~aa.~ Bedingungssätze.
116. Der sterbende Vater 95
~bb.~ Einräumungssätze.
117. Die Zunge 96
+Wiederholung.+
Bedingungs- und Einräumungssätze 118. Bildung 96
Umstandssätze des Ortes, der
Zeit, der Art u. Weise, des
wirklichen u. möglichen Grundes 119. Die Raubritter 97
5. Einschaltsätze.
120. Ein Dieb 99
=Hauptwiederholung.=
Subjectiv-, Präd.-, Ergänz.-, Umstands-,
Anführungs- und Einschaltsätze 121. Der Mäusethurm 99
~F.~ Mehrfach gegliederte Sätze etc.
Alle Arten Sätze 122. Gellert 102
Desgl. 123. Geistesgegenwart 103
Zwei vollständige Satzgefüge verbunden 124. Schlaf u. Tod 105
Es beziehen sich mehrere Nebensätze
auf einen Hauptsatz 125. Die Zukunft 105
Desgl. 126. Hier und dort 106
Desgl. 127. Das Turnen 107
Der Nebensatz enthält wieder einen
Nebensatz 128. Die Thierschutzvereine 107
Desgl. 129. Ein Apfelkern 108
Desgl. 130. Eine Wohlthäterin 109
Der Anführungssatz ist ein Satzgefüge 131. Grille und Ameise 110
Zusammengezogene, zusammengesetzte
Sätze u. Satzgefüge verbunden 132. Eine Geburtstagsscene 111
Die Periode 133. An Dich 112
[Illustration]
~C.~ Der zusammengezogene Satz.
~I.~ Einfache Zusammenziehungen.
1. Der Wilderer.
(Zwei Subjecte.)
Der Mond und die Sterne standen bereits am Himmel. Ihr Glanz und
ihr Geflimmer warfen einen matten Silberschein auf die stille Flur.
Ringsumher lagerten tiefe Ruhe und ernster Friede. Nur einzelne Frösche
und Unken erhoben in dem schilfdurchwachsenen Teiche noch ihre Stimmen.
Da traten ein Vater und sein erwachsener Sohn aus einem Gebirgswalde
hervor. Aus ihren Zügen sprachen Rohheit und finsteres Wesen. Ihre
leisen Schritte und ihre ganze Haltung bekundeten große Vorsicht.
Auf des Sohnes Schultern lagen ein Reh und zwei Hasen. Ueber den Rücken
des Alten hingen eine kurze Büchse und ein großes Netz. Ihr Aeußeres
und ihr scheues Verhalten ließen sie sofort als Wilddiebe erkennen.
Stumm schlichen Vater und Sohn über die Felder dahin. Kein Wort, kein
Laut kam über ihre Lippen.
Bald hatten beide ein kleines Gebüsch erreicht. Hier aber traten ihnen
plötzlich der Flurschütz und sein Hund entgegen. Schreck und Verwirrung
bemächtigten sich der Diebe. Das kräftige Halt und die angelegte
Doppelbüchse des Flurschützen kamen ihnen doch zu unerwartet. Weder
Vertheidigung noch Flucht konnte sie retten. Blut und Leben hätten
dabei auf dem Spiele gestanden.
Nach wenig Minuten schritten der alte und der junge Wilddieb als
Gefangene voran. Der Flurschütz und sein Hund folgten. Traurig blickten
Mond und Sterne auf das düstere Bild hernieder.
Wuth und Aerger lagerten auf den Zügen der beiden Verbrecher. Ihr Weg
führte in die Frohnveste. Nach etwa einer Stunde sperrten sie Schloß
und Riegel von dem freien Leben ab.
Wochen und Monate zogen an ihren Kerkermauern vorüber. Endlich
erfolgten das letzte Verhör und der Richterspruch. Feld- und
Wilddieberei werden vom Gesetze hart geahndet. Vater und Sohn
wanderten auf das Zuchthaus. Hier quälten sie nun freilich Reue und
Gewissensbisse. Doch die Erkenntniß kam zu spät. Ehre und Freiheit
waren verspielt.
Was aber hatte jene Beiden nach und nach auf die verbrecherische
Laufbahn geführt? Arbeitsscheu und Leichtsinn waren die einzige Ursache.
2. Drei Verdienstvolle.
(Mehrere Subjecte.)
Kuh, Ziege und Schaf sind außerordentlich nützliche Hausthiere.
Nicht nur ihr Tod, sondern auch ihr Leben gewähren uns mancherlei
Vortheile. Milch, Butter und Käse würzen ja fast täglich unser Mahl.
Sowohl die Kuh und die Ziege als auch das Schaf erzeugen durch ihren
Dünger Fruchtbarkeit der Aecker. Wird den Kindern nicht oft auch ein
Ziegenböcklein oder ein Lamm zum Vergnügen gehalten?
Noch mehr Vortheil und Gewinn erwachsen aus ihrem Tode. Nicht blos Rind
und Schöps, sondern auch das Ziegengeschlecht geben uns ein nahrhaftes
Fleisch. Rinder-, Schöpsen- und Ziegenbraten essen wol alle Leute
gern. Aber nicht blos ihr Fleisch, sondern auch ihr Fell, zudem ihre
Haare und ihre Hörner sind sehr nützliche Artikel. Stiefeln, Schuhe
und Pantoffeln, außerdem Taschen, Gürtel und Riemen, sogar Zäume und
Sättel wachsen auf dem Rücken des Rindes. Weder Arme noch Reiche können
deshalb dasselbe entbehren.
Aus dem Felle der Ziege erstehen haltbare Schürzen, feste Handschuhe,
sogar dauerhafte Beinkleider. Haus-, Schaf- und Reisepelze, sowie auch
Müffe, Pelzstiefel und Reisedecken kommen vom Felle des Schafes. Und
wie viel Kleidungsstücke, Stickereien und andere Schmuckgegenstände
werden nicht erst aus seiner Wolle gefertigt!
Den außerordentlichen Nutzen dieser Thiere erkannten schon die ältesten
Nationen und Völkerstämme. Schon Abraham, Isaak und Jakob besaßen große
Heerden. Rinder und Schafe bildeten ihre größten Reichthümer.
3. Die zahme Gans.
(Zwei Aussagen.)
Die Gans ist ein Haus- und Wasservogel. Ihr Rumpf ist oval und ziemlich
stark. Ihre Füße haben Nägel und Schwimmhäute. Ihr Hals ist lang
und sehr beweglich. Der Schnabel hat eine breite Gestalt und eine
abgerundete Spitze. Das Gefieder ist dicht und oft buntfarbig.
Die Stimme der Gans ist weder klangvoll noch melodisch. Sie schnattert
und gackert blos. Ihr Gang ist breitspurig und wacklig. Sie schwimmt
zwar vortrefflich, fliegt aber schwerfällig. Ihre Eier sind allerdings
groß, aber als Speise nicht eben gesucht. Ihr Fleisch dagegen ist sehr
wohlschmeckend und darum beliebt.
Die Gans ist namentlich wegen ihrer Federn sehr nützlich und deshalb
sehr verbreitet. Sie wird daher in manchen Gegenden ganz besonders
gehegt und gepflegt.
4. Martin.
(Mehrere Aussagen.)
Martin war seinen Eltern ein unfolgsames Kind, in der Schule ein fauler
Schüler und überhaupt ein ungezogener Knabe. Er war nicht blos zänkisch
und schadenfroh, sondern auch lügenhaft und tückisch. Sein ganzes
Benehmen war roh, wild und flegelhaft. Er hörte auf keine Mahnung,
achtete keinen Tadel, ließ sich durch keine Strafe bessern.
Seine Bücher hatten nicht nur Schmuzflecken und Blattohren, sondern
auch keine Schalen mehr. Seine Kleider waren selten ganz, reinlich und
in guter Ordnung. Natürlich wurden seine Schulcensuren immer geringer,
kläglicher und entehrender.
So war Martin seinen Eltern ein Angst-, Sorgen- und Schmerzenskind.
Ebenso hatte der Lehrer mit ihm nichts als Verdruß und Aerger.
Und was war die traurige Folge von all diesen Jugendsünden? Martin
wurde später ein Faulenzer, ein Betrüger, ein Dieb und zuletzt ein
Bewohner des Zuchthauses.
5. Ein guter König.
(Zwei Beifügungen.)
Ein weiser und gerechter König ist für ein Land ein großes Glück. Er
sorgt für das Wohl der Städte und Dörfer. Er fördert die Stätten der
Wissenschaft und Kunst.
Seine ebenso wohlwollenden als strengen Gesetze gewähren allen
Unterthanen Schutz. Er unterstützt den Fleiß der Handwerker und
Bodenbebauer. Er weiß den Segen einer guten Schulbildung und einer
frommen häuslichen Erziehung zu würdigen. Er spendet jedem wirklichen
Verdienste wohlverdiente und ermunternde Anerkennung.
So strömt Segen von seinem erhabenen, gottbegnadeten Throne über das
ganze Land. Allenthalben erblüht geistiges und leibliches Glück.
Das Volk weiß dann aber auch ein solch fürsorgliches und väterliches
Regiment zu schätzen. Mit vertrauensvollen und dankbaren Herzen blicken
Alle zu dem Throne auf. Jeder Gutgesinnte zeigt nicht blos freudigen,
sondern selbst aufopfernden Gehorsam. Für einen solchen Fürsten zieht
das Volk willig in den gefahrvollen, blutigen Kampf. An der Gruft eines
solchen Landesvaters steht es mit Herzen voll Weh und Schmerz.
6. Der Bergmann.
(Mehrere Beifügungen.)
Der Bergmann hat einen nicht blos mühsamen, sondern auch gesundheits-,
ja lebensgefährlichen Beruf. In dem tiefen, dunklen, unheimlichen
Schachte ist seine Werkstätte. Die unterirdische ununterbrochene Nacht
ist sein Werkeltag. Das kleine, dürftige Flämmchen seiner Grubenlaterne
ist seine Sonne.
Die Gefahr zu ersticken, zu verbrennen oder verschüttet zu werden
schwebt fortwährend über seinem Haupte. Kann doch jeden Augenblick ein
sogenanntes böses Wetter aus dieser oder jener Wand hervorbrechen. Kann
doch jeden Tag das an sich zwar feste, aber weitgespannte Steingewölbe
über dem armen ruhig arbeitenden Manne zusammenbrechen. Nicht selten
droht ihm auch Unheil durch des Wassers tückische, verheerende Macht.
Leider sind dergleichen schreckbare, grauenhafte, herzerschütternde
Unglücksfälle gar nicht selten. Die Bergwerke wurden schon für Tausende
von braven, biedern, redlich sich nährenden Menschen zum frühen,
jammervollen Grabe.
All diesen Gefahren aber geht der Bergmann tagtäglich mit muthigem,
gottvertrauendem Herzen entgegen. Er zeigt überhaupt viel frommen,
gottesfürchtigen Sinn.
Vor jedem größeren Bergwerke erblickt man ein kleines, einfaches
Bethaus. Hier stärkt er sich durch eine zwar kurze, aber erhebende
Andacht zu dem schweren und gefahrvollen Gange in die Tiefe.
Trotz der Arbeit voller Aengste und Bedrohnisse erhält der Bergmann
aber doch nur einen bescheidenen, fast kärglichen Lohn. In Bergmanns
Hütte herrscht daher nicht selten bittere, drückende Noth. Schwarzes,
trockenes Brod bildet häufig seine Mahlzeit nach einer langen,
erzfundreichen Schicht. Sein zufriedenes, genügsames Gemüth hilft ihm
indeß auch dieses schwere, freudenleere Loos ertragen.
7. Die Sonne.
(Zwei und mehrere Ergänzungen.)
Die Sonne führt verschiedene Titel und Namen. Der Dichter nennt
sie die Mutter der Erde, die Königin des Tages, auch wol den Quell
alles Lichtes. Der Sternkundige bezeichnet sie einfach als Fix- oder
Standstern.
Unendlich groß sind ihre Segnungen. Sie regiert Tag und Nacht. Sie
spendet der Erde Licht und Wärme. Ihr milder Strahl erquickt sowohl die
Menschen als auch die Thiere und die Pflanzen.
Sie ruft den Frühling und den Sommer. Sie läßt den Herbst und den
Winter einziehen. Sie zaubert das zarte Keimblättchen aus der Erde, die
üppige Knospe aus dem Zweige, die purpurne Blüthe aus dem Kelche, die
goldene Frucht an des Baumes Krone.
Sie zeugt die Raupe in dem winzigen Ei und den Schmetterling in der
geheimnißvollen Puppe. Ihre segnende Bahn streut Leben, Glück und
Freude aus. Sie scheint Gerechten und Ungerechten.
Und wie verherrlicht sie ihren Auf- und Niedergang! Welche Genüsse
bereitet sie da dem Auge und dem gefühlvollen Herzen! Wen sollte nicht
ein schöner Sonnenaufgang sowohl mit Bewunderung und Entzücken, als
auch mit Dankgefühlen und stiller Andacht erfüllen? In wem erzeugte
nicht ein schöner Sonnenuntergang nicht allein frohes Staunen, sondern
auch ernste Betrachtungen?
Die Größe und Majestät der Sonne erkannten daher auch schon die
ältesten Völker. Einige ließen ihr sogar Anbetung und göttliche
Verehrung zu Theil werden.
8. Der Blinde.
(Desgleichen.)
Ein Blinder hat ein unsäglich schweres Loos, ein unendlich hartes
Geschick zu ertragen. Sein Leben ist reich an Gefahren und
Entbehrungen. Ihn kann weder der farbige Blumenteppich des Frühlings,
noch das blitzende Diamantkleid des Winters, weder das majestätische
Sternenzelt, noch das liebe Bild eines schönen Menschenantlitzes
erfreuen.
Er kann nie des Entzückens über eine reizende Landschaft, nie des
Jubels über das herrliche Farbenspiel eines Regenbogens, nie auch
der ergreifenden Gemüthsbewegung bei dem Anblicke wildzuckender
Blitze theilhaftig werden. Auf jedem seiner Wege muß er stets seiner
Unsicherheit und Hülflosigkeit eingedenk sein. Er muß jeden Laut, jedes
kleine Geräusch beachten. Nur selten kann er des Stockes oder einer
leitenden Hand entbehren.
Ein solcher Unglücklicher verdient daher unser Mitleid, unsere
herzlichste Theilnahme, unsere Unterstützung. Man muß natürlich an
jedem Unglücklichen, ganz besonders aber an dem Tauben, Stummen und
Blinden Barmherzigkeit üben. Ein diese Pflicht Vergessender ist weder
unserer Achtung und Liebe, noch des Christennamens und der Gnade Gottes
würdig.
9. Eine Landplage.
(Mehrere Ortsbestimmungen. Verhältnißwort.)
Sowohl in Ungarn als auch in Serbien und Bosnien hausten ehedem sehr
gefährliche Räuberbanden. Ihre Schlupfwinkel befanden sich in den
dortigen Gebirgen und Wäldern. Ihre Lager schlugen sie in Höhlen und
Felsenkesseln auf.
Weder in den Städten, noch in den Dörfern war man vor diesem rohen
Gesindel sicher. Einzelne der kühnen Gesellen wagten sich sogar am
hellen Tage auf die Marktplätze, auf öffentliche Vergnügungsorte und in
die Gotteshäuser. Kein Reisender konnte auf Wegen und Straßen für sein
Leben unbesorgt sein. Immer mußte er ängstlich vor, neben, um und wol
auch hinter sich blicken. Konnte ja doch jeden Augenblick ein solcher
Wegelagerer aus einem Dickicht, hinter einer Felsenecke oder aus irgend
einer Vertiefung hervorgesprungen kommen. Konnte ja doch auf jedem
Schritte das tödtliche Rohr für ihn schon an einem Baumstamme, auf
einem Erdhügel oder auf einer Felsenkante angelegt sein.
So war aller Verkehr diesseits und jenseits der Donau höchst unsicher
gemacht. Nur mit Hülfe des Militärs vermochte man endlich dem Unwesen
zu steuern.
Ganze Compagnien mußten in Bergen und Thälern umherstreifen. Nach
Süd und Nord, nach Ost und West gingen einzelne Abtheilungen. Diese
bewaffneten Männer spähten unter jeden Haufen dürrer Blätter, hinter
jeden Steinblock, in jede Felsenspalte, nach jedem kleinen Thalkessel.
Viele von den Räubern wurden in ihren Verstecken oder auch im freien
Walde gefangen. Man führte sie zunächst auf die Militärwachen oder
auch sofort in die Gefängnisse. Viele der Raubgesellen fanden ihren
Tod auf der Stelle oder später am Galgen. Andere wurden lebenslänglich
in die Zuchthäuser oder in andere Strafanstalten geschickt. Einzelne
Räuberhäuptlinge büßten ihr verbrecherisches Leben bis an dessen
Ende theils in unterirdischen Gefängnissen, theils in stockfinstern
Festungszellen.
Die Bewohner der dortigen Gegend aber athmeten nun wieder freier unter
ihren Dächern und auf ihren Wanderungen.
10. Der Christbaum.
(Desgl. Umstandswort.)
Clemens schrieb kurz nach dem Weihnachtsfeste an seine kleinen Vettern
in Reichenbach und Chemnitz. An den einen berichtete er Folgendes über
den Christbaum:
Der Christbaum stand mitten in der Stube auf dem Tische. Er war oben
und unten auf das prächtigste geschmückt.
Hier und da blitzten lange Perlenschnuren. Links und rechts flatterten
goldene Fähnchen an den Zweigen. Silberpapierne Vögelchen schwebten
vermittelst dünner Gummifädchen rückwärts und vorwärts. Eine Menge
allerliebster Engel schienen innen und außen auf- und nieder zu steigen.
Inmitten der blitzenden Krone hing ein großer Ruprecht. Er trug hinten
und vorn einen Sack. Mit der Rechten bewegte er eine lange Ruthe hin
und her. Mit der Linken zeigte er bald aufwärts, bald abwärts.
Hier und dort erblickte man auch vergoldete Schäfchen. Wol an dreißig
brennende Kerzen sendeten ihre Strahlen nach den großen Pfeilerspiegeln
hinüber und herüber. Und so war das ganze Zimmer bis in alle Ecken und
Winkel festlich erleuchtet.
11. Der Kranke.
(Zwei Zeitbestimmungen.)
„Wie geht es Deinem kranken Bruder?“ So fragte Paul den ihm begegnenden
Moritz.
+Moritz.+ Seit vorgestern und gestern war das Fieber im steten
Steigen begriffen. Früh und abends phantasirte er sehr lebhaft. Seit
zwei oder gar seit drei Tagen hat der arme Junge keinen einzigen
Bissen Nahrung zu sich genommen.
+Paul.+ O weh! Da kann ich ihn wol weder heute noch morgen besuchen?
+Moritz.+ Vor Sonntag oder Montag wird das der Arzt kaum erlauben.
Selbst ich darf unter drei, vier Tagen nicht zu ihm.
+Paul.+ Wie oft kommt denn der Arzt zu ihm?
+Moritz.+ Der Arzt besucht ihn vor- und nachmittags, zuweilen auch
noch einmal abends acht Uhr.
+Paul.+ Welche Heilmittel wendet denn der Arzt an?
+Moritz.+ Früh und abends wird er in feuchte Tücher eingeschlagen.
Darauf schwitzt er eine Stunde, auch zwei Stunden. Nun reibt ihn mein
Vater fünf bis zehn Minuten mit einem wollenen Tuche trocken. Nach
dem Schweiße kommt er 20-30 Sekunden in ein kühles Bad. Der hierauf
eintretende Schlaf währt zuweilen eine halbe, auch eine ganze Stunde.
+Paul.+ Gewiß ist Deine gute Mutter recht besorgt um den Kranken?
+Moritz.+ Sie sitzt Tag und Nacht an seinem Bette. Sie hat sich schon
seit Tagen und Wochen keinen ordentlichen Schlaf vergönnt. Morgen
und übermorgen aber wird mein Vater eine Krankenpflegerin für sie
eintreten lassen.
+Paul.+ Vor vier, sechs Wochen wird da wol Dein Bruder nicht in die
Schule kommen?
+Moritz.+ Vielleicht gar vor drei oder vier Monaten nicht. Er ist zu
sehr entkräftet.
+Paul.+ Möge ihn der liebe Gott recht bald und dann für immer gesund
werden lassen!
12. Die Glocken.
(Desgleichen.)
Hoch auf dem Thurme hängen die Glocken. Ihre ehernen Zungen tönen früh
und spät in die weite Welt hinein.
Des Morgens und des Abends mahnen sie zum Gebet. Wie ernstfreundlich
klingt doch des Kirchglöckleins Stimme während des Sonnenauf- und
Sonnenunterganges!
An Sonn- und Festtagen rufen sie zum Gotteshause. Wie feierlich ertönt
sowohl zur lieben Weihnachts- als auch zur lieben Osterzeit der
harmonische Glockengruß!
Tiefernst stimmt uns das Kirchengeläute beim Scheiden des Jahres,
an Buß- und Bettagen. Fast wehmüthig zittert es zur Zeit eines
Begräbnisses oder gar zur Stunde eines Hochgerichts an unser Ohr.
Geradezu schauerlich aber hallt der Nothruf der Glocke während einer
Feuersbrunst oder eines Volksaufstandes durch die Straßen.
Ihr Ruf ertönt aber nicht blos an den Tagen ernster Feier, zur Stunde
trauriger Familiengeschicke, in den Minuten drohender Gefahr und
während der Augenblicke blutiger Sühne, sondern auch zur Zeit froher
Feste und freudiger Familienereignisse.
So verkündet z. B. auf dem Lande die Kirchenglocke minuten-, ja
viertelstundenlang die Taufe eines Kindes. Dort stimmen die Glocken am
Tage der Geburt des Landesvaters, bei Einweihungen kirchlicher Gebäude,
bei feierlichen Einzügen und zu besonders festlichen Trauungen ihren
freudigen Lobgesang an.
So sind die Kirchenglocken Sommer und Winter, Tag und Nacht
theilnehmende Wächter ob des bewegten Menschenlebens. Diesen Dienst
aber versehen sie nicht blos erst zehn oder fünfzig, sondern schon seit
Hunderten von Jahren.
Früher oder später werden sie auch Dir Dein Grablied singen.
13. Elise.
(Zwei Bestimmungen der Art und Weise.)
Elise hatte sich auf einem Spaziergange in den Wald plötzlich und auf
ganz unerklärliche Weise eine Erkältung zugezogen. Sie wurde nicht blos
leichthin, sondern sogar gefährlich krank. Kopf und Brust bereiteten
ihr theils abwechselnd, theils gleichzeitig viel Weh.
Mehrere Nächte verbrachte sie schlaflos und äußerst aufgeregt. Unter
diesen Umständen waren die Eltern bald mehr, bald weniger um sie
besorgt.
Sie ertrug indeß alle Schmerzen still und geduldig. Bereitwillig und
ohne eine Miene zu verziehen nahm sie die von dem Arzte verschriebene
bittere Arzenei. Ergeben und zugleich vertrauensvoll unterwarf sie sich
allen Kurversuchen. Sogar das schmerzhafte Saugen mehrerer Blutegel
erduldete sie standhaft und ohne jeglichen Seufzer.
Diesem rühmlichen Verhalten folgte aber auch endlich die Genesung
schnell und sicher. Nach vier Wochen war Elise gründlich und darum
nachhaltig kurirt. Frisch, munter und fröhlich hüpfte sie nun wieder
mit ihren Gespielen im Garten umher.
Ihre Eltern aber dankten dem lieben Gott ebenso aufrichtig als herzlich
für die ihrer Tochter neugeschenkte Gesundheit.
14. Das Kanonenfieber.
(Desgleichen.)
Nicht ohne Schreck und eine gewisse Verzagtheit las Melchior den
Ruf zu den Waffen. Unter Thränen und Seufzen nahm er Abschied von
den Seinigen. Mit trübseligen Gedanken und niedergeschlagnen Augen
marschirte er inmitten seines Regimentes zum Thore hinaus.
Seine Kameraden sangen aus voller Kehle und muthiger Brust ihre
frischen Soldatenlieder. Melchior schritt stumm und bänglich dahin.
In guter Stimmung und noch bei frischen Kräften überschritt endlich das
Regiment die feindliche Grenze. Ebenso kühn als schnell warf sich ihm
der Feind entgegen. Zwar in größter Eile, aber dennoch vorsichtig nahm
das Regiment Stellung.
Unter Horn- und Trommelsignalen begann der Kampf. Summend und zischend
durchkreuzten die tödtlichen Geschosse die Luft. Theils stumm, theils
mit einem jähen Aufschrei brachen die von den Kugeln Getroffenen
zusammen.
Melchior erbebte bei den ersten Schüssen ganz entsetzlich, fast wie
ein furchtsames Kind. Von Todesangst und einer gewissen Betäubung
ergriffen stand er in Reihe und Glied. Zitternd und darum ohne
jegliches Ziel feuerte er seine Schüsse ab. Fast wider Willen und ohne
Selbstbewußtsein ging er mit vorwärts.
Zehn Minuten lang war jetzt mit außerordentlicher Erbitterung, aber
noch ohne Erfolg gekämpft worden. Da kam plötzlich und in fast
wunderbarer Weise ein ganz anderer Geist über Melchior. Er stellte
sich kalt und mannhaft dem Feinde gegenüber. Er zielte mit Ruhe und
Sicherheit. Schnell und unerschrocken benutzte er jede Gelegenheit
zu seiner Deckung. Mit Ungeduld und sichtlicher Kampfbegeisterung
erwartete er das Signal zum Vorwärtsgehen. Beim schließlichen
Sturmangriffe eilte er sonder Furcht und Todesangst allen Anderen voran.
Sein Regiment errang endlich unter fast übermenschlichen Anstrengungen
und großen Opfern den Sieg.
Und Melchior?
Ihm überreichte sein Commandant vier Wochen nach der Schlacht mit
militärischer Feierlichkeit und herzlicher Ansprache eine ehrenvolle
Auszeichnung.
15. Gott und wir.
(Zwei Beweggründe.)
Der liebe Gott schenkt uns Alles aus Liebe und Güte. Er verschiebt
die Strafe des Sünders aus Geduld und Langmuth. Er vergibt uns unsere
Schuld aus lauter Gnade und Barmherzigkeit.
Aus Liebe und Dankbarkeit müssen wir ihm deshalb gehorchen lernen.
Unsere Besserung darf nicht aus Angst oder Furcht geschehen. Wir müssen
uns aus vollster Ueberzeugung und mit aufrichtigem Vertrauen ihm stets
als Kinder gegenüber stellen.
16. Die Kuh.
(Zwei Zwecke.)
Die Kuh wird zur Zucht und auch zum Zuge verwendet. Sie gewährt deshalb
für Stadt und Land großen Nutzen.
Um ihrer Milch und ihres Düngers willen hält man sie oft in großen
Heerden. Ihre Milch wird nicht blos als Getränk, sondern auch zu Butter
und Käse verbraucht. Ihr Fleisch dient zu Braten und zu verschiedenen
andern Speisen. Ihre Haut trägt sie für Schuhmacher, Sattler und Riemer
zu Markte. Ihre Hörner sind für Drechsler und Knopfmacher bestimmt.
Wegen dieses allgemeinen Nutzens wird auch die Kuh in manchen Gegenden
zum Heirathsgute oder zu einem andern Geschenke erhoben.
17. Der kleine Künstler.
(Zwei Stoffe.)
Julius war ein außerordentlich geschickter Knabe. Er verstand aus den
unbedeutendsten Dingen und Stoffen allerhand Spielereien zu fertigen.
Aus abgesetzten Korken und weggeworfenen Lederstückchen schnitzte er
allerliebste Landschaften.
Aus Baumrinde, Moos und Flechten baute er kleine Einsiedeleien.
Aus buntem Papier und den Abfällen in der Glaserwerkstatt wußte
er niedliche Glasschränkchen herzustellen. Aus Pappstreifen und
bunten Leinwandabschnittchen formte er allerhand Schächtelchen.
Aus Cigarrenkastenbretchen und den Deckeln zerbrochener Schachteln
entstanden unter seinen Händen bewegliche Windmühlen. Thiere schuf er
gewöhnlich aus Mehl und Wasser. Menschen wurden von ihm aus Wachs oder
Pech gebildet.
Mit diesen Sächelchen aus festen Stoffen oder ursprünglich
weichem Material erfreute er dann seine Geschwister besonders zur
Weihnachtszeit.
Wiederholung.
(Alle Arten Zusammenziehungen.)
18. Ludwig und Günther.
Ludwig und Günther nannten sich gute Freunde. Beide aber waren faule,
ungezogene und rohe Buben. Ueber ihre Lippen ging selten ein sanftes
oder ein gutes Wort. Häufig stießen sie nicht blos Schimpfworte und
gemeine Reden, sondern sogar Flüche und Verwünschungen aus.