Wir besitzen über diese Affäre verschiedene Nachrichten. Die wichtigste
ist die der Madame +du Deffand+ in einem nur +10 Tage+ nach dem
Ereignis geschriebenen Briefe an +Horace Walpole+, den englischen
Dichter und Staatsmann.[504] Sie schreibt in demselben: „Hier haben
Sie eine tragische und sehr sonderbare Geschichte! -- Ein gewisser
Comte de Sade, Neffe des Abbé und Petrarcaforschers, begegnete am
Osterdienstag einer grossen, wohlgewachsenen Frau von 30 Jahren, die
ihn um ein Almosen bat. Er fragte sie lange aus, bezeigte ihr viel
Interesse, schlug ihr vor, sie aus ihrem Elend zu befreien und zur
Aufseherin seiner ‚petite maison‘ in der Nähe von Paris zu machen. Die
Frau nahm dies an, wurde auf den folgenden Tag hinbestellt. Als sie
erschien, zeigte ihr der Marquis alle Zimmer und Winkel des Hauses und
führte sie zuletzt in eine Dachkammer, wo er sich mit ihr einschloss
und ihr befahl, sich vollständig zu entkleiden. Sie warf sich ihm zu
Füssen und bat ihn, sie zu schonen, da sie eine anständige Frau sei.
Er bedrohte sie mit einer Pistole, die er aus der Tasche zog, und
befahl ihr zu gehorchen, was sie sofort that. Dann band er ihr die
Hände zusammen und peitschte sie grausam. Als sie über und über mit
Blut bedeckt war, zog er einen Topf mit Salbe aus seinem Rocke hervor,
bestrich die Wunden damit und liess sie liegen. Ich weiss nicht, ob
er ihr zu trinken und zu essen gab. Jedenfalls sah er sie erst am
folgenden Morgen wieder, untersuchte ihre Wunden und sah, dass die
Salbe die erwartete Wirkung gehabt hatte. Dann nahm er ein Messer
und machte ihr am ganzen Körper Einschnitte damit, bestrich wiederum
mit der Salbe die blutenden Stellen und ging fort. Es gelang der
Unglücklichen, ihre Bande zu zerreissen und sich durchs Fenster auf die
Strasse zu retten. Man weiss nicht, ob sie sich beim Hinunterspringen
verletzt hat. Es entstand ein grosser Auflauf. Der Polizeileutnant
wurde von dem Falle benachrichtigt. Man verhaftete Herrn +de Sade+.
Er ist, wie man sagt, im Schlosse von Saumur untergebracht. Man weiss
nicht, was aus der Sache werden wird, und ob man sich mit dieser
Strafe begnügen wird, was wohl der Fall sein könnte, da er zu den
Leuten von Stand und Ansehen gehört. Man sagt, dass das Motiv dieser
abscheulichen Handlung der Wunsch gewesen sei, die Brauchbarkeit
der Salbe festzustellen. -- Das ist die Tragödie, die Sie etwas
unterhalten mag.“ Am folgenden Tage (13. April) schreibt Madame +Du
Deffand+: „Seit gestern kenne ich die weiteren Folgen der Affäre des
Herrn +de Sade+. Das Dorf, in dem sein ‚kleines Haus‘ sich befindet,
ist Arcueil. Er peitschte und zerschnitt die Unglückliche am +selben+
Tage und goss ihr „Balsam“ auf die Wunden und Striemen. Dann band er
ihr die Hände los, hüllte sie ein und legte sie in ein gutes Bett. Kaum
war sie allein, so bediente sie sich ihrer Arme und ihrer Decken, um
sich durchs Fenster zu retten. Der Richter von Arcueil riet ihr, ihre
Klagen beim Generalprokurator und dem Polizeilieutenant vorzubringen.
Letzterer liess +Sade+ verhaften, der sich mit grosser Frechheit seines
Verbrechens als einer sehr edlen Handlung rühmte, da er dem Publikum
die wunderbare Wirkung einer Salbe offenbart habe, die auf der Stelle
alle Wunden heile. Sie hat von der weiteren Verfolgung des Attentäters
Abstand genommen, wahrscheinlich nach Zahlung einer Geldsumme an sie.
So wird er wohl nicht ins Gefängnis kommen.“ Diesen Bericht müssen wir,
weil er unmittelbar nach dem Ereignis niedergeschrieben wurde und die
Marquise +Du Deffand+, wie der zweite Brief beweist, genau informiert
war, als den +glaubwürdigsten+ bezeichnen. Die anderen Erzählungen
dieses merkwürdigen Vorfalles weichen so sehr von einander ab, dass
+Marciat+ mit Recht daraus schliesst, dass das eigentliche Attentat
auf die Keller eher dadurch verdunkelt als aufgeklärt wird. -- +Jules
Janin+[505] erzählt, dass der Marquis +de Sade+ in Arcueil eine in
einem grossen Garten, zwischen Bäumen sehr versteckt gelegene petite
maison besessen habe, wo er oft seine Orgien feierte. Das Haus war mit
doppelten Fensterläden versehen und innen ausgepolstert (matellassée),
so dass man von draussen nichts hören konnte. An einem Osterabend,
den 3. April 1768, hatte ihm sein Kammerdiener und Vertrauter zwei
gemeine Freudenmädchen zugeführt, und der Marquis selbst, als er sich
zu dem nächtlichen Feste nach Arcueil begab, war einer armen Frau,
+Rosa Keller+, Witwe eines gewissen +Valentin+ begegnet, die wohl als
Prostituierte ihr Brot suchte. +Sade+ redete sie an, versprach ihr ein
Souper und ein Nachtlager, that sehr sanft und zärtlich, so dass sie
mit ihm in einen Fiaker stieg und nach Arcueil fuhr. Der Marquis führte
sie in den zweiten Stock seines abgelegenen, spärlich erleuchteten
Hauses, wo die beiden mit Blumen bekränzten Dirnen halbtrunken an
reichbesetzter Tafel sassen. Hier wurde sie geknebelt, vollständig
entkleidet, von den beiden Männern bis aufs Blut gepeitscht, bis die
Unglückliche „nur noch eine einzige Wunde war“, worauf die Orgie mit
den beiden Freudenmädchen begann. -- Dann folgt die Schilderung der
Flucht der +Keller+, des Auflaufs, der Verhaftung der Uebelthäter,
welche man sinnlos betrunken inmitten von „Wein und Blut“ auffand.
Diese Darstellung giebt auch +Eulenburg+[506] und findet darin jene
„eigentümliche Form der Kombination von Wollust und Grausamkeit, die
freilich nicht völlig demjenigen entspricht, wofür man den Ausdruck
‚Sadismus‘ im engeren Sinne geprägt hat, insofern die Vornahme
grausamer Handlungen dabei nicht als Selbstzweck, sondern wesentlich
als präparatorischer Akt, als Stimulans der Wollustbefriedigung zu
dienen bestimmt ist: denn die Peitschung der Rosa Keller hatte allem
Anschein nach den Zweck, de Sade zum Verkehr mit den beiden Mädchen in
„Stimmung“ zu bringen“.
+Lacroix+ berichtet in seiner Abhandlung vom Jahre 1837 nur[507], dass
die Keller gepeitscht wurde unter obscönen Umständen, welche Madame
Du Deffand in ihren Briefen an Horace Walpole nickt zu schildern
wagte, welche aber die „prüdesten Frauen sich erzählen liessen, ohne
zu erröten, zu der Zeit als diese Affäre so viel Staub aufwirbelte“.
Später, im Jahre 1845, fügte er hinzu, dass man der Keller mit einem
Messer Einschnitte in die Haut machte und die Hautlappen mit spanischem
Wachs wieder zusammenklebte.[508]
+Rétif de la Bretonne+, der den Marquis +de Sade+ seit 1768 kannte,
giebt in den „Nuits de Paris“ (194ste Nacht S. 2569) wiederum eine
ganz andere Darstellung der Geschichte der „femme vivante disséquée.“
Nachdem der Marquis +de Sade+ die +Keller+ auf der Place des Victoires
getroffen hatte, führte er sie mit sich in sein Haus, liess sie dort in
einen „Anatomiesaal“ eintreten, in dem eine grosse Zahl von Menschen
versammelt war, um der Vivisection der Keller zuzuschauen. „Was will
diese Unglückliche auf der Erde?“, sagte der Marquis mit ernstem
Tone. „Sie taugt zu nichts, und soll uns daher dazu dienen, in die
Geheimnisse der menschlichen Structur einzudringen“. Man band sie auf
dem Sectionstische fest; der Marquis als Prosector untersuchte alle
Teile ihres Körpers und verkündete mit lauter Stimme die Resultate
vorher, welche die Section ergeben würde. Als die Frau laut schrie,
zog die Gesellschaft sich zurück, um vor dem Beginne der Section die
Bedienten zu entfernen. Es gelang inzwischen der allein Gelassenen,
sich aus ihren Fesseln zu befreien und durchs Fenster zu entfliehen.
Draussen erzählte sie, dass in dem Saale drei Leichen gelegen hätten,
eine nur noch aus Knochen bestehend, eine zweite geöffnet und in einem
grossen Fasse versteckt, und die letzte (eines Mannes) ganz frisch.
Nach dieser Erzählung scheint +Rosa Keller+ das Opfer einer indecenten
und abscheulichen Mystification geworden zu sein. +Cabanès+ hat von
Jemandem, der „über den Marquis einen ganzen Dossier von Originalakten
in den Händen hat“, die Mitteilung erhalten, dass in dieser Affäre
die Dinge sich viel einfacher abgespielt hätten. +Rosa Keller+ sei,
erschreckt durch den Anblick der sie umgebenden Gegenstände, ohne
weiteres in adamitischem Costüme zum Fenster hinausgesprungen, und auf
der Strasse von Polizisten zur nächsten Wache gebracht worden.[509]
Endlich existiert noch eine Erzählung von +Brierre de Boismont+[510],
die +Marciat+ auf die Affäre +Keller+ bezieht, die wir aber für einen
besonderen Fall halten. +Brierre de Boismont+ erfuhr den Inhalt dieser
Geschichte von einem Freunde, +der den Marquis de Sade persönlich
gekannt hatte+ und von diesem erzählte, dass bei einem Gespräche über
galante Abenteuer „seine Augen blutig unterliefen und einen finsteren
und grausamen Ausdruck angenommen hätten“.
Dieser zweite Fall wird folgendermassen erzählt. Wenige Jahre vor
der Revolution hörten Passanten in einer einsamen Strasse von Paris
aus dem Parterre eines Hauses ein schwaches Wimmern hervortönen.
Sie drangen durch eine kleine Thür ins Haus ein und fanden in einer
Kammer eine splitternackte junge Frau, weiss wie Wachs, auf einem
Tische festgebunden. Das Blut strömte aus zwei Aderlasseinschnitten
an den Armen; die Brüste waren leicht aufgeschnitten und entleerten
Flüssigkeit. Die Geschlechtsteile, an denen man mehrere Incisionen
gemacht hatte, waren „in Blut gebadet“. Nachdem sich die Unglückliche
von der grossen Erschöpfung erholt hatte, erzählte sie, dass sie durch
den berüchtigten Marquis +de Sade+ in dieses Haus gelockt worden
sei. Nach beendigtem Souper habe er sie durch seine Leute ergreifen,
entkleiden und auf dem Tische festbinden lassen. Ein Mann öffnete ihr
die Adern mit einer Lancette und brachte ihr zahlreiche Incisionen am
Körper bei. Darauf zogen sich alle Uebrigen zurück, und der Marquis
befriedigte an ihr seine geschlechtliche Lust. Er wollte ihr, wie
er sagte, nichts übles anthun; aber als sie unaufhörlich schrie,
erhob er sich brüsk und ging zu seinen Leuten.[511] Nach +Brierre de
Boismont+ wurde diese Affäre unterdrückt, nachdem die Betreffende eine
Geldentschädigung bekommen hatte.
Auch die Affäre +Keller+ verlief für den Marquis +de Sade+ sehr
glimpflich. Er wurde zuerst in dem Schlosse von Saumur, dann in
der Feste Pierre-Encise in Lyon eingesperrt, aber nach 6 Wochen
freigelassen, nachdem +Rosa Keller+ ein Schmerzensgeld von 100
Louisdors bekommen hatte.
Er setzte darauf sein ausschweifendes Leben in den niederen Sphären
der Schauspieler- und Schriftstellerwelt fort, verkehrte mit Leuten
von allerschlechtestem Rufe, umgab sich mit Dirnen und liess allen
perversen Neigungen freien Lauf. Herr von +Montreuil+ erwirkte
schliesslich eine polizeiliche Verbannung des Marquis +de Sade+ auf
sein Schloss La Coste in der Provence, wo er an der Seite einer
Schauspielerin (wahrscheinlich der +Beauvoisin+ vom Théâtre-Français)
den dort ansässigen Adel mit seinen Lastern bekannt machte. Seine
Frau, die ihn um die Erlaubnis gebeten hatte, auf das Schloss Saumane
zu kommen, um in seiner Nähe zu sein, beging die Unklugheit, ihm
die Mitankunft ihrer eben aus dem Kloster entlassenen Schwester
anzukündigen. +Sade+, den die Begierde nach dem Besitze dieser
Schwester nicht verlassen hatte, heuchelte dennoch vor seiner Frau
Gleichgültigkeit gegen dieselbe. Aber beim ersten Alleinsein mit der
Geliebten fiel er ihr zu Füssen, schwur, nur sie geliebt zu haben, und
dass alle seine Vergehen die Folgen dieser unglücklichen Liebe gewesen
seien. Er drohte, sich das Leben zu nehmen, wenn er nicht erhört werde,
und erriet aus den Blicken des schweigenden jungen Mädchens, dass er
Erhörung finden werde. So fasste er nach +Lacroix+ den Plan, eine
besondere Missethat zu begehen, seiner Schwägerin einen Selbstmord
vorzuspiegeln, und sie dadurch zur Flucht mit ihm zu bestimmen.[512]
Die Ausführung dieses Planes ist in der Geschichte berühmt geworden als