Für Karl tausend herzliche Grüße.
Die beiden Karten von Helmi und Bobbi habe ich erhalten und mich sehr
gefreut.
Wronke, 21. 11. 16.
Meine geliebte kleine Sonitschka,
ich erfuhr von Mathilde, daß Ihr Bruder gefallen ist, und bin ganz
erschüttert von diesem Schlag, der Sie wieder traf. Was müssen Sie
alles in der letzten Zeit ertragen! Und ich kann nicht einmal bei Ihnen
sein, um Sie ein wenig zu erwärmen und aufzuheitern!... Auch bin ich
unruhig um Ihre Mutter, wie sie dieses neue Leid ertragen wird. Das
sind böse Zeiten, und wir haben alle eine lange Verlustliste im Leben zu
verzeichnen. Jeder Monat kann jetzt wahrhaftig wie bei Sebastopol für
ein Jahr zählen. Hoffentlich kann ich Sie recht bald sehen, ich sehne
mich danach von ganzem Herzen. Wie haben Sie die Nachricht von Ihrem
Bruder erhalten, durch die Mutter oder direkt? Und was hören Sie von
dem anderen Bruder? Ich wollte Ihnen so gern durch die Mathilde etwas
schicken, habe aber hier leider gar nichts, als das kleine bunte
Tüchlein; lachen Sie's nicht aus; es sollte Ihnen nur sagen, daß ich
Sie sehr liebe. Schreiben Sie bald eine Zeile, damit ich sehe, in
welcher Verfassung Sie sind. Grüßen Sie tausendmal Karl. Ich umarme
Sie herzlichst
Ihre Rosa.
Den Kindern viele Grüße!
Wronke, 15. 1. 17.
.... Ach, heute gab es einen Augenblick, da ich's bitter spürte. Der
Pfiff der Lokomotive um 3,19 sagte mir, daß Mathilde abdampft, und ich
lief gerade wie ein Tier im Käfig den gewohnten »Spaziergang« an meiner
Mauer entlang, hin und zurück, und mein Herz krampfte sich zusammen vor
Schmerz, daß ich nicht auch fort von hier kann, o, nur fort von hier!
Aber das macht nichts, mein Herz kriegte gleich darauf einen Klaps und
mußte kuschen; es ist schon gewöhnt, zu parieren wie ein gut dressierter
Hund. Reden wir nicht von mir.
Sonitschka, wissen Sie noch, was wir uns vorgenommen haben, wenn der
Krieg vorbei ist? Eine Reise zusammen nach dem Süden. Und wir tun das!
Ich weiß, Sie träumen davon, mit mir nach Italien zu gehen, das Ihnen das
Höchste ist. Ich plane hingegen, Sie nach Korsika zu schleppen. Das ist
noch mehr als Italien. Dort vergißt man Europa, wenigstens das moderne
Europa. Denken Sie sich eine breite heroische Landschaft mit strengen
Konturen der Berge und Täler, oben nichts als kahle Felsklumpen von edlem
Grau, unten üppige Oliven, Lorbeerkirschen und uralte Kastanienbäume.
Und über allem eine vorweltliche Stille -- keine Menschenstimme, kein
Vogelruf, nur ein Flüßchen schlickert irgendwo zwischen Steinen, oder
in der Höhe raunt zwischen Felsklippen der Wind -- noch derselbe, der
Odysseus' Segel schwellte. Und was Sie an Menschen treffen, stimmt genau
zur Landschaft. Plötzlich erscheint z. B. hinter einer Biegung des
Bergpfades eine Karawane -- die Korsen gehen immer hintereinander in
gestreckter Karawane, nicht im Haufen wie unsere Bauern. Vorne läuft
gewöhnlich ein Hund, dann schreitet langsam etwa eine Ziege oder ein mit
Säcken voller Kastanien beladenes Eselchen, dann folgt ein großes
Maultier, auf dem eine Frau im Profil zum Tiere mit gerade herabhängenden
Beinen sitzt, ein Kind in den Armen. Sie sitzt hoch aufgerichtet, schlank
wie eine Zypresse, unbeweglich; daneben schreitet ein bärtiger Mann in
ruhiger fester Haltung, beide schweigen. Sie würden schwören: es ist die
heilige Familie. Und solche Szenen treffen Sie dort auf jeden Schritt.
Ich war jedesmal so ergriffen, daß ich unwillkürlich in die Knie sinken
wollte, wie ich's immer vor vollendeter Schönheit muß. Dort ist noch die
Bibel lebendig und die Antike. Wir müssen hin, und so wie ich's getan:
zu Fuß die ganze Insel durchqueren, jede Nacht an einem anderen Ort
ruhen, jeden Sonnenaufgang schon im Wandern begrüßen. Lockt Sie das? Ich
wäre glücklich, Ihnen diese Welt vorzuführen...
Lesen Sie viel, Sie müssen auch geistig vorwärts kommen, und Sie können
das -- Sie sind noch frisch und biegsam. Und nun muß ich schließen.
Seien Sie heiter und ruhig an diesem Tage.
Ihre Rosa.
Wronke, 18. 2. 17.
.... Seit langem hat mich nichts so erschüttert, wie der kurze Bericht
Marthas über Ihren Besuch bei Karl, wie Sie ihn hinter dem Gitter fanden
und wie das auf Sie wirkte. Weshalb haben Sie mir das verschwiegen? Ich
habe ein Anrecht, an allem, was Ihnen weh tut, teilzunehmen, und lasse
meine Besitzrechte nicht kürzen! Die Sache hat mich übrigens lebhaft
an mein erstes Wiedersehen mit den Geschwistern vor 10 Jahren in der
Warschauer Zitadelle erinnert. Dort wird man in einem förmlichen
Doppelkäfig aus Drahtgeflecht vorgeführt, d. h. ein kleinerer Käfig
steht frei in einem größeren, und durch das flimmernde Geflecht der
beiden muß man sich unterhalten. Da es dazu just nach einem 6tägigen
Hungerstreik war, war ich so schwach, daß mich der Rittmeister (unser
Festungskommandant) ins Sprechzimmer fast tragen mußte und ich mich im
Käfig mit beiden Händen am Draht festhielt, was wohl den Eindruck eines
wilden Tieres im Zoo verstärkte. Der Käfig stand in einem ziemlich
dunklen Winkel des Zimmers und mein Bruder drückte sein Gesicht ziemlich
dicht an den Draht. »Wo bist Du?« frug er immer und wischte sich vom
Zwicker die Tränen, die ihn am Sehen hinderten. -- Wie gern und freudig
würde ich jetzt dort im Luckauer Käfig sitzen, um es Karl abzunehmen!
Richten Sie an Pfemfert meinen herzl. Dank für den Galsworthy aus. Ich
habe ihn gestern zu Ende gelesen und freue mich sehr darüber. Dieser
Roman hat mir freilich viel weniger gefallen als »Der reiche Mann«,
nicht trotzdem, sondern weil die soziale Tendenz dort mehr überwiegt.
Im Roman schaue ich nicht nach der Tendenz, sondern nach künstlerischem
Wert. Und in dieser Beziehung stört mich in den »Weltbrüdern«, daß
Galsworthy zu _geistreich_ ist. Das wird Sie wundern. Aber es ist
derselbe Typ wie Bernard Shaw und auch wie Oskar Wilde, ein jetzt in
der englischen Intelligenz wohl stark verbreiteter Typus: eines sehr
gescheiten, verfeinerten, aber blasierten Menschen, der alles in
der Welt mit lächelnder Skepsis betrachtet. Die feinen ironischen
Bemerkungen, die Galsworthy über seine eigenen personae dramatis mit
dem ernstesten Gesicht macht, lassen mich oft laut auflachen. Aber wie
wirklich wohlerzogene und vornehme Menschen nie oder selten über ihre
Umgebung spötteln, wenn sie auch alles Lächerliche bemerken, so
ironisiert ein wirklicher Künstler nie über seine eigenen Geschöpfe.
Wohlverstanden, Sonitschka, das schließt die Satyre großen Stils
nicht aus! Zum Beispiel »Emanuel Quint« von Gerhart Hauptmann ist die
blutigste Satyre auf die moderne Gesellschaft, die seit hundert Jahren
geschrieben worden ist. Aber Hauptmann selbst grinst dabei nicht;
er steht zum Schluß mit bebenden Lippen und weit offenen Augen, in
denen Tränen schimmern. Galsworthy dagegen wirkt auf mich mit seinen
geistreichen Zwischenbemerkungen wie ein Tischnachbar, der mir auf einer
Soiree beim Eintreten jedes neuen Gastes in den Salon eine Malice über
ihn ins Ohr flüstert.....
... Heute ist wieder Sonntag, der tötlichste Tag für Gefangene und
Einsame. Ich bin traurig, wünsche aber sehnlichst, daß Sie es nicht sind
und Karl auch nicht. Schreiben Sie bald, wann und wohin Sie endlich zur
Erholung gehen.