Schon vor +R. v. Krafft-Ebing+ gebührt ohne Zweifel dem Marquis +de
Sade+ das Verdienst, fast alle +sexualpathologischen Typen+, die es
giebt, in seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein
Zweifel, dass diese grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten
sexuellen Perversionen, die genaue Individualisierung der einzelnen
Typen auf der +aus dem Leben schöpfenden Beobachtung+ beruht.
Sämtliche +Sinne+ dienen bei +Sade+ der Erregung sexueller Gefühle.
Beginnen wir mit dem +Gehör+. Es giebt auch einen +Wort-Sadismus+!
Es ist nach Dolmancé angenehm und aufregend, +stark tönende Worte
von unflätiger Bedeutung+ im Rausche der Wollust auszusprechen,
weil sie die Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht;
sondern variire sie ins Unendliche, damit sie um so mehr Skandal
erregen. Es verursacht eine ganz eigene Wonne, wenn man in Gegenwart
tugendhafter Leute sich durch Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu
demoralisieren vermag, zu ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie
nicht gutwillig hören wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil.
dans le Boud. I, 146-147.) So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie
erfreut aus: Comme tu blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben
Gelegenheit der stummen Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure
donc! (Phil. dans le Boud. I, 125 und 129.)
Das +Gesicht+ nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti
liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast
ihn besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die
zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu
beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind
ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer
„die Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz
aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu.
(Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem
blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)
Der +Geruchssinn+ wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms,
deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der
Freunde des Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen
Mädchen und Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618].
Das Beriechen der weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette
III, 54), ebenso der Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die
Nase urinieren (Juliette III, 51).[619]
Der +Geschmack+ findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind
deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172).
Die „Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie
(z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen
Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr
thätig.
Der +Tastsinn+ wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu
einer Orgie benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der
verschiedenen Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung
verschafft.
Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die
ja zum grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die
bemerkenswertesten heraus. -- Den +Exhibitionismus+ predigt Dolmancé,
indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu
enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I,
147.) Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche
die Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die
Befriedigung +grausamer+ Gelüste findet auf die verschiedenste Weise
statt: durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen
zwei Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt
eine Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225-230). Ein Anderer
wieder empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche
Schein-Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem
Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III,
65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285).
Die aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar
in einem eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen
grausamen Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der
Incisionen (Justine III, 223).
Die +Zoophilie+ wird von +Sade+ als sexuelles Raffinement
hochgepriesen. „Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals
im Augenblick der Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous
comble alors la volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich
im vierten Bande der Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer
Dogge, um die sexuellen Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)
Ferdinand von Neapel ist +Nekrophile+, er befriedigt sich an der Leiche
eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die +Statuenschändung+ wird
erwähnt. Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge.
(Juliette I, 333.)
Endlich erhöht die Verwirklichung +bizarrer Einfälle+ den sexuellen
Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König
von Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an
einer anderen Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54),
Vespoli liebt besonders Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer
Prokurator Menstruierende (ib. VI, 147), ein Dritter die Depilation
der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter steckt brennende Lichter in
die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt sich auf den Särgen
früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.
+Seltsame Naturerzeugnisse+ und +Naturerscheinungen+ dienen der
Wollust. Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene
Genüsse (Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die
Sinne. (ib. IV, 258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des
Vesuvs (Jul. VI, 35), der Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269)
verschaffen sexuelle Genüsse.
Auch +geschichtliche Erinnerungen+ werden im selben Sinne verwertet.
Man ahmt die Thaten des +Tiberius+, des +Nero+ und der +Theodora+
nach (Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den
historisch denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V,
340-341), im Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.