3. Weitere sexualpathologische Typen bei Sade.

Schon vor +R. v. Krafft-Ebing+ gebührt ohne Zweifel dem Marquis +de

Sade+ das Verdienst, fast alle +sexualpathologischen Typen+, die es

giebt, in seinen Romanen zusammengestellt zu haben. Es ist kein

Zweifel, dass diese grosse Mannigfaltigkeit der von ihm geschilderten

sexuellen Perversionen, die genaue Individualisierung der einzelnen

Typen auf der +aus dem Leben schöpfenden Beobachtung+ beruht.

Sämtliche +Sinne+ dienen bei +Sade+ der Erregung sexueller Gefühle.

Beginnen wir mit dem +Gehör+. Es giebt auch einen +Wort-Sadismus+!

Es ist nach Dolmancé angenehm und aufregend, +stark tönende Worte

von unflätiger Bedeutung+ im Rausche der Wollust auszusprechen,

weil sie die Einbildungskraft steigern. Man spare sie also nicht;

sondern variire sie ins Unendliche, damit sie um so mehr Skandal

erregen. Es verursacht eine ganz eigene Wonne, wenn man in Gegenwart

tugendhafter Leute sich durch Fluchen Luft machen kann, wenn man sie zu

demoralisieren vermag, zu ähnlichen Aeusserungen verführt und, wenn sie

nicht gutwillig hören wollen, sie fasst und zwingt, es zu thun. (Phil.

dans le Boud. I, 146-147.) So ruft Madame St.-Ange inmitten einer Orgie

erfreut aus: Comme tu blasphêmes, mon ami, und schreit bei derselben

Gelegenheit der stummen Eugenie zu: Jure donc, petite putain, jure

donc! (Phil. dans le Boud. I, 125 und 129.)

Das +Gesicht+ nimmt ebenfalls Teil an dem sexuellen Genusse. Alberti

liebt es, schwarze Frauen neben weissen zu sehen, weil dieser Contrast

ihn besonders ergötzt. (Juliette VI, 238.) Grosser Wert wird auf die

zweckentsprechende Drapierung der Zimmer gelegt, damit alles dazu

beitrage, den Genuss zu erhöhen (Juliette II, 231). Die „Voyeurs“ sind

ebenfalls zahlreich vertreten. Saint-Fond besitzt wie kein anderer

„die Kunst, seine Leidenschaften durch eine industriöse Abstinenz

aufzustacheln“ und sieht daher eine Zeit lang dem Coitus anderer zu.

(Juliette II, 185.) Auch Raimondi ist ein solcher Voyeur, der mit dem

blossen Zusehen sich begnügt. (Juliette VI, 150.)

Der +Geruchssinn+ wird zunächst durch die mannigfaltigsten Parfüms,

deren sich die Weiber bedienen, erregt. In der „Gesellschaft der

Freunde des Verbrechens“ werden alle Teilnehmer der Orgien von jungen

Mädchen und Knaben gereinigt und parfümiert (Juliette III, 30)[618].

Das Beriechen der weiblichen Achseln kommt öfter vor (z. B. Juliette

III, 54), ebenso der Faeces (ibidem). Ein Bischof lässt sich auf die

Nase urinieren (Juliette III, 51).[619]

Der +Geschmack+ findet auch sein Recht. Nicht nur die Faeces sind

deliciös, auch Sperma und Urin werden verschlungen (Juliette I, 172).

Die „Lécheurs“ und „Gamahucheurs“ gehören ebenfalls zu dieser Kategorie

(z. B. Juliette III, 55; VI, 152), sowie die zahlreichen tribadischen

Cunnilinguae. Insbesondere ist Dolmancé nach dieser Richtung hin sehr

thätig.

Der +Tastsinn+ wird fast stets zuerst als Vorbereitungsmittel zu

einer Orgie benutzt, indem man ihm durch „tâter“ und „claquer“ der

verschiedenen Körperteile, insbesondere der Nates, eine Befriedigung

verschafft.

Aus der bunten Fülle der übrigen sexuellen Perversitäten, die

ja zum grössten Teile bereits erwähnt wurden, heben wir nur die

bemerkenswertesten heraus. -- Den +Exhibitionismus+ predigt Dolmancé,

indem er Eugenie dazu anhält, schamlos ihre Reize vor aller Welt zu

enthüllen, die Kleider aufzuheben u. s. w. (Phil. dans le Boud. I,

147.) Saint-Fond empfiehlt sogar Männern und Frauen Kleider, welche

die Geschlechtsteile und das Gesäss freilassen (Juliette II, 197). Die

Befriedigung +grausamer+ Gelüste findet auf die verschiedenste Weise

statt: durch Köpfen, Vierteilen, Rädern, Feuer, Zerschmettern zwischen

zwei Platten, wilde Tiere, Erhängen, Kreuzigung u. s. w. Dorval lässt

eine Schein-Hinrichtung vollziehen (Juliette I, 225-230). Ein Anderer

wieder empfindet es als besonderen Genuss, an sich selbst eine solche

Schein-Hinrichtung vornehmen zu lassen, eine Art von symbolischem

Masochismus. Auch die Folter wird in Anwendung gezogen (Juliette III,

65), und Juliette zersticht ihre Opfer mit Nadeln (Juliette II, 285).

Die aktive und passive Flagellation kommt ungemein häufig vor, sogar

in einem eignen „Saal der Geisselung“ (Juliette III, 65). Zu diesen

grausamen Gelüsten gehört auch die Monomanie des Venaesecierens und der

Incisionen (Justine III, 223).

Die +Zoophilie+ wird von +Sade+ als sexuelles Raffinement

hochgepriesen. „Der Truthahn ist deliciös, aber man muss ihm den Hals

im Augenblick der Krisis abschneiden. Le resserrement de son boyau vous

comble alors la volupté“ (Juliette I, 333). Der Truthahn vereinigt sich

im vierten Bande der Juliette mit einem Affen, einer Ziege und einer

Dogge, um die sexuellen Feinschmecker zu ergötzen. (Juliette IV, 262.)

Ferdinand von Neapel ist +Nekrophile+, er befriedigt sich an der Leiche

eines Pagen. (Juliette V, 263.) Sogar die +Statuenschändung+ wird

erwähnt. Ein Page befriedigt sich im Louvre an der Venus Kallipyge.

(Juliette I, 333.)

Endlich erhöht die Verwirklichung +bizarrer Einfälle+ den sexuellen

Genuss. Belmor bindet seine Opfer fest (Juliette III, 163), der König

von Sardinien liebt das Klystieren (ib. III, 294), das auch noch an

einer anderen Stelle als besonderes Reizmittel vorkommt (III, 54),

Vespoli liebt besonders Irrsinnige (Jul. V, 345), ein venezianischer

Prokurator Menstruierende (ib. VI, 147), ein Dritter die Depilation

der Genitalien (Jul. II, 59), ein Vierter steckt brennende Lichter in

die Körperöffnungen (Jul. II, 22), Delbène giebt sich auf den Särgen

früherer Opfer hin (Jul. I, 172) u. s. w. u. s. w.

+Seltsame Naturerzeugnisse+ und +Naturerscheinungen+ dienen der

Wollust. Ein Eunuch, ein Zwerg und ein Hermaphrodit liefern auserlesene

Genüsse (Juliette IV, 262). Der Anblick grosser Brände erregt die

Sinne. (ib. IV, 258.) Der Ausbruch des Aetna (Justine III, 67), des

Vesuvs (Jul. VI, 35), der Sturm auf offenem Meere (Juliette VI, 269)

verschaffen sexuelle Genüsse.

Auch +geschichtliche Erinnerungen+ werden im selben Sinne verwertet.

Man ahmt die Thaten des +Tiberius+, des +Nero+ und der +Theodora+

nach (Juliette V, 362; VI, 319 und 341); man feiert Orgien auf den

historisch denkwürdigen Stätten von Pompeji und Herculanum (Jul. V,

340-341), im Venustempel zu Bajae (ib. V, 294) u. s. w.

Der Marquis de Sade und seine Zeit. · 第 83 / 180 题