Sehr bemerkenswert in psychiatrischer und anthropologischer
Beziehung ist der Versuch des Marquis +de Sade+, die einzelnen
Neigungen der Personen in seinen Romanen aus ihrer +körperlichen
Beschaffenheit+ abzuleiten. Als Beispiel geben wir die Schilderung des
Geschwisterpaares Rodin und Coelestine.
„Rodin war ein Mann von 36 Jahren, brünett, mit dichten Augenbrauen,
lebhaftem Auge, heroischer Miene, hohem Wuchs. Sein ganzes Wesen atmete
Gesundheit, aber gleichzeitig Wollust. Membrum erectum valde durum
erat.“ (Justine I, 252.)
Noch interessanter ist die Beschreibung des Mannweibes Coelestine.
„Coelestine, die 30jährige Schwester Rodin’s, war gross, mager, wohl
gewachsen, hatte die ausdrucksvollsten Augen und die allersinnlichste
Physiognomie. Sie war brünett, sehr behaart, hatte clitoridem
perlongam, anum virilem, wenig Busen, ein leidenschaftliches
Temperament, viel Boshaftigkeit und Wollust. Sie besass „tous les
goûts‘, besonders die Vorliebe für Frauen und gab sich den Männer nur
als Pathica hin“. (Justine I, 253.)
Wie man sieht, schildert der Marquis +de Sade+ die Coelestine als
+sehr behaart+. Genau dieselbe Eigenschaft legt +Tardieu+ den erotisch
besonders stark veranlagten Frauen bei. Auch er spricht von einer
„abondance du système pileux“, ferner von dem besonderen Glanze der
Augen, dem wollüstigen Blicke (flamme brûlante du regard), den dicken
roten Lippen und einer auffälligen starken Entwickelung der Brüste
und Geschlechtsteile. Der von Satyriasis ergriffene Mann zeichnet
sich nach +Tardieu+ durch einen starren, gierigen Blick aus, hat
blutunterlaufene Augen, einen wollüstigen Mund, blasse Gesichtsfarbe,
indecente Manieren und nimmt eine herausfordernde Haltung an.[620]