Bestimmtes über die Zahl der Bevölkerung zu erfahren. Bei Minutoli werden
8000 Bewohner auf 6 Stämme vertheilt angegeben, Hamilton, mein Vorgänger,
rechnet nur die Hälfte, 4000 Einwohner. Dovretti hat für Siuah allein 2500
Seelen. Die Siuahner selbst gaben mir die Zahl der waffenfähigen Männer
auf 600 Mann und 800 männliche Sklaven für die ganze Bevölkerung an, was
eine Totalbevölkerung von 5600 Seelen ergeben würde. Von Haus aus
fanatisch und unwissend, scheint namentlich in den letzten 10 Jahren ein
merkwürdiger Umschwung mit ihnen vorgegangen zu sein, und hauptsächlich
ist dies wohl den innigeren Beziehungen mit Aegypten zuzuschreiben. Die
beiden Hauptstämme Lifaya und Rharbyin haben derzeit als Schichs: die
Lifaya einen gewissen Omar, die Rharbyin einen gewissen Hallok, in Agermi
ist zudem Mohammed Djari Haupt der Eingebornen. Die Lifaya zerfallen in
drei Unterstämme, ebenso die Rharbyin, von denen der eine in Agermi
ansässig ist. Natürlich ist, seit ein von Aegypten bestellter Mudir die
Regierung vertritt, die Macht der Schichs eine sehr beschränkte, und
berührt nur die intimsten Angelegenheiten der Familie. Die Bewohner der
Oase verschmähen ebenso wenig den Genuss des Lakbi und Araki, wie die
übrigen Inselbewohner der libyschen Wüste, nur verbergen sie den Fremden
ihre Trunksucht, und wenn man ihren Worten Glauben schenken wollte, so
hätte ein Siuahner nie Lakbi gesehen. Mit der Ehe steht es daher auch
nicht besser, und wenn Reisende behaupten, Wittwen und Unverheirathete
dürften nicht in Siuah selbst wohnen, so ist das offenbar ein
Missverständniss. Der eigentliche Ort Siuah ist so eng gebaut, und die
Häuser aus schlechtem Material so hoch, dass gar kein Platz zum Weiterbau
mehr vorhanden ist. Auf diese Art sind Sebucha, Menschia und der Ort im
S.-W. von der eigentlichen Burg Siuah entstanden, genau genommen sind dies
jedoch nur Quartiere eines Ganzen. Die reichen Bewohner kleiden sich sehr
elegant, nach Art der wohlhabenden Kahiriner Kaufleute; der gewöhnliche
Mann trägt sich wie in den andern Oasen. Bei den Frauen ist durchweg die
blaue Tracht der Fellah-Frauen in Aegypten hergebracht, als eigenthümlich
bemerkte ich, dass sie wie die Frauen in Centralafrika niederhocken und
ihr Gesicht abwenden, sobald sie einem Mann begegnen.
Als Mohammedaner huldigen sie dem malekitischen Ritus, und in der Sprache
haben sie, unter sich Berberisch sprechend, im Arabischen fast ganz den
ägyptischen Dialect, im Schreiben jedoch halten sie sich an der
maghrebinischen Schreibweise. Religiöse Innungen sind drei vertreten:
Snussi, Madani und Abd Salamin von Mesurata. Die Snussi, die
jüngstentstandenen, sind am zahlreichsten.
Ausser dem schon erwähnten Orte Chamisa hat die Oase als Hauptort Siuah,
welcher in den kasernenartig bebauten Berg und dem im S.-W. daran
liegenden Stadttheil der Rharbyin zerfällt, endlich im Nordost, dicht
dabei Sebucha, auch von Rharbyin bewohnt, und noch einen halben Kilometer
weiter nach N.-O. der von Lifaya bewohnte Ort Menschia. Der andere Ort im
N.-O., eine kleine Stunde von Siuah entfernt, ist Agermi, von Rharbyin
bewohnt. In früheren Zeiten herrschte in der Regel Krieg zwischen Agermi
und der Burg Siuah, seit die ägyptische Regierung festen Fuss hat, sind
die Fehden unblutiger Art.
Was den Handel Siuahs anbetrifft, so ist derselbe gering, der Siuahner hat
lange nicht den Unternehmungsgeist der Modjabra, seine weitesten Reisen
sind Alexandria und Kairo; nach Audjila oder Bengasi, nach Fesan oder
Sudan kommt er nie. Jedoch als Zwischenstation von jeher wichtig gewesen,
besitzt Siuah verhältnissmässig viel Geld. Von einigen Producten führen
sie nur Oel[44] und Datteln nach Aegypten aus, und tauschen meist ihre
eigenen Bedürfnisse dagegen ein. An dem Sklavenhandel betheiligen sie sich
nur indirect, indem die Modjabra hier gewöhnlich mit ihrem Trupp einen
langen Aufenthalt nehmen, um die Sklaven wohlgenährt und fett auf den
ägyptischen Markt zu bringen. Die Einwohner verstehen nichts zu
fabriciren, wenn man nicht Körbe, Teller und Matten aus Palmzweigen und
Bast dahin rechnen will, wie sie in jeder andern Oase auch und besser
gemacht werden. Jedoch giebt es die hauptsächlichen Handwerker: Schlosser,
Schmiede, Schuhmacher, Schneider, Schreiner sorgen für die
unentbehrlichsten Bedürfnisse der Bewohner.
Die Abgaben, welche das ägyptische Gouvernement bezieht, sind keineswegs
übermässig gross, denn 10,000 M.-Th.-Thaler jährlich ist gewiss nicht zu
viel für eine Bevölkerung von 5-6000 Seelen mit so reichen Palmwäldern und
Gärten wie diese Oase sie hat. Freilich werden dabei auch noch wohl manche
Nebenerpressungen dreingehen: der Mudir verlangt seine Bakschisch, der
Kadhi spricht nur Recht, wenn man ihm so und so viel unter seinen Teppich
legt, aber das ist Norm in allen mohammedanischen Staaten, und die
Siuahner haben keineswegs Grund mit der ägyptischen Regierung unzufrieden
zu sein.
Wie ich schon angeführt habe, hatte man mich ins Kasr einquartiert,
welches nach Norden gelegen, unterhalb der Burg von Siuah, eine der besten
Wohnungen war; vor dem Hause befindet sich ein grosser ummauerter Platz,
in dessen hinterem abermals ummauertem Theile die Dattelmagazine sich
befinden, während in dem andern vordern Theile das zum Ausdreschen
bestimmte Getreide aufgespeichert liegt. In der Mitte steht eine hohe
Kuppel Sidi Slimans, eines in Siuah in grosser Verehrung stehenden
Heiligen. Am ersten Tage verging natürlich fast die ganze Zeit mit
Besuchempfangen. Selbst der fanatische Kadhi hatte für gut befunden dem
Christen einen Besuch zu machen, aber mein Erstaunen wurde noch vermehrt,
als auch der Mkaddem der Snussi zu mir kam, und sein Bedauern ausdrückte,
dass ich nicht Sidi el Madhi in Sarabub (den Sohn und Nachfolger Sidi
Mohammed Snussi's) besucht habe. Als ich ihm erwiederte, mein Führer habe
mir gesagt, und auch früher habe ich dies überall in Barca gehört, dass
Sidi el Madhi keine Christen in Sarabub sehen wollte, und ich mein Leben,
falls ich hinginge, riskiren würde, schwur er, dies sei eine böswillige
Verleumdung, Sidi el Madhi würde im Gegentheil sich gefreut haben mir
Gastfreundschaft erweisen zu können. Bald darauf wurde dann das
Gastgeschenk hereingebracht, ein fetter Hammel, Datteln, Reis, Zwiebeln,
Knoblauch und Tomaten, auch einige Körbe mit Brod fehlten nicht. Die
Uebrigen erklärten, die Bewohner wünschten, ich möchte wenigstens 14 Tage
ihr Gast sein, während der Zeit solle es mir an nichts fehlen, und um vor
Zudringlichkeit geschützt zu sein, oder bei etwaigen Käufen nicht
übervortheilt zu werden, stellten sie mir zwei Kavassen zur Disposition;
namentlich, liessen sie mir sagen, sollte mir Alles gezeigt werden, was
ich zu sehen wünsche.
Mein erster Gang war natürlich nach Umma beida, theils weil die aus den
Palmen hervorragenden Ruinen von selbst schon einluden, theils weil gerade
Nachmittags noch Zeit genug zu dieser Promenade vorhanden war. Der Weg
dahin läuft immer zwischen den schönsten Gärten, und nach einer kleinen
Stunde ist man an Ort und Stelle. Nur von einem Diener begleitet und einem
Eingebornen, um den Weg zu zeigen, grüssten uns die uns Begegnenden
überall aufs freundlichste, viele schlossen sich auch wohl eine Strecke
Weges an, um etwas zu plaudern und Neuigkeiten zu erfahren. Umma beida
oder der kleine Jupiter Ammons-Tempel ist heute schon lange nicht mehr,
wie ihn Minutoli und später noch St. John gesehen haben. Der Thorweg, der
von beiden beschrieben und von Minutoli auch gezeichnet wurde, existirt
nicht mehr, nur vom hinteren Tempel stehen noch die Seitenwände etwa 25'
hoch und inwendig einen 16' breiten Raum lassend. Die Länge der noch
stehenden Mauern ist 14' resp. 10', und überdacht ist das Ganze von 3
colossalen Monolithen[45], die auf der unteren Deckseite gut erhaltene,
ausgebreitete Adler zeigen. St. John will noch 10 andere Decksteine in
Bruchstücken auf der Erde liegen gesehen haben; ich bemerkte nur zwei und
einige Bruchstücke, welche zu zwei anderen gehört haben mochten. Zu Browns
Zeiten lagen sogar noch 5 Decksteine oben, Minutoli fand aber nur noch
drei vor. Dieser Theil des Tempels, dessen hintere südliche Wand fehlt,
dessen Pronaos noch zur Zeit Minutolis vorhanden war, jetzt aber auch
verschwunden ist, hat an seinen inneren Wänden vollkommen gut erhaltene
Hieroglyphencolonnen: an der östlichen Wand sind noch 53, von denen die
mittleren 47 ganz erhalten sind, an der westlichen Wand 52, mit 49 ganz
erhaltenen Colonnen. Unten aus kleinen Quadern gebaut, sind dieselben nach
oben zu grösser, und derart inwendig verkittet, dass durch die Fugen der
Schrift kein Abbruch geschieht. An der Aussenseite scheinen nie
Hieroglyphen gewesen zu sein, und die Bilder sind gänzlich verwittert.
Zwischen den allegorischen Bildern oberhalb und unterhalb der
Schriftcolonnen bemerkt man noch an manchen Stellen die ursprüngliche
Farbe, besonders grün und blau, was sehr dazu beiträgt, Bilder und
Hieroglyphen hervortreten zu machen. Die am südlichen Ende des Tempels
sitzende Figur des behornten Ammon, Huldigungen entgegennehmend, von den
mit Schakal- und Sperber-Köpfen versehenen menschlichen Figuren, ist das
am besten Erhaltene. Tölken, der Minutolis Aufzeichnungen bearbeitete,
erkannte darin die Bezwingung feindlicher Gottheiten, denen Ammon sich
nach der Besiegung gnädig erzeigt, sowie einen ganzen Zug Priester und
heiliger Frauen, und in der untersten Reihe den Tod des Osiris und die
Trauer um ihn. Dieser vollständige Cyclus heiliger Lehre bildete so im
Gotteshause selbst ein Lehrbuch für den geistlichen Unterricht[46].
Von der äusseren Umfassungsmauer ist nur noch die südöstliche Ecke, welche
aus gewaltigen Quadern besteht, vorhanden, alles Uebrige ist verschleppt
oder in den sehr morastigen Boden versunken. Nach Minutoli betrug die
Umfangsmauer 77 Schritt in der Länge und 66 Schritt in der Breite, was mit
meinen Messungen genau stimmt.
Der Tempel selbst ruht auf einem beinahe viereckigen Kalkfelsen, dessen
obere Partie, ob Kunst oder Natur, grosse Alabasterquadern zeigt, in denen
sich eigenthümlich krystallisirte Rosetten befinden, welche oft einen Fuss
Durchmesser haben. Von unterirdischen Gängen ist jetzt nichts mehr zu
sehen, obschon die Leute von geheimen Gängen nach Agermi und Siuah fabeln.
Die Richtung des Tempels ist bei 15° Abw. genau 348°.
Der Sonnenquell liegt 1 Kilometer südlich von Umma beida inmitten von
Palmgärten; da ich ihn schon oben beschrieben, sowie das Resultat der
Messungen, die ich an jenem und den folgenden Tagen wiederholte, schon
mitgetheilt habe, so brauche ich mich hier darüber nicht weiter
einzulassen. Der Rückweg nach Siuah wurde über Agermi genommen, ohne
jedoch den Ort selbst zu betreten, da für diese interessante Burg eine
eigene Tagesfahrt bestimmt war. Früh am andern Morgen ging es dann bei der
Tammagrat-Quelle vorbei, nach dem südöstlich etwa 1 Stunde entfernten
fünfspitzigen Dj. Brick. Hier scheint man die Steine zu den Bauten des
Tempels gebrochen zu haben, auch befinden sich da mehrere regelmässig
bearbeitete Felsengräber, wie die in Cyrenaica, einige sogar mit Säulen im
Innern. Verschiedene Grabkammern lassen aus ihrer Grösse und den vielen
Nebengemächern schliessen, dass sie ganzen Familien als Begräbnissstätte
dienten. Sonst war jedoch von Bildwerken oder Inschriften nichts zu
entdecken. Gleich am Fusse des Berges nordwestlich, entspringt die bei den
Eingebornen im grossen Rufe stehende Quelle Hendeli, welche einst so stark
gewesen sein soll, dass sie einen Bach bildete, welcher die Gärten bis Bab
el medina und weiter bewässerte, auch sollen in der Tiefe grosse Schätze
verborgen sein; jetzt ist sie nur mittelmässig stark, hat dieselbe
Temperatur, und war von Geschmack ganz gleich dem Sonnenquell.
Während aller dieser Excursionen waren die Bewohner immer von der grössten
Bereitwilligkeit; wenn ich ermüdete, war rasch ein Esel zum Reiten zur
Hand, und namentlich liess Schich Hammed keinen Tag vorüber gehen, an
welchem er nicht irgend ein kleines Geschenk brachte. Entweder schickte er
Datteln oder Kuchen oder Eier, und schien absichtlich die Chikanen, welche
sein Stamm Hamilton zugefügt hatte, an mir wieder gut machen zu wollen.
Obschon er mich auf meinen Excursionen begleitete, musste er davon
abstehen, Agermi zu besuchen, weil als Lifaya er dort keinen Zugang hatte.
Vor circa 20 Jahren hatten nämlich die Lifaya sich Agermis durch
Ueberrumpelung bemächtigt, und nur mit Hülfe der anderen Rharbyin gelang
es den Bewohnern sich wieder in Besitz ihrer Burg zu setzen, seit der Zeit
aber ist es keinem der Lifaya gestattet, Agermi zu betreten, etwaige
Geschäfte werden vor dem Thore, in welchem immer eine Wache ist,
abgemacht. Für mich waren keine Schwierigkeiten den Ort zu besuchen, und
sobald ich am Thore war erkannt worden, bekam ich Einlass. Durch einen
gewundenen engen Gang, der an mehreren Stellen abgeschlossen werden
konnte, der manchmal überbaut war, und auf den auch die Djemma mündete,
ging es aufwärts zu einem freien Platze, der fast die Mitte des oben
glatten Felsens einnimmt, und um den herum die Häuser Agermis gebaut sind.
Zuerst musste ich den Schich Mohammed Djari besuchen, welcher der reichste
Mann der ganzen Oase sein soll; sein Haus war auch recht gut eingerichtet,
drei Stock hoch und da wo wir hingeführt wurden, bildete das Zimmer eine
Art Veranda. An beiden Seiten in demselben waren Divane von Thon mit
Matten belegt, über welche syrische Teppiche gebreitet lagen. Nach dem
Austausch der Höflichkeiten wurden Thee und Kaffee servirt und Neuigkeiten
aufgetischt, dann kam hauptsächlich die Schatzgräberei aufs Tapet, denn
die Eingebornen vermuthen, dass unter jedem alten Steine Gold und Silber
verzaubert liegen muss. Mohammed Djari wachte übrigens genau darüber, dass
seine Neger die Tassen vorschriftsmässig präsentirten und wieder in
Empfang nahmen, und sicher nahm er es als ein grosses Compliment entgegen,
als ich ihm sagte, bei ihm sei Alles "türkisch". Endlich konnte ich mich
losmachen, und er gab mir dann einen Kavas mit, der mir Alles zeigen
sollte. Einem anderen gewundenen und engen Gange folgend, bemerkte ich
gleich an einem Gebäude nördlich Grundmauern aus Quadern, oben darauf war
ein Stall, und nichts hinderte meinen Eintritt; aber so viel ich auch
suchte, es war eben weiter nichts als die Grundmauer zu entdecken, welche
2 Fuss hoch aus der Erde stand und von der nur die eine Wand übrig zu sein
schien. Nun nach Westen gehend, kamen wir bald an das grosse Gebäude,
dessen äussere Mauer man zum Theil von aussen des Ortes sieht, und dessen
innere Wand theilweise auf dem grossen Platz in Agermi zu sehen ist. Durch
die Wand führt ein gebrochener Weg gleich in einen Vorhof, dessen Dach
aber gänzlich verschwunden ist, und welcher 15 Fuss lang und 10 Fuss breit
ist. Nach Süden zu aber verbaut von einem Hause, kann man den südlichen
Eingang nicht sehen, der jedoch in Form einer einzigen grossen Thür
vorhanden ist. Hieroglyphen sind hier nirgends zu sehen. Durch zwei grosse
ägyptische Thore kommt man nach Norden in das Allerheiligste, welches aber
von Häusern ganz durchbaut ist. Die Thore, 18 Fuss hoch, kann man nur
mittelst der Häuser passiren. Voll Rauch, Staub und Russ, entdeckte ich
hier jene Hieroglyphen und Bilder, von denen einiges zu copiren nur mit
Hülfe mehrerer Kerzen gelang, und wovon ich oben das Resultat nach Brugsch
mitgetheilt habe. Die Leute zeigten auch hier den besten Willen mir Alles
sehen zu lassen, aber um vollständig befriedigt zu werden, hätte man ihre
Häuser, welche den grössten Theil der Wände bedeckten, wegbrechen müssen,
und dazu wollte sich natürlich Niemand verstehen. Jene Cella war in ihren
Dimensionen 24 Fuss lang auf 18 Fuss Höhe und 18 Fuss Breite. Interessant
war noch ein geheimer Gang in der Dicke der östlichen, inneren Längsmauer.
Wie ich später sah, steht derselbe jetzt noch in Verbindung mit dem
grossen Brunnen in Agermi. Derselbe ist 2 Fuss breit, so dass gerade ein
Mann darin gehen konnte, und war wahrscheinlich der Weg vom Tempel zum
Brunnen, den die Priester ungesehen hinabgingen, um am Wasser die zum
Opfer bestimmten Gegenstände zu reinigen. Der Brunnen selbst, auf der
Südseite des Platzes gelegen, ist durch den Fels gearbeitet, sehr geräumig
und tief, und von oben sieht man deutlich auf einer kleinen Plattform den
Tempelgang dicht oberhalb des Niveaus des Wassers ausmünden.
Geht man dann vom Vorhof aus durch das die südliche Wand schliessende
Haus, so kommt man auf eine Strasse und stösst alsbald auf eine grosse
Mauer aus colossalen Quadern, die eine Art von Brücke über die Strasse
bildet. Der Häuser wegen lassen sich auch hier keine weiteren
Nachforschungen anstellen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach dürften dies
Reste der alten Akropolis sein, während das vorhin beschriebene Gebäude
mit zwei Abtheilungen dem grossen Tempel des Jupiter Ammon entspricht.
Schon der Zusammenhang mit dem Brunnen mittelst des geheimen Ganges macht
dies wahrscheinlich. Auch mit der Beschreibung der Alten, z.B. Diodor, von
den Räumlichkeiten der Jupiter Ammons-Oase stimmt Alles. Nach ihnen war
die heilige Quelle, und das ist der Brunnen, dicht bei dem Tempel gelegen.
Anführen muss ich noch, dass von diesem Brunnen aus, der eine starke
Quelle enthält, sieben Bäche aus dem Berge heraus nach aussen sich
ergiessen. Die dritte äussere Umschliessungsmauer, von der bei den Alten
die Rede ist, müssen wir jedenfalls wohl ausserhalb Agermi suchen, da der
Raum nicht gross genug gewesen sein würde, um Platz für Soldaten und
Diener, wofür er bestimmt sein sollte, aufzunehmen. Spuren von Mauerwerk
fand ich später südwestlich von Agermi zwischen einigen Hütten,
Tschücktschuck genannt, und diese könnten möglicherweise Reste der dritten
Umfassung gewesen sein.
Es versteht sich wohl von selbst, dass ich meinen Besuch in Agermi
wiederholte, aber dennoch, so oft auch alle Häuser, welche zugänglich
waren, durchsucht wurden, war nichts zu entdecken. Gerade südlich von
Agermi, kaum einen Viertel Kilometer entfernt, finden sich die Reste eines
griechischen Tempels, seine Richtung ist von Westen nach Osten, die
Umrisse lassen sich nur aus den zum Theil aus dem Boden sehenden Quadern
erkennen, zu Tage liegt sonst nichts als die Schafte zweier cannellirter
Säulen. Die Schuttumrisse geben auf 18 Schritt Länge eine Breite von 14
Schritt; ursprünglich mögen aber die Verhältnisse andere gewesen sein, da
dieselben eben nur durch Schutt und Anhäufungen zu bemessen waren.
In jenen Tagen erstand ich auch durch Kauf den interessanten Marmorwidder,
sowie einige alte Münzen, welche in der Oase gefunden worden sind.
Zugleich machte ich mich auf nach dem Orte, wo der Widder war entdeckt
worden. Ungefähr 1½ Stunde S.-W. von Siuah gelegen, fand ich am Rande der
Oase und der Dünen nichts als einen 12' Quadrat grossen Schutthaufen, in
dem einzelne Kalkquadern lagen. Möglicherweise kann hier ein Triumphbogen
gestanden haben, worauf der Name bab el medina[47] wenigstens hindeutet.
Die übrige Zeit ging damit hin, die Oase nach allen Richtungen hin zu
durchstreifen, Agermi, Umma beida und der Sonnenquell erhielten täglich
einen Besuch, auch Ain Mussa, eine grosse schön ummauerte Quelle, auf
selbem Wege zwischen Siuah und Agermi gelegen. Besonders auch unterwarf
ich den Dj. Muta, Todtenberg, einer genauen Untersuchung, derselbe ist
etwas nördlich von Siuah gelegen. Ungefähr 150' hoch und an der Basis
einen Umfang von etwa 1500 Meter zeigend, ist dies gewiss die sonderbarste
Grabstätte, die man auf Gottes Erdboden antreffen kann. Seit Jahrtausenden
muss dies der gemeinsame Beerdigungsplatz der Bewohner der Oase gewesen
sein. Hunderte von Gewölben, Löchern, Katakomben und Gräbern machen aus
dem ganzen aus Kalkstein bestehenden Berg ein wahres Labyrinth, und es
giebt darin Gewölbe, welche zur Aufnahme von hundert und mehr Todten
hergerichtet waren. Spitz nach oben zulaufend, ist der Berg so
durchlöchert, dass er einem Zellenbau gleicht. Hunderte, Tausende von
zerrissenen Gerippen, ganze Haufen von Schädeln, oft noch gut
eingewickelte Mumienglieder liegen am Fusse des Berges umher. Da ist auch
kein Grab, welches nicht durchsucht, kein Gerippe, welches nicht
auseinander gerissen worden wäre, um möglicherweise Ringe oder
Schmucksachen an demselben zu entdecken. Ja, einige Gräber hatten offenbar
in späteren Zeiten schon zu Wohnungen dienen müssen, russige Wände,
Topfscherben und Feuerstellen zeigten es deutlich. An der südöstlichen
Bergkante wohnen noch jetzt einige arme Familien in den Todtengemächern,
meine Begleiter sagten mir, es seien vor einigen Jahren aus Djalo
eingewanderte Modjabra. Bemerkenswerth von all den vielen Gräbern war ein
in der Mitte des Berges auf der Ostseite gelegenes: der Eingang mit
Halbsäulen geschmückt, liess schon auf ein sorgfältig ausgehauenes Innere
schliessen, und in der That entsprach die innere Einrichtung ganz dem
eleganten Aeusseren. Durch einen Vorhof gelangte man in eine geräumige
Kammer mit zwei seitlichen Nebencabinetten, welche, wie die Hauptkammer
sorgfältig ausgehauene Aufnahmestellen für die Todten hatten. In
Manneshöhe zog sich auf blauem Grunde eine Epheu- oder Rebenblattguirlande
in lebhaft grüner Farbe herum, und so frisch waren die Töne, als ob sie
gestern wären gemalt worden. Im Hintergrunde der Kammer bemerkte man auch
erhabene gemeisselte Figuren an der Wand, doch waren sie absichtlich so
zerstört, dass sich nichts erkennen liess. Der unterirdische Gang, der von
hier nach Agermi führen sollte, erwies sich, nachdem Licht gebracht wurde,
als nichts anderes, denn unterirdische Grabhöhlen, welche sich von hier
noch weiter ins Innere des Berges fortsetzten, dann aber mit einer
Felswand ein Ende hatten.
Ich hatte während meiner Anwesenheit in Siuah nie davon gesprochen, den
Ort selbst besuchen zu wollen, ich wusste, wie empfindlich früheren
Reisenden gegenüber die Bewohner in diesem Punkte gewesen waren. Und wenn
man vom mohammedanischen Standpunkte aus das Haus als etwas Heiliges, für
Fremde Unzugängliches betrachtet, wird man das auch ganz natürlich finden.
Nun ist aber Siuah selbst so zu sagen ein einziges Haus. Der konische
Berg, aus dem es besteht, ist seit 1000 Jahren so eng überbaut worden,
dass die Häuser _ein_ Ganzes bilden und alle eine Höhe von drei
Stockwerken erreicht haben; wo nur noch Platz war, hat man gebaut, so dass
sogar die Strasse mit Ausnahme einiger nach oben gelassener Luftlöcher
ganz überbaut ist.
Als nun aber Hammed mich in den letzten Tagen fragte, ob ich noch etwas zu
sehen wünschte, und ich erwiederte, ich glaubte Alles gesehen zu haben,
während doch mein Blick, der auf Siuah ruhte, das Gegentheil verrieth,
sagte er von selbst: "Ja, mit Ausnahme des Ortes, wenn Du aber hinein
willst, will ich gleich ausrufen die Thüren zuzuhalten und die Weiber
einzusperren." Man kann sich denken, mit welcher Freude ich den Vorschlag
annahm, zumal nach den Erkundigungen St. Johns alte Baureste in Siuah sein
sollten. Man hatte schnell die Frauen unter Schloss gelegt, und durch eine
der vielen Thüren gelangten wir unter einem Hause durch bald in die
grosse, aber auch überdachte Strasse, welche sich schneckenhausartig um
den Berg bis fast nach oben hinaufzieht. Indess war es doch noch hell
genug, um ohne Licht oder Fackel gehen zu können, manchmal aber die
Strasse so niedrig, dass Achtung gerufen wurde, um nicht mit dem Kopf
anzustossen. Von dieser grossen Strasse liefen radienförmig Gänge aus,
nach aussen und innen. Mit Ausnahme der durch den Fels getriebenen
Brunnen, es giebt deren vier in Siuah, welche davon zeugen, dass auch im
hohen Alterthum dieser Punkt der Oase schon stark bewohnt war, ist indess
nichts von altem Mauerwerk vorhanden. Oben am Ende der Spirale, denn das
war die Strasse, angekommen, fand ich ein Haus; der Besitzer, ein alter
Mann, war aber auch freundlich genug mich einzuladen, und bald befand ich
mich auf dem Dache des höchsten Hauses von Siuah, hatte von hier aus den
Blick auf alle Dächer, welche, wie Stufen nach unten abfielen. Ein
herrlicher Rundblick eröffnete sich hier auf den Amelal-Felsen, auf das
steile nördliche Ufer, auf die Palmgärten, auf Dj. Muta, Agermi und Umma
beida, und nach Süden auf die endlose Fläche der Sahara. Dem alten Manne
gab ich denn ein mehr als reichliches Bakschisch, das wird aber künftigen
Reisenden auch wieder die Thür öffnen. Wenn ich somit in Siuah selbst auch
nur ein negatives Resultat erlangt hatte, nämlich constatiren zu können,
dass hier keine Ruinen irgendwelcher Art vorhanden sind, so bestätigt das
andererseits um so mehr, in den auf Agermi vorhandenen Ruinen den grossen
Tempel und die Akropolis mit vollem Rechte zu erkennen.
Während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes hatten sowohl die Schichs der
Lifaya, als auch die der Rharbyin gewetteifert mir ihre Dienste
anzubieten, und um sich selbst herauszustreichen, hielten sie es fürs
Beste sich gegenseitig zu verleumden. Ich hielt mich mit allen gut, Hammed
aber, der sich gegen mich am uneigennützigsten und aufrichtigsten gezeigt
hatte, beschenkte ich mit einem schönen weissseidenen Ueberwurf, einer
Djibba oder Djelaba, welche von einem Stück angefertigt worden war, das
von den in Tripolis verfertigten Burnussen für den Sultan von Bornu übrig
geblieben war; aber auch alle Uebrigen wurden reichlich bedacht, um sie in
ihren guten Gesinnungen gegen uns Europäer zu erhalten.
Und dann wurden am 11. Mai die Kameele vorgetrieben, beladen, und in
Begleitung sämmtlicher Schichs und vieler Bekannten, während alles Volk
auf der Strasse war, verliessen wir die Mestah oder den Dattelhof, und
riefen den Siuahnern ein Allah ihennikum zu.
* * * * *
Von der Ammons-Oase nach Egypten.