stets Ihre
Rosa.
Wronke, 2. 5. 17.
....... Vorigen April rief ich Euch einmal Beide, wenn Sie sich
erinnern, telephonisch dringend um 10 Uhr früh in den Botanischen, um
mit mir die Nachtigall zu hören, die ein ganzes Konzert gab. Wir saßen
dann still versteckt im dichten Gebüsch auf Steinen an einem kleinen
sickernden Wasser; nach der Nachtigall hörten wir aber plötzlich so einen
eintönigen klagenden Ruf, der etwa so lautete: »Gligligligligliglick!«
Ich sagte, das klinge wie irgend ein Sumpf- oder Wasservogel, und Karl
stimmte dem bei, aber wir konnten absolut nicht herausfinden, wer's war.
Denken Sie, denselben Klageruf hörte ich plötzlich _hier_ in der Nähe
vor einigen Tagen in der Frühe, so daß mir das Herz vor Ungeduld pochte,
endlich zu erfahren, wer das sei. Ich hatte keine Ruhe, bis ich's heute
herausfand: es ist kein Wasservogel, sondern der _Wendehals_, eine graue
Spechtart. Er ist nur ein wenig größer als der Sperling und hat seinen
Namen daher, weil er in Gefahr die Feinde durch komische Gebärden und
Kopfverrenkungen zu schrecken sucht. Er lebt nur von Ameisen, die er an
seiner klebrigen Zunge ansammelt, wie der Ameisenbär. Die Spanier nennen
ihn deshalb Hormiguero -- der Ameisenvogel. Mörike hat übrigens auf
diesen Vogel ein sehr hübsches Scherzgedicht gemacht, das Hugo Wolf
auch vertont hat. Mir ist, als hätte ich ein Geschenk gekriegt, seit ich
weiß, wer der Vogel mit der klagenden Stimme ist. Vielleicht schreiben
Sie es auch Karl, es würde ihn freuen.
Was ich lese? Hauptsächlich Naturwissenschaftliches: Pflanzengeographie
und Tiergeographie. Gestern las ich gerade über die Ursache des
Schwindens der Singvögel in Deutschland: es ist die zunehmende rationelle
Forstkultur, Gartenkultur und der Ackerbau, die ihnen alle natürlichen
Nist- und Nahrungsbedingungen: hohle Bäume, Ödland, Gestrüpp, welkes
Laub auf dem Gartenboden -- Schritt für Schritt vernichten. Mir war es
so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist
es mir, sondern das Bild des stillen unaufhaltsamen Untergangs dieser
wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, daß ich weinen mußte. Es
erinnerte mich an ein russisches Buch von Prof. Sieber über den
Untergang der Rothäute in Nordamerika, das ich noch in Zürich gelesen
habe: sie werden genau so Schritt für Schritt durch die Kulturmenschen
von ihrem Boden verdrängt und einem stillen grausamen Untergang
preisgegeben.
Aber ich bin ja natürlich krank, daß mich jetzt alles so tief
erschüttert. Oder wissen Sie? ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein
richtiger Mensch, sondern auch irgend ein Vogel oder ein anderes Tier in
Menschengestalt; innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten
wie hier oder im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat
als -- auf einem Parteitag. Ihnen kann ich ja wohl das alles sagen: Sie
werden nicht gleich Verrat am Sozialismus wittern. Sie wissen, ich werde
trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht
oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen
als den »Genossen«. Und nicht etwa, weil ich in der Natur, wie so viele,
innerlich bankerotte Politiker ein Refugium, ein Ausruhen finde. Im
Gegenteil, ich finde auch in der Natur auf Schritt und Tritt so viel
Grausames, daß ich sehr leide. Denken Sie z. B., daß mir das folgende
kleine Erlebnis nicht aus dem Sinn kommt. Vorigen Frühling ging ich in
meiner stillen leeren Straße von einem Feldspaziergang heim, als mir auf
dem Boden ein dunkler kleiner Fleck auffiel. Ich bückte mich und sah ein
lautloses Trauerspiel: ein großer Mistkäfer lag auf dem Rücken und
wehrte sich hilflos mit den Beinen, während ein ganzer Haufen winziger
Ameisen auf ihm herumwimmelten und ihn -- bei lebendigem Leibe verzehrten!
Mich schauerte es, ich nahm mein Taschentuch heraus und fing an, die
brutalen Bestien wegzujagen. Sie waren aber so frech und hartnäckig, daß
ich einen langen Kampf mit ihnen ausfechten mußte, und als ich endlich
den armen Dulder befreit und weit aufs Gras gelegt hatte, waren ihm
schon zwei Beine abgefressen.... Ich lief fort mit dem peinigenden
Gefühl, daß ich ihm schließlich eine sehr zweifelhafte Wohltat erwiesen
habe.
Jetzt gibt es schon so lange Dämmerung abends. Wie liebe ich sonst
diese Stunde! In Südende hatte ich viele Amseln, hier sehe und höre ich
jetzt keine. Den ganzen Winter fütterte ich ein Paar und nun ist es
verschwunden. In Südende pflegte ich um diese Zeit abends in der Straße
herumzuschlendern; es ist so schön, wenn noch im letzten violetten
Tageslicht plötzlich die rosigen Gasflammen an den Laternen aufzucken
und noch so fremd in der Dämmerung aussehen, als schämten sie sich
selbst ein wenig. Durch die Straße huscht dann geschäftig die undeutliche
Gestalt irgend einer verspäteten Portierfrau oder eines Dienstmädchens,
die noch schnell zum Bäcker oder Krämer laufen, um etwas zu holen. Die
Schusterkinder, mit denen ich befreundet bin, pflegten noch in der
Straße im Dunkeln zu spielen, bis sie von der Ecke aus energisch nach
Hause gerufen wurden. Um diese Stunde gab es immer noch irgend eine
Amsel, die keine Ruhe finden konnte und plötzlich wie ein ungezogenes
Kind kreischte oder plapperte aus dem Schlaf und geräuschvoll von einem
Baum zum andern flog. Und ich stand da mitten in der Straße, zählte die
ersten Sterne und mochte gar nicht heim aus der linden Luft und der
Dämmerung, in der sich der Tag und die Nacht so weich
aneinanderschmiegten.
Sonjuscha, ich schreibe Ihnen bald wieder. Seien Sie ruhig und heiter,
alles wird gut werden, auch mit Karl. Auf Wiedersehen bis zum nächsten
Brief.
Ich umarme Sie.
Ihre Rosa.
Wronke, 19. 5. 17.
....... Wie schön ist es jetzt hier! Alles grünt und blüht. Die
Kastanienbäume sind in frischem herrlichen Laubschmuck, die
Zierjohannisbeeren haben gelbe Sternchen, die Zierkirsche mit dem
rötlichen Laub blüht auch schon und der Faulbaum wird nächstens blühen.
Ich habe heute von Luise Kautsky, die mich besucht hat, zum Abschied
einen Haufen Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen gekriegt und sie selbst
eingepflanzt! Zwei runde Klümbchen und eine gerade Linie dazwischen,
immer abwechselnd Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen, -- alles steht so
fest; ich traue kaum meinen Augen, denn ich habe zum ersten Mal im Leben
gepflanzt und alles ist gleich so gelungen. Gerade zu Pfingsten werde
ich so viel Blumen vor dem Fenster haben!
Vögel gibt es jetzt hier eine Menge neue, jeden Tag lerne ich wieder
einen kennen, den ich nie gesehen hatte. Ach, wissen Sie noch, damals im
Botanischen mit Karl in der Frühe, als wir die Nachtigall hörten, da
sahen wir auch einen so großen Baum, der noch ganz ohne Laub, aber
massenhaft mit kleinen leuchtend weißen Blüten bedeckt war; wir
zerbrachen uns den Kopf, was denn das sei, denn es war klar, daß es kein
Obstbaum war und die Blüten waren auch etwas seltsam. Jetzt weiß ich!
Das ist eine Silberpappel und diese Blüten sind keine Blüten, sondern
junge Blättchen. Das erwachsene Blatt der Silberpappel ist nämlich nur
unten weiß, oben dunkelgrün, die jungen aber sind noch beiderseits mit
weißem Flaum bedeckt und leuchten in der Sonne wie weiße Blüten. Solch
eine große Pappel steht hier in meinem Gärtlein und auf ihr sitzen mit
Vorliebe alle Singvögel. Damals, am gleichen Tage, wart Ihr Beide bei
mir abends, erinnern Sie sich noch? Es war so schön; wir lasen uns etwas
vor, und um Mitternacht, als wir stehend Abschied nahmen -- durch die
offene Balkontür floß himmlische Luft mit Jasminduft herein --, trug ich
Euch noch jenes spanische Lied vor, das ich so gern habe:
Gepriesen sei, durch wen die Welt entstund,
Wie trefflich schuf er sie nach allen Seiten,
Er schuf das Meer mit endlos tiefem Grund,
Er schuf die Schiffe, die hinübergleiten.
Er schuf das Paradies mit ewigem Licht,
Er schuf die Erde -- und Dein Angesicht!....
Ach Sonitschka, wenn Sie das nicht in Wolfscher Musik gehört haben, dann
wissen Sie nicht, wieviel glühende Leidenschaft in diesen schlichten
zwei Schlußworten liegt.
Jetzt, während ich das schreibe, ist eine große Hummel ins Zimmer
geflogen und füllt es mit tiefem Brummen. Wie schön das ist, welche
tiefe Lebensfreude liegt in diesem satten Ton, der von Fleiß und
Sommerhitze und Blumenduft vibriert.
Sonitschka, seien Sie heiter und schreiben Sie bald, bald, ich habe
Sehnsucht.
Ihre Rosa.
Wronke, den 23. 5. 17.
... Ihr letzter Brief vom 14. war schon hier, als ich den meinigen
abschickte. Ich bin sehr froh, wieder in Fühlung mit Ihnen zu sein und
möchte Ihnen heute einen warmen Pfingstgruß senden! »Pfingsten, das
liebliche Fest, war gekommen«, so beginnt der Goethesche Reineke Fuchs.
Hoffentlich werden Sie es einigermaßen heiter verleben. Voriges Jahr
haben wir ja zu Pfingsten mit Mathilde den schönen Ausflug nach
Lichtenrade gemacht, wo ich die Ähren für Karl pflückte und den
wundervollen Zweig mit Birkenkätzchen. Am Abend gingen wir dann noch als
die »drei edlen Frauen aus Ravenna« mit Rosen in der Hand auf dem
Südender Feld spazieren.... Hier blüht jetzt auch schon der Flieder,
heute ist er aufgegangen; es ist so warm, daß ich mein leichtestes
Mousselinkleid anziehen mußte. Trotz Sonne und Wärme sind aber meine
Vöglein nach und nach fast ganz verstummt. Sie sind offenbar alle vom
Brutgeschäft sehr in Anspruch genommen; die Weibchen sitzen im Nest, und
die Männchen haben alle Schnabel voll zu tun, um für sich und die
Gattinnen Nahrung zu suchen. Auch nisten sie wohl mehr draußen im Feld
oder auf größeren Bäumen, wenigstens ist es jetzt in meinem Gärtlein
still; nur hie und da schlägt kurz die Nachtigall, oder der Grünling
macht seine klopfenden Tritte, oder spät abends schmettert noch einmal
der Buchfink, meine Meisen lassen sich gar nicht mehr blicken. Nur einen
kurzen Gruß bekam ich plötzlich gestern von weitem von einer Blaumeise,
und das hat mich ganz erschüttert. Die Blaumeise ist nämlich nicht wie
die Kohlmeise Standvogel, sondern sie kommt erst Ende März wieder zu
uns. Sie hielt sich auch zuerst immer in der Nähe meiner Fenster, kam
mit den anderen zum Fenster und sang fleißig ihr drolliges »Zizi bä«,
aber so ganz gedehnt, daß es wie ungezogenes Kindernecken klang. Ich
mußte jedesmal lachen und ihr ebenso antworten. Dann verschwand sie
anfangs Mai mit den anderen, um irgendwo draußen zu brüten. Ich sah und
hörte sie wochenlang nicht mehr. Gestern höre ich plötzlich von drüben
über die Mauer, die unseren Hof von einem anderen Gefängnisterrain
trennt, den bekannten Gruß, aber so ganz verändert, nur ganz kurz und
eilig dreimal hintereinander »Zizi bä -- Zizi bä -- Zizi bä«, dann wurde
es still. Mir zuckte das Herz zusammen, so viel lag in diesem eiligen,
fernen Ruf, eine ganze kleine Vogelgeschichte. Das war nämlich eine
Erinnerung der Blaumeise an die schöne Zeit des Liebeswerbens im
Vorfrühling, wo man den ganzen Tag sang und lockte; jetzt aber heißt es
den ganzen Tag fliegen und Mücken sammeln für sich und die Familie, also
nur kurz eine Reminiszenz: »Ich habe keine Zeit -- ach ja, es war schön
-- Frühling ist bald zu Ende -- Zizi bä -- Zizi bä -- Zizi bä --!
-- -- --« Glauben Sie mir, Sonjuscha, daß mich ein solcher kleiner
Vogelruf, in dem so viel Ausdruck liegt, tief ergreifen kann. Meine
Mutter, die nebst Schiller die Bibel für der höchsten Weisheit Quell
hielt, glaubte steif und fest, daß König Salomo die Sprache der Vögel
verstand. Ich lächelte damals mit der ganzen Überlegenheit meiner
14 Jahre und einer modernen naturwissenschaftlichen Bildung über diese
mütterliche Naivität. Jetzt bin ich selbst wie König Salomo: ich verstehe
auch die Sprache der Vögel und der Tiere. Natürlich nicht, als ob sie
menschliche Worte gebrauchten, sondern ich verstehe die verschiedensten
Nuancen und Empfindungen, die sie in ihre Laute legen. Nur dem rohen
Ohr eines gleichgültigen Menschen ist ein Vogelgesang immer ein und
dasselbe. Wenn man die Tiere liebt und für sie Verständnis hat, findet
man große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, eine ganze Sprache. Auch das
allgemeine Verstummen jetzt nach dem Lärm des Vorfrühlings, und ich
weiß, wenn ich noch im Herbst hier bin, was aller Wahrscheinlichkeit
nach der Fall sein wird, dann werden alle meine Freunde wieder
zurückkehren und an meinem Fenster Futter suchen; ich freue mich schon
jetzt auf die eine Kohlmeise, mit der ich besonders befreundet bin.
Sonjuscha, Sie sind erbittert über meine lange Haft und fragen: »Wie
kommt es, daß Menschen über andere Menschen entscheiden dürfen. Wozu ist
das alles?« Verzeihen Sie, aber ich mußte beim Lesen laut herauslachen.
Bei Dostojewski, in den Brüdern Karamasoff, gibt es eine Madame
Chochlakowa, die genau solche Fragen zu stellen pflegte, wobei sie ratlos
von einem zum andern in der Gesellschaft herumblickte, ehe aber auch nur
einer zu antworten versuchte, schon auf etwas anderes herübersprang.
Mein Vöglein, die ganze Kulturgeschichte der Menschheit, die nach
bescheidenen Schätzungen einige zwanzig Jahrtausende dauert, basiert
auf der »Entscheidung von Menschen über andere Menschen«, was in den
materiellen Lebensbedingungen tiefe Wurzeln hat. Erst eine weitere
qualvolle Entwicklung vermag dies zu ändern, wir sind ja gerade jetzt
Zeugen einer dieser qualvollen Kapitel, und Sie fragen, wozu das Alles?
»Wozu« -- -- ist überhaupt kein Begriff für die Gesamtheit des Lebens
und seine Formen. Wozu gibt es Blaumeisen auf der Welt? Ich weiß es
wirklich nicht, aber ich freue mich, daß es welche gibt und empfinde als
süßen Trost, wenn mir plötzlich über die Mauer ein eiliges Zizi bä aus
der Ferne herübertönt.
Sie überschätzen übrigens meine »Abgeklärtheit«. Mein inneres
Gleichgewicht und meine Glückseligkeit können leider schon beim
leisesten Schatten, der auf mich fällt, aus den Fugen gehen, und ich
leide dann unaussprechlich, nur daß ich die Eigentümlichkeit besitze,
dann zu verstummen. Buchstäblich, Sonitschka, ich kann dann kein Wort
über die Lippen bringen. Zum Beispiel in diesen letzten Tagen, ich war
schon so heiter und selig, freute mich der Sonne, da erfaßte mich
plötzlich am Montag ein eisiger Sturmwind, und auf einmal wandelte sich
meine strahlende Heiterkeit in tiefsten Jammer. Und wenn meiner Seele
Glück in Person plötzlich vor mir stände, ich brächte keinen Ton über
die Lippen und könnte höchstens mit stummem Blick meine Verzweiflung
klagen. Freilich komme ich selten genug in die Versuchung zu reden, ich
höre ja wochenlang meine eigene Stimme nicht, dies ist übrigens der
Grund, weshalb ich den heroischen Entschluß gefaßt habe, meine Mimi doch
nicht herkommen zu lassen. Das Tierchen ist gewöhnt an Munterkeit und
Leben, sie hat es gern, wenn ich singe, lache und mit ihr durch alle
Zimmer Haschen spiele, sie würde mir ja hier trübsinnig werden. Ich
lasse sie also bei Mathilde. Mathilde kommt zu mir in den nächsten Tagen
und ich hoffe mich dann wieder aufzurappeln. Vielleicht wird Pfingsten
auch für mich »das liebliche Fest« sein. Sonitschka, seien Sie mir
heiter und ruhig, alles wird doch noch gut werden, glauben Sie mir,
grüßen Sie herzlichst Karl, ich umarme Sie vielmals
Ihre Rosa.
Vielen Dank für das schöne Bildchen.
Wronke, Ende Mai 1917.
Sonjuscha, wissen Sie, wo ich bin, wo ich Ihnen diesen Brief schreibe?
Im Garten! Ich habe mir ein kleines Tischchen herausgeschleppt und sitze
nun versteckt zwischen grünen Sträuchern. Rechts von mir die gelbe
Zierjohannisbeere, die nach Gewürznelken duftet, links ein Ligusterstrauch,
über mir reichen ein Spitzahorn und ein junger, schlanker Kastanienbaum
einander ihre breiten, grünen Hände, und vor mir rauscht langsam mit
ihren weißen Blättern die große, ernste und milde Silberpappel. Auf dem
Papier, auf dem ich schreibe, tanzen leichte Schatten der Blätter mit
hellen Lichtkringeln der Sonne, und von dem regenfeuchten Laub fällt mir
auf Gesicht und Hände ab und zu ein Tropfen. In der Gefängniskirche ist
Gottesdienst; dumpfes Orgelspiel dringt undeutlich heraus, gedeckt vom
Rauschen der Bäume und dem hellen Chor der Vögel, die heute alle munter
sind; aus der Ferne ruft der Kuckuck. Wie ist es schön, wie bin ich
glücklich, man spürt schon beinahe die Johannisstimmung -- die volle,
üppige Reife des Sommers und den Lebensrausch; kennen Sie die Szene in
den Wagnerschen Meistersingern, die Volksszene, wo eine bunte Menge in
die Hände klatscht: Johannistag! Johannistag! und alles plötzlich
anfängt, einen Biedermeierwalzer zu tanzen? In diese Stimmung könnte man
in diesen Tagen kommen. -- Was habe ich alles gestern erlebt!! Das muß
ich Ihnen erzählen. Vormittag fand ich im Baderaum am Fenster ein großes
Pfauenauge. Es war wohl schon ein paar Tage drin und hatte sich an der
harten Scheibe zu Tode mattgeflattert; es gab nur noch schwache
Lebenszeichen mit den Flügeln. Als ich es bemerkte, zog ich mich
zitternd vor Ungeduld wieder an, kletterte aufs Fenster und nahm es
behutsam in die Hände, -- es wehrte sich nicht mehr, und ich dachte, es
sei wohl schon tot. Ich setzte es bei mir auf das Gesims vor dem
Fenster, damit es zu sich käme, und da regte sich noch schwach das
Lebensflämmchen, aber es blieb still sitzen; dann legte ich ihm vor die
Fühler ein paar offene Blüten, damit es was zu essen habe; gerade sang
vor dem Fenster hell und übermütig der Gartenspötter, daß es hallte; ich
sagte unwillkürlich laut: hör zu, wie das Vöglein lustig singt, da muß
dir doch auch das bißchen Leben zurückkehren! Ich mußte selbst lachen
über diese Ansprache an das halbtote Pfauenauge und dachte mir:
verlorene Worte! Aber nein -- nach einer halben Stunde erholte sich das
Tierchen, rutschte erst ein bißchen hin und her und flog endlich langsam
fort! Wie freute ich mich über diese Rettung! Das war ein Erlebnis.
Nachmittags ging ich natürlich wieder in den Garten, in dem ich von
8 Uhr früh bis 12 bin (wo man mich zum Essen ruft) und wieder von 3 bis
6. Ich wartete auf die Sonne, ich hatte das Empfinden, sie müsse, sie
_müsse_ sich noch gestern zeigen. Aber sie zeigte sich nicht, und ich
wurde traurig. Ich ging im Garten umher und sah bei dem leichten Winde
etwas Merkwürdiges: an der Silberpappel zerflatterten die überreifen
Kätzchen und ihr Samenflaum flog rings umher, füllte die ganze Luft wie
mit Schneeflocken, bedeckte die Erde und den ganzen Hof; das sah so
geisterhaft aus, wie der Silberflaum herumflatterte! Die Silberpappel
blüht später als alle anderen Kätzchenträger, und dank dieser üppigen
Samenausstreuung verbreitet sie sich sehr weit, ihre kleinen Schößlinge
sprießen wie Unkraut aus allen Ritzen an der Mauer und zwischen
Steinen.
Dann wurde ich um 6, wie immer, wieder eingesperrt, saß traurig mit
einem dumpfen Druck im Kopf am Fenster, denn es war schwül, und blickte
hinauf, wo unter weißen, flockigen Wolken auf pastellblauem Grund in
schwindelnder Höhe die Schwalben munter herumschossen und mit ihren
spitzen Flügeln die Luft wie mit Scherchen zu zerschneiden schienen.
Bald verdunkelte sich aber der Himmel, alles verstummte, und es gab ein
Gewitter mit heftigem Platzregen und zwei krachenden Donnerschlägen, bei
denen alles erbebte. Daraus folgte ein Bild, das mir unvergeßlich bleibt.
Das Gewitter hatte sich bald weiter verzogen, der Himmel wurde dick
einfarbig grau, eine stumpfe, fahle, gespenstische Dämmerung senkte
sich plötzlich auf die Erde, es war, wie wenn dichte graue Schleier
herabhingen; der Regen rieselte ganz leise und gleichmäßig auf die
Blätter, das Wetterleuchten flammte einmal über das andere purpurrot in
das bleierne Grau auf, und ein fernes Grollen des Donners rollte immer
wieder wie letzte schwache Wellen einer Brandung heran. Und mitten in
all dieser gespenstischen Stimmung schlug plötzlich vor meinem Fenster
auf dem Ahorn die Nachtigall! Mitten in all dem Regen, im Wetterleuchten,
im Donner schmetterte sie wie eine helle Glocke, sie sang wie berauscht,
wie besessen, wollte den Donner übertönen, die Dämmerung erhellen --
ich habe nie so Schönes gehört. Ihr Gesang wirkte auf dem Hintergrund
des abwechselnd bleiernen und purpurnen Himmels wie leuchtendes
Silbergeflimmer. Das war so geheimnisvoll, so unbegreiflich schön,
und ich wiederholte unwillkürlich den letzten Vers jenes Goetheschen
Gedichts: »O wärst Du da!« ...