten mitgeteilt, und
einer der betreffenden Verwandten erzählte es mir bei
nächster Gelegenheit sehr ausführlich wieder. Er wußte
sehr wohl, was an der Sache war, bat mich aber um
Diskretion, so daß ich gezwungen war, hierüber zu
schweigen. Ich glaubte auch, schweigen zu können, weil
ich annahm, daß derartige Polizeiakten zu den
verschwiegendsten Dingen der Verwaltung gehören. Jetzt
aber werden sie zu meinem Erstaunen von Lebius veröffentlicht
und von meinen Gegnern entsprechend ausgebeutet.
Wie kommt ein aus der Kirche ausgetretener Sozialdemokrat
a. D. zu diesen geheimen Dresdener Polizeiakten?
Das Gesetz gestattet es! Ganz selbstverständlich fühle
ich mich nun nicht mehr zur Diskretion verpflichtet und
werde darauf dringen, daß diese Akten revidiert und
berichtigt werden.
Ein weiterer Fall führt mich nach Leipzig, wo ich
wie auf Seite 119 berichtet, vor nun fünfundvierzig
Jahren auf ungesetzlichen Wegen ergriffen wurde. Das
ist so lange her, daß die betreffenden Gerichtsakten längst
vernichtet worden sind, denn die Menschlichkeit verlangt,
daß solche Spuren nur von einer ganz bestimmten Dauer
seien, und diese Dauer ist vorüber. Wer hat nun daran
gedacht, daß auch bei der dortigen Polizei Notizen
hierüber gemacht worden und vielleicht noch vorhanden sein
können? Herr Lebius hat sie kürzlich veröffentlicht! Wie
kommt ein Mann, wie er, nun auch zu den Leipziger
Polizeiakten? Das Gesetz erlaubt es!
Ebenso hat er meine Scheidungsakten veröffentlicht.
Sie sind doch gewiß von diskretester Natur und gehen ihn
gar nichts an. Aber das Gesetz erlaubt es ihm!
Er ist über Alles unterrichtet, was sich auf meine
prozessualen Verhältnisse bezieht. Wer erlaubt ihm das,
und wer ermöglicht es ihm? Das Gesetz und der Münchmeyersche
Rechtsanwalt, der zugleich auch der seinige ist.
Beide arbeiten einander aus der Hand in die Hand.
Es ist sogar vorgekommen, daß Lebius meine geschiedene
Frau in Berlin zum Unterschreiben eines Vollmachtsblanketts
veranlaßte, dieses aber nach Dresden zum
Münchmeyerschen Rechtsanwalt schickte, der es dann für
sich ausfüllte, wie es für seine besonderen Zwecke paßte.
Das sind nur einige wenige Beispiele aus meiner reichen,
persönlichen Erfahrung dafür, daß das Gesetz Dinge nicht
nur erlaubt, sondern sogar begünstigt, die es eigentlich
auf das strengste verbieten sollte. Dem steht selbst der
rechtlichste und humanste Richter machtlos gegenüber, und
das war es, woran ich dachte, als ich weiter oben sagte,
daß ich meine Aufgabe endlich, endlich erkannt habe.
Ich bin vor nun vierzig und fünfzig Jahren unfreiwillig
da hinunter gestiegen, wo die Verachteten wohnen, denen
es so schwer gemacht wird, sich die ihnen geraubte Achtung
zurück zu erwerben. Ich habe sie kennen gelernt, und
ich weiß, daß sie nicht weniger wert sind, als alle die,
welche nur deshalb niemals stürzten, weil sie entweder
niemals hoch standen oder nicht die nötige innere Freiheit
besaßen, stürzen zu können. Ich will wieder zu ihnen
hinab, jetzt als fast Siebzigjähriger, nicht gezwungen,
sondern aus freiem Willen, aus eigenem Entschlusse. Ich
will ihnen sagen, was ihnen noch Niemand zu sagen
wagte, nämlich daß ihnen Niemand helfen kann, wenn
sie sich nicht selbst zu helfen wissen. Daß sie verloren
sind, außer sie retten sich durch eigene Kraft. Durch
engsten Zusammenschluß unter sich selbst. Ich will ihnen
mein Beispiel vorhalten, mein Leben und mein Streben.
Will ihnen zeigen, was aller gute Wille und alle Mühe
fruchtet, wenn bei Andern dieser gute Wille fehlt. Ihnen
zeigen, daß ein einziger unfairer Rechtsanwalt oder dieser
eine, einzige Paragraph 193 genügt, selbst die schönsten
und die besten Erfolge der Willensstärke, der christlichen
Liebe und der Humanität mit einem Schlage zunichte
zu machen. Ich will ihnen sagen, daß es eine Sünde
von der Menschheit ist, ihre Mitschuld an der Schuld
der Schuldigen zu verbergen. Daß es aber auch von
diesen ein Fehler ist, zu verheimlichen, daß sie einst
schuldig waren. Unser Leben, mein Leben, ihr Leben soll
frei vor Gottes Auge liegen, besonders aber auch frei vor
unserem eigenen Auge. Dann zürnen wir nicht, und dann
grollen wir nicht. Denn dann sehen wir ein, warum
wir fallen konnten: Wir fielen durch uns selbst. Und
sehen wir das ein, so können wir uns selbst verzeihen,
und wer sich selbst verzeihen darf, dem wird verziehen
werden. Weg also mit der falschen Scham, und heraus
mit der Offenheit! Nur das Geheimnis, in das wir uns
hüllen, gibt jenem Paragraphen und jedem gewissenlosen
Menschen die Macht, sich höher und besser zu dünken
als wir, und doch unser -- -- -- Henker zu sein!
Es sind nur Andeutungen, die ich hier gebe. Wie
alles Bisherige, so kann auch dieses einstweilen nur
Skizze sein. Aber ich fühle das Bedürfnis, das, was
Andere Böses an mir taten, für meine Mitmenschen in
Gutes zu verwandeln. Ich werde es denjenigen, die
gleiches Schicksal, wie ich, hatten, ermöglichen, aus der
unmenschlichen Hetze gegen mich diejenigen Schlüsse zu
ziehen, die ihnen heilsam sind. Was nützt alle sogenannte
"Gerechtigkeit", alle sogenannte "Milde des Gerichtes",
alle sogenannte "Humanisierung des Strafvollzuges", alle
sogenannte "Fürsorge für entlassene Strafgefangene",
wenn es nur eines einzigen spitzfindigen Anwaltes oder
eines einzigen fragwürdigen Paragraphen bedarf, um all
das Gute, welches aus diesen Bestrebungen erwuchs, in
einem einzigen Augenblicke zu vernichten? Wie kann
man von dem Gefallenen verlangen, daß er wieder aufstehe
und sich bessere, wenn man es unterläßt, auch die
Verhältnisse, in die man ihn zurückversetzt, zu verbessern?
Ist es eine Ermunterung für ihn, zu wissen, daß er trotz
aller Besserung doch, so lange er lebt, der Geächtete, der
Unterdrückte, der Rechtlose bleiben muß und bleiben wird,
weil er gezwungen ist, zu allem zu schweigen und sich
alles gefallen zu lassen? Denn falls er das nicht tut,
ist er verloren. Wenn er hingeht, um gegen die, welche
ihn beleidigen, bestehlen und betrügen, sein gutes Recht
zu suchen, schleppt man seine alten Akten herbei und stellt
ihn an den Pranger. Ich erinnere daran, daß ich von
einem Dresdener Staatsanwalt sogar aus nur rein
"wissenschaftlichen" Gründen an diesen Pranger genagelt
worden bin, bei lebendigem Leibe! Er konnte nicht
einmal meinen Tod abwarten und behauptete, durch einen
Gesetzesparagaphen zu dieser Vivisektion berechtigt
worden zu sein. Da schaut man denen, die von Humanität
sprechen, ganz unwillkürlich in das Gesicht, ob sich
da nicht etwa ein sardonisches Lächeln zeigt, welches
verrät, wie es eigentlich steht. Und da fühlt man mit den
Hunderttausenden, die hierunter leiden, das brennende
Bedürfnis, einmal alle die Paragraphen, an denen der
gute Wille der Menschheit scheitert, an das Tageslicht
zu ziehen und dahin zu stellen, wo sie stehen müssen, um
durchschaut zu werden -- -- -- vor die Oeffentlichkeit,
vor den Reichstag!
Hier liegt der Punkt, an dem meine Aufgabe anzusetzen
hat. Es hat schon Einige gegeben, die als "entlassene
Gefangene" ihre Erfahrungen niedergeschrieben
haben; aber was man da erfuhr, das war so unbedeutend,
daß es der Allgemeinheit keinen Nutzen bringen konnte.
Hier genügt es nicht, kleine Menschengeschicke zu zeigen,
sondern schwere, gewichtige Menschenschicksale, die, auch
im klassischen Sinne, wirkliche Schicksale sind. _Und_
_das_meinige_ist_ein_solches._ Ich fühle mich
verpflichtet, und meine Aufgabe ist, es in den Dienst der
Humanität zu stellen. Wie ich mir das denke, das wird
man, hoffe ich, aus meinem zweiten Bande ersehen.
Es gehörte zu dieser meiner Aufgabe, daß die
Oeffentlichkeit sich nicht nur mit dem Schriftsteller Karl
May, sondern auch mit dem Menschen May befaßte und
daß Alles, was dem Letzteren vorzuwerfen war, bis auf
den letzten Tropfen ausgeschöpft werden mußte. Das
Eine war berechtigte Kritik; das Andere war Henker-,
Schinder- und Kavillerarbeit, die ich über mich ergehen
lassen mußte, ohne mich durch das mir abgeforderte Geld
von dieser Qual und Marter zu befreien. Das war die
Geisterschmiede meines Märchens, in der man auf mich
losschlug, daß die Funken durch alle Zeitungen flogen.
Sie fliegen sogar noch heut. Doch wird bald Ruhe
werden. Die Zeit des Hammers ist vorüber; es kommt
nur noch die Feile, und dann ist es gut. Daß all das
Leid, welches über mich kam, auch meine andere, die
schriftstellerische Aufgabe, beeinflussen mußte, versteht sich
ganz von selbst. Auch da gab es Schlacken, und zwar
mehr als genug. Auch sie mußten herunter. Es flog
der Ruß, der Schmutz, der Staub, der Hammerschlag.
Noch liegt das alles um mich her, doch nun wird
ausgeräumt, damit das reine, edle Werk beginne.
Es war überhaupt ein großes, ein schweres und
ein höchst schmerzhaftes Auf- und Ausräumen. Nicht
nur in meinem Innern, sondern auch in meinem Aeußern,
in meiner Arbeit, meinem Berufe, meinem Hause, meiner
Ehe. Alles, was mich in die Schmiede und dem Schmerze
in die Arme getrieben hatte, mußte weichen. An seine
Stelle trat, was rein und ehrlich war und mit nach oben
strebte, aus Ardistan nach Dschinnistan, dem Land der
Edelmenschen. Das gab eine Scheidung von Gut und
Bös, die nur unter Kämpfen und Opfern ausgeführt werden
konnte. Nun ist sie vollzogen. Die Wetter gingen vorüber.
Zwar rauscht noch hier oder da ein trübes Wasser, irgend
ein Beleidigungsprozeß, eine Staatsanwaltschaftsanzeige,
doch auch das geht bald vorbei, und dann wird Ruhe
und Friede um mich sein, so daß ich endlich, endlich Zeit
und Raum und Stimmung gewinne, an mein eigentliches,
an mein einziges und letztes "Werk" zu gehen.
Schau ich auf die letzten zehn Jahre zurück, so bin
ich voller Dankbarkeit, sie überstanden zu haben. Eine
"Hetze" wie die gegen mich, hat es, so lange die Erde
steht, noch nie in der Literatur irgend eines Landes, eines
Volkes gegeben. Das gab Zeitungsstürme, Stürme in
den Gerichtssälen, Stürme im eigenen Hause und Stürme
im eigenen Innern. Mein alter, treuer, guter Freund,
der Körper, behauptet zwar, nicht länger mitmachen zu
können, aber ich bin überzeugt, daß er doch wieder so
bereitwillig und verständig wird, wie er immer gewesen
ist. Er hat ertragen müssen, was eigentlich wohl nicht
zu ertragen war. Zunächst sechs Jahre lang die drei
Instanzen des ersten Münchmeyerprozesses mit allen
Aufregungen und Armseligkeiten, die mit ihm verbunden waren.
Sodann die zweiundzwanzig Monate währende Untersuchung
wegen Meineid und Verleitung dazu. Denn der
Münchmeyersche Rechtsanwalt hatte, nachdem der Prozeß
für ihn verloren war, mich und meine Zeugen beim
Staatsanwalte wegen Meineides angezeigt. Der Staatsanwalt
war, nach seiner eigenen Aussage auf diese Anzeige
eingegangen, um endlich einmal Klarheit zu schaffen.
Dieser fast zwei Jahre lange Kampf endete ganz
selbstverständlich damit, daß man weder mir noch meinen Zeugen
etwas Strafbares nachweisen konnte. Aber damit noch
nicht genug, gesellte sich noch Anderes dazu, was fast
noch schlimmer als alles Vorhergehende war. Die ersten
Lebiusangriffe. Eine doppelseitige Lungenentzündung, die
mich monatelang zwischen Tod und Leben schweben ließ.
Die Beschuldigungen, welche meine geschiedene Frau auf
mich, meine jetzige Frau und ihre Mutter wälzte und
mit denen sie uns in schwere Strafe bringen wollte. Die
Staatsanwaltschaftsanzeigen, welche sie dann wegen dieser
Beschuldigungen durch einen Freund gegen uns erheben
ließ. Dieselben Staatsanwaltsanzeigen, von Lebius in
Berlin wiederholt. Glücklicher Weise hatte diese geschiedene
Frau Alles, was sie dann nach der Scheidung leugnete,
während des Scheidungsprozesses ganz fremden Leuten
und ohne all mein Zutun freiwillig erzählt und
eingestanden, so daß sie zu diesem späteren Leugnen nur
verführt sein konnte. Die Vorlegung dieser Beweise zeigte
alle Anklagen gegen mich als Lügen. Ferner der Antrag
des Lebius an die Staatsanwaltschaft, mich in ein Irrenhaus
zu sperren. Sein Antrag, mich nach Amerika steckbrieflich
verfolgen zu lassen. Die zahllosen Artikel gegen
mich in seinem Blatte, der "Bund". Seine Flugblätter
mit den gräßlichsten Unwahrheiten, welche die Runde durch
Deutschland, Oesterreich, Schweiz, Italien, Frankreich,
England, Nord- und Südamerika machten. Da beschuldigte
er mich sogar, meinen Schwiegervater erwürgt
zu haben! Das geht so fort bis in die neueste Zeit.
Schließlich eine Denunziation wegen Beleidigung des
Untersuchungsrichters, und zu allerletzt, vor ungefähr vier
Wochen, eine Anzeige an den Staatsanwalt gegen mich
wegen Blutschande, die bekanntlich mit bis fünf Jahren
Zuchthaus bestraft wird. Man sieht, daß man zu den
alleräußersten Mitteln greift, mich "kaput zu machen"!
Dies auszuhalten, ohne das Vertrauen zu Gott, den
Glauben an die Menschheit und alle Lebenslust und
Lebenskraft zu verlieren, ist eine Tat, zu der wohl kaum
jeder fähig ist. Ich habe es ertragen, ohne mich zur
Selbsthilfe reizen zu lassen, weil ich keinen Augenblick
lang an Gott und seiner Liebe zu zweifeln vermag und
weil mir in dieser überschweren Zeit ein Wesen zur Seite
gestanden hat, dessen tapfere, hochstrebende Seele mich wie
auf Engelsflügeln über alles Leid erhob, dem ich verfallen
sollte, nämlich meine jetzige Frau. Wenn man berechtigt
gewesen ist, Bücher über das Thema "die Bestie im Weibe"
zu schreiben, so könnte ich mich wohl verpflichtet fühlen,
demgegenüber ein Buch zu veröffentlichen, welches den
Titel "Der Himmel im Weibe" führt.
Mit einer solchen Frau an der Seite, die mir eine
Quelle alles menschlich Reinen, menschlich Edeln und
menschlich Ewigen ist, läßt sich in Beziehung auf das
Erdenleid Alles erlangen und in Beziehung auf die noch
vor mir liegende Arbeit Alles leisten, was menschenmöglich
ist. Ich bin nicht mehr so fürchterlich allein.
Ich habe nicht mehr immer nur aus mir selbst herauszuschöpfen,
sondern es hat sich mir ein köstlich reiches
seelisches Leben zugesellt, durch dessen Einfluß sich Alles,
was in mir zum guten Ziele führt, verdoppelt. Körperlich
schwer leidend, bin ich geistig frisch und seelisch
wenigstens ebenso vertrauensvoll wie in der Jugendzeit.
Ich bin nicht töricht genug, mir zu verheimlichen, daß
man mich als einen Ausgestoßenen betrachtet, ausgestoßen
aus Kirche, Gesellschaft und Literatur. Der Eine schlägt
auf mich los, weil er mich für einen verkappten
Katholiken oder gar Jesuiten halt; der Andere greift zum
Prügel, weil er meint, ich sei noch immer heimlich
Protestant. Würden diese Beiden es wohl fertig bringen,
sich immer grad nur zu denen zu bekennen, von denen
sie die meisten Prügel bekommen? Daß man mich als
gesellschaftlich tot betrachtet, rührt mich nicht. Ich habe
nicht den geringsten Grund, partout zu der Gesellschaft
gehören zu wollen, die ich in meiner Leidenszeit gezwungen
war, kennen zu lernen. Uebrigens haben wir beide alten
Leute, meine Herzensfrau und ich, in Beziehung auf das
Innenleben aneinander so vollauf genug, daß wir es gar
nicht fertig bringen, uns nach "Gesellschaft" zu sehnen.
Und was meine literarische Ausstoßung betrifft, so kann
ich mich auch mit ihr zufrieden geben. Den Weg, auf
dem ich mich befinde, ist noch kein Anderer gegangen;
ich wäre also auch ohne den Haß, den man auf mich
richtet, gezwungen, ein Einsamer zu sein. Auch bin ich
überzeugt, daß später, wenn man mich und das, was ich
will, erst richtig kennen gelernt hat, sich Manche, vielleicht
sogar Viele von dem großen Haufen absondern werden,
um sich mir zuzugesellen. Alte Wege können höchstens
zu alten, toten Schätzen führen. Wer aber nach neuen,
lebendigen Schätzen sucht, der soll auch neue, nicht alte
Wege gehen. Und der meinige ist ein neuer! Das
Schicksal meiner bisherigen Arbeiten wird nur durch
ihren Wert oder Unwert bestimmt, durch nichts Anderes.
Taugen sie etwas, so werden sie bleiben, ganz gleich,
ob man sie gegenwärtig lobt oder tadelt. Taugen sie
nichts, so werden sie verschwinden, ganz gleich, ob man
sie jetzt verwirft oder nicht. Und, was die Hauptsache
ist, derjenige, der über ihren Wert oder Unwert bestimmt,
bin nur ich allein. Keiner meiner Gegner, und sei er
literarisch noch so mächtig und einflußreich, kann auch
nur den geringsten Einfluß darauf haben. Das klingt
stolz und prahlerisch, ist aber wahr. Diese Werke sind
Skizzensammlungen, sind Vorübungen, sind Vorbereitungen
auf Späteres. Gelingt mir dieses Spätere, so ist alles, durch
was ich mich darauf vorbereitete, gerechtfertigt, mag man
jetzt darüber denken und schreiben, wie oder was man will.
Nun bleibt nur noch eine Schlußbemerkung in Beziehung
auf die Münchmeyerromane übrig. Einer meiner
erbittertsten Gegner schrieb, ich solle es ja Niemandem
weißmachen, daß ein Schundverlag sittliche Romane in
unsittliche verwandeln könne; das würde eine Riesenarbeit
sein, der Niemand gewachsen ist. Dieser Herr scheint so
glücklich zu sein, dem Leben und Treiben eines Schundverlages
unendlich fern zu stehen. Erstens wenn Jemand der Zeit
und der Mühe gewachsen ist, einen Roman zu schreiben,
so muß man doch noch viel mehr der kürzeren Zeit und
der geringeren Mühe gewachsen sein, diesen Roman
umzuändern! Zweitens erfordert eine solche Umänderung
keineswegs soviel Zeit und Arbeit, wie mein Gegner
anzunehmen scheint. Die Einfügung von einigen Worten
genügt vollständig, einen "moralischen" Druckbogen in
einen "unmoralischen" zu verwandeln. Drittens sind
Kräfte mehr als genug für solche Umarbeitungen vorhanden,
und sie besitzen eine so erstaunliche Routine darin,
daß selbst der Kenner sich über die Masse, die sie
bewältigen, wundert. Ich habe hierüber Beweise erbracht
und werde auch noch weitere bringen. Das oft erwähnte
Faktotum Walther saß bei Münchmeyers täglich von früh
bis abends, nur um solche Arbeiten zu machen und dann
die Korrektur zu lesen, die der Verfasser niemals zu sehen
bekam. Was erst Fischer, der Käufer des Münchmeyerschen
Geschäftes, und dann einige Jahre später seine Erben
mir über diese Umarbeitung meiner Romane materiell und
gerichtlich bezeugten, ist bekannt. Hierzu hat Münchmeyers
Neffe, der Obermaschinenmeister war, als Zeuge im Prozeß
bestätigt, daß Münchmeyer mit seiner eigenen Hand ganze
Kapitel verändert hat. Ein anderer Zeuge hat beschworen,
Münchmeyer habe ihm eingestanden, daß er an meinen
Romanen große, umfangreiche Aenderungen vornehme, ohne
es mir sagen zu dürfen. Ich brauche hier wohl nicht
noch weitere Beispiele, die mir zur Verfügung stehen,
anzuführen, um es begreiflich zu machen, daß ich absolut
die Vorlegung meiner Originalmanuskripte verlange, deren
Beweiseskraft doch jedenfalls eine ganz andere ist als etwa
die dunkle Erinnerung eines alten Schriftsetzers, der man
es zumutet, sich nach dreißig Jahren in dem Tohu wa bohu
der damaligen Münchmeyerschen Schriftkästen zurechtzufinden.
Uebrigens stechen diese Aenderungen oft so scharf
von meinem Urtexte ab, daß sehr zahlreiche Leser mir
versichern, ganz genau sagen zu können, wo die Fälschung
beginnt und wo sie endet.
Zuletzt kann ich es nicht unterlassen, auf einen Trick
meiner Gegner und besonders des Herrn Lebius aufmerksam
zu machen, den man anwendet, um meine den höhern
Kreisen angehörenden Leser gegen mich zu empören. Da
wird zum Beispiel an auffälliger Stelle gesagt, daß ich
in hervorragender Gesellschaft in Dresden verkehre und
daß ich mir überhaupt die größte Mühe gebe, mit
hochstehenden Leuten bekannt zu werden. Hiervon ist kein
Wort, kein Buchstabe wahr. Bin ich "Hans für mich",
so fühle ich mich am wohlsten, und ich wünsche in dieser
Beziehung weiter nichts, als "Hans für mich" zu bleiben.
Ich möchte den Menschen sehen, der mir den Nachweis
liefern wollte, ich hätte mich ihm gesellschaftlich
aufgedrängt! An andern Stellen wird emphatisch behauptet,
daß ich an "Höfen" verkehre. Das ist erst recht nicht
wahr. Wenn irgend eine aristokratische Persönlichkeit,
die zu irgend einem "Hofe" gehört, meine Bücher liest
und gelegentlich einige Worte mit mir spricht, so bin grad
ich der Allerletzte, der dies dahin auslegt, daß ich "bei
Hofe verkehre". Es kann diesen Behauptungen, die pure
Erfindungen sind, nur die Absicht zu Grunde liegen, mich
den betreffenden Kreisen als indiskret oder gar als Lügner
zu kennzeichnen und mich selbst da zu schädigen, wohin
ich absolut nicht gehöre. -- -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Am Schlusse dieses Bandes komme ich auf den Anfang
zurück, auf mein altes, liebes Märchen von "Sitara",
von dem ich ausgegangen bin. Nicht lange Zeit mehr,
so wird man dieses Märchen als Wahrheit kennen lernen,
und zwar als die greifbarste, die es gibt. Es ist die
Aufgabe des begonnenen, gegenwärtigen Jahrhunderts,
unsere ungeübten Augen für die große, erhabene Symbolik
des alltäglichen Lebens zu schärfen und uns zu der
beglückenden und erhebenden Erkenntnis zu bringen, daß
es höhere und unbestreitbarere Wirklichkeiten gibt als
diejenigen, mit denen der Werk- und Wochentag uns beschäftigt.
Die Skizzen, die ich zeichnete und veröffentlichte,
sollen der Vorbereitung zu dieser Erkenntnis dienen.
Darum sind sie symbolisch geschrieben und, um verstanden
zu werden, nur bildlich zu nehmen. Man möchte sich
eigentlich darüber wundern, daß dies dem gewöhnlichen
Leser so schwer zu fallen scheint. Es ist doch wohl keine
allzu harte Nuß, sich beim Lesen eines Gleichnisses irgend
etwas zu denken. Wenn ich unter Ardistan das Land
der ethisch niedrig stehenden und unter Dschinnistan das
Land der hochstehenden, edel denkenden Menschen meine,
so kann es doch keiner geradezu akademischen Bildung
bedürfen, einzusehen, was ich meine, wenn ich eine Reise
von Ardistan nach Dschinnistan beschreibe. Der Leser
hat sich einfach aus seiner Alltagswelt in meine
Sonntagswelt zu versetzen, und das ist doch wohl auch nicht
schwerer, als Sonntags seine Werkelstube zu verlassen,
um bei Glockenklang in die Kirche zu gehen.
Wie dieser Kirchgang vom irdischen Druck befreit,
so will ich durch meine Erzählungen das Innere meiner
Leser vom äußeren Druck befreien. Sie sollen Glocken
klingen hören. Sie sollen empfinden und erleben, wie es
einem Gefangenen zumute ist, vor dem die Schlösser
klirren, weil der Tag gekommen ist, an dem man ihn
entläßt. So leicht es ist, diese Gefangenschaft bildlich
zu nehmen, so leicht ist es auch, meine Bücher zu
verstehen und ihren Inhalt zu begreifen. Ich will, daß
meine Leser das Leben nicht länger als ein nur materielles
Dasein betrachten. Diese Anschauung ist für sie ein
Gefängnis, über dessen Mauern sie nicht hinaus in das von
der Sonne beschienene freie, weite Land zu schauen
vermögen. Sie sind Gefangene, ich aber will sie befreien.
Und indem ich sie zu befreien trachte, befreie ich mich
selbst, denn auch ich bin nicht frei, sondern gefangen,
seit langer, langer Zeit. Damals, als ich mich im
Gefängnisse befand, da war ich frei. Da lebte ich im Schutze
der Mauern. Da meinte es ein Jeder gut und ehrlich,
der zu mir in die Zelle trat. Da durfte mich niemand
berühren. Da war es keinem erlaubt, den Werdegang
meines inneren Menschen zu stören. Kein Schurke hatte
Macht über mich. Was ich besaß und was ich erwarb,
das war mein sicheres, unantastbares Eigentum, bis ich
-- -- entlassen wurde, länger nicht! Denn mit dieser
Entlassung verlor ich meine Freiheit und meine Menschenrechte.
Was andere, die nur materiell zu reden wissen,
als Freiheit bezeichnen, das ist für mich ein Gefängnis,
ein Arbeitshaus, ein Zuchthaus gewesen, in dem ich nun
schon sechsunddreißig Jahre lang geschmachtet habe, ohne,
außer meiner jetzigen Frau, einen einzigen Menschen zu
finden, mit dem ich hätte sprechen können wie damals
mit dem unvergeßlichen katholischen Katecheten. Ich
lebte und arbeitete nicht für mich, sondern nur für Andere.
Was ich erwarb, um das wurde ich betrogen. Was ich
mir sparte, das stahl man mir. Ein Jeder durfte mit
mir machen, was ihm beliebte, denn überall fand er einen
Anwalt, der seine Sache führte. Ein Jeder durfte mich
verdächtigen, mich beleidigen, auf mich einschlagen, denn
überall gab es einen Paragraphen, der ihn schützte. Ich
mußte um meines Eigentums willen sechs Jahre lang
prozessieren, und als ich den Prozeß gewonnen hatte,
bekam ich noch lange nichts und wurde wegen Meineides
zweiundzwanzig Monate lang in Voruntersuchung genommen.
Nun prozessiere ich schon fast zehn Jahre lang
und habe noch immer kein Resultat. Das Gesetz will
es nicht anders. Inzwischen aber bin ich wie ein
Züchtling gewesen, den Jeder stäupen, quälen und martern
darf, wie es ihm beliebt, wenn es ihm nur gelingt, sich
mit einem jener Paragraphen zu bewaffnen, welche die
Ideale aller "schneidigen" Anwälte sind. Jawohl, ich
bin Gefangener, Zuchthäusler, noch immer! Ein Dutzend
Prozesse haben mich festgehalten, damit ich ja nicht
entweichen könne, und Jeder, der Geld von mir wollte, aber
keines bekam, hat sich als Zuchtmeister gebärdet und auf
mich eingeschlagen. Ich habe das Beste aller derer, für
die ich schreibe, gewollt, ihr inneres und äußeres Heil,
ihr gegenwärtiges und ihr zukünftiges Glück. Was gab
man mir für diesen meinen guten Willen? Verachtung,
Spott und Hohn! Als ich Zuchthäusler war, da war
ich keiner. Und nun ich aber keiner bin, da bin ich einer.
Warum?
Und Ihr lacht darüber, daß ich bildlich schreibe? Ist
für uns, die wir die Allerärmsten sind, nicht selbst die
Hölle und das Fegefeuer bildlich? Wo gibt es die Hölle,
wenn nicht bei Euch? Und wo gibt es das Fegefeuer,
wenn nicht bei uns? Dieses Fegefeuer meine ich, wenn
ich symbolisch von meiner "Geisterschmiede" erzähle, deren
fürchterliche Zeit ich heut oder morgen überwunden haben
werde. Ich zürne Euch nicht, denn ich weiß, es mußte
so sein. Es war meine Aufgabe, alles Schwere zu tragen
und alles Bittere durchzukosten, was es hier zu tragen
und durchzukosten gibt; ich habe das nun in meiner Arbeit
zu verwenden. Ich bin nicht verbittert, denn ich kenne
meine Schuld. Und was andere gezwungen an mir taten,
das trage ich nicht nach. Ich bitte nur um das Eine:
Laßt mir endlich, endlich Zeit, mit dieser Arbeit
zu beginnen!
_________
Nach meines Lebens schwerem Arbeitstag
Soll Feierabend sein im heil'gen Alter.
Und was ich hier vielleicht noch schauen mag,
Das sing ich Euch zur Harfe und zum Psalter.
Ich habe nicht für mich bei Euch gelebt;
Ich gab Euch alles, was mir Gott beschieden,
Und wenn Ihr nun mir Haß für Liebe gebt,
So bin ich auch mit solchem Dank zufrieden.
Nach meines Lebens schwerem Leidenstag
Leg allen Gram ich nun in Gottes Hände.
Und was mich hier vielleicht noch treffen mag,
Das führe er in mir zum frohen Ende.
Ich hab' die Schuld, die Ihr auf mich gelegt,
Gewißlich nicht allein für mich getragen,
Doch was dafür sich irdisch in mir regt,
Das will ich gern nur noch dem Himmel sagen.
Nach meines Lebens schwerem Prüfungstag
Wird nun wohl bald des Meisters Spruch erklingen,
Doch, wie auch die Entscheidung fallen mag,
Sie kann mir nichts als nur Erlösung bringen.
Ich juble auf. Des Kerkers Schloß erklirrt;
Ich werde endlich, endlich nun entlassen.
Ade! Und wer sich weiter in mir irrt,
Der mag getrost mich auch noch weiter hassen!
E n d e.
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