Stets Ihre

Rosa.

Wronke, den 1. 6. 1917.

... die Orchideen überhaupt kenne ich gut; in dem wundervollen

Gewächshaus in Frankfurt a. M., wo eine ganze Abteilung mit ihnen

angefüllt ist, habe ich sie damals nach meinem Prozeß, wo ich das Jahr

gekriegt habe, mehrere Tage fleißig studiert. Ich finde, sie haben in

ihrer leichten Grazie und den phantastischen, unnatürlichen Formen etwas

so Raffiniertes, Dekadentes. Sie wirken auf mich, wie die zierlichen

gepuderten Marquisen des Rokoko. Ich bewundere sie mit einem inneren

Widerstreben und einer gewissen Unruhe, wie meiner Natur überhaupt alles

Dekadente und Perverse zuwider ist. Viel mehr Freude habe ich z. B. an

dem einfachen Löwenzahn, der so viel Sonne in seiner Farbe hat und so

ganz wie ich dem Sonnenschein sich voll und dankbar öffnet, beim

geringsten Schatten aber wieder scheu verschließt.

Was für Abende jetzt und was für Nächte! Gestern lag ein unbeschreiblicher

Zauber auf allem. Der Himmel war spät nach Sonnenuntergang von leuchtender

Opalfarbe mit Streifen von unbestimmter Farbe verschmiert, ganz wie eine

große Palette, auf der der Maler nach fleißiger Tagesarbeit seine Pinsel

mit breiter Geste abgewischt hat, um zur Ruhe zu gehen. In der Luft lag

ein bißchen Gewitterschwüle, eine leichte herzbeklemmende Spannung; die

Sträucher standen völlig regungslos, die Nachtigall ließ sich nicht

hören, aber der unermüdliche »Gartenspötter« mit dem schwarzen Köpfchen

hupfte noch in den Ästen herum und rief schrill. Alles schien auf etwas

zu warten. Ich stand am Fenster und wartete gleichfalls -- weiß Gott auf

was. Nach »Einschluß« um sechs habe ich ja zwischen Himmel und Erde auf

nichts mehr zu warten....

Wronke, den 20. Juli 1917.

Sonitschka, mein Liebling, da mein Ableben hier sich doch länger

hinzieht, als ich ursprünglich annahm, sollen Sie noch einen letzten

Gruß aus Wronke kriegen. Wie konnten Sie denken, ich würde Ihnen keine

Briefe mehr schreiben! In meiner Gesinnung Ihnen gegenüber hat sich

nichts geändert, konnte sich nichts ändern. Ich schrieb nicht, weil ich

Sie seit der Abreise von Ebenhausen im Trubel von tausenderlei Dingen

wußte, zum Teil wohl auch, weil ich vorübergehend nicht in Stimmung war.

Daß es mit mir nach Breslau geht, wissen Sie wohl schon. Hier habe ich

heute früh von meinem Gärtlein Abschied genommen. Das Wetter ist grau,

stürmisch und regnerisch, am Himmel jagen zerfetzte Wolken, und doch

habe ich meinen üblichen Frühspaziergang heute in vollen Zügen genossen.

Ich nahm Abschied von dem gepflasterten, schmalen Weg an der Mauer

entlang, auf dem ich nun fast neun Monate hin- und hergelaufen bin, in

dem ich nun schon jeden Stein und jedes Unkräutlein, das zwischen den

Steinen wächst, genau kenne. An den Pflastersteinen interessieren mich

die bunten Farben: rötlich, bläulich, grün, grau. Namentlich in dem

langen Winter, der so sehr auf ein bißchen lebendiges Grün warten ließ,

haben meine farbenhungrigen Augen sich an den Steinen ein wenig Buntheit

und Anregung zu schafften gesucht. Und jetzt im Sommer erst, da gab es

zwischen den Steinen so viel Eigenartiges und Interessantes zu sehen!

Hier hausen nämlich massenhaft wilde Bienen und Wespen. Sie bohren

zwischen den Steinen nußgroße, runde Löcher und weiter tiefe Gänge

hinein, schaffen dabei die Erde von innen an die Oberfläche und schichten

sie zu ganz hübschen Häuflein auf. Drinnen legen sie ihre Eier und

arbeiten Wachs und wilden Honig; es ist ein beständiges Hineinschlüpfen

und Herausfliegen und ich mußte beim Spazierengehen sehr aufpassen, um

die unterirdischen Wohnungen nicht zu verschütten. Dann ziehen an

mehreren Stellen die Ameisen quer über den Weg gerade ihre Pfade, auf

denen sie beständig hin- und herlaufen, so auffallend gradlinig, wie

wenn sie den mathematischen Satz im Leibe hätten, daß die gerade Linie

die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist (was zum Beispiel

primitiven Völkern völlig unbekannt ist). Dann wuchert das üppigste

Unkraut an der Mauer; die einen Pflänzlein schon verblüht und in Flocken

zerflatternd, die anderen unermüdlich weiter knospend. Dann gibt es eine

ganze Generation junger Bäumchen, die in diesem Frühjahr, unter meinen

Augen, auf der Erde mitten am Weg oder an der Mauer emporgesprossen

sind; eine kleine Akazie, offenbar von einer heruntergefallenen Schote

des alten Baumes heuer aufgekeimt. Mehrere kleine Silberpappeln,

gleichfalls erst seit Mai auf der Welt, aber schon im üppigen Schmuck

weißgrüner Blätter, die sie im Sturme zierlich wiegen, ganz wie die

alten. Wievielmal habe ich ihren Weg durchmessen, wie Verschiedenes

dabei innerlich erlebt und gedacht! Im strengen Winter, nach frischem

Schneefall, habe ich oft erst mit meinen Füßen mir einen Pfad gebahnt,

dabei begleitet von meiner geliebten, kleinen Kohlmeise, die ich im

Herbst wiederzusehen hoffte und die mich nicht mehr finden wird, wenn

sie an den bekannten Futterplatz am Fenster kommt. Im März, als wir

mitten unter hartem Frost ein paar Tage Tauwetter kriegten, verwandelte

sich mein Weg in ein Flüßchen. Ich weiß noch, wie unter dem lauen Wind

sich auf der Wasserfläche kleine Wellchen kräuselten, und die Backsteine

der Mauer sich darauf lebhaft und blank spiegelten, Dann kam endlich der

Mai und das erste Veilchen an der Mauer, das ich Ihnen schickte.

Wie ich so heute hinüber wanderte, betrachtete und sann, summte mir im

Kopf immerzu der Vers von Goethe:

»Merlin der Alte im leuchtenden Grabe

wo ich als Jüngling gesprochen ihn habe ...«

Sie kennen das ja weiter. Das Gedicht stand natürlich in gar keinem

Zusammenhang mit meiner Stimmung und dem, was mich innerlich beschäftigte.

Es war nur die Musik der Worte und der seltsame Zauber des Gedichtes,

was mich in Ruhe wiegte. Ich weiß selbst nicht, woher es kommt, daß

ein schönes Gedicht, besonders Goethe, bei jeder starken Erregung

oder Erschütterung auf mich so tief einwirkt. Es ist schon fast eine

physiologische Wirkung, als wenn ich ein köstliches Getränk mit durstenden

Lippen schlürfte, das mich innerlich kühlt und Leib und Seele gesund

macht. Das Gedicht aus dem westöstlichen Divan, das Sie in Ihrem letzten

Brief erwähnen, kenne ich nicht; schreiben Sie es mir bitte ab. Und noch

eins möchte ich seit langem haben, das in meinem hiesigen Goethebändchen

fehlt, »Blumengruß«. Das ist ein kleines Gedichtlein von vier bis sechs

Zeilen, ich kenne es aus einem Wolffschen Lied, das unbeschreiblich

schön ist. Namentlich der Schlußvers, etwa so:

»Ich habe sie gepflücket

In heißer Sehnsuchtsqual,

Ich habe sie ans Herz gedrücket,

Ach, wohl eintausendmal!«

Das klingt in der Musik so heilig, zart und keusch, wie ein Niederknien

in stummer Anbetung. Aber ich weiß den Text nicht mehr und möchte ihn

haben.

Gestern abend, so um neun, habe ich noch ein herrliches Schauspiel

gehabt. Ich bemerkte von meinem Sofa aus in der Fensterscheibe den

leuchtenden Reflex einer Rosafarbe, die mich überraschte, da der Himmel

ganz grau war. Ich lief zum Fenster und blieb wie gebannt stehen. Auf

dem völlig grauen Einerlei des Himmels türmte sich im Osten eine große

Wolke von so überirdisch schöner rosa Farbe, so allein für sich losgelöst

von allem, daß sie wie ein Lächeln aussah, wie ein Gruß aus unbekannter

Ferne. Ich atmete wie befreit auf und streckte unwillkürlich beide Hände

dem zauberhaften Bild entgegen. Wenn es solche Farben, solche Formen

gibt, dann ist das Leben schön und lebenswert, nicht wahr? Ich sog mich

mit den Blicken fest an das leuchtende Bild und verschlang jeden rosigen

Strahl aus ihm, bis ich plötzlich selbst über mich auflachen mußte. Herr

Gott, der Himmel und die Wolken und die ganze Schönheit des Lebens bleiben

doch nicht in Wronke, daß ich von ihnen Abschied zu nehmen brauchte; nein,

sie gehen mit mir fort und bleiben mit mir, wo ich auch bin und so lange

ich lebe.

Bald berichte ich Ihnen von Breslau, besuchen Sie mich dort, sobald Sie

können. Grüßen Sie herzlich Karl.

Ich umarme Sie vielmals. Auf Wiedersehen in meinem neunten Gefängnis.

Briefe aus dem Gefängnis · 第 18 / 26 题