Was Merdj anbetrifft, in südwestlicher Richtung circa 6 Stun

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Von

TRIPOLIS nach ALEXANDRIEN.

BESCHREIBUNG

der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen

in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise

von

GERHARD ROHLFS.

Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithografien

und vier Tabellen.

ZWEITER BAND

1871

[Illustration: In der Jupiter-Ammons-Oase gefundene Münzen.]

Inhalts-Verzeichniss.

Barca

Von Cyrene über Bengasi nach Audjila

Audjila und Djalo

Die libysche Wüste zwischen Djalo und der Oase des Ammon

Die Jupiter Ammons-Oase

Von der Ammons-Oase nach Egypten

Barca.

Wie die Alten schon über die Grenzen der Cyrenaica uneins waren, da weder

im West noch Süden bestimmte Marken gezogen waren, im Ost aber bald nach

Ptolemaeus der Chers. mag., nach Plinius und Strabo der Catabathmos als

Grenze angenommen wurde; so auch noch heute. Die Araber, diese guten

Geographen, rechnen zu Barca, denn so nennen sie, was die Alten und wir

mit Cyrenaica bezeichnen, das Land, was von dem Meere im Norden und Westen

einerseits, im Süden vom Fareg und der Wüste, im Osten von Akabat el kebir

andererseits, umringt wird. Fast ähnliche Grenzen nehmen die Türken an,

nur dass sie die weit nach Süden zu gelegenen Oasen Audjila und Djalo

ebenfalls mit zu Barca zählen.

Wir beschäftigen uns hier nur mit dem eigentlichen Plateau von Barca,

welches eine längliche von Westen nach Osten gezogene Gestalt hat.

Ungefähr von gleicher Grösse wie die Insel Sardinien fällt dasselbe nach

Nordwest und Norden zu schroff ins Meer, ebenso der schmale Ostrand nach

dem Golfe von Bomba zu, im Süden und im Südwesten sind sanfte Uebergänge

zur See, und mittelst der Steppe zur Wüste. Das eigentliche Hochland

besteht durchaus aus Kalkstein, der dick mit röthlichem Humus belegt ist.

An den Schluchten, wo dieser Kalkstein aus feinen oft mikroscopischen

Muscheln gebildet zu Tage liegt, bemerkt man häufige natürliche Höhlen und

Stalactitengrotten, ebenso findet man auf dem Plateau selbst noch

Petrefacten, Cardien, Pectiniten und Ostreen. Der Boden selbst ist

äusserst fruchtbar, Theophrast lobt schon die leichte, durch trockne und

reine Luft, belebte Erde. Und in der Neuzeit sagt unser grösster deutscher

Geograph, Carl Ritter: "In der That ist es auffallend, dass dieses Land

von Europäern unbesetzt, unbesucht blieb, ja selbst erst von neuem

entdeckt werden musste, nachdem Phönizier, Carthager, Griechen, Aegypter,

Römer dort schon einheimisch gewesen waren.

"Eine europäische Colonie, die sich auf dieser Berginsel ansiedelte, würde

durch die gefährliche Syrte im Westen, durch die Steilküste im Norden und

die Wüste Sahara im Süden gegen jeden Feind gesichert sein etc. etc."

Ein anderer ausgezeichneter Geograph, Conrad Mannert, sagt von Cyrenaica:

"Warum hat sich die gesegnete Gegend so ganz aus dem Blicke des Europäers

verloren? Warum ist noch nie der Versuch zu einer neuen für eine Seemacht

nicht schweren Ansiedlung gemacht worden, welche zugleich den Weg nach den

inneren Gegenden von Afrika bahnen würde?"

Es ist allerdings bemerkenswerth, dass dies Kleinod des mittelländischen

Meeres sich der Aufmerksamkeit der Europäer so lange entzogen hat. Wären

wir nicht von vornherein gegen staatliche Colonisation, so würden wir

Oesterreich oder Italien zurufen, erwerbt dies Land und lenkt dort neue

Auswanderung hin. In der schmalen Ebene von Bengasi und Tokra bleibt die

Bodenbeschaffenheit die nämliche, im Süden aber geht allmälig der

röthliche Humus in weisslichen Sandboden über, daher auch die Eingebornen

nach dieser äusserlichen Farbe Barka el hamra von Barca el beida

unterscheiden. Es scheint nicht, dass Cyrenaica je Schätze des

Mineralreiches besessen hätte, denn wenn die Alten Gold, Silber und edle

Steine anführen, als Handelsgegenstände, so kamen die sicher aus dem

Süden. Ammonisches Salz wird auch oft als ein Product der Cyrenaica

angeführt; nicht dies ist es aber heute mehr, wohl aber Salz, welches das

Land selbst producirt[1], und das heute aus den Salzseen bei Bengasi

gewonnen wird. Im Alterthum hebt Sinesius noch eine weisse Kreide hervor,

die bei Paraetonium gewonnen zu Cement benutzt wurde.

Glücklich der Art gelegen, dass Cyrenaica zur grösseren Hälfte vom Meere

bespült wird, während der Uebergang zur Wüste nur allmälig mittelst Steppe

erfolgt, ist es reichlich mit Pflanzenwuchs gesegnet. Aber trotzdem hat es

nur geringe und periodische Wasserläufe, es ist dies eben dadurch bedingt,

dass die Hauptabdachungen nach Norden die kürzere, nach Süden die längere,

eben beide zu schmal sind, um die Bildung grosser Thäler und Flüsse zu

erlauben. Da der höchste Kamm nicht in der Mitte, sondern mehr nach Norden

zu, von Osten nach Westen das Land durchzieht, so sind die von ihm

entspringenden Thäler, Schluchten und Rinnsäle, kürzer, aber auch, weil

sie häufiger und grössere Quantitäten Wasser schwemmen, tiefer und

zerrissener. Es liegt dies in der Natur der Sache, da eben die Nordseite

des Plateaus bedeutend mehr Feuchtigkeit bekommt, als die längere

Südseite.

Buchten an der eigentlichen Insel Cyrenaica sind nur vorhanden nach dem

Osten zu. Die Busen von Bomba und Tokra sind aber auch ganz ausgezeichnet.

In Bomba konnte 1808 der französische Admiral Gantheames sich vor dem

verfolgenden britischen Admiral Lord Collingwood zurückziehen, und entging

hiedurch der Gefangennahme. Die übrigen Häfen, welche die Alten benutzten,

als Apollonia, Ptolemais, Dernis, Berenice, sind heutzutage ganz

unbrauchbar, doch liesse sich das alte Berenice mit leichter Mühe wieder

zu einem guten Hafen herrichten.

Was Bomba und Tokra anbetrifft, so unternahm Ali Riza Pascha von Tripolis

Anfang 1869 einen neuen Colonisationsversuch, es scheint aber, dass seine

Bemühungen gescheitert sind, obgleich die in türkischen Zeitungen

veröffentlichten Berichte Anfangs sehr günstig lauteten. Wassermangel und

ungenügende Sicherheit des Eigenthums werden wohl Hauptgrund beim

Scheitern dieser neuen Besiedlung gewesen sein.

Aeusserst üppig ist die Pflanzenwelt vertreten, von der wir hier nur einen

allgemeinen[2] Ueberblick geben. Wie die Alten schon verschiedene

Pflanzenregionen in Cyrenaica unterschieden, uns sogar erzählen, dass man

mehrere Ernten abhalten könne, zuerst in der Ebene, dann auf den Abhängen,

endlich auf der Hochebene selbst, so auch noch heute. Und wenn Homer die

lachende und reiche Fruchtbarkeit des Landes, wenn Pindar die Cyrenaica

die Fruchttragende, den Garten des Jupiter und der Venus nennt, wenn

Diodor die Cyrenaica den fruchtbarsten Boden schlechtweg heisst, wenn

Arrian das Land als krautreich und gut bewässert schildert, wenn Scylax

uns die verschiedenen Obstsorten aufführt, so ist eben nichts

Uebertriebenes darin, wie wir es bei den Alten erwähnt finden, eben so

reich, so üppig, so ergiebig ist heute noch die Pflanzenwelt.

In der That glaubt man, sobald man sich aus der Stadt Bengasi entfernt und

im Anfange der Küste folgend, ins Innere begiebt, fortwährend in einem

lachenden Garten zu sein. Die üppigsten Blumenwiesen werden durchschnitten

und der Fernblick ist überall gehemmt durch Lentisken und Myrtengebüsch.

Und steigt man die Berge hinauf, sind Rosmarin und Wachholder, grosse

Büsche der einfachen weissen Rose da, um heimathliche Erinnerungen wach zu

rufen, während an den feuchten Schluchten der rothblühende Oleander und

Lorbeerbüsche, die südeuropäischen Länder vertreten. Und diese ist denn

auch die eigentliche Vegetation: Dr. Ascherson fand aus den mitgebrachten

Pflanzen die grösste Uebereinstimmung mit denen, welche er durch eigne

Anschauung auf den Inseln des Mittelmeeres kennen gelernt hatte.

An grossen Bäumen, welche besonders auf dem Plateau und in den nach Norden

zu gehenden Thälern vorkommen, nennen wir die kleinblättrige immergrüne

Eiche, die oft 150' hohe Cypresse, die Thuya und den Wachholderbaum.

Verwildert kommt hier ebenfalls vor der Oelbaum, Feigenbaum,

Johannisbrodbaum, Birnbaum; Weinreben aber sind uns nirgends mehr

aufgestossen, obschon im Alterthume Wein nebst Oel Hauptausfuhr-Artikel

war nach Sicilien und Griechenland. Und wie im Alterthume Cyrce ihre

Grotte mit dem wohlriechenden Thyon räucherte, so ist auch heute noch ein

leiser Rauch eines Wachholderfeuers nicht unangenehm, im Gegentheil, oft

erschienen unsere Gräber, die wir mit trocknem Wachholderholz erleuchteten

und wärmten, wie parfümirt. Aus diesem Holze wurden wahrscheinlich auch

jene bei den Alten so berühmten wohlduftenden Möbeln verfertigt, von denen

die Thyaden oder Trinktische besonders beliebt waren. Auch die aus

Cyrenaica kommenden Rosenwasser und andere starkriechende Pflanzenproducte

waren zur Blüthezeit viel gesucht, und um Essenzen herzustellen, brauchte

man auch heute nur die Hand auszustrecken, wohlriechende, starkduftende

Blumen sind überall, Geranien, Violen, Artemisien etc. schwängern zur

Blüthezeit die Luft mit ihren Düften.

Wild findet man an geniessbaren Pflanzen überall und zwar in

ausgezeichneter Güte die Artischocke und Trüffel, letztere wird von

Plinius schon unter dem Namen Misy erwähnt. Das von den Alten als ein von

den Bäumen hängendes wohlriechendes Obst, spagnus, weiss ich nicht zu

erklären.

Was aber vor Allem den Reichthum der Colonie ausmachte, war das Sylphium,

eine Pflanze, von der wir auf den alten cyrenaïschen Münzen recht gute

Bilder haben. Auch finden wir derselben bei einer Menge der alten

Schriftsteller erwähnt, zum Theil beschrieben. Alle Reisenden nun von

della Cella[3] an, Beechey, Pacho, Barth etc. etc., haben diese Pflanze in

der heute von den Eingebornen genannten Drias (bot: thapsia garganica

genannt) wiedererkennen wollen. Zu della Cellas Zeit nannten ihm die

Landesbewohner, dieselbe Pflanze, Coinon. Und es lässt sich nicht leugnen,

dass die Pflanze mit den Abbildungen Aehnlichkeit zeigt, wenn es auch kein

Gleichniss ist; aber nicht nur Aehnlichkeit mit den Münzbildern zeigt

dieselbe, sondern, wie wir gleich sehen werden, mit vielen Eigenschaften,

welche wir von derselben bei den Alten erwähnt finden.

In neuerer Zeit nun ist Dr. Schroff in Wien[4] dagegen aufgetreten,

dieser, indem er die Eigenschaften der Thapsia garganica nicht mit den von

den Alten erwähnten, vereinbar hält; dann Ørsted[5], welcher hauptsächlich

Drias nicht für das alte Sylphium erkennen will, weil ihm die Münzbilder

nicht für diese Pflanze zutreffend sind. Professor Ørsted vindicirt

Narthex asa foetida, als das alte Silphium, glaubend, dass die

Eigenschaften dieser Ambilifore am meisten mit dem Silphium und den

Bildern der Münzen übereinstimmen.

Nach Theophrast entstand, natürlich konnte solche Wunderpflanze nur durch

ein Wunder entstehen, 430 v. R. das Silphium nach einem Pechregen,

derselbe beschreibt die Wurzel als dick, fleischig, den Stengel dem des

Fenchel ähnlich, die Samenkörner als breit und geflügelt, ähnlich, wie die

von Phyllis; dies alles fanden wir bei der heutigen Drias-Pflanze auch,

und auch der Standort, den er für die Pflanze angiebt, stimmt: "Die

Umgegend der Hesperiden-Gärten." Nach _Plinius_ war die Rinde der Wurzel

schwarz, länger als eine Elle; wo sie aus dem Boden kam, war eine

Tuberosität, welche eingeschnitten einen milchigen Saft gab, die

Samenkörner sind glatt, und fallen leicht mit den gelb vertrockneten

Blättern, sobald die erste Jahreszeit vorüber ist, ab; auf der Pflanze

selbst bemerkt man auch Tuberositäten. Plinius verlegt den Standort des

Silphium ebenfalls in die Umgegend der hesperidischen Gärten. Nach ihm

wurde der Stengel gegessen, nachdem man ihn gekocht hatte, er constatirt

ferner _die schädliche Wirkung aufs Vieh_, die Ziegen und Schafe waren

sehr begierig danach, die Ziegen fingen an zu niesen, die Schafe zu

schlafen. Zu seiner Zeit war die Pflanze schon fast ganz verschwunden, so

dass Nero eine einzige Pflanze als ein grosses Geschenk angeboten wurde.

Wir sehen, dass auch die Beschreibung von Plinius vollkommen passt.

Von anderen Autoren verlegen _Herodot_ und _Scylax_ den Standort der

Pflanze in die ganze Küstengegend von Pentapolitanien, von der Insel

Plataea bis zum Anfange der grossen Syrte, _Catull_ bei Cyrene, _Strabo_

und _Ptolemaeus_ mitten in die Wüste, südlich von Cyrene, Arrian endlich

sagt, sie sei über den ganzen fruchtbaren Boden Cyrenaicas bis zum Saume

der Wüste verbreitet. Nach diesem Schriftsteller wurden Ziegen und Schafe

eingepfercht, um sie vor dem Silphium zu bewahren.

Sobald die Provinz römisch wurde, fing die Pflanze an zu verschwinden,

jedoch 100 Jahre nach der Regierung Roms berichtet _Plautus_ noch von

reichlichen Ernten, _Strabo_ fand sie ebenfalls noch vor, _Plinius_ fand

das Silphium schon spärlich und _Synesius_ berichtet als etwas

Ausserordentliches von einer im Garten seines Bruders gezogenen Pflanze.

Die Ursache des Verschwindens der Pflanze wird von den Alten verschieden

angegeben, nach _Solin_ war es, um sich von den hohen Taxen zu befreien,

denen das Silphium unterworfen war, _Strabo_ führt die Ausrottung auf die

eindringenden Barbaren zurück. Höchst wahrscheinlich wirkten beide

Ursachen, um die Pflanze so schnell schwinden zu machen, denn die mit

Kameelen eindringenden Libyer hatten natürlich ein Interesse daran, diese

den Kameelen den Tod bringende Pflanze auszurotten.

Bei den Römern stand das Silphium oder Laserpitium im gleichen Werthe mit

Silber; hauptsächlich wurde der aus dem Stempel der Pflanze Thysias

gewonnene Saft, oder der aus der Wurzel mittelst Einschnitte

hervorquellende succus, Caulias genannt, als Arznei benutzt. Man

verarbeitete beide mit Kleie; und dies dann bis zu dicker Consistenz

eingekocht, wurde so über die ganze civilisirte Welt verschickt. Beide

Posten werden auch unter dem Namen "Thränen der Cyrenaica" ohne

Unterschied genannt. Die Römer verwahrten das Silphium in ihrem

öffentlichen Schatze. Julius Caesar fand 1500 römische Pfunde vor.

Die heutige Drias-Pflanze, Thap. garg., zeigt sowohl mit den

Münzabbildungen, als mit den eben erwähnten die grösste Aehnlichkeit, nur

möchte ich die Frage aufwerfen, warum gerade die Thapsia garganica von

_Cyrenaica_ sich von den anderen unterscheidet. Und doch _muss_ ein

Unterschied da sein. In Algerien, in Marokko fällt es keinem Eingebornen

ein, sein Kameel mit Maulkörben zu versehen, sobald er es in die mit

Thapsia garganica bestandenen Gegenden treibt, während in Cyrenaica die

Pflanze, sobald sie trocken ist, sehr gefürchtet wird. Auch schreibt man

dort der Pflanze keine besonderen medicinischen Eigenschaften zu, während

die Bewohner von Barca noch heute die Drias-Pflanze, wie die Alten das

Silphium als ein Universalmittel betrachten. Da muss denn doch wohl ein

Unterschied zwischen der Thapsia garganica von Cyrenaica und den übrigen

bestehen, der den Botanikern bis jetzt entgangen ist. Auch mir gelang es

nur, Stengel und Blätter der Drias-Pflanze mitzubringen, die Blüthezeit

war noch nicht angegangen, als ich in Cyrenaica war. _Heinzmann_, der die

Thapsia garganica medicinisch untersuchte, fand, dass die Wurzel ein

werthvolles Heilmittel sei, äusserlich bei unreinen Geschwüren sowohl der

Menschen als Thiere gebraucht. Die Tinctur der Rinde der Wurzel auf

gesunde Hauttheile gebracht, erregt meist anhaltendes Jucken, zuletzt

Pusteln ohne grosse Entzündung. Auf eine offene Wunde gebracht, wird kein

Brennen und Jucken gefühlt. Innerlich 6-8 Gran genommen, wird Schwindel,

Ohrensausen, Ideenconfusion, grosses Gefühl von Schwäche mit lange

andauernden schweren Schweissen beobachtet. Wiederholte, von ihm in Europa

angestellte Versuche, stellten die Thapsia garganica als ein drastisches

Reinigungsmittel hin. Theophrastus, Dioscoridas und Plinius sprechen von

ganz gleichen und ähnlichen Wirkungen. Was uns anbetrifft, so bleiben wir

also dabei und sagen, dass die in _Cyrenaica_ wachsende Thapsia garganica

oder Drias das alte Silphium ist.

Diese, wie wir so eben gesehen haben, so sehr pflanzenreiche Insel ist

äusserst thieram. Fast wäre man versucht anzunehmen, dass das

nekropolenartige des ganzen Landes, denn wie Cyrenaica sich heute dem

Besucher zeigt, kann man es als Eine grosse Todtenstadt bezeichnen, auch

Einfluss auf die Leben suchenden Thiere gehabt habe. In den Küstenstrichen

finden sich zwar ziemlich viel wilde Thiere, als Hasen, Kaninchen,

Gazellen und die Vierfüssler, welche im Allgemeinen am Nordrande von

Afrika gefunden werden, aber in geringerem Maasse als in Tunis, Algerien

und dem so wildreichen Marokko. Ausser der Hyäne und dem Schakal sind

reissende Thiere gar nicht vorhanden. Wildschweine finden sich in den

Schluchten der Hochebene, aber auch in geringer Zahl. Ueberall stösst man

aber auf den Maulwurf, dessen Spuren man sogar weit nach Süden in der

Ebene verfolgen kann. Die Vogelwelt ist ebenfalls sparsam und durch keine

besonderen Arten vertreten. Schlangen und Scorpionen, Eidechsen und

anderes Gewürm sind dieselben, wie die auf dem Nordabhange des Atlas, in

den südlichen Ebenen ist die Hornviper häufig. An den steilen Felsparthien

des Hochlandes haben zahlreiche Bienenschwärme in den Höhlungen ihre

Nester angelegt, und wie im Alterthum bildet denn auch noch heute der

Honig ein Hauptproduct des Landes. Ein von Süden kommendes Thier, die

Heuschrecke, bildet auch in der Jetztzeit noch oft die grosse Landplage

der Bewohner. Die meist so berühmten Pferde der Cyrenaica sind sehr

heruntergekommen, was Form und Schönheit anbetrifft, Dauerhaftigkeit,

Gelehrigkeit und Kraft ist ihnen aber auch jetzt noch eigen.

Hauptreichthum der Bewohner machen die Rinder, Schafe[6] und Ziegenheerden

aus, von denen nach Malta hin exportirt werden, Esel und Maulthiere hat

man nur zum eigenen Bedarf und sie sind nicht besser, als die in den

berberischen Staaten. Die südlichen Ebenen haben vorzügliche

Kameelzüchtereien, von denen auch nach Egypten hin exportirt werden.

Die Bewohner des Landes sind nomadisirende Araber. Jedenfalls sind Spuren

der griechischen, ptolemäischen und römischen Herrschaft nirgends zu

erkennen, wie denn auch nach Vernichtung dieser Herrschaften ihre

eigentlichen Unterthanen, Griechen und Römer mit vernichtet wurden oder

auswanderten. Die dann eindringenden libyschen Völker sind von den Arabern

absorbirt worden, wenigstens ist heute nichts mehr vom Libyerthum zu

bemerken, die alles nivellisirende mohammedanische Religion hat zwischen

Berbern und Arabern, die ohnedies äusserlich sich so nahe stehen, jeden

Unterschied aufgehoben. Der heutige Bewohner Cyrenaicas, der _nur_

arabisch spricht (Mischmasch von maghrebinisch und ägyptisch), ist

mittlerer Grösse, mager, hat ein längliches Gesicht, in der Jugend mit

vollen Backen, fallen sie im Alter sehr ein und die Backenknochen treten

stark hervor, stechende schwarze Augen von buschigen Brauen überwölbt,

eine starkgebogene, lange Nase, verhältnissmässig grosser Mund und spitzes

Kinn sind die allgemeinsten Gesichtszüge. Der Bart ist spärlich, Haupthaar

lang und schwarz. Die Frauen, welche wie überall da, wo sie eine

untergeordnete Stellung zum Manne einnehmen, auch körperlich

unverhältnissmässig klein sind, haben in der Jugend volle und hübsche

Formen, und eben das Volle rundet denn auch die scharfen Gesichtszüge ab,

die im Alter aber ebenso markirt wie beim Manne hervortreten, ohne dass

die tausend Falten der Haut im Stande sind, die scharf vorspringenden

Knochenparthien zu verdecken. Die Nase ist bei den Frauen mehr gerade als

gebogen.

Männer und Frauen lieben es, sich mit Antimon zu zeichnen; machen allerlei

bunte Figuren aufs Gesicht, Brust, Arme und Hände. Die Frauen färben auch

die Unterlippe schwarz, umrändern die Augen mit Kohöl und färben die Nägel

roth. Ihre Kleidung ist die der übrigen nomadisirenden Völker Nordafrikas

und keine Frau, mit Ausnahme der Städterinnen, geht verschleiert. In der

übrigen Lebensweise ist auch kein Unterschied, Basina, diese

Gerstenpolenta, mit stark gepfefferter Sauce bildet ebenfalls das

Nationalgericht. Auch hier haben die Nomaden gar keinen Fortschritt

gemacht, wie zur Zeit der Rebecca geht noch heute das Weib mit dem Kruge

zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen, wie zur Zeit Abrahams pflügt der Mann

noch mit demselben Pfluge, ohne dass er sich Mühe gegeben hätte, einen

besseren kennen zu lernen. Auf dem Boden hockend essen heute noch alle mit

den Fingern aus Einer Schüssel, wie Jesus Christus mit seinen Jüngern.

Etwas haben die Snussi indess für gute Sitte durch strengere Beobachtungen

der mohammedanischen Vorschriften gesorgt. Früher z.B. war es bei einigen

Stämmen Sitte, dass ein verheiratheter Mann einem Fremden seine Frau

anbot, heute würde man vergeblich in ganz Cyrenaica eine Tribus suchen, wo

eine solche Unsitte herrschte. Aber Lesen und Schreiben ist nirgends

bekannt, wie denn überhaupt auf dem Lande nirgends eine Medressa oder

Schule besteht, und auch die Sauya, welche die Snussi angelegt haben,

keine Schulen unterhalten.

Nach ziemlich sicheren Abschätzungen, vom französischen Consulate in

Bengasi mitgetheilt, stellen die Gesammtstämme von der grossen Syrte an

gerechnet (Mündung des Fareg) bis zur ägyptischen Grenze 72,000 bewaffnete

Fussgänger und 3500 Cavaliere, danach könnte man die Gesammtbevölkerung

von Cyrenaica auf circa 302,000 Einwohner anschlagen. Hiervon bilden die

Auergehr den bedeutendsten Stamm, ihre verschiedenen Sippen stellen mehr

als 10,000 Fussgänger und fast 1000 Reiter, die Brassa zählen mit 3500

Fussgänger und 500 Cavalieren, die Abidat mit 5890 Fussgänger und 350

Reiter, die ailet[7] Ali 4600 Fussgänger und 225 Reiter, die Sauya 2100

Fussgänger, 75 Reiter etc.

Nach den neuesten Nachrichten[8] ist von der türkischen Regierung die

Landschaft Barca als von Tripolis unabhängig in eine Mutasarefia von

Bengasi umgewandelt worden, und hat folgende Kaimmakamliks als

Unterprovinzen: 1) Djalo und Audjila, 2) Mytarba oder Adjedabia, 3)

Kaimmakamlik der Auergehr, 4) Merdj, 5) Gaigab, 6) Derna und 7) Bengasi

selbst. Höchst wahrscheinlich ist dies aber ein Irrthum, und sind die

aufgeführten Städte- und Ortsnamen nicht Kaimmakamliks, sondern Mudirats,

da diese sonst keineswegs, was Grösse und Bevölkerung anbetrifft, einem

anderen türkischen Kaimmakamlik entsprechen. Wenn deshalb Cyrenaica jetzt

direct von Constantinopel regiert wird, nicht wie bis Herbst 1869 von

Tripolis, so dürfte doch, wenn auch die Unterabtheilung die richtige ist,

die Bezeichnung als Kaimmakamlik für dieselbe zu bezweifeln sein.

Ueber Bengasi, welches wir beschrieben haben, über das Gebiet der

Auergehr, deren Schich keinen festen Sitz hat, sondern der häufig bei

Tokra, häufig auf den Hochebenen sein Zelt aufschlägt, über Audjila,

Gaigab und Adjedabia[9], welche ebenfalls beschrieben wurden, haben wir

hier weiter nichts hinzuzufügen.

Was Merdj anbetrifft, in südwestlicher Richtung circa 6 Stunden von

Tolmetta (Ptolemais) auf dem Hochplateau gelegen, so ist darüber gar kein

Zweifel heute, dass dieser Ort das alte Barca ist. Gegründet wurde diese

Stadt von den Libyern; als die Griechen nach Cyrene kamen, fanden sie

Barce schon fertig. Die Barcaei standen bei den Griechen besonders im Rufe

von ausgezeichneten Pferdebändigern und Wagenlenkern. Als in Cyrene selbst

Zwistigkeiten unter den Griechen ausbrachen, zog ein Theil nach Barce, und

von dieser Zeit an tritt diese Stadt als selbstständig und unabhängig in

die Reihe der Städte der Pentopolitania. Das alte Ptolemais selbst wird

ursprünglich nur als "Hafen" von Barce genannt, bis unter der Herrschaft

der Ptolemäer dieser Hafenort die eigentliche Bevölkerung von Barce

aufnimmt, und diese Stadt aus der Geschichte verschwindet. Der Name Barca,

den die Araber heute auf das ganze Land ausdehnen, kommt aber zweifelsohne

von Barce, dem heutigen Merdj her, obgleich die Eingeborenen behaupten,

diesen Ausdruck deshalb dem Lande zu geben, weil das ganze Gebiet ein

"Barca" d.h. "Segen" sei.

Derna endlich, am nordöstlichsten in Barca gelegen, ist das alte Darnis.

Ausser Bengasi ist dies die einzige Stadt. Ungefähr mit 1500 Einwohnern

wird von hier ein ziemlich lebhafter Handel mit Malta und Creta getrieben,

die Engländer unterhalten hier sogar ein Viceconsulat. Im französischen

Kriege gegen Aegypten versuchte General Gantheaume hier eine Landung,

jedoch ohne Erfolg. Auch Nordamerika war später eine Zeitlang in Besitz

von Derna, gab aber den Ort seines schlechten Hafens wegen, oder vielmehr

weil ein solcher gar nicht vorhanden ist, wieder auf. Derna ist von den

ausgezeichnetsten Gärten umgeben: alle Producte und Früchte, die am

Mittelmeere überhaupt vorkommen, liefert die Umgegend in Hülle und Fülle.

* * * * *

Von Cyrene über Bengasi nach Audjila.

Es war ein entsetzliches Wetter, als wir in der Todtenstadt unser Grab,

die Knissieh, verliessen und dann durch die Battus-Strasse die Stadt

hinaufzogen und dieser Lebewohl sagten. Wind und kalter Regen stritten

darum wer siegen sollte, da aber der Kampf aufs höchste erbittert, immer

unentschieden blieb, so hatten wir am meisten davon zu leiden. Sobald wir

aus der Umfassungsmauer heraus waren, verfolgten wir einen alten Weg, der

in südwestlicher Richtung lief, auch hie und da tief eingeschnittene

Spuren der alten Fahrzeuge zeigte, und wie alle auf die Hauptstadt

zugehenden Wege rechts und links mit Gräben eingefasst war. Die Gegend war

einförmig und einsam, obschon keineswegs der Vegetation entbehrend, und

überall zeigte sich fetter rother Thonboden. Ueber 2000' hoch war die

Kälte sehr empfindlich, und das monotone Plateau wurde nur ein Mal, eine

Stunde von Cyrene entfernt, von einem Uadi dem Isnait-Thale, welches von

S.-O. nach N.-W. streicht, unterbrochen. Nach drei Stunden erreichten wir

Safsaf, wo eine der grossartigsten Cysternen die Aufmerksamkeit des

Reisenden in Anspruch nimmt. Höchst wahrscheinlich sammelten diese

Cysternen, welche das Wasser einer ganzen Niederung aufnehmen, den Regen

für Cyrene selbst, da die um die Cysterne liegenden Ruinen nur unbedeutend

sind, also so grossartiger Reservoirs nicht bedurften. Wahrscheinlich

existirte in alten Zeiten eine Wasserleitung, um das Wasser nach der Stadt

zu führen.

Die überdeckten Bogen der Cysterne gewährten nur auf einige Augenblicke

Schutz gegen den Regen, zudem drohten die höchsten Punkte in dem

Wasserbehälter auch überschwemmt zu werden. Wir beschlossen daher so rasch

wie möglich nach dem circa eine Stunde südwestlich davon gelegenen Gasr

Gaigab zu gehen, wo wir auf Schutz gegen das immer mehr rasende Wetter

hoffen durften. Dem Aduli war dies doppelt lieb, da er dort ganz in der

Nähe seine Zelte hatte, er also auf diese Art nach Hause kam.

Ehe wir das Castell Gaigab, worin eine türkische Compagnie lag,

erreichten, schickte ich einen Diener voraus, um mich anzumelden und um

ein Zimmer bitten zu lassen. Und alsbald kam trotz des Regens der

Commandant des Forts uns entgegen, und zwar barfüssig, da er sagte, er

habe keine Schuhe oder Stiefeln und seine Pantoffeln seien dem Schmutze

nicht gewachsen. Wie sich später herausstellte, hatte er sein Schuhzeug

versetzt, um Schnaps kaufen zu können. Aber warum hatte der türkische

Kriegsminister ihn und die übrigen Truppen auch monatelang ohne Gage

gelassen. Unter vielen Complimenten führte der Hauptmann-Commandant, ein

kleiner dicker Mann, uns ins Fort, die Thorwache trat ins Gewehr und "Has

dur, ssalam dur"[10] rief der Wachcommandant, und freute sich wie ein

kleines Kind, mal Gelegenheit zu haben, seine Künste produciren zu können.

Von den Soldaten waren auch einige ohne Schuhe, einige sogar um ihre

Beine, sans culottes, nicht zu zeigen, hatten den langen Mantel an.

Alsbald wurden wir dann in ein grosses Zimmer gebracht und ein tüchtiges

Kohlenfeuer rief bald unsere halb erstarrten Glieder ins Leben, auch eine

Tasse guten Kaffees war schon bereit, kurz der Hauptmann war ausser sich

vor Freude, in seiner Einsamkeit so unerwartet Gäste bekommen zu haben.

Das Gasr Gaigab selbst, in gerader Linie nur drei Stunden S.-S.-O. von

Cyrene gelegen, ist ein regelmässiges Viereck mit vier Eckthürmen, welche

das Fort flankiren. Jede Seite der äusseren Mauer ist circa 1000' lang und

dieselben sind 25' hoch. Im Innern sind an den 3-4' dicken Mauern zugleich

die Baulichkeiten, Casernement, Officierzimmer, Küche, Arsenal und

Magazine; das Fort hat für eine Besatzung von 200 Mann immer Proviant auf

1 Jahr, auch ist hinlänglich Pulver und Kugeln vorhanden. Gegen die bloss

mit schlechten Steinschloss bewaffneten Beduinen bietet es also

hinlänglich Schutz. Auf den vier Eckthürmen stehen zudem je eine mächtige

Kanone, wahrscheinlich von einem an der Küste früher ein Mal gestrandeten

Schiffe genommen, denn das englische Wappen ist darauf, die Jahreszahl ist

aber schon abgerostet und ob dieselben überhaupt noch sehr tüchtig sind,

möchte ich sehr bezweifeln.

Wir waren bald heimisch eingerichtet und Abends hatte ich die Ehre mit dem

Hauptmann zu speisen, gegen die Sitte der vornehmen Türken waren keine

Messer und Gabel vorhanden, jedoch Teller; um nicht unangenehm zu

berühren, legte auch ich mein Besteck, das mein Diener mir hingelegt

hatte, wieder weg, um nach Adams Manier zu essen. Als er mir aber, um den

Mund abzuwischen, sein eigenes schmutziges Taschentuch reichen wollte,

dankte ich höflichst und liess mir rasch meine Serviette reichen. Die

übrigen Officiere thaten Leporello-Dienste, durften aber nicht mit uns bei

Tische essen. Auch erlaubte nie der Capitän, dass einer der Officiere die

Gläser füllte (selbverständlich schlechter Araki) und als ich ihm im

Scherze mal zurief, den Officieren doch auch ein Glas zu geben, machte er

ein Gesicht, als ob er eine Ohrfeige bekommen hätte, und ängstlich die

Flasche, als um sie zu schützen, in die Hand nehmend, erwiederte er, sie

tränken nie. Die armen Effendi, wie gern hätten sie auch wohl ein Glas

genommen, aber wenn es dem Commandant möglich war, trotz der

Soldlosigkeit, sich Geld oder Credit für Araki zu erschwingen, so

vermochten das die übrigen Officiere doch nicht, indess rächten sie sich

nachher, denn der Hauptmann zechte so lange, bis er aus meinem Zimmer

herausgetragen werden musste, und nun liessen die beiden anderen Effendi

schnell den Rest der Flasche in ihre durstigen Kehlen verschwinden und

stellten dann die leere Flasche an die Lagerseite des sorglos, aber laut

schlafenden Commandanten.

Wie gross war aber der Schrecken des Hauptmanns, als er am andern Morgen

erfuhr, ich besitze gar keinen Schnaps, er hatte nämlich bloss so stark

seinem Araki zugesprochen, dann auch mir einige Gläschen grossmüthigst

abgegeben, weil er hoffte, dass ich am andern Tage alles doppelt und

dreifach ersetzen würde, und nun hatte er es mit einem Frangi zu thun, der

nicht mal Araki mit sich führte. Doch ich tröstete ihn, indem ich

versprach ihm von Bengasi aus Alcohol schicken zu wollen, den ich dort als

zum Photographiren nöthig gekauft, später aber übrig behalten und dann

zurückgelassen hatte. Und sein guter Humor wurde bald ganz wieder

hergestellt, als ich ihm sagte, den Tag noch bleiben zu wollen, weil

Königs Geburtstag sei, und dass ich bei dieser Gelegenheit den Soldaten

eine kleine Festlichkeit bereiten wolle. Zugleich bat ich, unsre

norddeutsche Flagge aufs Castell hissen zu dürfen und der Hauptmann

stimmte mit Freuden ein, ja, er beorderte sogleich für Mittag Parade über

die ganze Truppe und Inspection der Baulichkeiten, und die Soldaten hatten

wohl ihr Lebtag nie so geputzt, um die Waffen glänzend zu machen und um

die neuen Uniformen, welche aus dem Magazine (wahrscheinlich hatten sie

dieselben noch nie angehabt) ausgegeben wurden, in den Stand zu setzen.

Zudem waren Abtheilungen beschäftigt, die Zimmer, Küche und alle

Räumlichkeiten zu reinigen, kurz bald nahm alles einen festlichen Anstrich

an.

Mittags wurde denn auch die Truppe, welche im Hofe des Castells

aufgestellt worden war, feierlich inspicirt, der Hauptmann diesmal in

Pantoffeln, aber mit Säbel und Dienstzeichen versehen. Die Soldaten sahen

besser aus wie ich geglaubt hatte, alle ihre Uniformen waren neu und die

Gewehre französische Minié-Büchsen. Nachdem sodann noch die Schlafzimmer

waren besehen worden, die auch recht reinlich ausgefegt waren, aber weiter

nichts enthielten als was jedes türkische Soldatenzimmer bietet: für jeden

Mann eine Matte und einen kleinen Teppich statt eines Bettes; als endlich

Küche, Vorrathskammern u.s.w. waren besichtigt worden, hatte die

Mannschaft ihr Mittagsmahl einzunehmen.

Ich hatte am Morgen mehrere Ziegen kaufen und durch die Soldaten

schlachten lassen, mit Reis hatten sie sich daraus ungeheure

Pillau-Schüsseln gemacht, und nachdem sie mit grosser Hast, wie lange

hatten sie wohl kein Fleisch gehabt, die Schüsseln geleert hatten, wurde

ihnen noch ein Kaffee en gros gegeben.

Aber die Hauptfestlichkeit ging jetzt erst an: ich hatte ein Paar Dutzend

rother Fes, Taschentücher, dann kleine Geldsummen in Papier als Preise

ausgestellt, und hienach mussten die Soldaten Wettrennen, Sacklaufen und

Blindekuh spielen. Der Hauptmann-Commandant theilte die Preise aus,

nachdem er jedoch für seine Mühe, und weil er selbst als

Höchstcommandirender nicht mitlaufen konnte, von jedem Preise vorweg einen

für sich genommen hatte. Im Anfange wollte es nicht recht, wo hatte je ein

türkischer Soldat Sacklaufen gelernt, oder sonstige dergleichen Spiele

mitgemacht, als aber nur mal erst einer sich einen neuen rothen Fes

erobert hatte, wurden alle so eifrig und anstellig, dass bald jeder sein

Theil weg hatte. Aber gewiss war es spasshaft anzusehen, wie die oft

fünfzig Jahre alten Soldaten (in der Türkei dient in der Regel, wer ein

Mal Militair ist, so lange wie er die Flinte tragen kann) sich kindlich

freuten, und ebenso so grosse Freude hatten, wenn sie einen Preis bekamen,

wie bei uns die muntere Schuljugend. Gewiss werden sie nie den Tag, den

Milud des Sultans von Prussia vergessen, ihr eigener Sultan Abdul Asis

kümmert sich nicht an seinem Geburtstage um seine Truppen. Bis spät in die

Nacht hinein tanzten und sangen die Soldaten, und der Hauptmann war so

gerührt worden, dass er seine beiden Officiere, welche auch jeder einen

Baschlik (circa 8 Groschen) gewonnen hatten, gegen Baarbezahlung auf ein

Glas Araki einlud, kurz Alle waren befriedigt, und froh und müde legten

Türken und Deutsche, welche am Tage Königs Geburtstag zusammen gefeiert

hatten, da wo vielleicht einst die Siegeswagen der Battiden getummelt

waren, sich sorglos zum Schlaf nieder.

Nachdem ich dann noch am andern Morgen die verschiedenen Quellen von

Gaigab, von denen eine unmittelbar unter der Mauer des Forts selbst

entspringt, besichtigt und gefunden hatte, dass alle Spuren antiker

Bearbeitung zeigen, sagten wir unseren türkischen Freunden Lebewohl. Der

Aduli blieb zurück, statt seiner kam jedoch sein ältester Sohn, um als

Führer zu dienen.

Um 7½ Uhr aufbrechend, hatten wir im Allgemeinen S.-W.-R., erreichten

um 8 Uhr 20 Minuten die Quelle Lali und gleich darauf den Marabut Sidi

Sbah, wo ebenfalls eine Quelle ist. Um 9½ Uhr waren wir bei der Quelle

Djebarah, und liessen um 10 Uhr die Sauya-Faidia etwas nördlich von uns

liegen. Wir befanden uns immer auf einem grossgewellten, jedoch niedrigen

Hügellande, und gerade auf der Wasserscheide des Mittelmeeres und der

Sahara. So passirten wir um 12 Uhr 20 Minuten das uadi Feria, das ins

Mittelmeer und gleich darauf das uadi Tebiabo, das in die Sahara

abfliesst. Zwischen beiden erreichten wir die grösste Höhe 909 M., obschon

andere Berge und Hügel seitwärts vom Wege noch 100-150 M. höher sind[11].

Die Gegend ist nicht bewaldet, aber trotzdem nicht ganz von Bäumen

entblösst, und der fette rothe Boden Veranlassung zur üppigsten Vegetation

der Blumen, namentlich gedeiht hier die Drias-Pflanze häufig und kräftig.

Aber Bewohner sieht man nirgends, nur da, wo Fels zu Tage liegt, wie

überall weicher Kalkstein, mahnen die tiefeingeschnittenen Räderspuren der

Wagen der Alten, wie stark auch dieser höchste Kamm von Cyrenaica einst

frequentirt war. Die Gegend selbst wird als Weidegrund der Brassa, eines

der bedeutendsten Nomadenvölker vom heutigen Barca, genannt. Um 4 Uhr 15

Minuten schlugen wir Lager bei einer Oertlichkeit, Namens Slantia, wo

zahlreiche Höhlen, theils natürliche, theils künstliche, einen Sitz der

alten libyschen Ureinwohner zeigen.

Am folgenden Tag hielten wir zuerst südlich, dann südwestlich und zuletzt

ganz westlich[12]. Die Gegend ist sehr waldig, namentlich stark mit

Wachholder bestanden, die Abdachung geht nur der Wüste zu, und überall

sieht man die Ruinen alter römischer Burgen. Dies Land ist gleichfalls den

Brassa eigen, obschon es ganz wie ausgestorben ist. Bei dem Castell Sira

el gedim stiessen wir wieder auf zahlreiche Höhlen libyscher Troglodyten,

und Nachmittags um 2 Uhr erreichten wir den scharf prononcirten Abfall des

Hochplateaus, und gelangten mittelst des uadi Farat in die grosse Ebene el

Chi[=e]. Die Drias hört nun auf, wie überhaupt hier eine ganz andere

Vegetation auftritt, namentlich ist es die Schih (artemisia), die uns hier

zum ersten Male entgegentritt, und an die nahe Wüste erinnert. Wir

campirten Nachmittags in einem Kessel, Namens Maraua, wo auch Felshöhlen

der alten Libyer zahlreich vorhanden sind. Sehr eigenthümlich sind

manchmal Reste von Mauern, welche ein Thal quer durchschneiden, dann

wieder grosse viereckige Mauerreste, welche aber keine Wohnungen gewesen

zu sein scheinen, vielmehr wohl dazu dienten, um Nachts das Vieh

aufzunehmen als Schutz gegen die wilden Thiere. Wasser findet sich auf der

ganzen Strecke von Sirah nach Maraua nicht.

Bei Maraua hat die el Chi[=e]-Ebene eine Tiefe von 508 M., sie ist

einförmig, aber äusserst fruchtbar und die zahlreichen Ruinen der alten

Castells deuten auf ehemalige starke Bevölkerung. In der Mitte, wo die

Chi[=e]-Ebene von einem nach Süden strömenden uadi Gedede unterbrochen

wird, hat sie 450 Meter, nach Westen kommt man dann auf den Höhenzug, der

Schad ben Medja genannt wird und gut mit Wachholder bestanden ist. Von

hier an gehört das Land den uled Abid, und das nun vor einem aufsteigende

Gebirge führt auch den Namen djebel Abid. Es ist mit Wachholder und Thuya

so reichlich bewachsen, wie die schönsten Districte der Cyrenaica und

wetteifert an Fruchtbarkeit mit der duftenden el Chi[=e]-Ebene. Aber auch

hier sieht man keine Einwohner, nur selten mal eine Heerde, und selbst

Wild scheint zu fehlen. Erst bei den Brunnenlöchern von Djerdes, die

wieder 640 Meter hoch liegen, stösst man auf Abid-Triben und gut angebaute

Felder. Auch finden sich hier Höhlen alter libyscher Stämme.

Obschon die Abid zu den berüchtigsten Räubern der Cyrenaica gehören, so

kamen wir doch gut mit ihnen aus, zudem waren wir sehr auf unserer Hut.

Als wir bei Djerdes lagerten, sank morgens das Thermometer vor

Sonnenaufgang auf -2°.

Die Gegend blieb am folgenden Tage[13] im Anfange im Gebirge gleich gut

bewaldet und später in der Ebelerhar-Ebene, fanden wir diese bedeutend

krautreicher als die Chi[=e]-Ebene. Abends lagerten wir bei den

Wasserlöchern von Biar (Pl. von Bir-Brunnen) und fanden dort herum

zahlreiche Freg der Auergehr, überhaupt war den ganzen Tag hindurch die

Gegend nicht nur reicher an Vegetation, sondern auch besser bevölkert. Die

Auergehr bekümmerten sich so wenig um uns, wie wir um sie, in der Nähe

eines kleinen Marabuts schlugen wir Zelte. Die Brunnenlöcher von Biar

liegen 320 Meter hoch.

Nachts wurde einem meiner Neger sein Geld, welches derselbe in sein

Schnupftuch gebunden hatte, gestohlen. Da es nur einer der anderen Diener

genommen haben konnte, so liess ich alle auskleiden, ohne dass wir etwas

entdecken konnten, auch schwuren alle die grässlichsten Eide, in Gegenwart

des Grabes des Marabut und beim Haupte Mohammeds und Sidi Snussi's. Und

vor allen Dingen zeichnete sich ein ehemaliger österreichischer Kavass von

Tripolis, Herr Hammed Bimbaschi, aus, laut rufend, sein Vater und er solle

ewig brennen, wenn er das Geld habe. Aber schon zwei Tage später fand sich

das Geld bei ihm vor, er hatte sich in Bengasi durch Einkäufe verrathen,

und musste dann in Folge davon Bekanntschaft mit dem türkischen Gefängniss

machen. Als ich später Bengasi verliess, bekam er seine Freiheit wieder,

Meineid und Diebstahl, namentlich gegen einen eben erst freigewordenen

Sklaven begangen, werden in diesen Ländern nicht sonderlich beachtet.

Den letzten Tag blieben wir von Biar noch 3 Stunden in S.-W.-R. in dieser

krautreichen Ebene, und kamen dann an das eine Stunde breite Gebirge,

welches nur 100 Meter hoch den Rand der Ebene, der ersten Terrasse bildet.

Mittelst des Fuhm el Fedj, eines Engpasses, stiegen wir dann in die

Meeresebene hinab, vorbei bei dem vulcanartig aussehenden Berg Basina

(Name einer Mehlspeise, die puddingförmig aufgetischt wird) und erreichten

von hier an nach 4 Stunden in reiner westlicher Richtung Bengasi. Die

Ebene hier ist nicht sehr fruchtbar, der Fels liegt fast überall zu Tage.

Dass aber die röthliche Erde einst dicker gelegen hat, beweisen die

überaus zahlreichen Ruinen von Dörfern, Häusern und Gehöften, und trotz

der heutigen Unfruchtbarkeit dieser Ebene ist es höchst wahrscheinlich,

dass diese Fläche einst die berühmten Gärten der Hesperiden bildete.

Wir hatten in Bengasi einen fünftägigen Aufenthalt, welcher indess auch

sehr nöthig war, um uns neu zu organisiren und auszurüsten. Bis auf meinen

deutschen Diener Wetzel aus Bamberg und dem freigelassenen Neger Bu-Bekr

trat eine vollkommene Veränderung im Personal ein. Den Photograph aus

Berlin sah ich mich genöthigt nun wirklich fortzuschicken, ich hatte ihn

in Tripolis schon einmal entlassen, mich aber dennoch bewegen lassen ihn

wieder zu nehmen, aber in den letzten Tagen in Cyrene benahm er sich so

unumgänglich, dass ich diese Gelegenheit seiner los zu werden, nicht

versäumte. Der österreichische Cavas Hammed wurde eingesperrt, noch andere

verliessen den Dienst. Dafür machte ich dann aber die werthvolle

Acquisition des alten ehemaligen Dieners Mohammed Staui, der sich dicht

bei Bengasi als Landmiether niedergelassen hatte. Den alten geizigen Staui

hätte ich nur in Cyrenaica selbst haben sollen, sein Geiz wäre mir dort

gut zu Statten gekommen gegen die unverschämten Prellereien des Aduli,

gegen die Diebereien des Cavassen und der anderen Diener, welche es so

weit trieben, dass sie unter der Hand eines Tages einen ganzen Schlauch

Butter verkauft hatten. Dann bekam ich noch einen anderen weggelaufenen

Neger, ich glaube Ali rief man ihn, einen wahren Goldjungen. Aus Sella her

seinem Herrn entsprungen, hatte er mit diesem Räuberhandwerk getrieben,

und die weitesten Streifzüge, südlich bis Tragen und Wau, östlich bis zum

Ammonium nach dem Norden zu bis zur Küste an der Syrte gemacht. In dieser

ganzen weiten Strecke kannte er Schritt und Tritt. Bei einer

Beutevertheilung hatte er sich mit seinem alten Herrn entzweit, war nach

Bengasi aufs englische Consulat geflüchtet, wo ich ihn vorfand und in

meine Dienste nahm. Er war jetzt von glühender Begier für Freiheit

erfasst, wollte Skendria und Masser[14] kennen lernen, und wie konnte er

es besser durchführen, als wenn er mich begleitete. Wir wurden denn auch

bald handelseinig, und er war jedenfalls der nützlichste aller Diener, in

Packen und Behandlung der Kameele war er unübertrefflich, sogar besser als

der Gatroner, da er ein junger Bursche von 25 Jahren war. Dabei hatte er

das heiterste Gemüth von der Welt, fortwährend singend, unterliess er

diese Beschäftigung nur um zu plaudern und zu necken, oder allenfalls um

mit dem in Amerika zum halben Zweifler gewordenen Staui einen religiösen

Discurs anzufangen, der gemeiniglich mit Staui's Niederlage endete, worauf

dieser sich dann verächtlich zu uns wandte: "nigger great donkey." Ali

hatte aber eine verhältnissmässig gute religiöse Erziehung gehabt, er war

sogar eine Zeitlang in der berühmten Sauya Sarabub, dem Hauptorte der

Snussi, gewesen.

Wir waren natürlich wieder in Bengasi auf dem englischen Consulate, und

mit den Einkäufen verging rasch die Zeit. Namentlich musste eine grosse

Zahl von Schläuchen gekauft werden, wir brauchten derer nicht weniger als

12, endlich andere Provision, Mehl, Zwieback, Oel, Butter, Datteln,

Zucker, Kaffee und Thee, auch in Fett eingekochtes Fleisch, Stockfische

u. dgl. wurde eingekauft.

Am 3. April Morgens 10 Uhr verliessen wir dann die Stadt in Begleitung des

englischen und französischen Consuls. Das Wetter war trübe, so dass wir

die Berge nicht sehen konnten, unsere Richtung war 160°. Bald stiess dann

noch ein Reiter zu Kameel zu uns, ein Diener des Mudirs von Audjila, der

die Gelegenheit benutzen wollte, in Karawane zurückzukehren. Er erwies

sich später äusserst nützlich, da er des Weges sehr kundig war, was ich

von dem eigens gemietheten halbblinden Führer Hammed Uadjili nicht sagen

konnte.

Schon nach 2½ Stunden durch fruchtbares Land dahin reitend, machten wir

beim Brunnen Choëbea Halt, verzehrten gemeinschaftlich ein Frühstück,

tranken eine letzte Flasche Wein, eine letzte Flasche Ale, und unsere

freundlichen Begleiter kehrten nach Bengasi zurück, während wir südwärts

den Weg weiter zogen. Derselbe bleibt einförmig, obschon der Boden

fruchtbar ist, zum Theil cultivirt wird, zum Theil krautreiche, zu dieser

Jahreszeit von Blumen bunte Wiesengründe hat, Freg sind nur spärlich

vorhanden. Wir setzten nur noch 2 Stunden den Weg so fort und lagerten

inmitten eines weiten Ruinenfeldes unter dem Schutze eines kleinen

Castells. Es scheinen hier mehr ländliche, weit zerstreut liegende

Wohnungen gewesen zu sein, als bestimmte Orte, wenigstens finden wir in so

unmittelbarer Nähe von Berenice keinen erwähnt. Das Castell, recht gut

erhalten, aber klein, diente zum Schutze der Landbewohner und speciell

hier noch wohl zum Schutze der Küste.

Von Tripolis nach Alexandrien - 2. Band · 第 1 / 10 段