Siebenter Auftritt

Wurzel geht nach einer Flasche Wein, will trinken, stellt sie

aber mißmutig zurück und setzt sich in einen Stuhl.

Lorenz.

Lorenz (nähert sich Wurzel langsam).

Wie ist denn Euer Gnaden?

Wurzel.

Gar nicht gut. So gewiß dumm ist mir.

Lorenz.

Ja, man sieht Ihnens an, völlig vernagelt schauen Sie aus.

Wurzel.

Und was ists denn so kalt heran, hab ich denn s' Fieber?

Lorenz (sieht zum Fenster hinaus).

Ja ich glaubs, es fang' ja zum schneien an. Ah, das ist gspaßig!

Da schauen S' naus in den Garten, alles ist weiß, und die Bäume,

alle Blätter werden gelb.

Wurzel.

Was ist denn das für eine Hexerei?

(Habakuk bringt Champagner.)

Habakuk.

Der Champagner ist da!

Wurzel.

Marschierst! Einen Kamillentee laßt mir machen, und einheizen,

man möcht ja erfrieren. (Es wird im Kamin eingeheizt. Die Turmuhr

schlägt Eilf.) Jetzt hats elf Uhr gschlagen! Erst wars zwölf,

jetzt ists wieder elf Uhr. Hat denn die Zeit einen Krebsen

verschluckt, daß die Stunden rückwärts gehen? Es wird ja

stockfinster, bringts Lichter! (Es wird Nacht. Von außen

Katzengeschrei: Miau! Miau!) So! jetzt singen die vierfüßigen

Nachtigallen, das ist eine falsche Stund! (Heftiges Pochen

von außen.) Ist schon wieder wer da? Verdammtes Gesindel! Ist

denn keine Ruh! Schau hinaus. (Wird wieder geklopft.) Und das

Klopfen! Wollen s' denn aus meinem Haus eine Stampfmühle machen?

(Bediente bringen Lichter.)

Lorenz (hält den Kopf zur Glastür hinaus).

Ui je! Ui je! Ein alter Herr mit ein Leiterwagen ist drauß, er

will mit Ihnen reden.

Wurzel.

Wer ist er denn?

Lorenz (ruft hinaus).

Wo sind wir denn her?

Das Alter (von außen).

Aus Eisgrub.

Wurzel.

Aus Eisgrub? Nein, was das für Visiten sein, da kenn ich kein

Menschen.

Alter (von außen).

Na, nur aufmachen. Ich bin das hohe Alter. Ich will hinein!

Wurzel.

Das Alter? die Tür sperrst zu und unterstehst dich nicht, daß

du ihn hereinläßt.

Alter (von außen).

Nun, wird die Tür aufgmacht oder nicht?

Wurzel.

Nein, saperment!

Alter (von außen).

Ah so? Nun, so komm ich schon mit Gewalt hinein!

(Die Glastür wird vom Wind aufgerissen, so daß die Scherben

davonfliegen. Das Alter fliegt herein auf einem Wolkenleiterwagen.

Zwei Schimmel, alte Bauernpferde, sind vorgespannt. Der Wagen

ist mit gelbem Gesträuch ausgefüllt. Das Alter sitzt in einem

alten Hausrock, der bis an die Knie reicht, darin, den Kopf

mit einer Pelzschlafhaube bedeckt, die Füße in Pölster

gewickelt, auf dem Schoß einen schlafenden Mops und auf der

Achsel eine Eule. Ein kleiner uralter Kutscher ist auf dem

Bock. Der Wagen ist etwas beschneit.)

Alter (mit kränklicher Freundlichkeit und persiflierendem

Wohlwollen, steigt aus dem Wagen, mit einem Krückenstock).

Sie verzeihen, daß ich so frei bin, meine mühselige Aufwartung

zu machen. Ich weiß nicht, ob Sie mir es ansehen werden oder

nicht, ich bin das hohe kranke Alter, Ihnen miserablicht zu

dienen. Ich hab da ein Einquartierungszettel bei Ihnen.

Wurzel.

Bei mir? Glaubt der Herr, bei mir ist ein Spital?

Alter.

Wird schon eins werden, wenn ich eine Weile da bin. Sein S'

nicht bös, daß ich so unerwartet komm, gewöhnlich korrespondieren

die Leut schon vorher mit mir, aber Sie haben ein braves Kind,

die 's mit Ihnen gut gmeint hat, aus dem Haus gjagt, und da

haben s' mich dafür gschickt. Nehmen Sie mich an Kindesstatt an.

Wurzel.

Ja, aber z' Haus bhalt ich Ihn nicht, ich gib Ihn ins

Kadettenstift nach Ybbs.

Alter.

I bewahr! wir werden uns schon miteinander vertragen, ich

bin ein spaßiger Kerl. Ich mach noch an mancher Tafel, bei

manchen Hausball meine Lazzi, ich hupf noch bei manchen Ecossais

mit, bis mir einen rechten Riß gibt, hernach setz ich mich

gschwind nieder.

Wurzel.

Ja, ja, gscheider ists!

Alter.

Wenn wir eine Weile bekannt sind, werden schon meine Verwandten

auch ihre Aufwartung machen. Mein liederlicher Vetter, der

verdorbene Magen, das wird der erste sein, der Ihnen die

Honneurs machen wird, und meine Cousine, die Gicht, die hat

mich schon versichert, sie kanns gar nicht erwarten, Sie an

ihr gefühlvolles Herz zu drücken. Oh, hören S', das ist eine

unterhaltliche Person, ich sieh Ihnen schon ordentlich nach

Pistyan ins Bad mit ihr reisen, und treu ist sie--

Wurzel.

Ich weiß, man bringt s' gar nicht los. Ein jeder sagt: da hast

du s', ich mag s' nicht.

Alter.

Und was tun Sie denn, mein lieber Herr von Wurzel? Was gehen S'

mir denn so kühl herum? Werden S' gleich ein Schlafrock anziehen?

Sapperment hinein! so schaute doch auf euren Herrn! Ist ja ein

alter Herr, müßt ja hübsch acht geben auf ihm. Wenn er euch

stirbt, seids brotlos. Gleich bringts ihm ein Schlafrock!

(Bediente wollen fort.)

Wurzel.

Nicht unterstehen--oder ich schlag einen hinters Ohr!

Alter.

Was, schlagen? Gleich niedersetzen! (Er nimmt ihn an der Hand

und setzt ihn in einen Stuhl.)

Wurzel.

Himmel! wie wird mir?

Alter.

Nicht unterstehn und schlagen. Die Pferd schlagen aus, nicht

die Leut. Damit Sie aber nimmer ausschlagen (berührt sein Haupt,

und Wurzel bekommt ganz weißes Haar)--So, jetzt ist aus dem

Bräunl ein Schimmel worden. So! hato! mein Schimmerl! Nu, nichts

hato?

Wurzel (weinend). Lorenz, mein Schlafrock.

(Man zieht ihm denselben an, und zwar so, daß er dadurch

zugleich sein Bauerkleid anzieht, dessen Ärmel in den Ärmeln

des Schlafrocks stecken. Er bekommt einen kaschierten Kropf.)

Alter.

So, mein lieber Herr von Wurzel! Tun S' mich nur gut pflegen,

damit wir lang beisamm bleiben, mit mir muß man gar heiklich

umgehn.

Wurzel.

Aber was soll denn das heißen?

Alter.

Das sind die Wintertag.

Wurzel.

Ah, ich hätt glaubt, die Hundstäg!

Alter.

Wie mans nehmen will. Aber jetzt leben Sie wohl, ich hab mein

Post ausgerichtet. Wenn S' mich auch nicht mehr sehen, Sie

werden mich schon spüren. Für einhundertunddreißig Jahr können

Sie sich ausgeben, auf mein Wort. Adieu! (Umarmt ihn.) Also

schön merken: In der Früh ein Schalerl Suppen und ein Semmerl

drinn, um ein elf ein bisserl in der Sonn spazierengehen, aber

immer ein Hafendeckl auf den Magen legen, daß Sie sich nicht

erkühlen. Z' Mittag ein eingmachts Henderl und ein halbs Seiterl

Wein, und auf d' Nacht eine halbete Biskoten. Und gleich ins

Betterl gehn. So! jetzt pa! pa! alter Papa, und befolgen Sie

meinen Rat. Kein Tee müssen S' nicht trinken, den haben S' so

schon. (Er steigt in den Wagen.) Hansel! langsam fahren, daß

wir kein Unglück haben, mit die Teufeln von Rosser. (Macht Pa

aus dem Wagen.) Gute Nacht! mein lieber Herr von Wurzel! gute

Nacht! (Fliegt ab.)

Das Mädchen aus der Feenwelt; oder, Der Bauer als Millionär · 第 36 / 55 题